RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Das Leben zwischen dem Tode
und der neuen Geburt
im Verhaltnis
zu den kosmischen Tatsachen
Zehn Vortrage, gehalten in Berlin
zwischen dem 5. November 1912 und 1. April 1913
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser
1. Auflage (Zyklus 37) Berlin 191 6
2. Auflage, Dornach 1936
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographie-Nr. 141
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff; Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
AHe Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1410-3
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich
in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstlerisches
Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreket wurden, sah er sich veran-
laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendi-
ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von
mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
ERSTER VORTRAG, Berlin, 5. November 1912
11
Wille zur Wahrheit als Ausgangspunkt des anthroposophischen Stre-
bens. Tun und Erkennen in der geistigen Welt. Das Grenzjahr 1899 in
bezug auf die innerliche Berufung der Menschen zum spirituellen
Leben. Das Leben nach dem Tode in Visionen. Die Unveranderlichkeit
der Verhaltnisse zu anderen Menschen. Die grofien Kunstwerke als
Offenbarung spiritueller Wahrheiten. Homer. Michelangelo. Okkultis-
mus und Kunst. Die spirituelle Erkenntnis und die Wechselverhaltnisse
von Mensch zu Mensch. Die Begriindung einer wirklichen Moral fur die
Zukunft. Das Leben nach dem Tode. Abhangigkeit des Lebens in der
Merkursphare von der moralischen Verfassung; in der Venussphare von
den religiosen Stimmungen im vorhergehenden Erdenleben. Gedanken
als Tatsachen in der geistigen Welt. Notwendigkeit des Zuriickkehrens
in den physischen Leib fur die Korrektur falscher Gedanken und die
Ausgleichung des Karma.
Ich und Ich-Bewufitsein im Leben zwischen Geburt und Tod. Die
Entwickelung des Ich-Bewufitseins beim Kinde durch Kollision mit der
Auftenwelt. Die allmahliche Zerstorung der leiblichen Hiillen bis zum
Tode und ihre Wiederherstellung im Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Das Leben nach dem Tode. Die Ausdehnung des Menschen in
die Planetenspharen. Mondsphare: Kamaloka. Merkursphare: Men-
schen mit moralischem Ergebnis ihres Lebens als gesellige Wesen, mit
unmoralischem Ergebnis als Einsiedler. Venussphare: religiose Seelen-
stimmung als Voraussetzung des Zusammenschlusses mit anderen
Wesen. Gliederung nach religiosen Bekenntnissen und Weltanschauun-
gen. Sonnensphare: Verstehen aller Seelen und jedes Bekenntnisses als
Vorbedingung zum Verstandnis des Mysteriums von Golgatha. Das
Religios-Egoistische der alten Volks- und Stammesreligionen. Das Chri-
stentum als Bekenntnis fur alle Menschen. Das Verhaltnis des Menschen
zu Christus und Luzifer in der Sonnensphare. Der Aufbau des neuen
Atherleibes. Durchgang durch Mars-, Jupiter- und Saturnsphare. Vor-
bereitung durch geisteswissenschaftliches Verstandnis des Mysteriums
von Golgatha.
Die Unveranderlichkeit der menschlichen Verhaltnisse zu anderen See-
len nach dem Tode. Die Technik des Karma. Einflufi der Lebenden auf
ZWEITER VORTRAG, 20. November 1912
33
DRITTER VORTRAG, 3. Dezember 1912
54
die Toten. Anderung der Verhaltnisse der Verstorbenen im Kamaloka
durch Vorlesen. Das Hereinwirken der Toten in die physische Welt
durch die Sphare der Moglichkeiten des Lebens. Mogliche Ereignisse als
Ausdruck des Wirkens geistiger Krafte. Die Welt der Moglichkeiten als
reale Weltenaura; ihr Zusammenhang mit dem Karma. Selbstandigkeit
des Seelenwesens gegeniiber dem Korperlichen. Die Verbundenheit des
Seelenlebens mit Sonnen- und Planetenkraften. Der Mensch als Ange-
horiger des Makrokosmos. Christus, das grofie Sonnenwesen, das dem
Menschen das verlorene Zusammengehorigkeitsgefuhl mit dem Makro-
kosmos wiedergibt. Bestatigung der okkulten Forschungsergebnisse
durch sachgemafies Denken tiber das gewohnliche Leben.
VlERTER VORTRAG, 10. Dezember 1912 72
Abbauprozesse des bewufiten Wachvorganges und Wiederherstellungs-
prozesse wahrend des Schlafes im Vergleich mit den Aufbaukraften
(Soma) der Sternenwelt im Leben nach dem Tode. Schlaf und Tod vom
Standpunkte des hellsichtigen Bewufitseins. Die Aura des Menschen im
Wach- und Schlafzustand. Gliederung der Ich-Aura des schlafenden
Menschen. Die Veranderung der menschlichen Seelenverfassung in den
aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Das Miterleben der Sternenvor-
gange in der agyptischen Zeit. Die Erinnerung an das alte Schauen in der
griechisch-lateinischen Zeit. Plato und Aristoteles. Das Schwinden die-
ser Erinnerung und das Heraufkommen des Kopernikanismus. Das
Heraufholen vergessener Eindriicke der alten Zeiten durch Geisteswis-
senschaft. Die Verwandlung der spirituellen Lehren in belebende Krafte
im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
FUNFTER VORTRAG, 22 . Dezember 1912 91
Das Wirken des Christian Rosenkreutz in Verbindung mit dem Christus
und dem Mysterium von Golgatha. Die Erdenwirksamkeit des Gautama
Buddha. Sein Weiterwirken aus der geistigen Welt heraus im Strome der
Entwickelung des Abendlandes. Franz von Assisi. Die Mysterienstatte
am Schwarzen Meer im 7., 8. Jahrhundert. Erdenentwickelung und
Marsentwickelung. Die absteigende Entwickelung des Mars bis zum
16. Jahrhundert. Der Einflufi der Niedergangskrafte auf die Seele des
Kopernikus. Nikolaus Cusanus. Gefahr der Spaltung der Menschheit in
zwei Kategorien: in Menschen, die nur ein materielles und in solche, die
nur ein geistiges Leben im Sinne Franz von Assisis pflegen. Die Uber-
windung dieser Gefahr durch Christian Rosenkreutz: Entsendung des
Buddha zu kosmischer Wirksamkeit auf dem Mars im Beginne des
17. Jahrhunderts. Seine Erlosertat als Einleitung eines neuen Aufstieges
der Marskultur.
SECHSTER VORTRAG, 7. Januar 1913
106
Zum Verstandnis des Christus-Impulses und des Mysteriums des heili-
gen Gral. Die Hinzufiigung der Lehren von Reinkarnation und Karma
zu denen des Rosenkreutzertums, bedingt durch das Verhaltnis des
heutigen Menschen zur Welt. Die Unsterblichkeitsfrage. Wahres Ich
und Vorstellungs-Ich. Die Tatigkeit des Ich in den ersten Lebensjahren:
Gehen-, Sprechen- und Denkenlernen. Die Menschenform als Gabe der
Geister der Form. Uberwindung der luziferischen Geister, die den
Menschen dem Element der Schwere iibergaben. Das Sich-Hineinleben
des Menschen in seine Form. Die Differenziertheit der menschlichen
Organe, zum Beispiel von Handen und Haupt. Die Entwickelung des
Gehirns in der lemurischen und atlantischen Zeit. Das Erleben des
«Vorstellungs-Ich» im Wachzustand des physischen Erdenlebens. Das
Aufleben des wahren Ich im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
Die siebenjahrigen Lebenszyklen des Menschen. Ereignisse, die diese
Perioden durchkreuzen. Das Formprinzip als Ausdruck der Tatigkeit
der Geister der Form bis zum Zahnwechsel. Das Aufhalten des Wachs-
tums als Ausdruck der zuruckgebliebenen luziferischen Geister der
Form. Anderungen im Seelenleben des Menschen. Die Macht einzelner
Autoritaten in fruheren Zeiten. Das Aufkommen und das Wesen der
«6ffentlichen Meinung». Die Lehre des Paulus vom ersten und vom
hoheren Adam. Die Bedeutung des Christus-Impulses fur das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Die Fuhrung der Menschen zur
Selbstandigkeit vor und nach dem Mysterium von Golgatha durch die
Geister der dritten Hierarchic Die Tatigkeit des Buddha auf dem Mars
als Gegengewicht gegen den Einflufi der luziferischen Wesenheiten. Das
Fortschreiten der Menschheit. Das Freiwerden von der untermenschli-
chen «6ffentlichen Meinung» durch Starkung des menschlichen Innern.
Das Auftreten neuer seelischer Anlagen im spateren Lebensalter der
Menschen.
Die Naturreiche als Erinnerungsvorstellung der Gotter. Das Gedachtnis
des Menschen. Das physische Anschauen der Welt im Gegensatz zur
geistigen Weltbetrachtung vom Gesichtspunkte des Schlafes aus. Der
Zerstorungsprozefi im menschlichen Organismus als Bedingung seines
seelischen Lebens und seiner geistigen Entwickelung. Das Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt. Der Menschenleib als Aufienwelt, das
Universum als Inneres des Menschen. Die Vorbereitung des nachsten
irdischen Daseins. Die Regelung der zu vererbenden Eigenschaften von
der geistigen Welt aus. Die geistige Betrachtung des «entwerdenden»
Menschenleibes beim hellseherischen Aufwachen wahrend des Schlafes,
SlEBENTER VORTRAG, 14. Januar 1913
116
ACHTER VORTRAG, 11. Februar 1913
137
des werdenden Menschenleibes im Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Der Absterbeprozefi der Erde. Die Seelenentwickelung seit der
agyptischen Zeit: Herabstieg vom geistigen zum untersinnlichen
Anschauen der Welt (moderne Physik). Gefahr der Verodung des
Lebens in den zukiinftigen Inkarnationen. Geisteswissenschaftliche
Begriffe und Ideen als innerliche Lebenskraft der nachsten Inkarnation.
NEUNTER VORTRAG, 4. Marz 1913 153
Die Abhangigkeit der Gestaltung des Lebens nach dem Tode von dem
Verhalten im Erdenleben. Die Erlangung des Verstandnisses fur die
Gaben der Hierarchien im Leben zwischen Tod und neuer Geburt
durch die Aufnahme spiritueller Ideen wahrend des Erdenlebens. Fol-
gen des mangelnden Verstandnisses. Der Mensch im Leben nach dem
Tode als Mitarbeiter der geistigen Wesenheiten, die aufbauend oder
zerstorend in der Welt wirken. Die Mission der Anthroposophie:
Uberbriickung der Kluft zwischen Lebenden und Toten. «Den Toten
vorlesen. » Schilderung individueller Verhaltnisse. Die Umgestaltung des
Lebens durch Anthroposophie.
ZEHNTERVORTRAG, 1. April 1913 172
Die Ubereinstimmung zwischen der Schilderung des Lebens zwischen
Tod und neuer Geburt im Buche «Theosophie» (vom inneren Seelenge-
sichtspunkte aus) und der Darstellung in diesen Vortragen (ankniipfend
an die kosmischen Verhaltnisse). Die Mondensphare oder Kamaloka-
zeit. Die Merkursphare: die «Region des Seelenlichtes». Die Venus-
sphare: die «Region der tatigen Seelenkraft». Die Sonnensphare: die
«Region des eigentlichen Seelenlebens». Endgiiltiges Freiwerden von
der letzten Inkarnation. Die Marssphare: das «Kontinentalgebiet» des
Geisterlandes, die Welt der Urbilder des physischen Lebens. Die Jupi-
tersphare: das «ozeanische Gebiet»; die Loslosung vom religiosen
Bekenntnis. Die Saturnsphare: das «Luftgebiet». Der Sternenhimmel:
das vierte Gebiet des Geisterlandes. - Die Impulsierung des aufieren
Kulturfortschrittes aus dem Sternenkosmos aufierhalb der Saturnsphare.
Die Impulsierung des inneren Menschheitsfortschrittes aus dem Son-
nenleben heraus.
Hinweise: Zu dieser Ausgabe — Hinweise zum Text .... 191
Namenregister 197
Register der geistigen Wesenheiten 198
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 199
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 201
ERSTER VORTRAG
Berlin, 5. November 1912
Es erfullt mich mit Befriedigung, daB ich am heutigen Abend nach
verhaJtnismaBig langer Zeit an diesem Orte wieder zu sprechen in der
Lage bin. Diejenigen von Ihnen, die unsere diesjahrige Munchener
Veranstaltung mitgemacht haben, oder sich in einer anderen Weise
Kenntnis von dem verschafft haben, was zu dem Inhalte der vorherigen
Veranstaltungen durch meinen Versuch eines Mysteriums, genannt
«Der Hiiter der Schwelle», hinzugefiigt werden durfte, haben sehen
konnen, wie die Seele sich verhalten muB, wenn sie eine wahre, eine in-
haltsvolle Vorstellung von mancherlei gewinnen will, wovon man ja in
der Geisteswissenschaft, oder sagen wir im Okkultismus, viel spricht.
Wir haben im Laufe der Jahre iiber jene Wesenheiten, die wir mit
dem Namen der luziferischen und der ahrimanischen Wesenheiten
bezeichnen, verschiedenes gesprochen. DaB die Charakterstimmung
dieser Wesenheiten sich erst ergibt, wenn wir uns langsam und all-
mahlich von den verschiedensten Seiten her diesen Wesen nahern, das
sollte gerade in dem « Hiiter der Schwelle» gezeigt werden. DaB es
nicht ausreicht, einen leichten Begriff von diesen Wesenheiten sich zu
machen - etwa einen Begriff, der ahnlich ist dem, was der Mensch so
gern hat, namlich einer gewohnlichen Definition -, sondern daB man
notig hat, von den verschiedensten Seiten her zu betrachten, wie diese
Wesenheiten in das menschliche Leben eingreifen, das sollte gezeigt
werden. Und Sie werden gerade auch aus diesem Versuche etwas mit
von dem gewinnen konnen, was durch viele Jahre den Grundton
gerade auch derjenigen Vortrage gebildet hat, die ich hier halten
durfte, jenen Grundton, den ich mir jetzt schon ofter zu bezeichnen
gestattete mit den Worten der absoluten Wahrhaftigkeit gegeniiber
den geistigen Welten, oder auch als den Ton eines hohen Ernstes
gegeniiber diesen geistigen Welten. Es ist dies urn so mehr in unserer
Gegenwart zu betonen, als ja doch der Ernst, die Wiirde des im wah-
ren Sinne des Wortes so zu nennenden anthroposophischen Strebens
noch gar wenig eingesehen wird. Und wenn ich in den verschiedenen
Vortragen der letzten Jahre eines habe hauptsachlich durchschimmern
lassen wollen, so ist es dies: DaB Sie den Versuch machen wollen,
wirklich mit diesem Geiste des Ernstes und derWahrhaftigkeit allein an
das anthr oposophische Streben heranzugehen und sich bewuBt zu wer-
den, was das anthroposophische Streben bedeutet im Gesamtinhalte
des Weltenseins, im Inhalte der menschlichen Entwickelung und auch
in dem geistigen Inhalte unserer Zeit. - Nicht oft genug kann man es
sagen: In das Anthroposophische kann man sich nicht mit wenigen
BegrifFen, nicht mit einer etwa in kurzen Satzen zusammengefaBten
Theorie oder gar mit einem Programm hineinfinden; in das wahrhaft
Anthroposophische kann man sich nur hineinfinden mit dem ganzen
Leben seiner Seele. Leben aber ist Werden, ist Entwickelung. Und
wenn dagegen gefragt werden konnte: Wie soli sich denn der Einzelne
dann einer anthroposophischen Bewegung anschlieBen, wenn gleich
die Forderung der Entwickelung, des Werdens aufgestellt werde,
wenn gesagt wird, man konnte nur im Laufe der Zeit langsam und
allmahlich in das hineinkommen, was in den Tiefen dessen enthalten
ist, das man in Wahrheit Anthroposophie nennt, wie kann dann der
Einzelne sich entschlieBen, in dasjenige hineinzugehen, in das er sich
erst nach und nach hineinentwickeln soil? - so muB darauf erwidert
werden: Bevor der Mensch etwa zu dem hochsten Gipfel einer Ent-
wickelung aufsteigen kann, hat er das, was die ganze Menschheit
uberhaupt nach dem Streben einer solchen Entwickelung gefiihrt hat,
hat er den Sinn fur die Wahrheit in seinem Herzen, in seiner Seele,
und er braucht sich diesem Sinn fur die Wahrheit nur vorurteilslos,
aber mit dem Willen zur Wahrheit hinzugeben, nicht mit dem Willen
zur Eitelkeit einer Theorie, nicht mit dem Willen zum Hochmut eines
Programmes, wohl aber mit dem Willen zur Wahrheit, der tief in der
Seele sitzt, wenn er nicht durch allerlei Vorurteile beirrt ist. - Man
darf sagen : Man verspiirt die Wahrheit da, wo sie aufrichtig flieBt. -
Daher ist eine aufrichtige Kritik der Wahrheit auch schon moglich,
wenn man erst im Anfange ihres Erlangens steht. Das aber schlieBt
nicht aus, daB man eben in dem die Hauptsache sieht, sich hinein-
zuleben in das ganze Werden, in die ganze Entwickelung des anthro-
posophischen Strebens.
In unserer Zeit ist nun wahrhaftig gar vieles, was den Menschen
beirrt in bezug auf das naturgemaBe, in seiner Seele ja sonst vor-
handene Warirheitsgefiihl, und wir haben auf solche beirrende Mo-
mente im Verlaufe der Jahre vielfach hinweisen konnen; ich brauche
es heute nicht wieder zu tun. Was ich gesagt habe, habe ich zu Ihnen
aus dem Grunde gesprochen, weil ich dadurch die Tatsache belegen
mochte, da6 es immer wieder und wieder notwendig ist - auch wenn
wir in einer gewissen Weise schon das eine oder das andere aus der
okkulten Wissenschaft erkannt haben -, von neuen und neuen Seiten
und Gesichtspunkten aus an die Dinge heranzutreten, sie immer wie-
der und wieder zu betrachten. Dafur gibt uns ja gewissermaBen das-
jenige einen Anhalt, was uns auf dem Felde der Anthroposophie be-
gegnen kann, zum Beispiel gegeniiber den vier Evangelien. Ich durfte
in diesem Herbste die Betrachtung iiber die Reihe der Evangelien in
Basel mit einem Vortragszyklus iiber das Markus-Evangelium ab-
schlieBen. Man mochte gerade in der Betrachtung der Evangelien,
deren es ja vier gibt, sozusagen ein Musterbeispiel sehen des Heran-
kommens von verschiedenen Seiten an die groBen Wahrheiten des
Daseins. Jedes Evangelium gibt Gelegenheit, das Mysterium von
Golgatha von einer anderen Seite aus zu betrachten, und wir konnen
iiber das Mysterium von Golgatha erst einigermaBen etwas wissen,
wenn wir es von diesen vier verschiedenen Seiten her betrachten, die
sich uns an der Hand der Betrachtung der Evangelien ergeben.
Wie war denn beispielsweise in den letzten zehn bis zwolf Jahren
der Geist unserer Betrachtungen in bezug auf diesen einen Punkt?
Diejenigen von Ihnen, die in diesem Punkte klar sehen werden oder
wollen, brauchen nur mein Buch «Das Christentum als mystische Tat-
sache » zur Hand zu nehmen, dessen Inhalt noch vor der Begriindung
der «Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» vor-
getragen worden ist. Wer das dort Ausgesprochene im Ernst be-
trachtet, wird sehen, daB darin im Grunde genommen schon aile die
Dinge restlos enthalten sind, die dann spater in Anlehnung an die
verschiedenen Evangelien besprochen worden sind, und daB das
ganze Mysterium von Golgatha, wie es im Laufe der Jahre vor-
getragen worden ist, schon in diesem Buche enthalten ist. Aber nichts
ware unberechtigter gewesen, als etwa zu glauben, daB man nun,
wenn man das wisse, was in diesem Buche «Das Christentum als
mystische Tatsache » steht, auch eine fur die Gegenwart hinreichende
Vorstellung von dem Mysterium von Golgatha habe. Die ganzen
darauf folgenden Ausfiihrungen waren eben notwendig, die in der-
selben Linie laufen, die ganz konsequent sich aus dem Embryo dieser
geistigen Betrachtung ergeben haben, die in keinem Punkte mit die-
sem « Christentum als mystische Tatsache » in Widerspruch stehen,
aber geeignet waren, immer neue und neue Betrachtungsweisen iiber
das Mysterium von Golgatha zu eroffnen und dadurch immer tiefer
und tiefer in dasselbe einzudringen. Dadurch versuchten wir an die
Stelle von Begriffen, Theorien und Programmen das unmittelbare
lebendige Hineinleben in die spirituellen Tatsachen zu setzen. Und
wahrhaftig, wenn man bei alle dem doch immer das Gefiihl eines
gewissen Mangels hatte - namlich, daB man nicht immer alles Not-
wendige geben kann -, so hangt dieser Mangel eigentlich mit etwas
zusammen, was auf dem physischen Plan nicht zu andern ist : mit der
Zeit. Es ist eben nicht moglich, alles, was zu sagen ist, in einer be-
stimmten Zeit zu geben. Daher wurde immer eine Voraussetzung so-
zusagen an Ihr Gemiit gemacht: die Voraussetzung, Geduld zu haben
und abzuwarten, wie nach und nach die Dinge herauskommen. Das
soli uns ein Hinweis darauf sein, wie wir auch die Dinge aufzufassen
haben, welche ich nun in den nachsten Zeiten zu Ihnen sprechen darf.
tJber das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben
wir im Laufe der Jahre viel gesprochen, und doch soil es sich im
wesentlichen in den nachsten Vortragen hier wieder um dieses Gebiet
handeln - aus dem Grunde, weil an mich gerade im Laufe des Sorn-
mers und Herbstes die Aufgabe herangetreten ist, dieses Gebiet
neuerdings spirituell zu durchforschen und auch einen Gesichtspunkt
bloBzulegen, der eben friiher nicht beriihrt werden konnte. Manches
auch von dem kann jetzt erst ins Auge gefaBt werden, was die tiefe
moralische Bedeutung der auf dieses Gebiet beziiglichen ubersinn-
lichen Wahrheiten uns vorfiihrt. Neben alien ubrigen Voraussetzun-
gen, die jetzt nur kurz angedeutet worden sind, ist ja allerdings inner-
halb unserer Bewegung auch immer die andere Voraussetzung ge-
macht worden, eine Voraussetzung, die, man mochte sagen, in
unseret so hochmutigen und eitlen Zeit viele Herzen geradezu ver-
letzt. Aber da man sich durch eine solche Tatsache nicht von dem
Ernste und der Wahrhaftigkeit abhalten lassen kann, die wir unseret
Bewegung schuldig sind, so muB eben diese Voraussetzung gemacht
werden. Diese Voraussetzung besteht darin, in intimer und ernster
Arbeit wirklich lernend und sich darauf einlassend, auf das einzu-
gehen, was aus den spirituellen Welten herausgeholt wird. Wir diirfen
sagen, da6 seit einer Reihe von Jahren das Verhaltnis der auf dem
physischen Plan lebenden Menschen zu den spirituellen Welten anders
geworden ist, als es zum Beispiel fast das ganze 19.Jahrhundert hin-
durch war. Bis in das letzte Drittel des 19.Jahrhunderts, ich habe
darauf schon hingewiesen, war wenig Zugang zu den spirituellen
Welten; es floC, nach den Notwendigkeiten der Menschheitsent-
wickelung, wenig in die Menschenseele hinein an Inhalt aus den
geistigen Welten. Jetzt aber leben wir in einem Zeitalter, in welchem
die Seele nur empfanglich zu sein braucht, sich nur hinzugeben und
vorbereitet zu sein braucht, damit ihr die Offenbarungen aus den
spirituellen Welten zuflieBen konnen. Und immer empfanglicher und
empfanglicher werden einzelne Seelen, far die, indem sie sich ihrer
Zeitaufgabe bewuBt sind, das Hereinstromen der spirituellen Er-
kenntnisse eine Tatsache ist. Daher ist eine weitere Forderung fur den
Anthroposophen, sich nicht gegen das zu verschlieften, was auf
irgendeine Weise in der Gegenwart aus den spirituellen Welten in die
Seele hereinfliefien kann. Bevor ich auf das eingehe, was also den
hauptsachlichsten Gegenstand unserer nachsten Betrachtungen bilden
wird, mochte ich auf zwei Eigentumlichkeiten des spirituellen Lebens
hinweisen, die wir ganz besonders beachten sollen.
Der Mensch durchlebt schon zwischen dem Tode und der neuen
Geburt in einer ganz bestimmten Weise die Tatsachen der geistigen
Welt. Er erlebt sie aber auch durch die Initiation; er erlebt sie auch,
wenn er die Seele vorbereitet hat, eben schon wahrend seines Daseins
im physischen Leibe, indem er so Teilnehmer wird an den geistigen
Welten. Uber diese Dinge haben wir oft gesprochen. Daher kann man
sagen: Was zwischen dem Tode und der neuen Geburt geschieht und
was eben auch ein Durchleben der geistigen Welt ist, das ist an-
zuschauen durch die Initiation.
Nicht nur zum Erleben der geistigen Welten, sondern auch zum
richtigen Verstehen, zum richtigen Sich-Hineinfinden in die Mit-
teilungen aus der geistigen Welt gehort die Beachtung von zweierlei,
das sich im Grunde genommen aus mancherlei ergibt, was hier oft
besprochen worden ist. DaB es anders in den geistigen Welten aus-
sieht als hier in der physischen Welt, daB die Seele in eine Sphare
kommt, wenn sie in die geistigen Welten eintritt, in der sie sich an
vieles gewohnen muB, was geradezu entgegengesetzt ist den Dingen
der physischen Welt, das ist oft betont worden. Und da sei auf eines
aufmerksam gemacht. Hier auf dem physischen Plan miissen wir
Menschen, wenn in der physischen Welt etwas durch uns geschehen
soil, tatig sein, miissen unsere Hande riihren, miissen uns bewegen,
miissen sozusagen von einem Orte zum andern unseren physischen
Leib tragen. Damit also in der physischen Welt etwas durch uns ge-
schieht, ist unsere Tatigkeit, ist unser handelndes Eingreifen in die
Dinge notwendig. Das genaue Gegenteil davon ist notwendig, ich
spreche immer vom heutigen Zeitenzyklus, fur die geistigen Welten.
Was in den spirituellen Welten durch uns geschehen soil, das muB
gerade geschehen durch unsere Ruhe, durch unsere Gemutsruhe. Dem,
was geschaftiges Treiben auf dem physischen Plan ist, entspricht in
der geistigen Welt das gemutsruhige Abwartenkdnnen der Ereignisse.
Je weniger wir uns auf dem physischen Plane bewegen, desto weniger
geschieht durch uns; je mehr wir uns aber bewegen, desto mehr kann
geschehen. Je ruhiger wir in unserer Seele werden konnen, je mehr
wir auf alle Geschaftigkeit in unserem Innern verzichten konnen,
desto mehr kann durch uns in der spirituellen Welt geschehen. Damit
durch uns in der spirituellen Welt etwas geschieht, ist es notwendig,
daB wir in der Lage sind, dieses Geschehende als etwas betrachten zu
konnen, womit wir begnadet werden, womit wir in einer gewissen
Weise gesegnet werden, was sich so ergibt, daB es sich uns nahert,
indem wir es verdienen durch unsere Gemutsruhe. Es sei ein Beispiel
angefiihrt.
Ich habe hier ofter darauf hingewiesen, daB das Jahr 1899 fur den,
der spirituelle Erkenntnisse hat, ein wichtiges Jahr war. Es ist der
Ablauf gewesen einer furiftausendjahrigen geschichtlichen Mensch-
heitsperiode, des sogenannten kleinen Kali Yuga. Nach diesem Jahre
sind die Seelen der Menschen in die Notwendigkeit versetzt, in
anderer Art das Spirituelle an sich herankommen zu lassen als vor
dieser Zeit. Um ein konkretes Beispiel zu haben: Ein gewisser Norbert
hat um die Wende des 12.Jahrhunderts herum im Abendlande einen
Orden gestiftet. Dieser Norbert war, bevor ihm die Idee aufgegangen
ist, den Orden zu stiften, man konnte fast sagen, ein leichtlebiger
Mensch, ein Mensch volier Leidenschaft und Weltlust. Da trug sich
mit ihm eines Tages etwas ganz Besonderes zu. Er wurde vom Blitz
getroffen. Der totete ihn nicht, sondern veranderte seine ganze
Wesenheit. Solcher Beispiele gibt es viele in der Menschheitsentwicke-
lung. Der ganze Mensch wurde umgewandelt; die Zusammen-
fiigung der vier Glieder: physischer Leib, Atherleib, Astralleib und
Ich erfuhr eine Anderung durch dieses Durchschlagen der Kraft, die
im Blitze war. Dann hat er den betreffenden Orden gegriindet. Und
wenn auch der Orden, wie so viele Orden, nicht das gehalten hat, was
sein Begriinder wollte, so hat er doch damals in vieler Beziehung sein
Gutes gestiftet. Das ist ofter geschehen, daB ein, wie der heutige
Mensch sagt, Zufall eintrat. Es ist aber kein Zufall; es ist ein im
Weltenkarma herbeigefuhrtes Ereignis. Der Mensch war dazu aus-
ersehen, etwas Besonderes zu tun. Daher sollten die Bedingungen in
seiner Leiblichkeit hergestellt werden, daB er das tun konnte. Das
war notwendig als ein auBeres Ereignis, als ein mehr auBerer Ein-
fluB. - In dieser Beziehung ist das Grenzjahr 1899 dasjenige gewesen,
nach welchem immer mehr und mehr auf die Seelen solche Einflusse
rein innerlich geschehen miissen, die nicht von auBen in so erheb-
lichem MaBe kommen konnen. Nicht als ob ein schroffer tfbergang
kommen miisse, aber es ist doch so, daB das, was von heute ab auf die
Menschenseelen wirken wird, immer innerlicher und innerlicher wir-
ken wird. Sie erinnern sich, was ich dariiber sagte, wie Christian
Rosenkreut^ auf die menschliche Seele wirken sollte, wenn er sie be-
rufen wollte, und wie dies eine mehr innerliche Berufung ist. Vor
diesem genannten Jahre muBten diese Berufungen mehr durch auBere
Ereignisse herbeigefiihrt werden; nach diesem Jahre werden sie
immer innerlicher und innerlicher. Immer innerlicher wird der Ver-
kehr der Menschenseelen mit den hoheren Hierarchien werden, und
immet mehr und mehr wird sich der Mensch anstrengen miissen,
gerade durch das Innere, durch die tiefsten und intimsten Krafte
seiner Seele den Wechselverkehr mit den Wesenheiten der hoheren
Hierarchien zu unterhalten.
Was ich Ihnen jetzt charakterisiert habe wie einen Einschnitt im
Leben des physischen Planes, dem entspricht aber in der geistigen
Welt - sichtbar fur den, der einen Einblick in die spirituellen Welten
haben kann - dort vieles, was sich zwischen den Wesenheiten der
hoheren Hierarchien abgespielt hat. Dinge, welche die Wesenheiten
der hoheren Welten untereinander zu verrichten haben, sind ganz
besonders in diesem Zeitpunkte geschehen. Aber eine EigentumHch-
keit bestand fur diesen Zeitpunkt. Die Wesenheiten, welche in den
spirituellen Welten das bewirken muBten, daB das Ende des Kali Yuga
eintrat, brauchten etwas von unserer Erde, etwas, was auf unserer
Erde geschah. Sie brauchten die Tatsache, daB in einzelnen Seelen, die
reif dazu waren, ein Wissen vorhanden war von diesen Sachen, oder
wenigstens, daB jetzt ein Wissen vorhanden ist, daB Vorstellungen
iiber diesen Umschwung in den Seelen leben. Derm wie der Mensch
auf dem physischen Plane ein Gehirn braucht, um ein BewuBtsein zu
entwickeln, so brauchen die Wesenheiten der hoheren Hierarchien
menschliche Gedanken, in denen sich die Dinge spiegeln, welche die
hoheren Hierarchien tun. Die Menschenwelt ist notwendig auch fur
die geistige Welt; sie wirkt mit, sie muB da sein. Aber es muB in der
richtigen Weise mitgewirkt werden. Und die, welche dazumal reif
waren oder heute reif sind, um an diesen Dingen von der Mensch-
heitsseite her mitzuwirken, die durften nicht, oder durfen nicht fur
das, was in der geistigen Welt geschehen soil, etwa auf dem physischen
Plane eine Propaganda entwickeln, wie man sie auf diesem gewohnt
ist zu entwickeln. Nicht dadurch, daB wir uns sozusagen geschaftig
verhalten auf dem physischen Plan, helfen wir den Geistern der
hoheren Hierarchien, sondern dadurch, daB wir erstens Verstandnis
haben fur das, was geschehen soil, daB wir aber auBerdem dann in
volliger Gemiitsruhe, in absolutester Sammlung unseres Seelenlebens
gewissermaBen in der Lage sind, andachtig uns hinzugeben einer
solchen Erscheinung der iibersinnlichen Welt. Also die Ruhe, die wir
bewahren konnen, die Stimmung, die wir uns erringen konnen, um
so etwas in Gnaden zu erwarten, in Gnaden entgegenzunehmen, das
ist das, was wir dazu beitragen konnen.
Somit konnen wir sagen, wenn auch der Ausspruch paradox klingt:
Unsere Handlungen, unsere Tatigkeit in den hoheren Welten hangen
ab von unserer Gemiitsruhe; je ruhiger wir werden konnen, desto
mehr kann durch uns geschehen in bezug auf die Tatsachen der
hoheren Welten. Daher ist es auch notwendig fur die Teilnahme an
einer spirituellen Bewegung, diese Stimmung, diese Gemiitsruhe wirk-
lich entwickeln zu konnen. Und das ware im hochsten MaBe gerade
fiir die anthroposophische Bewegung zu wiinschen, daB von ihren
Teilnehmern diese Gemiitsruhe angestrebt wiirde, dieses gnadenvolle
Verhalten, dieses mit dem BewuBtsein der Gnade erfullte Verhalten
gegeniiber den hoheren Welten.
Unter den Tatigkeiten, die der Mensch auf dem physischen Plane
entwickelt, finden wir eigentlich ahnliche Dinge nur etwa auf dem
Gebiete des kiinstlerischen Schaffens oder auf dem Gebiete des wirk-
lichen Erkenntnisstrebens oder der Fdrderung einer spirituellen Be-
wegung. Derjenige Kiinstler schafft ganz gewiB auch nicht das
Hochste, was er nach seinen Anlagen schaffen kann, der nur immer
geschaftig und geschaftig sein will und nur immer die Dinge vorwarts
und vorwarts bringen will, sondern der Kunsder wird das Hochste
schaffen, der die Augenblicke der Begnadung abzuwarten in der Lage
ist und der auch schweigen kann, wenn sozusagen der Geist nicht zu
ihm sprkht. Und derjenige gelangt gewiB zu keinen hoheren Er-
kenntnissen, der mit den Begriffen, die er schon einmal hat, nun eine
hohere Erkenntnis zusammenzimmern will, sondern der gelangt zu
hoheren Erkenntnissen, der ruhig, in voller Resignation, wenn ihm
eine Frage, ein Weltratsel aufsteigt, warten kann und sich sagt: Ich
mu3 eben abwarten, bis mir aus den geistigen Welten der Lichtstrahl
der Antwort kommt. - Und der wirkt gewiB nicht richtig in einer
spirituellen Bewegung, der von Mensch zu Mensch lauft und einen
jeden so schnell als moglich iiberreden will, da6 diese spirituelle Be-
wegung das einzig Richtige sei, sondern der warten kann, bis, nach-
dem die entsprechenden Seelen ihren Trieb zu den Wahrheiten der
spirituellen Welt erkannt haben, diese Seelen herankommen. So ist es
in bezug auf das Handeln bei demjenigen, was in unsere physische
Welt hereinleuchtet, aber namentlich in bezug auf alles, was der
Mensch selber in der geistigen Welt vollbringen kann. Und man
mochte sagen: Auch die allerpraktischsten Dinge auf diesem spiri-
tuellen Gebiet hangen ebensosehr von der Herstellung eines gewissen
Zustandes der Ruhe ab.
Ich mochte nur noch auf eines aufmerksam machen. Nehmen wir
die psychisch-spirituelle Heilmethode. Da ist beim spirituellen Heilen
auch nicht die Hauptsache, daB man diese oder jene Bewegungen,
diese oder jene HandgrifFe macht. Die miissen gemacht werden -
gleichsam nur als Vorbereitung. Aber alle zielen sie zuletzt darauf hin
ab, Ruhe, Gleichgewicht herzustellen. Was auBerlich sichtbar wird
bei einer spirituellen Heilung, ist eigentlich nur die Vorbereitung
dessen, was derjenige tut, der der spirituelle Heiler ist. Was zuletzt
geschieht, das ist die Hauptsache. Es ist bei einer solchen Sache so,
wie wenn wir einer Waage gegeniiberstehen. Wir haben zuerst auf
die eine Seite irgend etwas zu legen, was wir abwiegen wollen, dann
legen wir auf die andere Seite ein Gewicht; da gerat der Waagebalken
in Bewegung nach rechts und links. Ablesen aber konnen wir das
Gewkht erst, wenn Gleichgewicht hergestellt ist. So ist es in bezug
auf das Handeln in den spirituellen Welten.
Anders ist es mit Bezug auf das Erkennen, das Wahrnehmen. Wie
geschieht das Wahrnehmen im alltaglichen Leben des physischen
Planes?
Das weiB jeder, daB, mit Ausnahme einzelner Gebiete des physi-
schen Planes, die Dinge an den Menschen herankommen. Vom Mor-
gen bis zum Abend kommen im wachen Tagesleben die Dinge an uns
heran; von Augenblick zu Augenblick bekommen wir immer neue
Eindrucke. Nur in den Ausnahmezustanden suchen wir uns die Ein-
driicke auf, fiihren das an den Dingen aus, was die Dinge sonst aus-
fiihren. Da geraten wir aber schon in das hinein, was Erkenntnis-
suchen ist. So ist es nicht mit den spirituellen Erkenntnissen. Bei
diesen miissen wir alles, was vor unsere Seele treten soil, selber vor
diese Seele hinstellen. Wahrend all unser Tun, alles, was in der geisti-
gen Welt durch uns geschehen soli, dadurch geschieht, daB wir die
absoluteste Ruhe herstellen, miissen wir unausgesetzt tatig sein, wenn
wir wirklich etwas in der geistigen Welt erkennen wollen. Damit
hangt es zusammen, daB fur manchen, der ja auch gern Anthroposoph
sein mochte, dasjenige, was wir aus einer wirklichen Erkenntnis
heraus hier betreiben, zu unbequem erscheint. Gar mancher sagt: Bei
euch muB man ja alles erst lernen, man muB iiber alles erst nachdenken,
muB sich mit allem beschaftigen! - Aber ohne dieses gelangt man
nicht zu einem Verstandnis der spirituellen Welten! Man muB seine
Seele anstrengen, muB von den verschiedensten Seiten her die Dinge
anschauen. Das ist es, worum es sich handelt. Begriffe, die man sich
iiber die hoheren Welten erwerben will, muB man sich in langsamer,
ruhiger Arbeit erst zimmern. In der physischen Welt miissen wir,
wenn wir einen Tisch haben wollen, diesen Tisch durch unsere be-
wegte Arbeit herstellen. Wenn wir aber etwas in den spirituellen
Welten « herstellen » wollen, dann miissen wir die Ruhe, die Art von
Ruhe entwickeln, die dazu notwendig ist, daB etwas geschieht; und
wenn etwas getan wird, dann tritt es aus dem Dammerdunkel heraus.
Wenn wir aber etwas erkennen wollen, dann miissen wir durch unsere
voile Anstrengung die Inspirationen erst zimmern. Zum Erkennen
ist notwendig eine Arbeit, eine innerlich tatige Seelenstimmung, ein
Gehen von Inspiration zu Inspiration, von Imagination zu Imagina-
tion, von Intuition zu Intuition. Da miissen wir alles zusammenfiigen,
und nichts tritt an uns heran, was wir nicht selber vor uns hinstellen,
wenn wir es erkennen wollen. Also gerade im Gegensatze zu allem,
was auf der physischen Welt richtig ist, sind die Dinge in der geistigen
Welt.
Dies muB ich vorausschicken, damit wir uns von vornherein ein
biBchen dariiber einigen, wie solche Dinge erstens gefunden, zweitens
aber auch verstanden werden konnen, wie wir sie in fernerem mitein-
ander zu besprechen haben werden. Ich will in diesen Betrachtungen
weniger das unmittelbare Leben nach dem Tode beriihren, das wir
unter dem Namen des sogenannten Kamaloka ofter besprochen
haben - das ist Ihnen ja seinen wesentlichen Seiten nach bekannt -,
wir wollen vielmehr von etwas neuen Gesichtspunkten aus die Zeiten
betrachten, die, nachdem wir durch den Tod durchgegangen sind,
auf unsere Zeit des Kamaloka-Lebens folgen.
Da ist es vor alien Dingen notwendig, daB wir zuerst auf die Eigen-
tumlichkeit hinweisen, wie wir da iiberhaupt leben. Sie wissen, daB
der Mensch als erste Stufe der hoheren Erkenntnis das hat, was wir
das imaginative Leben, wir konnten auch sagen, das Leben in wahr-
haftigen, wirklichen Visionen nennen konnen. Wahrend wir in der
physischen Welt umgeben sind von Farben, Tonen, Geriichen, von
Geschmacksempnndungen, von Vorstellungen, die wir uns durch
unsern Verstand machen, sind wir in der geistigen Welt zunachst um-
geben von Imaginationen, die man ja auch Visionen nennen kann;
nur miissen wir bei diesem Begriffe der Imagination, der Vision, uns
klar sein, daB diese, wenn sie im geistigen Sinne richtig sind, uns nicht
etwa Traumgebilde darstellen, sondern Realitaten, Wirklichkeiten.
Nehmen wir einen bestimmten Fall.
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes durchgeschritten ist,
trifrt er diejenigen, die vor ihm hingestorben sind und mit ihm in einer
gewissen Weise im Leben zusammen waren. Wir finden uns wirklich
mit den zu uns Gehorigen in der Zwischenzeit zwischen dem Tode
und der neuen Geburt zusammen. Wie wir nun die Dinge in der
physischen Welt wahrnehmen, indem wir ihre Farben sehen, ihre
Tone horen und so weiter, so sind wir nach dem Tode umgeben - ich
darf vergleichsweise sagen - von einer Wolke von Visionen. Alles ist
um uns Vision; wir selbst sind Vision. Wie wir hier Fleisch und Blut
sind, so sind wir dann Vision. Aber diese Vision ist kein Traum,
sondern wir wissen, es ist Realitat. TrefTen wir einen Verstorbenen,
mit dem wir vorher zusammen waren, so ist er auch Vision; er ist
gleichsam eingeschlossen in die visionare Wolke. Aber wie wir auf
dem physischen Plane wissen: die rote Farbe kommt von der roten
Rose, so wissen wir auf dem geistigen Plan: die Vision kommt von
dem geistigen Wesen, das vor uns durch die Pforte des Todes ge-
schritten ist. Aber nun tritt eine Eigentumlichkeit ein, die wir wohl
beachten miissen, und die sich bei jedem zeigt, der diese Zeit nach
dem Tode erlebt. Hier auf dem physischen Plan kann zum Beispiel
das der Fall sein: Wir haben einen Menschen, den wir eigentlich
lieben sollten - nach den Bedingungen, die wir uberschauen konnen,
und nach den BegrirTen, die wir aber erst nachtraglich uberschauen -,
zuwenig geliebt, wir haben ihm also Liebe entzogen. Nehmen wir ein
solches Beispiel: wir hatten einem Menschen Liebe entzogen oder ihm
sonst etwas zuleide getan. Dann kann, wenn wir nicht gerade ein ver-
stocktes Herz haben, in uns die Empfindung, die Idee auftauchen: Du
mufit das gutmachenl - Und wenn in uns diese Empfindung auf-
taucht, so ist uns die Moglichkeit gegeben, die Sache wieder gutzu-
machen. Wir konnen gewissermaBen weiterarbeiten an dem Ver-
haltnis der uns umgebenden Welt auf dem physischen Plan. Das
konnen wir nicht in der ersten Zeit nach der Kamaloka-Zeit, von der
wir jetzt sprechen. Wenn wir einem Menschen dann gegemiberstehen,
konnen wir wohl aus der Art und Weise, wie wir ihm gegemiber-
stehen, die Erkenntnis haben: Du hast ihm dies oder jenes zuleid
getan, oder ihm Liebe entzogen, die du ihm schuldig warst; wir
fassen auch den Vorsatz, daB wir das gutmachen wollen, aber wir
konnen es nicht. Wir konnen nur dasjenige Verhaltnis zu dem Men-
schen in dieser Zeit entwickeln, das schon begriindet war in der Zeit
vor dem Tode. Das andere konnen wir einsehen, aber konnen zu-
nachst nichts hinzufugen, konnen zunachst nichts ausbessern. Das
heiBt, in dieser visionaren Welt, die uns wie eine Wolke einhiillt,
konnen wir nichts verandern. Wir schauen es an, aber konnen nichts
andern. Wie wir zu einem Menschen gestanden haben, der vor uns
hingestorben ist, so bleibt unser Verhaltnis zu ihm, und wir leben es
weiter aus. Das ist oftmals auch dasjenige, was zu den mehr leidens-
vollen Erlebnissen der Initiation gehort. Da erlebt man vieles in
seinem Verhaltnis zur physischen Welt, und man erschaut es wahr-
haftig grundlicher, als man es erschaut mit den Augen oder mit dem
Verstande. Man kann es in seinen Griinden durchschauen, aber nicht
unmittelbar verandern. Das macht den Schmerz der spirituellen Er-
kenntnis aus, das macht das Martyrium der spirituellen Erkenntnis aus,
insofern sich diese Erkenntnis auf unser eigenes Leben bezieht, insofern
sie Selbsterkenntnis ist. Und so ist es auch nach dem Tode. Die Men-
schen nach dem Tode stehen zu denen, zu welchen sie im Leben in
eine Beziehung getreten sind, in solchen Verhaltnissen, die gewisser-
maBen bleibend sind, die sich kontinuierlich fortsetzen wie sie waren.
Als sich mir neuerdings diese Tatsache mit einer ungeheuren Starke
vor das geistige Auge stellte, konnte ich mir wieder eines sagen. Ich
habe mich in meinem Leben wahrhaftig viel auch mit Homer be-
schaftigt und habe mancherlei in den alten Dichtungen Homers zu
verstehen gesucht. Aber gerade bei dieser Gelegenheit fiel mir eine
Stelle bei Homer ein: da, wo Homer - dessen Hellsehertum von den
Griechen ja darin angedeutet ist, daB sie von dem «blinden» Homer
sprachen - von dem Reiche spricht, das der Mensch nach dem Tode
durchlebt, da nennt er es das « Reich der Schatten, in dem kein
Wechsel, keine Veranderung moglich ist ». Und da wuBte ich neuer-
dings wieder, wie so viele Dinge in den groBen Dichtungen und
Offenbarungen der Menschheit leben, die wir nur richtig erkennen,
indem wir sie aus den Tiefen der spirituellen Erkenntnis herausholen.
Und manches von dem, was das Erkennen der Menschheit geben soli,
wird darauf beruhen, daB die Menschen ihre groBen Ahnen, die be-
gnadet waren von dem Hereinleuchten des geistigen Lichtes in ihre
Seele, erst in einem neuen Lichte, ja, in einem Lichte des wirklichen
Verstandnisses sehen. Wie beruhrt es eine Seele, die dafur empfang-
lich ist, wenn sie an einem solchen Worte merkt: Dieser alte Seher
konnte diese Stelle nur dadurch hinschreiben, daB die Wahrheit der
spirituellen Welt in seine Seele hereinleuchtete ! - Da beginnt dann die
wahre Frommigkeit gegeniiber den gottlich-geistigen Kraften, die
durch die Welt und namentlich durch die Herzen und Seelen der
Menschen wallen. Da sehen wir erst mit richtigem Frommsein auf das
hin, was in der Welt geschieht zur Fortentwickelung und zum Fort-
schritt. Gar vieles ist im tiefsten Sinne wahr in demjenigen, was jene
Menschen, die so begnadet waren wie Homer, geschaffen haben. Im
spirituellen Sinne ist es wahr. Aber diese Wahrheit, die einst ein altes,
dammerhaftes Hellsehen unmittelbar erkennen konnte, ist der heu-
tigen Zeit verlorengegangen und muB erst auf dem Wege der spiri-
tuellen Erkenntnis wieder erobert werden.
Ich mochte bei dieser Gelegenheit, um gerade dieses Beispiel noch
mehr zu erharten - dieses Beispiel von einem Durchdringen dessen,
was durch schopferische Genien der Menschheit gegeben worden
ist etwas anderes noch anfuhren : eine Wahrheit, gegen die ich mich
sogar gestraubt habe, als sie mir durch die Seele zog, eine Wahrheit,
die mir selbst paradox erschien, die ich aber, wie sie sich mit einer
inneren Notwendigkeit unmittelbar ergab, als Wahrheit anerkennen
muBte. Deshalb darf es auch gesagt werden, was sich da ergeben hat.
Was ich da in den spirituellen Welten zu arbeiten hatte, hing auch
mit der Betrachtung gewisser Kunstwerke zusammen. Ich muBte
diese Kunstwerke betrachten. Unter diesen war auch das, was ich
fruher gesehen und studiert hatte, was aber erst jetzt in dieser Weise
vor meine Seele getreten ist. - Was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Be-
obachtung gegeniiber den Mediceer-Grabern in Florenz. Dort ist jene
Kapelle, die Michelangelo aufgebaut und eingerichtet hat. Zwei Medi-
ceer, von denen wir nicht weiter reden wollen, sollten dort in Statuen
verewigt werden. Michelangelo hat aber vier sogenannte allegorische
Figuren dazugefugt, die man nach dem, was damals aufgekommen ist
und wozu auch Michelangelo die Veranlassung gegeben hat, «Mor-
gen» und «Abend», «Tag» und «Nacht» nannte. ZuFiiBen der einen
Mediceer-Statue «Tag» und «Nacht», zu FiiBen der anderen «Mor-
gen » und «Abend ». Nun konnen Sie sich leicht, wenn Sie auch nicht
einmal besonders gute Abbildungen haben, durch den Anblick der-
selben eine Bestatigung dessen holen, was ich jetzt zu sagen habe fiber
diese vier allegorischen Figuren der Mediceer-Graber. Da gehen wir
aus von der einen beruhmtesten, der «Nacht ». In den Beschreibungen,
aus denen gewohnlich die Reisebiicher abschreiben, kann man lesen,
daB die eigentumlichen Gliedstellungen, die Michelangelo fur die
liegende Figur, die «Nacht», gewahlt hat, unnaturlich waren, weil ein
Mensch in einer solchen Lage nicht schlafen konne, so daB also diese
Figur nicht ein besonders guter symbolischer Ausdruck fur die Nacht
sei. Aber ich will etwas anderes sagen. Nehmen wir an, wir betrachten
mit okkultistischem Blicke diese allegorische Figur der « Nacht », und
wir sagten uns: Wenn der Mensch schlaft, sind sein Ich und sein
astralischer Leib aus dem physischen Leib und dem Atherleib heraus.
Dann ist es denkbar, daB jemand eine Gebarde, eine bestimmte
Gliederlage aussinnt, welche der Lage des atherischen Leibes am an-
gemessensten ist, wenn Astralleib und Ich nicht darin sind. Wenn wir
bei Tag herumgehen, so haben wir diese oder jene Gebarde dadurch,
daB in dem physischen Leib und dem Atherleib der Astralleib und das
Ich sind. Aber bei Nacht sind Astralleib und Ich drauBen, dann ist der
Atherleib allein im physischen Leibe. Er entwickelt seine Tatigkeit
und Beweglichkeit; das gibt eine gewisse Gebarde. Und die Impression
kann es geben : daB es fur das freie Walten des Atherleibes keine an-
gemessenere Gebarde gibt, als sie Michelangelo bei dieser « Nacht »
abgebildet hat, eine Gebarde, so prazis, daB man sie nicht besser,
nicht praziser beantworten konnte als durch die Lage der Figur,
welche da die Lage des Atherleibes darstellt. - Nun gehen wir zu der
anderen Figur, dem «Tag». Da kann man sich folgendes sagen.
Nehmen wir an, wir konnten einen Menschen dazu veranlassen, daB
in ihm, soweit es moglich ist, das atherische und das astralische Leben
schweigen, und das Ich vorzugsweise tatig ist und eine Gebarde
hervorruft, und wir suchten die angemessenste Gebarde fur das Ich.
Dann konnten wir keine bessere Gebarde finden als die, welche
Michelangelo in dem «Tag » zum Ausdruck gebracht hat ! Da sind die
Gebarden nicht mehr allegorisch, sondern unmittelbar, ganz reali-
stisch aus dem Leben geschaffen. Und gleichsam fur eine zeitliche
Ewigkeit sind hineingeschrieben in die Menschheitsentwickelung
durch den Kiinstler: So sieht die Gebarde aus, welche am meisten die
Tatigkeit des Ich ausdriickt, und so sieht die Gebarde aus, welche am
meisten die Tatigkeit des Atherleibes ausdriickt! - Und jetzt die
anderen Figuren, zunachst die «Abenddammerung». Wenn wir uns
in einem besonders gut und wohl ausgebildeten Menschen denken
den Heraustritt des Atherleibes, also jene Erschlaffung, die im physi-
schen Leibe eintritt, auch wenn der Tod uns iiberkommt, wenn wir
uns - nicht den Tod denken, sondern das Heraustreten der drei
Glieder Atherleib, Astralleib und Ich vorstellen und die Gebarde auf-
suchen, die der physische Leib dann macht, so haben wir die Gebarde
dieser allegorischen «Abenddammerung »-Figur. Und wenn wir die
innere Regsamkeit des Astralleibes bei einer geringen Tatigkeit des
Atherleibes und des Ich in einer Gebarde ausdriicken wollen, so ist
die praziseste die, welche Michelangelo det « Morgendammerung »
gegeben hat. So daJ3 wir auf der einen Seite haben die Ausdriicke fur
die Tatigkeit des Atherleibes und des Ich und auf der anderen Seite
fur die Tatigkeit des physischen Leibes und des Astralleibes. - Wie
gesagt, ich habe mich dagegen gestraubt; aber je genauer man auf die
Dinge eingeht, mit einer um so groBeren Notwendigkeit ergibt es
sich. Und ich mochte in dieser Sache nichts anderes hervorheben, als
eben zeigen, wie der Kiinstler aus der geistigen Welt heraus schafft.
Ich gebe zu, dafi es Michelangelo mehr oder weniger unbewuBt getan
hat; aber was heiBt das trotzdem anderes, als ein Hereinleuchten der
geistigen Welt in die physische Welt! Nicht zur Zerstorung, aber zur
Vertiefung der Kunstwerke wird der Okkultismus beitragen. Nur
wird auch das kommen, daB manches von dem, was heute als «Kunst»
gilt, dann nicht mehr als Kunst gelten wird. Dadurch werden viel-
leicht einzelne Menschen enttauscht sein; die Wahrheit wird aber da-
durch gewinnen. - Ich konnte ganz gut den inneren Grund der
Legende verstehen, die gerade gegenuber der am meisten ausgebilde-
ten Figur entstanden ist : daB Michelangelo in Florenz, wenn er in der
Mediceer-Kapelle mit der «Nacht» allein war, imstande war, sie zum
Aufstehen zu bringen, so daB sie herumging! Ich will nicht weiter
darauf eingehen, aber wenn man weiB: hier ist die Tatigkeit des
Lebensleibes zum Ausdruck gebracht, dann hat man die Wirksamkeit
der Legende schon ohnedies vor Augen, dann ist sie schon da.
So ist es mit vielem, und so ist es auch mit Homer. Ein solches
Wort fliegt an uns heran, wie es Homer sagt : Das geistige Reich, ein
Reich der Schatten, in dem es keinen Wandel, keine Veranderung gibt. -
Wenn wir aber die Verhaltnisse in dem Leben nach dem Kamaloka
betrachten, dann beginnt fur uns ein neues Verstandnis uber solche
Werke eines gottbegnadeten Menschen, und vieles wird eine solche
Bereicherung durch die Geisteswissenschaft erfahren.
Es sind das Dinge, auf die man hinweisen kann, aber sie sind nicht
die Hauptsachen im Leben. Die Hauptsachen im Leben sind die, daB
immer Wechselverhaltnisse von Mensch zu Mensch auftreten. Wenn
Mensch dem Menschen so gegeniibersteht, daB er jeder Menschen-
seele gegenuber das Spirkuelle im Menschen ahnt, dann wird er sich
zu ihm ganz anders stellen, als wenn er nur das im andern vorhanden
glaubt, was eine materialistische Weltanschauung annimmt. Das hei-
lige Ratsel, das uns jede Menschenseele sein muB, das kann sie unsern
Gefiihlen, unsern Empfindungen nach nur sein, wenn wir in unserer
Seele etwas haben, was auf die andere Seele das spirkuelle Licht zu
werfen in der Lage ist. Durch Vertiefung in die kosmischen Geheim-
nisse, mit denen die menschlichen Geheimnisse zusammenhangen,
lernen wir eben die menschliche Natur kennen, lernen erkennen, wem
wir gegenuberstehen, wenn wir einem Menschen gegenuberstehen ;
lernen vor alien Dingen zum Schweigen zu bringen, was wir als Vor-
urteil sonst dem Menschen gegenuber haben, und lernen die echten,
wahren, richtigen Seiten des Menschen fiihlen und erkennen. Das
wichtigste Licht, welches die Anthroposophie geben wird, wird das
sein, das die Menschenseele beleuchten wird. Dadurch werden auch
die rechten sozialen Empfindungen und die rechten Empfindungen
der Liebe, die zwischen den Menschen walten sollen, als eine Frucht
der wahren spirituellen Erkenntnis in die Welt kommen. Dies, was da
kommen soli, kann eben nur aufgefaBt werden als eine Frucht, deren
Wachsen und Gedeihen wir nur durch das spirkuelle Erkennen pfle-
gen konnen. Wenn Schopenhauer gesagt hat : « Moral predigen ist leicht,
Moral begriinden schwer», so hat er einem richtigen Gefuhl ent-
sprochen, denn Moralgrundsatze ausfindig machen ist ja wirklich
nicht gar so schwer, und Moralpredigten halten ist auch nicht so
schwer. Aber die menschliche Seele da anzufassen, wo in ihr die Er-
kenntnisse keimen, die durch sich selbst zur wahren Moral werden,
die das menschliche Leben tragen kann, das ist es, worum es sich
handelt. Wie wir uns ein jeder selber zu den spirituellen Erkenntnissen
verhalten, das wird in uns auch die Keime fur eine wirkliche Menschen-
moral der Zukunft begriinden konnen. Die Moral der Zukunft wird
sich auf spirkuelle Erkenntnis aufbauen; sie wird sich entweder so
auf bauen - oder sie wird iiberhaupt nicht begnindet werden konnen !
Es ist notwendig, daB wir uns solches in treuer Liebe zur Wahrheit
gestehen. Das erfordert von uns, daB wir uns wirklich vertiefen in das
lebendige Leben und Weben des Anthroposophischen und vor alien
Dingen auch das beriicksichtigen, was wie eine Einleitung heute ge-
sagt worden ist : Handeln in der geistigen Welt setzt Gemiitsruhe vor-
aus, sich wurdig erweisen dem Begnadetsein; Erkennen setzt voraus
tatig sein. Daraus wird es Ihnen auch verstandlich sein, daB wir in der
Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wenn wir einem
anderen Wesen gegeniiberstehen, durch unsere Tatigkeit, die wir dann
entfalten, erkennen konnen, ob wir ihm Liebe entzogen haben oder
ob wir ihm etwas getan haben, was wir nicht hatten tun sollen. Aber
die Ruhe, die notwendig ist, um die Korrektur eintreten zu lassen,
jene Gemiitsruhe der Seele, die konnen wir in diesem Zeitpunkt noch
nicht entfalten. Wir werden im Laufe der Wintervortrage auch jene
Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt charakterisieren, warm
im natiirlichen Verlaufe des Lebens zwischen dem Tode und der neuen
Geburt das eintritt, daB der Mensch Bedingungen zur Veranderung
einer solchen Sache eintreten lassen kann, das heiBt mit anderen Wor-
ten, eine Art Auf bau seines Karma bewirken kann. Wir miissen aber
in einer ruhigen Weise auseinanderhalten den Zeitpunkt, den wir
gerade jetzt betrachtet haben, und die folgenden Zeiten, die andere
Aufgaben haben und die wir noch betrachten werden fur die Zeit
zwischen dem Tode und der neuen Geburt.
Nur das soli noch gesagt werden, daB es gewisse Bedingungen gibt,
unter denen der Mensch in einer gunstigeren oder in einer ungunsti-
geren Weise sein Dasein nach dem Tode durchleben kann. Es hangt,
wenn man namlich zwei Menschen oder verschiedene Menschen nach
dem Tode vergleicht, die Art, wie sie da leben gerade nach der Zeit,
die unmittelbar nach dem Kamaloka-Leben folgt, ab von der mora-
lischen Verfassung, die sie auf der Erde gehabt haben. Menschen, die
auf der Erde gute moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben die
giinstigsten Bedingungen in der Zeit nach dem Kamaloka; Menschen,
die mangelhafte moralische Eigenschaften gezeigt haben, haben
schlechte Bedingungen. Wie sich das im Leben nach dem Tode aus-
driickt, mochte ich auf eine Formel bringen, die, weil ja unsere Worte
fiir die physische Welt und nicht fur die geistige Welt gepragt sind,
nicht ganz genau sein kann. Man kann sich nur bemuhen, sie mog-
lichst genau zu machen. Dann aber kann man sagen: Durch moralische
Verfassung unserer Seele werden wir in diesem charakterisierten Zeit-
punkte gesellige Geister, die mit den anderen Geistern, also mit
menschlichen oder mit Geistern der hoheren Hierarchien, Geselligkeit
haben. Durch mangelhafte moralische Verfassung unserer Seele wer-
den wir nicht gesellige, sondern einsiedlerische Geister, solche Geister,
die uber den Nebel ihrer Vision nur auBerordentlich schwer hinaus
konnen. Und dies ist ein wesentlicher Grund des Leidens nach dem
Tode: das Sich-Fuhlen als ein einsamer Geist, als ein geistiger Ein-
siedler; wahrend es ein wesentliches Merkmal der Geselligkeit ist, den
Zusammenhang zu finden zu dem, was fur einen notwendig ist, was
man braucht. Und es ist eine ganz lange Zeit notig fur das Leben nach
dem Tode, um diese Sphare zu durchleben, die man im Okkultismus
die Merkur-Sphare nennt.
Fur die nachste Sphare bleibt natiirlich die moralische Stimmung
der Seele noch maBgebend, aber es treten neue Bedingungen ein. Fiir
die nachste Sphare, die Venus-Sphare, sind vor alien Dingen aus-
schlaggebend die religiosen Stimmungen der Seele. Menschen mit
einem religiosen Innenleben werden in dieser Zeit gesellige Wesen
werden, gleichgiiltig, welchem Bekenntnis sie angehdrten. Dagegen
Geister, welche keine religiose Verfassung haben, verurteilt diese
Sphare wieder zu einem geistigen Beschranktsein auf sich selber, zu
einem Sich-in-sich-selber-Verkriechenmussen. Ich kann schon nicht
anders, wenn es sich auch paradox ausnimmt, als sagen: Diejenigen,
welche vorzugsweise eine materialistische Gesinnung haben und sich
erbosen gegen religioses Leben, sie miissen geistige Einsiedler werden,
sie werden jeder gleichsam in sein Kabinett gesperrt. Und es ist nicht
ein ironisches Gleichnis, sondern eine Wahrheit, wenn ich sage : Alle
die, welche heute eine «monistische Religion » - also das Gegenteil
von Religion - begriinden, sie werden alle extra in einen Kerker ge-
sperrt; die konnen sich dann absolut nicht finden.
In dieser Weise treten die Korrekturen ein fiir die Irrtiimer und
Fehler, welche die Seele sich im Erdenleben beilegt. Irrtiimer und
Fehler werden auf dem physischen Plan durch sich selbst korrigiert;
Irrtiimer und Fehler bedeuten aber in dem Leben zwischen dem Tode
und der neuen Geburt Tatsachen! Was wir hier denken, bedeutet eine
Tatsache in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Es bedeutet
das Denken schon eine Tatsache bei der Initiation. Ein fehlerhafter
Gedanke bei der Initiation, wenn man ihn wirklich zu schauen ver-
mag, der steht da nicht nur in all seiner HaBlichkeit, sondern mit all
dem Zerstorerischen, das er in sich schlieBt. Von manchem Gedanken,
der innerhalb dieser oder jener agitatorischen Bewegung verbreitet
wird, wurden sich die Menschen wahrhaftig bald abwcnden, wenn sie
nur eine Ahnung bekommen konnten, was er als Tatsache, als zer-
storerische Tatsache bedeutet. Dies gehort namlich auch zum Mar-
tyrium der Initiation, daB sich die Gedanken urn uns herumgruppieren
und dastehen wie verfestigte, ich mochte sagen, wie vereiste Massen,
an denen wir, solange wir uns auBer dem Leibe verhalten, nicht riitteln
konnen. Haben wir einen falschen Gedanken gefafit und treten wir aus
dem Leibe heraus, so ist er da, dann konnen wir ihn nicht andern. Da-
zu miissen wir erst wieder in den Leib zuriick. Es bleibt uns zwar die
Erinnerung, aber auch der Initiierte kann ihn nur innerhalb des physi-
schen Leibes korrigieren. Aber drauBen ist er wie ein Berg, der da ist.
Der ganze Ernst des tatsachlichen Lebens kann nur auf solche Weise
zutage treten.
Wenn das gesagt ist, kann es auch verstandlich sein, daB fur gewisse
Ausgleichungen des Karma das Zuriickkehren in den physischen Leib
notwendig ist. Die Fehler treten uns in dem Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt wohl entgegen; aber was als Irrtum da
war, das hat man im physischen Leibe zu korrigieren. So wird wieder
im nachsten Leben ausgeglichen, was im fruheren geschehen ist. Aber
was in aller Starke und in aller Fehlerhaftigkeit erkannt werden muB,
das steht zunachst unwandelbar da, wie die Dinge, schon nach einem
Ausspruche Homers^ im geistigen Reiche sind. Die Dinge, die wir da
erkennen aus der spirituellen Welt heraus, sie sollen dann als Empfin-
dungen, als Gefiihle in unsere Seele hereintreten. Sie werden schon
Gefuhle und sie werden dann der Grand, um das Leben in einer neuen
Weise anzuschauen. Eine monistische Sonntagspredigt kann mancher-
lei moralische Grundsatze zeigen. Andern werden sich dadurch - das
wird die Zeit zeigen - die Menschen recht wenig, weil durch die Art
und Weise, wie da gesprochen wird, die Begriffe nicht geeignet sind,
um die Menschenseele real zu ergreifen. Dazu bedarf es der realen
Starke der Begriffe. Und die Begriffe erhalten die reale Starke, wenn wir
wissen: Was an deinem Karma lastet, das tritt dir nach dem Tode eine
gewisse Zeit hindurch in aller Unmittelbarkeit entgegen. Du schaust,
was an deinem Karma lastet, aber es bleibt so. Du kannst es jetzt nicht
andern, du kannst dich nur vertiefen, daB du es unmittelbar mit deiner
Natur vereinst !
Solche Begriffe wirken dann so auf unser Gemiit, daB wir das Leben
in der richtigen Weise anzuschauen vermogen. Und dann treten alle
die Dinge ein, die zur Forderung des Lebens notwendig sind, wenn
die Menschheit wirklich vorwartsschreiten soli im Sinne derer, welche
die geistige Fiihrung der Menschheit haben, im Sinne der spirituellen
Leiter der Menschheit, vorwartsschreiten soil zu denjenigen Zielen,
die dieser Menschheit vorgesteckt sind.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 20. November 1912
Wie bereits angedeutet worden ist, sollen an diesen Zweigabenden
unsere Betrachtungen im Verlaufe des Winters einer Besprechung des
Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt gewidmet sein. Es
liegt in der Natur der Sache, daB alles, was die Auseinandersetzungen,
die jetzt von einem gewissen, hier noch nicht so beriihrten Stand-
punkte aus gepnogen werden sollen, verstandlich, begreiflich und,
man mochte sagen, beweisbar machen kann, erst wird iiberschaut
werden konnen, wenn das Ganze dieser Wintervortrage vorliegen
wird. Es muB natiirlich manches vorausgenommen werden, was Mit-
teilung ist iiber Ergebnisse von Forschungen, die im Laufe der letzten
Monate haben angestellt werden konnen. Das, was dann dazu dienen
kann, um das Verstandnis, das Begreifen vollstandig zu machen, das
kann sich eben nur durch den Fortgang der Betrachtungen ergeben.
Damit wir aber von vornherein uns leichter iiber diese wichtigen
Dinge verstandigen konnen, sei heute mit einer kleinen Betrach-
tung des Menschen begonnen, wie sie jeder im Leben leicht anstellen
kann.
Wenn wir das menschliche Leben betrachten, wird uns zunachst als
die bedeutsamste, hervorragendste Tatsache bei einer unbefangenen
Betrachtung doch das menschliche Ich selber erscheinen. Wir miissen
nun unterscheiden zwischen dem wahren menschlichen Ich und zwi-
schen dem BewuBtsein dieses menschlichen Ich. Denn jedem muB ja
auffallig sein, daB ganz gewiB dieses menschliche Ich zum mindesten
schon da tatig ist, wo der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt,
und besonders in jenen Zeiten, in denen das Kind noch lange kein
BewuBtsein von dem Ich hat, in jenen Zeiten, die ja schon auBerlich
sprachlich dadurch charakterisiert sind, daB das Kind von sich wie
von einer andern Person redet. Wir haben diese Dinge ofter betrachtet.
Wir wissen, daB ungefahr um das dritte Lebens jahr herum - selbst-
verstandlich gibt es Kinder, bei denen dies fruher der Fall ist - das
Kind beginnt ein BewuBtsein von sich zu haben, daB es beginnt von
sich in der ersten Person zu reden; und wir wissen, daB dieses Jahr die
auBerste Grenze bildet - obwohl es sich bei manchen Menschen her-
ausschiebt - in bezug darauf, wie weit sich der Mensch spater an das
zuriickerinnern kann, was seine Seele erlebt hat. So haben wir in dem
Leben des Menschen einen deutlichen Einschnitt: vorher liegt keine
Moglichkeit vor, klar und deutlich sich selber in seinem Ich zu er-
leben; nachher erlebt der Mensch sich in seinem Ich, findet sich ge-
wissermaBen in seinem Ich so zu Hause, daB er die Erlebnisse dieses
Ich aus dem Gedachtnisse immer wieder herauf holen kann. Was kann
nun eine unbefangene Betrachtung des Lebens dariiber lehren, warum
das Kind nach und nach ubergeht gewissermaBen von einem Nicht-
wissen vom Ich zu einem Wissen vom Ich?
Eine unbefangene Betrachtung des Lebens kann uns dariiber das
Folgende lehren. Wenn das Kind niemals von den ersten Zeiten nach
der Geburt an in irgendeine Kollision kommen wiirde mit der auBeren
Welt, so wiirde es nicht zu einem BewuBtsein seines Ich kommen kon-
nen. Sie konnen selber beobachten, wie Sie im Leben gar manchmal
gewissermaBen Ihr Ich spater noch bemerken. Sie brauchen sich nur
an einer Schrankkante tiichtig zu stoBen, dann werden Sie durch die-
ses StoBen vor alien Dingen Ihr Ich gewahr. Es sagt Ihnen die Kolli-
sion mit der auBeren Welt, daB Sie ein Ich sind, und Sie werden kaum
vergessen, an Ihr Ich zu denken, wenn Sie sich eine ordentliche Beule
geschlagen haben. Diese ZusammenstoBe mit der AuBenwelt brauchen
ja fur das Kind nicht immer so zu sein, daB Beulen geschlagen werden,
aber sie sind in gewissen Nuancen immer vorhanden. Wenn das Kind
sein Handchen ausstreckt und irgend etwas von der AuBenwelt be-
riihrt, so ist eine leise Kollision mit der AuBenwelt vorhanden. Wenn
das Kind das Auge aufschlagt und Licht in das Auge fallt, ist eine
leise Kollision mit der AuBenwelt vorhanden. An der AuBenwelt lernt
das Kind sich selbst kennen, und das ganze Leben besteht eigentlich
in den ersten Jahren darin, daB das Kind sich von der AuBenwelt
unterscheiden und an der AuBenwelt sich selber kennenlernt. Und das
Ergebnis geniigender Kollisionen mit der AuBenwelt faBt sich in der
Seele zusammen in dem BewuBtsein des Kindes von sich selber. Man
kann sagen: Wenn das Kind geniigend viele solcher StoBe mit der
AuBenwelt erlebt hat, ergibt sich das als Resultat, daft es sich «Ich»
nennt. Wenn das Kind so weit ist, da6 es sein Ich-BewuBtsein erfaBt
hat, dann beginnt die Notwendigkeit, dieses Ich-BewuBtsein nun
durch das ganze Leben hindurch aufrecht und rege zu erhalten. Es
kann aber dieses Ich-BewuBtsein durch nichts anderes aufrecht und
rege erhalten werden als dadurch, daB Kollisionen stattfinden. Die
Kollisionen mit der AuBenwelt haben gewissermaBen ihre Aufgabe
erschopft, wenn das Kind dazu gekommen ist, 2u sich «Ich» zu sagen;
aus denen kann also sozusagen fur das Entwickeln des Ich-BewuBt-
seins nichts mehr gelernt werden. Aber aus einer unbefangenen Be-
trachtung zum Beispiel des Momentes des Aufwachens schon kann
der Mensch erfahren, wie das Ich-BewuBtsein doch nur rege erhalten
werden kann durch Kollisionen.
Wir wissen ja, daB dieses Ich-BewuBtsein mit alien iibrigen In-
halten, auch denen des astralischen Leibes, wahrend des Schlafes ent-
schwindet und daB es wieder erwacht am Morgen mit dem Auf-
wachen. Warum erwacht es da? Es erwacht aus dem Grunde, weil der
Mensch mit seiner geistig-seelischen Wesenheit wieder zuriickkehrt
in seinen physischen Leib oder auch in seinen Atherleib. Da hat er
wieder seine Kollisionen, seine ZusammenstoBe mit physischem Leib
und Atherleib. Wer genau das seelische Leben auch schon ohne
okkulte Erkenntnisse zu beobachten in der Lage ist, der kann das
Folgende bemerken. Wenn er am Morgen aufwacht, wird er finden,
daB Mannigfaltiges von dem, was sein Gedachtnis bewahrt, eben wie-
der heraufkommt in sein BewuBtsein: erlebte Vorstellungen, erlebte
Empfindungen, anderes Erlebtes kommt herauf in sein BewuBtsein;
das taucht gleichsam aus den Untergriinden des BewuBtseins auf.
Wenn man das alles wkklich genau untersucht - schon ganz ohne
okkulte Kenntnisse kann man es untersuchen, man muB sich nur
wirklich einiges Beobachtungsvermogen fur das seelische Erleben an-
geeignet haben -, dann findet man: Was da herauftaucht, hat einen
gewissen unpersonlichen Charakter. - Und man kann sogar beobach-
ten, wie dieser Charakter unpersonlicher wird, je weiter die Ereignisse
hinter uns Hegen, das heiBt je weniger wir noch mit unserem un-
mittelbaren Ich-BewuBtsein daran beteiligt sind. Sie konnen sich an
Dinge erinnern, die sehr weit in Ihrem Leben zuriickliegen, und die
Sie so ins Gedachtnis herauf holen, dafi Sie doch an diesen Ereignissen
so wenig Anteil nehmen wie an etwas, was Sie in der AuBenwelt
erleben und was Sie nicht besonders angeht. Was sonst in unserem
Gedachtnis bewahrt wird, hat die fortwahrende Tendenz, sich los-
zulosen von unserem Ich. Und daB wir unser Ich trotzdem jeden
Morgen mit aller Deutlichkeit wieder in unser BewuBtsein herein-
kommen sehen, das riihrt davon her, daB wir jeden Morgen in den-
selben Leib untertauchen. Der erweckt uns durch die Kollision, in die
wir mit ihm kommen, jeden Morgen unser Ich-BewuBtsein von
neuem. Wahrend also das Kind nach auBen sich stoBt und dadurch
zum Ich-BewuBtsein kommt, halten wir das Ich-BewuBtsein rege,
indem wir uns an dem eigenen Innern stoBen. Und wir stoBen uns ja
nicht nur am Morgen, sondern drangen uns ein und sind den ganzen
wachen Tageszustand hindurch in das eigene Innere hineingeschoben,
und an dem Gegendruck unseres Leibes entziindet sich unser Ich-
BewuBtsein. Unser Ich steckt eben im physischen Leib, Atherleib und
im Astralleib und hat fortwahrend die Koilisionen mit diesen. So also
konnen wir sagen, daB wir unser Ich-BewuBtsein dem Umstande ver-
danken, daB wir innerlich hineingedrangt sind in unsere Leiblichkeit
und von ihr den Gegendruck erleben. Wir stoBen mit unserer Leib-
lichkeit zusammen.
Nun wird Ihnen leicht verstandlich sein, daB dies eine Folge haben
muB. Die Folge hat es, die StoBe immer haben: wenn Sie irgendwo
anstoBen, wenn es auch nicht gleich bemerkt wird, wird eine Ver-
letzung, eine Beschadigung hervorgerufen. In der Tat werden durch
die Koilisionen des Ich mit der Leiblichkeit fortwahrend Beschadi-
gungen, gewissermaBen kleine Zerstorungen in unserer Leiblichkeit
hervorgerufen. Es ist einmal so, daB wir fortwahrend unsere Leiblich-
keit zerstoren. Unser ganzes Ich-BewuBtsein konnte sich nicht ent-
wickeln, wenn wir nicht mit der Leiblichkeit zusammenstoBen wiirden
und diese dadurch zerstorten. Und die Summe dieser Zerstorungen ist
auch in Wahrheit nichts anderes als das, was den Tod in der physischen
Welt hervorruft. Wir miissen sagen: Dem Umstande, daB wir in der
Lage sind, unsern Organismus fortwahrend zu zerstoren, also unserer
zerstorenden Tatigkeit verdanken wir das Rege-Erhalten unseres Ich-
BewuBtseins.
Nun sind wit also auf diese Art die Zerstorer unseres Astralleibes,
unseres Atherleibes und physischen Leibes. Insofern wir das sind,
verhalten wir uns zum Asttalleib, Atherleib und physischen Leib doch
etwas anders als zum Ich selber. DaB wir an unserem Ich Zerstorer
werden konnen, lehrt uns ja schon das gewohnliche Leben. Wir
wollen uns jetzt nur einmal vorlaufig klarmachen, wie wir gewisser-
maBen an unserem Ich Zerstorer werden konnen.
Unser Ich ist etwas - gleichgiiltig jetzt, was es ist -, und insofern es
etwas in der Welt ist, hat es einen bestimmten Wert. Das fuhlt ja der
Mensch, daB sein Ich im Gesamthaushalte der Welt einen bestimmten
Wert hat. Aber der Mensch kann diesen Wert verringern. Wie ver-
ringern wir den Wert unseres Ich? Wenn wir zum Beispiel jemandem
etwas zuleide tun, dem wir vielleicht Liebe schuldig waren, so haben
wir in diesem Augenblicke den Wert unseres Ich tatsachlich ver-
ringert. Wir sind in unserem Ich weniger wert, nachdem wir je-
mandem unverdientes Leid zugefugt haben; unser Ich ist wertloser
geworden. Das ist eine Tatsache, die jeder vor sich selber einsehen
kann. Doch ebenso kann er einsehen, daB eigentlich das Ich fort-
wahrend im Leben, da der Mensch niemals das Ideal seines Wert-
zustandes erfullt, damit beschaftigt ist, sich immer werdoser und
wertloser zu machen, also an seiner eigenen Entwertung, an seiner
eigenen Zerstorung gewissermaBen arbeitet. Aber solange wir in
unserem Ich stehenbleiben, haben wir es doch im Leben immer und
immer wieder in der Hand, die Zerstorung fortzuschaffen. Wir konnen
es, wenn wir es auch nicht immer tun. Ehe wir durch die Pforte des
Todes geschritten sind, konnen wir es immer tun. Wir konnen, wenn
wir jemandem unverdientes Leid zugefugt haben, das wieder in
irgendeiner Form, die moglich ist, innerhalb des Lebens ausgleichen.
Wenn Sie nachdenken, werden Sie darauf kommen, daB der Mensch
zwischen Geburt und Tod die Moglichkeit hat, sein Ich zu beeintrach-
tigen, an der Entwertung, an der Zerstorung des Ich zu arbeiten, aber
auch die Zerstorung des Ich wieder auszugleichen, fortzuschafTen.
Diese Moglichkeit hat der Mensch, wie er in dem gegenwartigen
Menschheitszyklus ist, mit seinem Astralleib, Atherleib und physi-
schen Leib zunachst nicht. Er kann nicht so, wie er es dutch bewuBte
Tatigkeit an dem Ich tut, an seinem Astralleib, Atherleib und physi-
schen Leib arbeiten, denn er ist ja nicht mit BewuBtsein in diesen
Gliedern seiner Wesenheit drinnen. Es bleibt das, was der Mensch
fortwahrend an Zerstorung leistet, in seinem Astralleib, Atherleib und
physischen Leib bestehen. Er zerstort sie fortwahrend, ist aber nicht
in der Lage, irgend etwas zu deren Ausbesserung zu tun. Und es ist
leicht begreif lich : wenn man in eine neue Inkarnation kommen wiirde
mit den Kraften, die unserm physischen Leib, Atherleib und Astral-
leib entsprechen, wie wir sie am Ende unserer vorhergehenden Inkar-
nation praktiziert haben, so wiirden wir recht unbrauchbare Astral-
leiber, Atherleiber und physische Leiber haben. Was im Seelischen ist,
das ist ja immer Ursprung und Krafte-Inhalt fur das, was sich in der
Leiblichkeit ausdnickt. DaB wir am Ende eines Lebens sozusagen
einen briichigen Organismus haben, ist der Beweis dafiir, daB unsere
Seele nicht die Krafte hat, den Organismus frisch zu halten. Um das
BewuBtsein zu erhalten und es rege zu halten, haben wir fortwahrend
unsere leibliche Umhullung zerstort. Mit den Kraften, die wir am
Ende einer Inkarnation noch haben, konnten wir in der nachsten
Inkarnation nichts machen. Es miissen uns die Krafte wieder zu-
kommen, die imstande sind, in der nachsten Inkarnation unsern
Astralleib, Atherleib und physischen Leib so zu bearbeiten, daB diese
frisch und gesund sind in gewissen Grenzen, brauchbar fur eine neue
Inkarnation. Innerhalb des Erdendaseins - das zeigt sich wieder
schon fur eine auBerliche Betrachtung - findet der Mensch die Mog-
lichkeit, seine drei Leiber zu zerstoren; aber er findet nicht die Mog-
lichkeit, diese drei Leiber von sich aus auch vollig in gesunder Art zu
gliedern, zu bearbeiten, herzustellen. Da zeigt uns nun die okkulte
Forschung, daB in dem Leben zwischen dem Tode und der neuen
Geburt aus den auBerirdischen Verhaltnissen, die wir dann durch-
leben, uns die Krafte kommen, die zur Wiederherstellung der ab-
gebrauchten menschlichen Umhuilungen dienen. Zwischen Tod und
neuer Geburt leben wir uns hinaus in das Universum, in den Kosmos,
und die Krafte, die wir nicht aus dem Erdreich beziehen konnen,
mussen wir beziehen aus den zunachst zum Erdreich hinzugehorigen
andern Himmelskorpern. In ihnen sind die Kraftereservoite fur unsere
menschlichen Umhullungen. Auf der Erde gibt es fur den Menschen
nur die Mdglichkeit, die Krafte zu immerwahrender Wiederherstel-
lung des Ich zu gewinnen; die andern Glieder der Menschennatur
mussen ihre Krafte aus andern Welten holen, als die Erde ist.
Wenn wir da zunachst den Astralleib betrachten, so zeigt sich uns,
daB der Mensch nach dem Tode sich hinauslebt - wirklich buchstab-
lich sich hinauslebt, indem er sozusagen immer groBer und groBer
wird, in alle die Planeten-Spharen hinein. Der Mensch wird durch die
Ausdehnung seines geistig-seelischen Wesens zunachst wahrend der
Kamaloka-Zeit ein so groBes Wesen - verschiedene Wesen durch-
dringen sich dabei -, daB er bis zu der Grenze kommt, die der Kreis
angibt, welchen der Mond um die Erde beschreibt. Dann dehnt er
sich aus bis zur Merkur-Sphare - was hier im Okkultismus mit Merkur
gemeint ist -, dann bis zur Venus-Sphare, darauf weiter bis zur Mars-
Sphare, Jupiter-Sphare und Saturn- Sphare. Der Mensch erweitert sich
immer mehr und mehr. Mit der Wesenheit, die er durch die Pforte des
Todes getragen hat, lebt er im richtigen Sinne so, daB er ein Merkur-
bewohner, ein Venusbewohner, Marsbewohner und so weiter wird,
und er muB in einer gewissen Weise die Fahigkeit haben, in diesen
andern planetarischen Welten heimisch zu werden. Wie wird er dort
heimisch oder nicht heimisch?
Zuerst muB er, wenn seine Kamaloka-Zeit voriiber ist, in sich
selber etwas haben, was ihn fahig macht, eine Verwandtschaft zu
haben zu den Kraften, die in der Merkur-Sphare sind, in die er dann
versetzt ist. Nun erweist sich, wenn man verschiedene Menschen in
ihrem Leben zwischen Tod und neuer Geburt untersucht, daB die
Menschen fur dieses Leben verschieden sind. Und zwar finden wir
einen deutlichen Unterschied darin, je nachdem ein Mensch mit mora-
lischer Seelenverfassung, mit dem Ergebnis eines moralischen Lebens
in die Merkur-Sphare hineinwachst, oder mit dem Ergebnis eines un-
moralischen Lebens. Dabei sind natiirlich alle moglichen Nuancen
gemeint. Der Mensch mit moralischer Seelenstimmung und Seelen-
verfassung, mit einem moralischen Ergebnis seines Lebens, ist in der
Merkur-Sphare das, was man ein geistig geselliges Wesen nennen
konnte; er hat die Moglichkeit, mit andern Wesen - entweder mit
fruher hingestorbenen Menschen oder auch mit Wesen der Merkur-
Sphare - in Beziehung zu kommen, mit ihnen sozusagen Lebens-
beziehungen auszutauschen. Der unmoralische Mensch wird ein Ein-
siedler, fuhlt sich ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der iibrigen
Bewohner dieser Sphare. Das ist dasjenige, was das Moralische oder
Unmoralische in der Seelenverfassung nach sich zieht in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Es ist wesentlich, daB wir verstehen,
daB Moralitat in dieser Sphare unsern AnschluB und Zusammen-
schluB bewirkt mit den in dieser Sphare lebenden Wesen, und daB
unsere unmoralische Seelenstimmung unser eigenes Wesen wie in ein
Gefangnis einschlieBt, so daB wir dann zwar das Wis sen haben: die
andern Wesen sind da, aber wir sind gleichsam in einer Schale drinnen
und konnen nicht zu ihnen hin. Das Sich-Vereinsamen ist ein Er-
gebnis, sagen wir eines unsozialen, unmoralischen menschlichen
Erdenlebens.
Fur die nachste Sphare, die wir vorlaufig die Venus- Sphare nennen
wollen - im Sinne des Okkultismus wird sie ja immer so genannt
ist fiir die Art, wie der Mensch AnschluB findet, die religiose Seelen-
stimmung maBgebend. Menschen, die sich im Leben auf der Erde die
Ernpfindung dafiir erworben haben, daB alles Vergangliche in den
Dingen und im Menschen selber in Zusammenhang steht mit einem
Unverganglichen, und eine Ernpfindung dafiir, daB das Einzelleben
mit seiner Seelenstimmung hinneigen soil zu einem Gottlich-Geisti-
gen, solche Menschen finden den AnschluB an die Wesen dieser
Sphare. Dagegen ist zum Beispiel der materialistisch Gesinnte, der
seine Seele nicht dem Ewigen und Unverganglichen, dem Gottlichen
zukehren kann, wie in dem Gefangnis seines eigenen Wesens, in Ein-
samkeit gebannt, innerhalb dieser Sphare. Gerade innerhalb dieser
Sphare konnen wir am besten durch die okkulten Untersuchungen
sehen, wie wir uns fur diese Sphare in unserm Astralleibe hier auf der
Erde die Lebensbedingungen schaffen durch die Art, wie wir auf der
Erde leben. Wir miissen uns in einer gewissen Weise schon hier auf
der Erde Verstandnis, Hinneigung schaffen zu dem, womit wir dort
den AnschluB finden wollen. Nehmen wir nur einmal die Tatsache,
daB die Menschen auf der Erde in den verschiedensten Epochen zu
den verschiedensten Zeiten - wie es so sein muBte und ganz richtig
ist - die Vermittelung mit dem gottlich-geistigen Leben in den ver-
schiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen erhalten
haben. Die menschliche Entwickelung konnte ja nur so fortschreiten,
daB aus dem einheitlichen Quell, zum Beispiel des religiosen Lebens,
zu den verschiedensten Zeiten und fur die verschiedensten Volker, je
nach ihren Anlagen, je nach ihren klimatischen und anderen Verhalt-
nissen die verschiedenen Religionsbekenntnisse gegeben worden sind
von denen, die dazu berufen worden waren durch die Weltenverhalt-
nisse. Es stammen also diese religiosen Bekenntnisse aus einer ein-
heitlichen Quelle; aber sie sind verschieden abgestuft je nach den Be-
dingungen der einzelnen Volker. Und bis in unsere Zeiten herein
unterscheiden sich die Menschen nach Gruppen auf der Erde in bezug
auf ihre religiosen Bekenntnisse, in bezug auf ihre Weltauffassung.
Durch das aber, was ein religioses Bekenntnis, eine Weltauffassung
in unserer Seele bildet, bereiten wir uns das Verstandnis und die
AnschluBfahigkeit fur die Venus-Sphare. Die religiosen Empfindun-
gen des Hinduisten, die religiosen Empfindungen des Chinesen, des
Muselmanen, des Christen, sie bereiten seine Seele so, daB diese Seele
in der Venus-Sphare vor alien Dingen Verstandnis, Hinneigung und
Sympathie hat fur diejenigen Wesenheiten, welche die gleichen Emp-
findungen haben, und die ihre Seelen aus den gleichen Bekenntnissen
heraus gebildet haben. Man darf wirklich sagen: Es ist klar aus-
gesprochen fur die okkulte Forschung, wahrend die Menschen auf der
Erde heute noch - obwohl das fur die Zukunft ja durchkreuzt werden
wird und schon beginnt, durchkreuzt zu werden - nach Rassen,
Stammen und so weiter abgeteilt sind, und wir sie nach diesen Merk-
malen unterscheiden konnen, ist in der Venus-Sphare, die wir da mit
andern Menschen und andern Wesen durchleben, keine solche Rassen-
einteilung. Da gliedern sich die Menschen so, daB einzig ihre reli-
giosen Bekenntnisse, ihre Weltanschauungen maBgebend sind. Eine
gewisse Gliederung ist da aus dem Grunde noch vorhanden, weil ja
gerade diese irdische Gliederung, auch der Religionen, in gewisser
Beziehung abhangig ist von Stammes- und Rassenverhaltnissen. Aber
es ist nicht das Rassenelement maBgebend, sondern maBgebend ist,
was die Seele dadurch erlebt, daB sie ein bestimmtes Religions-
bekenntnis hat.
Immer bringen wir gewisse Zeiten nach unserm Tode innerhalb
dieser Spharen zu; dann erweitern wir uns und dringen bis zur nach-
sten Sphare weiter.
Das nachste, was der Mensch nach der Venus-Sphare erlebt, ist die
Sonnen-Sphare. Wir werden als Seelen tatsachlich zwischen dem Tode
und der neuen Geburt Sonnenbewohner. Fur die Sonnen-Sphare ist
noch etwas anderes notwendig als fur die Venus-Sphare. Fiir die
Sonnen-Sphare liegt die deutliche, die eminente Notwendigkeit vor,
wenn wir in ihr zwischen dem Tode und der neuen Geburt gedeihen
wollen, nicht bloB eine gewisse Gruppe von Menschen zu verstehen,
sondern alle menschlichen Seelen zu verstehen, zu alien Seelen ge-
wissermaBen Ankniipfungspunkte gewinnen zu konnen. Und in der
Sonnen-Sphare fuhlen wir uns schon als Einsiedler, als Vereinsamte,
wenn wir durch die Vorurteile irgendeines Religionsbekenntnisses
eingeschnurt sind und nicht in der Lage sind, denjenigen zu ver-
stehen, der von einem andern Bekenntnisse seine Seele durchdrungen
hat. Wer auf der Erde zum Beispiel nur die Moglichkeit gewonnen
hat, alles VortrefFliche zu empfinden bei irgendeinem religiosen Be-
kenntnis, der versteht - konnen wir jetzt sagen - alle Bekenner anderer
Religionsbekenntnisse wahrend der Sonnen-Sphare nicht. Aber dieses
Nichtverstehen ist nicht so wie auf der Erde. Hier konnen die Men-
schen nebeneinander gehen, ohne sich bis in die Seele hinein zu ver-
stehen, konnen sich spalten in verschiedene Religionsbekenntnisse
und Weltanschauungen. In der Sonnen-Sphare - da wir uns alle bis
dahin ausdehnen und durchdringen, sind wir zugleich zusammen
und durch unser Inneres getrennt -, da ist jede Trennung und jedes
Nichtverstehen zugleich ein Quell furchtbaren Leidens. Ein Vorwurf,
den wir nicht iiberbriicken konnen, weil wir uns auf der Erde nicht
dazu erzogen haben, und der immerdar auf uns lastet, ist die Begeg-
nung mit einem jeden Angehorigen eines anderen Bekenntnisses.
Es wird in einer gewissen Weise noch verstandlicher werden, was
hier zu sagen ist, wenn, von diesem Leben zwischen Tod und neuer
Geburt ausgehend, etwas auf die Initiation hingewiesen wird. Denn
das, was der Initiierte erlebt, wenn er die geistigen Welten betritt, ist
in einer gewissen Weise etwas durchaus Ahnliches wie in diesem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Der Initiierte muB sich in dieselben
Spharen hineinleben, und er wiirde, wenn er in den Vorurteilen einer
einseitigen Weltanschauung leben wiirde, in dieser Sonnen-Sphare
dieselben Qualen durchmachen. Daher ist es notwendig, daB der
Initiation ein volliges, restloses Verstehen jedes Bekenntnisses, das
auf unserer Erde verbreitet ist, vorhergehe, ein Verstehen dessen, was
in jeder einzelnen Seele lebt, gleichgultig, welcher Weltanschauung sie
angehort. Sonst ist alles andere, dem man ein solches Verstandnis
nicht entgegenbringt, etwas, was einem entgegenkommt qualvoll, wie
unendlich hohe Berge, die sich auf einen stiirzen wollen, wie explo-
sionsartige Erscheinungen, die einem entgegenkommen, so daB man
die ganze Gewalt solcher Explosionen sich auf sich entladen fiihlt.
Alles Unverstandnis, das man den Menschen entgegenbringt, weil
man sich selbst darin einschnurt, wirkt so in den geistigen Welten.
Das war nicht immer so. In den vorchristlichen Zeiten war die Ent-
wickelung der Menschheit nicht so, daB sich die Menschen erst hin-
entwickeln sollten zu einem solchen Verstandnis jeder einzelnen
Menschenseele. Die Menschheit muBte die Einseitigkeit durch-
machen. Aber die, welche zu einer gewissen Fuhrerschaft der Welt
hinaufgefuhrt wurden, sie muBten immer mehr oder weniger bewuBt
das in sich aufnehmen, was Verstandnis geben kann fur alles, ohne
Unterschied. Und selbst wenn irgendeine menschliche Wesenheit nur
der Fiihrer eines Volkes war, muBte sie in einer gewissen Weise in das
Verstandnis einer jeden menschlichen Seele eingefuhrt werden. Das
wird so grandios im Alten Testament an der Stelle angedeutet, wo
Abraham dem Melchisedek entgegentritt, dem Priester des Aller-
hochsten. Wer diese Stelle versteht, der weiB, daB Abraham, der der
Fiihrer seines Volkes werden sollte, in diesem Momente gleichsam
initiiert wurde - wenn auch nicht vollbewuBt, wie es in spateren
Initiationen der Fall ist - in bezug auf das Verstandnis desjenigen
Gottlichen, das in alle menschlichen Seelen hineinspielen kann. An
der Stelle, wo von der Begegnung des Abraham mit Melchisedek die
Rede ist, verbirgt sich iiberhaupt ein tiefes Geheimnis fur die Ent-
wickelung der Menschheit. Aber nach und nach muBte die Mensch-
heit vorbereitet werden, um immer mehr und mehr die Moglichkeit
zu haben, wirklich durch die Sonnen-Sphare fruchtbringend durch-
zugehen. Wie geschah das?
Der erste AnstoB in unserer Erdentwickelung zu einem solchen
richtigen Durchgehen durch die Sonnen-Sphare wurde gegeben,
nachdem die Vorbereitungen dazu durch das alttestamentliche Volk
geschaffen waren - wir werden auch noch dariiber zu sprechen haben-,
durch das Mysterium von Golgatha. Es kommt jetzt in diesem Augen-
blicke nicht darauf an, die Frage zu behandeln, ob das Christentum in
seiner bisherigen Entwickelung alle seine Ziele, alle seine Entwicke-
lungsmoglichkeiten schon aus sich herausgesetzt habe. Es ist ja ganz
selbstverstandlich, daB das Christentum in seinen religiosen Bekennt-
nissen nur Einseitigkeiten des gesamtchristlichen Prinzipes heraus-
gebildet hat und in Einzelheiten in seinen positiven Bekenntnissen
durchaus zuriicksteht gegeniiber anderen Bekenntnissen. Darauf aber
kommt es an, was es fur Entwickelungsmoglichkeiten in sich hat, was
es dem Menschen geben kann, der immer tiefer in sein Wesen eindringt.
Nun haben wir schon darzustellen versucht, was uns von diesen
Entwickelungsmoglichkeiten sprechen kann. Unendlich vieles ist da
zu sagen, aber nur eines soil jetzt benihrt werden, was uns den Punkt,
den wir im Augenblicke notig haben, beleuchten kann. Wenn wir
die verschiedenen Religionsbekenntnisse wirklich innerlich verstehen,
so finden wir einen charakteristischen Punkt, um die religiosen Be-
kenntnisse hervorzuheben. Das ist, daB doch fur die altere Erd-
entwickelung die einzelnen Bekenntnisse abgestimmt sind fiir die
einzelnen Rassen, Stamme, fiir die einzelnen Volksgliederungen der
Erde. Solche Dinge haben sich ja noch erhalten. Wir wissen, daB der
Hindureligion wahrhaftig heute noch nur der angehoren kann, der
auch als Hindu geboren worden ist. In gewisser Beziehung sind die
alteren Religionen Stammesreligionen, Volksreligionen. Nehmen Sie
den Ausdruck nicht als eine Herabwiirdigung, sondern nur als eine
Charakterisierung. Die einzelnen Religionen, die den Volkern von den
Iriitiierten gegeben worden sind, herausgenommen allerdings aus dem
Urquell einer allgemeinen Weltenreligion, aber angepaBt den einzelnen
Volkern, Stammen und so weiter, diese ein2elnen Religionen haben,
man mochte sagen, etwas Religios-Egoistisches. Immer haben die
Volker das geliebt, was ihnen aus ihrem eigenen Fleisch und Blut
religios erwachsen ist. Ja, wir wissen sogar, wenn in den alten Zeiten,
von den Mysterienstatten herriihrend, irgendwelche Religion bei den
Volkern des Altertums begriindet worden ist, dann ist nicht der,
welcher leiblich ein Fremdling war, hingegangen und hat dort eine
Religion begriindet, sondern er hat ein 2weites Mysterium begriindet,
das dahin getragen wurde, wo schon ein anderes war; dem Volke aber
wurde ein Angehoriger seines Volkes, seines Stammes zum Fiihrer
gegeben.
In dieser Beziehung besteht ein groBer Unterschied in bezug auf
das, was man das wahre Christentum nennen kann. Diejenige Indivi-
dualitat, zu welcher der Christ hinschaut, der Christus Jesus, er hat
gerade am wenigsten in demjenigen Volke, an der Statte der Erde
gewirkt, wo er unmittelbar hineingeboren war.
Wenn wir nun die abendlandischen Verhaltnisse betrachten: Sind
sie in religioser Beziehung gleich zu achten den indischen, den chinesi-
schen Verhaltnissen, das heiBt den Verhaltnissen, wo noch die Volks-
religionen fortdauern? Sie sind es nicht ! Unsere Gegenden waren nur
dann dem Indertum, dem Chinesentum gleich zu achten, wenn wir
hier in Mitteleuropa zum Beispiel gute Wotan-Glaubige waren. Dann
waren wir in derselben Lage; dann wiirde das Religios-Egoistische
auch hier zum Vbrschein kommen. Aber innerhalb des Abendlandes
ist das Religios-Egoistische verschwunden, und angenommen wurde
die Religion eines Stifters, die gar nicht in irgendeiner Volksgemein-
schaft liegt, sondern die aufierhalb derselben Hegt. Diese Tatsache
muB man ins Auge fassen. Was Blut zu Blut fuhrte und mitwirkte bei
der Begriindung der alten Religionsgemeinschaften, das wirkte nicht
mit bei der Verbreitung des Christentums. Das Seelische war es, was
da im wesentlichen wirkte, und angenommen wurde eine Religion,
die auBerhalb der Volksgemeinschaft zum Beispiel fur das Abendland
lag. Warum ist das? Es ist deshalb, weil das Christentum in seiner
tiefsten Wurzel von allem Anfange an darauf zugeschnitten war, ein
Bekenntnis zu sein fur alle Menschen, ohne Unterschied des Glaubens,
der Natioiialitat, des Stammes, der Rasse und alles dessen, was sonst
die Menschen voneinander trennt. Richtig wird das Christentum nur
verstanden, wenn es so verstanden wird, daB es nur das MenschHche
im Menschen beriihrt, dasjenige Menschliche, das in alien Menschen
ist. Und dem tut es keinen Abbruch, daB das Christentum in seinen
ersten Phasen und auch zu unserer Zeit Einzelbekenntnisse heraus-
gebildet hat; denn die Entwickelungsmoglichkeit des allgemein
Menschlichen liegt in dem Christentum. Es wird sich sogar auch
innerhalb der christlichen Welt ein groBer Umschwung vollziehen
miissen, wenn das Christentum in seiner Wurzel richtig verstanden
werden soli. Man wird einen gewissen Unterschied machen miissen
zwischen der Erkenntnis des Christentums und der Realitat des
Christentums.
Zwar hat schon Paulus mit diesem Unterschiede begonnen, und
wer Paulus versteht, kann von diesem Unterschiede etwas wissen;
aber es ist dieser Unterschied bis heute wenig verstanden worden.
Indem Paulus das christliche Bekenntnis zu dem Christus Jesus dem
bloBen Judentume entrissen hat und das Wort gepragt hat: « Christus
ist gestorben nicht bloB fur die Juden, sondern auch fur die Heiden »,
hat er etwas Ungeheures getan fur die richtige Auffassung des
Christentums. Denn es ware durchaus falsch, wenn jemand behaupten
wollte, das Mysterium von Golgatha hatte sich nur vollzogen fur die,
welche sich Christen nennen. Es hat sich vollzogen fur alle Menschen !
Das meint auch Paulus, wenn er sagt, es sei Christus auch gestorben
fur die Heiden, nicht bloB fur die Juden. Denn was durch das Myste-
rium von Golgatha in alles Erdenleben ubergegangen ist, das hat auch
Bedeutung fur alles Erdenleben. Und so grotesk es heute noch fur die
klingen mag, welche die gleich anzufiihrende Unterscheidung nicht
machen, so muB man doch sagen: Derjenige versteht erst die Wurzel
des Christentums, der zum Beispiel einen Bekenner eines anderen
Religionssystems - gleichgiiltig, ob er sich Inder oder Chinese oder
sonstwie nennt - so anzusehen vermag, daB er sich fragt : Wieviel ist
in ihm denn Christliches? - Nicht darauf, daB dieser das weiB, kommt
es an, sondern daB er kennt, was die Realitat des Christentums ist -
ebenso wie es nicht darauf ankommt, ob der Mensch Physiologie
kennt, wenn zugegeben werden soli, daB er die Tatsache des Ver-
dauens kennt. Wer aus seinem Religionssystem heute noch kein be-
wuBtes Verhaltnis hat zu dem Mystetium von Golgatha, der hat sich
eben noch kein Verstandnis dafiir erworben; das gibt aber dem andern
kein Recht, die Realitat des Christentums fur ihn zu leugnen. Erst
wenn die Christen soweit Christen sein werden, daB sie das Christliche
in alien Erdenseelen aufsuchen - und nicht, wenn sie es erst durch
irgendwelche Bekehrungsversuche den andern Seelen eingeimpft
haben -, dann erst wkd die Wurzel des Christentums richtig ver-
standen werden. Aber alles das liegt in dem richtig verstandenen
Christentum. Man muB den Unterschied machen zwischen der Realitat
und dem Verstandnisse des Christentums. Zu verstehen, was da seit
dem Mysterium von Golgatha auf der Erde ist, das ist ein groBes
Ideal, ein Ideal einer wichtigen Erkenntnis fiir die Erde, einer Er-
kenntnis, die sich nach und nach die Menschen aneignen werden. Aber
die Realitat ist geschehen, die ist einmal da, indem sich das Mysterium
von Golgatha vollzogen hat.
Nun hangt aber allerdings unser Leben in der Sonnen-Sphare
davon ab, welches Verhaltnis wir zu dem Mysterium von Golgatha
gewonnen haben. Es hangt unser Leben in der Sonnen-Sphare so ab
von diesem Verhaltnis, daB das, was in der Sonnen-Sphare verspiirt
werden kann - ein Verhaltnis zu gewinnen zu alien Menschen -, nur
moglich ist durch ein solches Verhaltnis zum Mysterium von Gol-
gatha, wie es eben jetzt charakterisiert worden 1st: durch ein Ver-
haltnis zum Mysterium von Golgatha, das uns auch nicht mehr ein-
schniirt in eine noch unvollkommene Ausgestaltung des Christen-
tums in diesem oder jenem Bekenntnis. Sonst machen wir uns unter
alien Umstanden in der Sonnen-Sphare zu einsamen Menschen, die
nicht die Seelen, die Gemiiter anderer Menschen finden konnen. - Es
gibt einen Ausspruch, der seine Kraft bis in die Sonnen-Sphare hinein
bewahrt: wo wir als Wesen innerhalb der Sonnen-Sphare zu einem
andern menschlichen Wesen kommen, da konnen wir mit diesem
andern menschlichen Wesen gesellig sein und nicht gleichsam durch
unsere eigene Wesenheit uns von ihm zunickstoBen, wenn sich an
unserer Seele der Ausspruch bewahrt: Wo zwei in meinem Namen
sich vereinen wollen, kann ich mitten unter ihnen sein. - In der wirk-
lichen Erkenntnis des Christus konnen sich innerhalb der Sonnen-
Sphare alle Menschen zusammenfinden. Und dieses Finden ist von
einer ungeheuren Wichtigkeit, von einer groBen Bedeutung. Denn
eine Entscheidung geschieht innerhalb der Sonnen-Sphare fur den
Menschen: er muB innerhalb der Sonnen-Sphare ein gewisses Ver-
standnis haben. Und wir konnen uns dieses Verstandnis am besten an
einer auBerordentlich bedeutungsvollen Tatsache klarmachen, die
eigentlich vor jeder Seele liegen konnte, die sich aber die mensch-
lichen Seelen nur nicht immer klarmachen.
Einer der schonsten Ausspriiche des Neuen Testamentes ist der,
den wir so charakterisieren konnen, daB der Christus Jesus im Men-
schen das BewuBtsein hervorrufen will von dem gottlich-geistigen
Wesenskerne im menschlichen Innern, daB der «Gott» als Gottes-
funke in jeder menschlichen Seele lebt, daB jeder Mensch eine Gott-
lichkeit in sich hat. Das hob der Christus Jesus besonders stark hervor,
und mit aller Kraft und Gewalt betonte er: «Ihr seid Gotter, alle!»
Und so betonte er es, daB man dem Ausspruch ansieht: Er betrachtet
diese Bezeichnung des Menschen, wenn der Mensch sie sich beilegt,
als das Richtige. - Diesen Ausspruch hat noch ein anderes Wesen
getan. Bei welcher Gelegenheit, das driickt symbolisch das Alte
Testament aus. Luzifer, am Beginne der Menschheitsentwickelung,
tut den Ausspruch: «Ihr werdet sein wie die Gotter! » Eine solche
Tatsache muB man bemerken. Zwei Wesen tun den inhaltlich gleichen
Ausspruch: Ihr werdet oder sollt sein wie die Gotter - Luzifer und
Christus! Und was will die Bibel sagen, indem sie beides gar wohl
betont? Sie will sagen, daB aus Luzifer s Wesen dieser Ausspruch zum
Unsegen gedeihe - aus Christi Wesenheit zum hochsten Segen. Ver-
birgt sich darin nicht ein wunderbares Geheimnis? Was Luzifer als
Versucherstimme in die Menschheit hineinwarf - als den hochsten
Weisheitsgehalt durfte es Christus zu den Menschen sprechen. Mit
eindringlichen Lettern steht hineingeschrieben in das entsprechende
Dokument, wie es nicht bloB auf den Inhalt irgendeines Ausspruches
ankommt, sondern im wesentlichen darauf, von wem der Ausspruch
kommt. Fuhlen wir es aus einer solchen Sache, daB wir die Dinge zu-
nachst immer tief genug nehmen und daB wir recht viel lernen konnen
aus dem, was uns auBerlich exoterisch schon vorliegt!
In der Sonnen-Sphare, zwischen Tod und neuer Geburt ist es, wo
wir vor alien Dingen immer wieder und wieder die ganze Gewalt der
Worte zu unserer menschlichen Seele sprechen horen: Du bist ein
Gott, du sollst ein Gott sein! - Und wir wissen da eines immer ganz
sicher, wenn wir in der Sonnen-Sphare ankommen: wir wissen, daB
Luzifer uns dort wieder begegnet und uns diesen Ausspruch recht ein-
dringlich zur Seele fiihrt. Luzifer beginnen wir von da ab recht gut zu
verstehen - den Christus nur dann, wenn wir uns auf der Erde all-
mahlich vorbereitet haben, ihn zu verstehen. Wir bringen in die
Sonnen-Sphare kein Verstandnis mit fur den Ausspruch, insofern er
aus Christi Wesenheit tont, wenn wir auf der Erde uns nicht dieses
Verstandnis durch unser Verhaltnis zu dem Mysterium von Golgatha
erworben haben. - Mit einem trivialen Worte mdchte ich folgendes
sagen. In der Sonnen-Sphare begegnen wir zwei Thronen. Dem
Thron des Luzifer: Da tont uns verfuhrerisch das Wort von unserer
Gottlichkeit entgegen, und dieser Thron ist immer besetzt. Der andere
Thron erscheint uns, oder besser gesagt, er erscheint vielen Menschen
noch recht leer, denn auf diesem andern Throne in der Sonnen-Sphare
miissen wir in unserem Leben zwischen Tod und neuer Geburt das-
jenige auffinden, was man nennen kann das Akasha-Bild von dem
Christus. Und konnen wir dieses Akasha-Bild des Christus in dem
Leben zwischen Tod und neuer Geburt in der Sonnen-Sphare auf-
finden, so ist das - wie wir in den weiteren Ausfiihrungen sehen wer-
den - zu unserem Heil. Aber wir konnen es nur finden, weil der
Christus von der Sonne herabgestiegen ist und sich mit der Erden-
Sphare vereinigt hat, und weil wir unser geistiges Auge durch das
Verstandnis fur das Mysterium von Golgatha auf der Erde scharfen
konnen, damit uns der Thron Christi auf der Sonne nicht leer er-
scheint, sondern damit seine Taten fur uns sichtbar werden, die er
verrichtet hat, als er noch selber die Sonne bewohnte. - Es ist ja gewiB
so - ich sagte sogar, ich muB mich trivial ausdriicken, wenn ich von
diesen zwei Thronen sprechen will -, daB man von diesen erhabenen
Verhaltnissen nur immer mehr oder weniger bildlich sprechen kann;
aber wer sich immer mehr zu einem Verstehen aufschwingt, der wird
begreifen, daB die Worte, die auf der Erde gepragt werden, nicht aus-
reichen, und daB man, um sich verstandlich zu machen, schon 2um
Bilde greifen muB.
Nun finden wir fur das, was wir wahrend der Sonnen-Sphare notig
haben, nur Verstandnis, Anlehnung, wenn wir uns auf der Erde etwas
angeeignet haben, was nicht nur in die astralen Krafte hineinspielt,
sondern auch in die Atherkrafte. Verfolgen Sie, was ich dargestellt
habe, so werden Sie wissen, daB die Religionen in die Atherkrafte
hineinspielen, den Atherleib des Menschen bearbeiten. Es bleibt uns
alien ein gutes geistiges Erbstiick, indem in unsere Seele Krafte aus
der Sonnen-Sphare hineingebracht sind, wenn wir ein Verstandnis fur
das Mysterium von Golgatha gewonnen haben. Denn aus der Sonnen-
Sphare mussen wir diejenigen Krafte herausziehen, die wir notig
haben, damit wir fur die nachste Inkarnation unsern Atherleib in der
richtigen Weise wiederbekommen konnen. Dagegen holen wir uns
aus den andern Planeten-Spharen die Krafte, welche wir brauchen,
damit wir in der nachsten Inkarnation unsern Astralleib in der rich-
tigen Weise bekommen konnen.
Nun soli niemand glauben, daB dasjenige, was ich eben gesagt habe,
in einem andern Sinne und Stil gemeint ist als in dem Stil und Sinne
menschlicher Entwickelung. Ich habe Ihnen vorhin gesagt : Schon in
der vorchristlichen Zeit war es einem solchen Menschheitsfuhrer, wie
dem Abraham, in der Begegnung mit Melchisedek, oder Malekzadik,
gegeben, sich diese Krafte fur die Sonnen-Sphare anzueignen. Nicht
eine intolerante Behauptung soil getan werden, als ob sich der Mensch
nur durch ein orthodoxes Christentum die Krafte aneignen konne, um
sich zu den Wesen in der Sonnen-Sphare in das richtige Verhaltnis zu
stellen, sondern eine Entwickelungstatsache soil ausgesprochen wer-
den. Und zwar die, daB die Moglichkeiten der alten Zeiten, in denen
durch andere Mittel das Akasha-Bild des Christus zu schauen war,
immer mehr und mehr schwinden mit dem Fortschreiten der Erd-
entwickelung. Die geistigen Augen des Abraham waren vollstandig
aufgetan fur das Akasha-Bild des Christus in der Sonnen-Sphare. Das
ist durchaus richtig. Es ist kein Einwand dagegen, daB das Mysterium
von Golgatha noch nicht geschehen war und daB da der Christus
noch auf der Sonne war; er war wahrend dieser Zeit mit anderen
planetarischen Spharen in seiner Realitat vereinigt. Es war durchaus
so, daB damals und bis in unsere Zeiten die Menschen das, was da zu
sehen war, schauen konnten. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen,
in jene Urzeiten zuriickgehen, in welchen die ersten Lehrer des alten
Indiens, die heiligen Rishis die Fiihrer ihres Volkes waren, so waren
das auch durchaus solche Menschheitsfiihrer, die wohl bekannt waren
mit dem Christus, der ja damals noch in der Sonne war, und die auch
denjenigen, die sich zu ihnen bekannten, ein solches Verstandnis, aller-
dings nicht mit den spateren Namen, beibrachten. Wenn auch in die
Erkenntnis-Sphare dieser alten Zeiten noch nicht das Mysterium von
Golgatha hineingewirkt hat, so war es fur diejenigen, die aus den
Tiefen des Seins heraus die intimen Wahrheiten holten, durchaus mog-
lich, auch das zu gewinnen, was es den Menschen moglich machte, aus
der Sonne das zu holen, was ihre Atherleiber in der entsprechenden
Weise erneuern konnte. Aber diese Moglichkeiten horten mit der weite-
ren Entwickelung der Menschheit auf; und sie miissen auf horen, weil
immer neue Krafte in die Menschheit hineingefiigt werden miissen.
Also was gesagt ist, das ist als Entwickelungstatsache gemeint. Wir
leben einer Zukunft entgegen, in welcher die Menschen sich immer
mehr und mehr die Moglichkeit nehmen werden, die Sonnen-Sphare
in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt richtig zu durchleben,
wenn sie sich von dem Christus-Ereignis entfernen. Wahr ist es : Wir
miissen das Christliche in jeder Seele suchen. Wir miissen, wenn wir
die Wurzel des Christentums verstehen wollen, bei jedem Menschen,
dem wir gegeniiberstehen, uns fragen: Wieviel ist in ihm Christ-
Hches? - Aber wahr ist es auch, daB sich der Mensch von demChristen-
tutn ausschlieBen kann dadurch, daB er sich nicht zum BewuBtsein
bringt, was es in der Realitat ist. Und wenn wir das Wort des Paulus
noch einmal wiederholen: « Christus ist gestorben nicht bloB fur die
Juden, sondern auch fur die Heiden», so kann hinzugefugt werden:
Wenn aber im weiteren Fortschritt der Menschheit die Menschen sich
ausschlieBen und immer mehr und mehr bewuBt das Mysterium von
Golgatha ablehnen wiirden, so wiirde das verhindern, daB das auch an
sie herankommt, was fur sie geschehen ist. Geschehen ist die Wohltat
des Mysteriums von Golgatha fur alle Menschen. Frei stent es jedem
Menschen, diese Wohltat auf sich wirken zu lassen. Davon aber, wie
er es auf sich wirken lafit, wird es in der Zukunft immer mehr und
mehr abhangen, wie weit er in der Lage ist, aus der Sonnen-Sphare
heraus die Krafte zu suchen, die notwendig sind, damit sich seine
atherische Leiblichkeit in der nachsten Inkarnation in der rechten
Weise herstellen kann. Was das fur eine unermeBKche Folge fiir die
ganze Zukunft des Menschengeschlechtes auf der Erde hat, davon
wollen wir in den nachsten Zeiten sprechen.
So ist das Christentum, wie es sich - zwar wenig verstanden - aber
doch immerhin an das Mysterium von Golgatha anschloB, die erste
Vorbereitung der Menschheit, um zu der Sonnen-Sphare wieder in
die richtige Beziehung zu kommen. Ein zweiter Impuls soli sein das
richtige anthroposophische Verstandnis des Mysteriums von Gol-
gatha. Man kann eine richtige Beziehung zur Sonnen-Sphare ge-
winnen, wenn man das Mysterium von Golgatha immer mehr und
mehr durchdringen lernt. Aber der Mensch lebt, wenn er in die
Sonnen-Sphare sich hineingelebt hat, weiter hinaus, lebt sich zum Bei-
spiel in die Mars-Sphare hinein. Es handelt sich darum, daB er nicht
bloB in der Sonnen-Sphare zu den Sonnenkraften ein richtiges Ver-
haltnis gewinnt, sondern dieses auch mittragt beim weiteren Hinaus-
leben in die Mars-Sphare. Damit sich sein BewuBtsein nicht ver-
dammert, damit es nach der Sonnen-Sphare nicht aufhort, sondern
damit er es hineintragen kann in die Mars-Sphare, in die Jupiter-
Sphare, die er dann zu durchleben hat, dafiir ist fiir unsern Mensch-
heitszyklus notwendig, daB in den Menschenseelen Platz greife das
spirituelle Verstandnis fiir das, was in unsern Religionen und Welt-
anschauungen lebt. Daher das Suchen des Verstandnisses fiir das, was
in Religionen und Weltanschauungen lebt. An die Stelle des geistes-
wissenschaftlichen Verstandnisses wird noch ein ganz anderes Ver-
standnis kommen, von dem sich heute der Mensch kaum einen Traum
bilden kann. Denn so wahr eine Wahrheit richtig ist in einer Epoche,
wenn sie von Wahrheitssinn durchdrungen ist, so wahr ist es auch,
daB immer neue und neue Impulse in die Menschheitsentwickelung
hineinkommen werden. Es ist durchaus wahr, daB das, was die
Anthroposophie zu geben hat, nur fur eine bestimmte Epoche gilt,
damit die Menschhek, wenn sie die Anthroposophie aufnimmt, diese
als verarbeitete Impulse in die weitere Zeit hineintragt, um mit den
verarbeiteten Kraften auch die spateren Krafte aufzunehmen.
So haben wir zeigen konnen, wie der Zusammenhang ist des Lebens
auf der Erde mit dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Nie-
mandem kann entgehen, daB der Mensch wahrhaftig ebenso not-
wendig hat ein Wissen, ein Gefiihl und eine Empfindung fiir das
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt wie fiir das irdische
Leben selber, weil, wenn er ins irdische Leben hereintritt, dieses
irdischen Lebens Heil, Zuversicht, Starke und Hoffhung davon ab-
hangen, welche Krafte er sich mitbringt aus dem Leben zwischen dem
letzten Tode und der diesmaligen Geburt. Welche Krafte wir uns aber
dort holen konnen, das hangt wieder davon ab, wie wir uns in der
friiheren Inkarnation verhalten haben; was wir fiir eine moralische
Verfassung, was fur eine religiose Verfassung oder was fur eine all-
gemeine menschliche Seelenverfassung wir uns angeeignet haben. So
miissen wir uns denken, daB wir mit dem Ubersinnlichen, in dem wir
zwischen Tod und neuer Geburt leben, schaffend mitarbeiten ent-
weder an der Fortentwickelung des ganzen Menschengeschlechtes
oder an der Zerstorung des Menschengeschlechtes. Denn wurden sich
die Menschen nicht die Krafte aneignen, die ihnen gesunde Astral-
leiber geben konnen, so wurden die Krafte in den menschlichen
Astralleibern leer und ode werden, und die Menschheit sanke mora-
lisch und religios auf dem Erdenrunde dahin. Und wurden sie sich
nicht die Krafte holen fiir die Atherleiber, so wurden sie hinsiechen
als Menschengeschlecht auf der Erde. Jeder kann sich die Vorstellung
bilden: Wieweit muB ich mitarbeiten, daB nicht bloB sieche Leiber
iiber das Erdenrund hingehen? Nicht bloB ein Wissen, sondern eine
Verantwortlichkeit ist die Anthroposophie, die uns mit dem ganzen
Wesen der Erde in Zusammenhang bringt und in Zusammenhang
erhalt.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 3. December 1912
Unter dem, was in unsern Betrachtungen iiber das Leben zwischen
dem Tode und der neuen Geburt schon angedeutet worden ist, wird
Thnen erinnerlich sein, wie der Mensch zwischen Tod und neuer Ge-
burt zunachst in den Verhaltnissen weiterlebt, die er sich hier im
Erdendasein vorbereitet hat. Wir haben darauf hingewiesen, daB,
wenn wir eine Personlichkeit in der geistigen Welt nach dem Tode
wieder antreffen, das Verhaltnis zwischen uns und dieser andern Per-
sonlichkeit zunachst das ist, das sich wahrend des Erdendaseins an-
gesponnen hat, daB wir aber an diesen Verhaltnissen zunachst nichts
andern konnen. Sagen wir also: Irgendein Freund oder sonst eine
Personlichkeit, die vor uns hingestorben ist, wurde von uns nach dem
Tode in der geistigen Welt angetrofFen. Nehmen wir an, sie ware eine
derjenigen Personlichkeiten, der wir durch gewisse Umstande zum
Beispiel Liebe schuldig waren und der wir diese Liebe in einer ge-
wissen Beziehung entzogen haben. Wir werden nun das Verhaltnis,
das vor dem Tode bestanden hat, das Verhaltnis einer gewissen durch
uns verschuldeten Lieblosigkeit, weiter zu erleben haben. Wir stehen
in der im vorhergehenden Vortrage geschilderten Weise der Person-
lichkeit gegeniiber und schauen sozusagen das an, erleben es immer
wieder und wieder, was wir im Leben vor dem Tode herausgebildet
haben. Wenn zum Beispiel das Leben so war, daB wir von einem be-
stimmten Zeitpunkte an im Erdenleben eine Anderung haben ein-
treten lassen in dem Verhaltnisse zu der betreffenden Personlichkeit,
daB wir zum Beispiel zehn Jahre vor dem Ableben dieser Personlich-
keit, oder bevor wir gestorben sind, erst das eben geschilderte Ver-
haltnis der selbst verschuldeten Unliebe haben eintreten lassen, so
werden wir durch entsprechend lange Zeit nach dem Tode in diesem
Verhaltnisse zu leben haben und erst, nachdem wir dieses Verhaltnis
durchgekostet haben, weiterkommen, um auch das bessere Verhaltnis,
in dem wir zu dieser Personlichkeit vorher waren, nach dem Tode in
entsprechender Weise zu durchleben. Das ist es, was wir ins Auge
fassen miissen : daB wir gegeniiber der Anderung von Verhaltnissen,
die wir auf der Erde haben eintreten lassen, nach dem Tode nicht in
der Lage sind, sie sozusagen auszugleichen, zu verandern, daB eine
gewisse Unveranderlichkeit eingetreten ist.
Man kdnnte sehr leicht glauben, daB dies nur ein schmerzvolles
Verhaltnis sei, und daB eigentlich diese ganze Sache nur mit Leid von
dem Menschen erblickt werden konnte. Wir wurden, wenn wir so
urteilen, nach unsern beschrankten irdischen Verhaltnissen urteilen.
Die Dinge nehmen sich aber, von der geistigen Welt aus gesehen, viel-
fach anders aus. Im Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
muB der Mensch allerdings den ganzen Schmerz durchmachen, der
dadurch verursacht wird, daB er sich sagen muB: Ich sehe jetzt, wo
ich in der geistigen Welt bin, das Unrecht ein, kann es aber nicht
andern, muB es sozusagen andern lassen durch die Verhaltnisse. -
Wer das sieht, lebt allerdings diesen Schmerz durch. Aber er lebt
durchaus auch das durch, daB er weiB, daB es so sein muB, und daB es
fur seine Fortentwickelung schadlich, schlimm ware, wenn es nicht so
ware, wenn er nicht das aufnehmen konnte, was er durch einen solchen
Schmerz erleben kann. Denn indem wir ein solches Verhaltnis an-
sehen und nicht andern konnen, nehmen wir die Kraft auf, um es
spater im Lebenskarma zu andern. So arbeitet die Technik des Karma,
daB wir es umwandeln und andern konnen, wenn wir wieder in eine
physische Verkorperung eintreten. Nur im geringsten MaBe ist eigent-
lich die Moglichkeit vorhanden, daB der Verstorbene selbst es andern
kann. Er sieht gleichsam herankommen - das bezieht sich vor alien
Dingen auf die erste Zeit nach dem Tode, auf die Zeit im Kamaloka -,
was bedingt ist durch das Leben vor dem Tode; aber er muB dabei
zunachst stehenbleiben und kann eine Anderung in seinen Verhalt-
nissen, in seinem Erleben nicht eintreten lassen.
Da diirfen wir sagen : Viel mehr EinfluB als der Verstorbene selbst
auf sich hat, und als andere Hingestorbene auf ihn haben, haben die
Lebenden, die Zuriickgebliebenen hier. Und das ist etwas, was un-
geheuer bedeutsam ist. Wer noch auf dem physischen Plane zuriick-
geblieben ist und ein gewisses Verhaltnis mit den Verstorbenen an-
gekniipft hat, wer Beziehungen hat zu den Seelen zwischen Tod und
neuer Geburt, der ist eigentlich allein imstande, aus menschlicher Will-
kiir heraus wahrend dieses Lebens noch irgendwelche Veranderungen
bei den Verstorbenen nach dem Tode eintreten zu lassen.
Nehmen wir einen konkreten Fall, der uns zugleich Verschiedenes
lehren kann. Und dabei konnen wir auch Riicksicht nehmen auf das
Kamalokaleben; denn in dieser Beziehung andern sich die Verhalt-
nisse nicht, wenn in die spatere Devachanzeit iibergegangen wird.
Denken wir uns, zwei Menschen haben auf der Erde gelebt. Es kann
der Fall eintreten, daB der eine in einem bestimmten Zeitpunkte seines
Lebens ein Verhaltnis gewonnen hat - sagen wir, was uns naheliegt -
zur Anthroposophie; er ist Anthroposoph geworden. Der andere, der
neben ihm hergeht, wird dadurch, daB der Freund Anthroposoph ge-
worden ist, gerade recht wutend auf die Anthroposophie, fangt jetzt
erst an, ganz furchtbar iiber dieselbe zu schimpfen. Vielleicht haben Sie
auch etwas daruber erfahren, wodurch Sie sich sagen konnen: Es
wiirde der andere vielleicht gar nicht auf die Anthroposophie so
wutend sein, wenn sein Freund nicht gerade Anthroposoph geworden
ware ! - Nehmen wir an, die Anthroposophie ware zuerst an ihn heran-
getreten: dann wiirde er vielleicht ein guter Anthroposoph geworden
sein. Das kann sein; solche Verhaltnisse gibt es im Leben. Aber wir
miissen uns klar sein, daB solche Verhaltnisse oft gar sehr in der
Maja, in dem, was wir die Tauschung des Lebens nennen, spielen kon-
nen. So kann folgendes der Fall sein. Der da beginnt furchtbar auf die
Anthroposophie zu schimpfen, weil sein Freund Anthroposoph ge-
worden ist, schimpft nur in seinem OberbewuBtsein, in seinem Ich-
BewuBtsein; in seinem astralen BewuJStsein, in seinem UnterbewuBt-
sein braucht er durchaus nicht die Abneigung gegen die Anthropo-
sophie zu teilen. Ohne daB er es weiB, kann sich sogar eine Sehnsucht
nach der Anthroposophie herausstellen. Und bei vielen ist es so, daB
dasjenige, was sich als Abneigung im OberbewuBtsein herausstellt,
Neigung ist im UnterbewuBtsein. Dadurch, daB jemand im Ober-
bewuBtsein dies oder jenes auBert, braucht er noch nicht ebenso zu
fiihlen und zu empfinden, wie er sich auBert. Nach dem Tode erleben
wir nicht bloB die Nachwirkungen dessen, was in unserem Ober-
bewuBtsein, in unserem Ich-BewuBtsein ist. Wer das glaubte, wiirde
die Verhaltnisse nach dem Tode ganz falsch ansehen. Wir haben oft
betont, wie der Mensch zwar physischen Leib und Atherleib mit dem
Tode abstreift, aber Wiinsche, Sehnsuchten und so weiter bleiben.
Doch es bleiben nicht nur die Wiinsche und Sehnsuchten, von denen
der Mensch etwas weiB, sondern auch die, welche in seinem Unter-
bewuBtsein sind und von denen er nichts weiB, die er vielleicht be-
kampft, gegen die er wiitet. Diese sind nach dem Tode oft viel starker
und intensiver, als sie im Leben sind. Im Leben zeigt sich eine gewisse
Disharmonie zwischen Astralleib und Ich in einem Sich-Odefuhlen,
Sich-Unbefriedigtfuhlen und so weiter. Nach dem Tode gibt gerade
das astralische BewuBtsein den ganzen Charakter der menschlichen
Seele an, das ganze Geprage, wie der Mensch ist. Was wir in unserern
OberbewuBtsein ausleben, ist nicht einmal von so groBer Bedeutung
wie alle die verborgenen Wiinsche, Begierden, Leidenschaften, die in
den Seelentiefen vorhanden sind und von denen das Ich oft gar nichts
weiB. So kann es sein, daB ein solcher Mensch, der, weil sein Freund
Anthroposoph geworden ist, iiber die Anthroposophie herzieht, durch
die Pforte des Todes geht. Und jene Sehnsucht, die sich vielleicht
gerade deshalb ausgebildet hat, weil er fiber die Anthroposophie ge-
schimpft hat, macht sich geltend und wird jetzt ein innigster Wunsch
nach der Anthroposophie. Dieser Wunsch muBte ungestillt bleiben;
denn es konnte kaum der Fall eintreten, daB der Mensch nach dem
Tode selbst Gelegenheit hatte, diesen Wunsch zu befriedigen. Aber
durch eine eigentumliche Verkettung der Umstande kann in einem
solchen Falle der, welcher auf der Erde zuriickgeblieben ist, dem
andern helfen und an dessen Verhaltnissen etwas andern. Und hier
tritt der Fall ein, der in zahlreichen Fallen auch in unseren Reihen zu
beobachten ist.
Wir konnen zum Beispiel den Verstorbenen vorlesen. Das macht
man in der Weise, daB man sich die lebendige Vorstellung bildet, der
Tote sei vor einem: man stellt sich etwa seine Gesichtszuge vor und
geht in Gedanken die Dinge mit ihm durch, die zum Beispiel in einem
anthroposophischen Buche stehen. Man braucht es nur in Gedanken
zu tun; das wirkt in einer unmittelbaren Weise auf den, der durch die
Pforte des Todes gegangen ist. Und solange er im Kamaloka-Zustand
ist, ist die Sprache auch kein Hindernis; das ware sie erst, wenn er im
Devachan ist. Daher kann auch nicht die Frage aufgeworfen werden :
Versteht denn der Tote die Sprache? - Wahrend der Kamalokazeit ist
durchaus noch eine Empfindung fur die Sprache vorhanden. In einer
solchen aktiven Weise kann der Mensch demjenigen Hilfe leisten, der
durch die Pforte des Todes gegangen ist. Was so aus dem physischen
Plan heraufstromt, das ist etwas, was eine Anderung in den Verhalt-
nissen des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt hervor-
rufen kann, was dem Verstorbenen gegeben werden kann nur von der
physischen Welt aus, was ihm aber nicht von der geistigen Welt direkt
gegeben werden kann.
Wir sehen daraus, daB Anthroposophie, wenn sie sich wirklich in
die Herzen der Menschen einlebt, tatsachlich die Kluft iiberbriicken
wird zwischen der physischen und der geistigen Welt, und das wird
der Lebenseffekt, der groBe Lebenswert der Anthroposophie sein. Es
ist die Anthroposophie wirklich erst im Anfange ihres Wirkens, wenn
man die Hauptsache darin sieht, daB man sich gewisse anthroposophi-
sche BegrifFe und Ideen aneignet, wie der Mensch aus seinen Wesens-
gliedern besteht oder was ihm aus der geistigen Welt zukommen kann.
Erst wenn man weiB, wie Anthroposophie in unser Leben eingreift,
wird sie die Briicke schafFen zwischen der physischen und der geistigen
Welt, aber praktisch schafFen. Wir werden uns dann nicht mehr bloB
passiv verhalten zu denen, die durch die Pforte des Todes gegangen
sind, sondern wir werden uns aktiv zu ihnen verhalten, werden in
einem lebendigen Verkehr mit ihnen stehen und ihnen helfen konnen.
Dazu muB sich allerdings die Anthroposophie in das BewuBtsein ein-
leben, daB unsere gesamte Welt zusammengefugt ist aus dem physi-
schen Dasein und dem uberphysischen, dem spirituellen Dasein, und
daB der Mensch nicht nur auf der Erde ist, um fur sich selber wahrend
des Lebens zwischen Geburt und Tod die Friichte des physischen
Lebens zu sammeln, sondern daB er auf der Erde ist, um in die iiber-
physische Welt das hinaufzuschicken, was nur auf dem physischen
Plane gepflanzt werden kann, was iiberhaupt nur auf diesem Plane da
sein kann. Ob der Mensch durch ein Berechtigtes, ob er, sagen wir,
durch Bequemlichkeit fern geblieben ist den anthroposophischen
Anschauungen : wir konnen nach dem Tode diese anthroposophischen
Anschauungen auf die geschilderte Art an ihn heranbringen.
Da kann es ja sein, daB vielleicht jemand die Frage aufwirft : Viel-
leicht geniere das den Verstorbenen, vielleicht will er das nicht? -
Diese Frage ist nicht ganz berechtigt, aus dem Grunde, weil die
Menschen der Gegenwart in ihrem UnterbewuBtsein gar nicht so
sonderlich viel gegen die Anthroposophie haben. Sie haben eigentlich
gar nichts in ihrem UnterbewuBtsein dagegen; und konnten wir an
das UnterbewuBtsein derer heran, die in ihrem OberbewuBtsein gegen
die Anthroposophie wiiten, so heran, daB ihr UnterbewuBtsein mit-
sprechen konnte, so wiirde es kaum irgendeine Gegnerschaft gegen
die Anthroposophie geben. Denn der Mensch ist vorurteilsvoll und
befangen gegen die geistige Welt nur in seinem Ich-BewuBtsein, nur in
dem, was sich als Ich-BewuBtsein auf dem physischen Plane auswirkt.
Auf diese Weise haben wir die eine Seite der Vermittelung der
physischen Welt und der spirituellen Welt kennengelernt. Wir konnen
aber auch die Frage aufwerfen : Ist auch von der anderen Seite nach
dieser physischen Welt eine Vermittelung moglich? Das heiBt: kann
in einer gewissen Beziehung der, welcher durch die Pforte des Todes
gegangen ist, irgendwie sich denen mitteilen, die auf dem physischen
Plane geblieben sind? - Das ist heute im allergeringsten MaBe der
Fall, und zwar aus dem Grunde, weil die Menschen auf dem physi-
schen Plane zumeist nur in ihrem Ich-BewuBtsein leben und nicht in
das BewuBtsein eintauchen, das an den Astralleib gebunden ist. Nun
ist es nicht so leicht, eine Vorstellung davon hervorzurufen, wie all-
mahlich die Menschen, wenn die Anthroposophie weiter und weiter
in der Menschheitsevolution gedeihen wird, ein BewuBtsein von dem
erringen werden, was um den Menschen rings herum ist als eine
astrale oder devachanische oder sonstwie geistige Welt. Aber es wird
das kommen. Rein dadurch, daB der Mensch auf das Riicksicht
nimmt, was ihm die Anthroposophie durch ihre Lehren geben kann,
wird er die Mittel und Wege finden, um die Welt des bloB physischen
Planes zu durchbrechen und sozusagen Aufmerksamkeit zu ver-
wenden auf die Welt, die ja rings um ihn herum ist und die ihm nur
entgeht, weil er nicht aufmerksam ist auf die geistige Welt.
Wie konnen wir Mittel und Wege finden, um auf diese geistige
Welt aufmerksam zu werden?
Ich mochte heute eine Vorstellung in Ihnen hervorrufen, wie der
Mensch zunachst wissen kann, wie wenig er eigentlich von den
Dingen der Umwelt in Wahrheit weiB und erkennt. Der Mensch er-
kennt namlich eigentlich ungemein wenig Bedeutungsvolles von der
Welt. Er lernt durch seine Sinne und seinen Verstand die gewohn-
lichen Tatsachen erkennen, in die er hineingesponnen ist. Was da
vorgeht und was in ihm selber vorgeht, lernt er kennen und ver-
kniipft dann dieses, nennt das eine die Ursachen, das andere die
Wirkungen, und glaubt danri die Vorgange zu kennen, wenn er sie
nach Ursache und Wirkung oder nach anderen Begriffen verknupft.
Wir gehen zum Beispiel morgens um acht Uhr aus unserer Wohnung,
betreten die StraBe, gehen dann an die Berufsstatte, essen dann wah-
rend des Tages, machen dieses oder jenes zu unserem Vergniigen; das
machen wir, bis wir wieder in den Schlaf hiniibergehen. Dann ver-
kniipfen wir diese Dinge in unserem Leben: das eine macht einen
starkeren Eindruck auf uns, das andere einen schwacheren. Dadurch
erleben wir auch Seelenimpressionen: das eine ist uns sympathisch,
das andere antipathisch. So leben wir - eine geringfugige t)ber-
legung kann uns das lehren -, wie wenn wir oben auf dem Meere
schwimmen und gar keine Vorstellung haben von dem, was unten auf
dem Meeresgrunde ist. So leben wir in das Leben hinein und lernen
nur kennen, was auBerlich als Wirklichkeit vorgeht. Aber in dem,
was als Wirklichkeit so vorgeht, steckt ungeheuer viel darin. Nehmen
wir das Beispiel: Wir sollten jeden Tag um acht Uhr morgens aus
unserem Zimmer gehen, um an unsere Berufsstatte zu kommen. Eines
Tages gehen wir drei Minuten spater fort. Wir erleben da auch wieder
etwas : Wir kommen um drei Minuten spater an und machen es dann
wieder so, wie sonst, wenn wir um acht von Hause fortgehen. Aber
manchmal gelingt es uns doch, zu konstatieren, daB, wenn wir um
acht Uhr auf der StraBe gewesen waren, wir vielleicht von einem
Automobil uberfahren und getotet worden waren. Das heiBt in die-
sem Falle: Wenn wir um acht Uhr auf die StraBe gegangen waren,
lebten wir gar nicht mehr. Oder wir konnen ein andermal feststellen,
daB gerade ein Eisenbahnzug verungliickt ist, den wir sonst benutzt
hatten, so daB wir uns ausrechnen konnen, daB wir mitverungluckt
waren. Da haben wir noch radikaler, was ich eben ausgesprochen
habe. Wir beachten nur das, was geschieht, und nicht das, was fort-
wahrend geschehen kann und dem wir entgehen. Wir entgehen fort-
wahrend Dingen, die mit uns geschehen konnten, und unendlich
groBer ist die Sphare der Moglichkeiten gegeniiber dem, was wirklich
geschieht.
Nun konnen wir sagen: Das hat zunachst fur unser auBeres Leben
keine Bedeutung. - Ganz gewiB, fiir das auBere nicht, aber fiir das
innere doch! Nehmen Sie an, Sie hatten die Erfahrung gemacht, daB
Sie schon ein Billett fur den «Titanic »-Dampfer gehabt haben, daB ein
Freund Ihnen abgeraten hat zu fahren; Sie haben das Billett verkauft
und Sie wiirden dann von der Katastrophe horen. Wiirden Sie dann
dasselbe Seelenerlebnis haben, als wenn Sie ein unbeteiligter Beobach-
ter waren? Wiirde es nicht vielmehr einen auBerordentlich bedeut-
samen Eindruck auf Ihre Seele machen? Wenn wir eben wxiBten, vor
wie vielen Dingen wir in der Welt bewahrt werden, wie viele Dinge
moglich sind im guten und schlimmen Sinne, fiir welche die Krafte
zusammendrangen und nur dutch eine Verschiebung nicht zusammen-
kommen, dann hatten wir eine Empfindung fur Seelenerlebnisse des
Gliickes oder des Ungliickes, fiir Erlebnisse des Leibes, die fiir uns
moglich sind, aber die wir nicht erleben, die wir ganz und gar nicht
erleben. Wer von alien denen, die hier sitzen, kann wissen, was er
erlebt hatte, wenn zum Beispiel heute abend der Vortrag abgesagt
worden ware und er irgendwo anders ware? Wenn er es aber wissen
wiirde, so wiirde er manchmal aus diesem Wissen eine ganz andere
innere Seelenverfassung haben, als er jetzt hat, weil er nicht weiB, was
hatte geschehen konnen.
Dies alles, was so moglich ist, aber nicht wirklich wird auf dem
physischen Plan, lebt als Krafte, als EfFekte hinter unserer physischcn,
in der geistigen Welt, ist dort als Krafte wirklich vorhanden, durch-
schwirrt sozusagen die geistige Welt. Es stiirmen auf uns nicht nur die
Krafte ein, die uns hier in der Wirklichkeit bestimmen, sondern auch
die unermeBHch zahlreichen Krafte, die nur in der MogHchkeit vor-
handen sind, und nur selten dringt etwas von diesen Moglichkeiten in
unser physisches BewuBtsein herein. Dann ist es in der Regel aber
auch die Veranlassung eines bedeutsamen Seelenerlebnisses. Sagen
Sie nicht: Was jetzt dargestellt worden ist, daB es eine unendliche
Welt der Moglichkeiten gibt, daB zum Beispiel hier der Vortrag ab-
gesagt sein konnte und daB die hier Sitzenden etwas anderes erleben
konnten - das alles spreche gegen das Karma. - Es spricht nicht
gegen das Karma. Wenn man das sagte, wiirde man nicht wissen, daB
die Karma-Idee, wie wir sie dargestellt haben, nur fur die Welt der
Wirklichkeiten innerhalb des physischen Menschenlebens gilt, und
daB das Leben des Geistigen durchlebt und durchwebt unser phy-
sisches Leben, daB eine Welt der Moglichkeiten herrscht, wo die Ge-
setze, die jetzt spielen als karmische Gesetze, ganz anderer Natur sind.
Wenn wir uns ein biBchen mit einem Gefuhl davon durchdringen,
was fur ein kleiner Teil die Welt der physischen Wirklichkeiten von
dem ist, was wir erleben konnten, wie unsere Welt der Erlebnisse nur
ein herausgeschnittenes Stuck der Moglichkeiten ist, dann kann uns
das den ungeheuren Reichtum, das Sprudelnde des geistigen Lebens
nahelegen, das hinter unserem physischen Leben ist.
Nun kann folgendes vorkommen. Es kann ein Mensch tatsachlich
ein wenig in seinen Gedanken, oder nicht einmal in seinen Gedanken,
sondern in seinem Gefuhl Riicksicht nehmen auf diese Welt der Mog-
lichkeiten. Er kann zum Beispiel einmal so etwas erfahren: Du hast
einen Zug versaumt, bei dessen Ungliick du wahrscheinlich von dem
Tode getroffen worden warest. - Das kann ein Moment sein, der in
der Seele einen tiefen Eindruck macht, wenn uns das vor Augen
steht. Solche Momente sind geeignet, um uns sozusagen offen zu
machen gegen die geistige Welt hin, wo dann Ahnungen in uns herein-
kommen konnen. Solche Momente, die irgendwie mit uns zu-
sammenhangen, konnen uns dann auch vorhandene Wiinsche oder
Gedanken der Seelen, welche zwischen dem Tode und der neuen Ge-
burt leben, ankundigen.
Wenn Anthroposophie bei den Menschen das Gefuhl fur die Mog-
lichkeiten des Lebens, fur bestimmte Ereignisse und Erschiitterungen
lebendig machen wird, die nur dadurch nicht geschehen sind, daB
irgend etwas, wozu die Krafte da waren, nicht zustande gekommen
ist, wenn das gefuhlt wird, und die Seele an einem solchen Gefuhle
festhalt, dann ist sie tatsachlich geeignet, Erfahrungen aus der geisti-
gen Welt hereinzunehmen von solchen Personlichkeiten, mit denen
sie in der physischen Welt zusammengehangen hat. Wenn der Mensch
auch wahrend des turbulenten Tageslebens zumeist nicht geneigt ist,
sich den Gefiihlen, was hatte geschehen konnen, hinzugeben, so gibt
es aber doch Zeiten im menschlichen Leben, in denen dies, was hatte
geschehen konnen, bestimmend wirkt auf die menschliche Seele.
Wiirden Sie das Traumleben oder das eigentiimliche Leben im t)ber-
gehen vom Wachen in Schlaf oder vom Schlaf in Wachen genauer
beobachten, wiirden Sie gewisse Traume genauer beobachten, die
manchmal ganz unerklarhch sind, wo einem dies oder jenes, was mit
einem geschieht, in einem Traumbilde oder in einer Vision vor die
Seele tritt, wiirde die Seele dem nachgehen, so wiirde sie finden, daB
solche unerklarliche Bilder so etwas sind, was hatte geschehen kon-
nen, und was nur dadurch abgehalten worden ist, daB andere Ver-
haltnisse eingetreten sind als die, die hatten geschehen konnen, oder
weil sonst kgendwie Hindernisse eingetreten sind. Wer durch Medi-
tationen oder auf andere Weise sein Vorstellungsleben beweglich
macht, der wird, wenn auch nicht in deutlich ausgesprochenen Vor-
stellungen, doch aber gefuhlsmaBig Momente im Wachleben haben,
in denen er fuhlt, wie er in einer Welt der Moglichkeiten drinnen lebt.
Wenn man ein solches Gefuhl entwickelt, bereitet man sich dazu vor,
um Eindriicke aus der spirituellen Welt eben von denjenigen Men-
schen zu bekommen, die mit einem in der physischen Welt verbunden
waren. Und dann treten derartige Einwirkungen auch in solchen Mo-
menten, wie sie eben charakterisiert worden sind, als Traumerlebnisse
zutage, die aber dann eine reale Bedeutung haben, die auf etwas Wirk-
liches in der spirituellen Welt hinweisen. Gerade indem uns die Anthro-
posophie lehrt, daB es hier im Leben zwischen Geburt und Tod das
Karma gibt, zeigt sie uns, daB, wo wir auch stehen, wir immer vor
einer unendlichen Zahl von Moglichkeiten stehen, die geschehen
konnten. Eine wird ausgewahlt nach dem Gesetz des Karma; die
anderen stehen dahinter, die umgeben uns gleichsam wie eine reale
Weltenaura. Je mehr wir an das Karma glauben, desto mehr glauben
wir auch an diese reale Weltenaura, die uns umgibt aus lauter Kraften,
die zusammenkommen, aber doch in einer Weise verschoben werden,
so daB sie auf dem physischen Plane zu nichts fiihren.
Wenn wir uns gerade durch Anthroposophie das Gemiit be-
einflussen lassen, wenn solche Dinge sich hereinleben in unser Gemiit,
dann wird Anthroposophie das menschliche Erziehungsmittel sein,
um auch Eindriicke, Einfliisse aus den geistigen Welten aufzunehmen.
Wenn also Anthroposophie auf das Kulturleben, auf das Geistesleben,
einen EinfluB gewinnt, dann wird nicht nur von dem physischen
Leben hinauf ins Spirituelle dasjenige an Einfliissen gehen, was vorhin
beschrieben worden ist, sondern es werden dann auch die Erlebnisse
zuriickkommen, welche die Verstorbenen haben in der Zeit, die sie
durchleben zwischen Tod und neuer Geburt. So wird auch hier die
Kluft beseitigt werden zwischen der physischen und der spirituellen
Welt. Dadurch wird eine ungeheure Erweiterung des menschlichen
Lebens zustande kommen, und erst dadurch wird zustande kommen,
was die Anthroposophie schaffen soil: eine wirkliche Verbindung der
beiden Welten, nicht nur ein theoretisches Begreifen, daB es eine
geistige Welt gibt. Es ist einmal notwendig, zu begreifen, daB die
Anthroposophie ihre vollstandige Aufgabe erst dann erfiillt, wenn sie
die menschlichen Seelen lebendig durchdringt und wenn wir durch
sie nicht nur etwas begreifen, sondern ganz anders werden in unserer
ganzen Stellung und in unserem Verhaltnisse zur umliegenden Welt.
Der Mensch denkt vermoge der Vorurteile unseres Zeitenzyklus
viel, viel zu materialistisch. Auch wenn er oftmals an eine geistige
Welt glaubt, denkt er viel zu materialistisch. So wird es dem Menschen
auBerordentlich schwierig, das richtige Verhaltnis zwischen Seeli-
schem und Leiblichem im heutigen Zeitalter ins Auge zu fassen. Die
Denkgewohnheiten gehen doch zu sehr danach hin, daB wir so-
zusagen das Seelische zu eng gebunden denken an das Korperliche.
Hier kann uns vielleicht nur ein Vergleich zu dem verhelfen, was wir
eigentlich begreifen sollen.
Wenn wir eine Uhr anschauen, so besteht sie aus Radern, aus
sonstigen Metallteilen und dergleichen. Schauen wir jemals eine Uhr
an im gewdhnlichen Leben, in welchem sie uns dienen soil, um das
Werk zu studieren oder um das Ineinanderspielen der Rader zu
studieren? Nein. Wir schauen die Uhr an, um durch sie zu erfahren,
wieviel Uhr es ist. Das ist aber etwas, was gar nichts zu tun hat mit
alien Metallteilen und dergleichen. Denn, was hat die Zeit mit den
Metallteilen zu tun? Wir schauen die Uhr an und kummern uns gar
nicht um das, was uns die Uhr selber zeigt. Oder nehmen wir ein
anderes Beispiel zum Vergleich. Wenn der Mensch heute vom Tele-
graphieren spricht, so hat er vorzugsweise den elektrischen Tele-
graphen im Auge. Aber als man noch keinen elektrischen Telegraphen
hatte, hat man auch telegraphiert. Denn wenn man nur die richtigen
Zeichen und so weiter kennt, so wiirde man es - vielleicht gar nicht
einmal viel langsamer - zustande bringen, auch ohne elektrischen
Telegraphen von einem Orte zum andern zu sprechen. Man stelle
Saulen zum Beispiel von Berlin nach Paris auf, man stelle an jeder
Saule einen Menschen hin, der die betreffenden Zeichen gleich weiter-
gibt. Und wenn das dann mit der notigen Schnelligkeit geschieht,
dann geschieht ganz dasselbe, was durch den elektrischen Telegraphen
geschieht. GewiB ist es durch den elektrischen Telegraphen einfacher
und schneller; aber was da geschieht, das Telegraphieren, das hat mit
der Einrichtung eines elektrischen Telegraphen nicht das geringste zu
tun, so wenig wie die Zeit mit dem inneren Werke der Uhr.
Geradesoviel wie die Mitteilung von Berlin nach Paris mit der Ein-
richtung des elektrischen Telegraphen, geradesoviel und sowenig hat
das, was die menschliche Seele ist, mit den Einrichtungen des mensch-
lichen Leibes zu tun. Nur wenn wir so denken, bekommen wir eine
richtige Vorstellung von der Selbstandigkeit des Seelenwesens. Denn
es konnte durchaus sein, daB diese menschliche Seele mit allem, was
sie in sich hat, eines anderen Leibes, eines anders gestalteten Leibes
sich bediente, so wie man die Mitteilung von Berlin nach Paris durch
etwas anderes als gerade durch die Einrichtung eines elektrischen
Telegraphen iibersenden konnte. Und wie der elektrische Telegraph
nur die bequemste Art ist innerhalb unserer Verhaltnisse, um eine
Mitteilung zu machen, so ist auch der in pendelnder Bewegung sich
befindliche Leib, der oben ein Haupt hat, fur unsere Erdenverhalt-
nisse das bequemste Mittel, daB die Seele sich ausleben, sich auBern
kann. Aber es ist durchaus nicht so der Fall, daB der Leib mit dem,
was das Seelenleben ist, irgend etwas mehr zu tun hat, als die elektri-
schen Telegraphen und ihre Einrichtungen mit der Weitergabe einer
Mitteilung von Paris nach Berlin, oder als die Uhr mit der Zeit zu tun
hat. Denn man konnte ein ganz anderes Instrument ersinnen, um die
Zeit zu messen, als unsere Uhren. Und so ist ein ganz anderer mensch-
licher Leib denkbar als der, den wir nach den jetzigen ErdenverhaMt-
nissen benutzen, um die menschlichen Seelenverhaltnisse auszuleben.
Denn, womit hangt die menschliche Seele zusammen? Wie haben wir
eigentlich die menschliche Seele in ihrer Beziehung zum Leibe auf-
zufassen?
Gerade auf diesem Gebiete mochte man den Schillerschen Aus-
spruch anfuhren, auch in einem Bilde auf den Menschen angewendet:
« Suchst du das Hochste, das Beste, die Pflanze kann es dich lehren. »
Man sehe sich die Pflanze an, die bei Tag die Blatter ausbreitet, die
Bliite dffhet, und die, wenn das Licht fort ist, Blatter und Bliite zu-
sarnmenzieht. Was ist ihr entzogen? Was ihr von der Sonne, aus dem
Sternenraume zukommt wahrend des Tages, das ist ihr entzogen. Was
aber von der Sonne hereinwirkt, das macht, daB die zusammen-
gefallenen Blatter sich wieder ausspreizen, daB die Bliite sich ent-
faltet. DrauBen im Weltenraume sind also die Krafte, welche die
Organe der Pflanze entweder schlafF zusammenfallen lassen oder sie
sich entfalten lassen, wenn sie wirken. Was da im Weltenraume aus-
gebreitet ist und bei der Pflanze die Glieder erschlaflen laBt, wenn es
sich der Pflanze entzieht, das macht beim Menschen das eigene Ich mit
dem Astralleib. Warm laBt der Mensch die Glieder sinken, wann laBt
er die Augenlider sinken, wie bei der Pflanze, wenn sie Blatter und
Bliiten zusammenzieht? Wenn das Ich und der astralische Leib aus
der menschlichen Wesenheit herausgehen. Was die Sonne bei der
Pflanze macht, das bewirkt das Ich und der astralische Leib bei den
Organen der menschlichen Natur. Daher konnen wir sagen: Der
Pflanzenleib muB hinaufsehen zur Sonne, wie der Menschenleib zu
dem eigenen Ich und Astralleib hinsehen und sie als das ansehen muB,
was auf inn denselben Eindruck macht wie die Sonne auf die Pflanze.
1st es Ihnen, wenn Sie das nur auBerlich bedenken, noch wunderbar,
wenn uns nun die okkulte Untersuchung lehrt, daB tatsachlich das
Ich und der astralische Leib aus dem Weltenraume, dem die Sonne
angehort, herausgeboren sind und gar nicht der Erde angehoren?
Und nun wird Ihnen dieses nach den schon angestellten Betrachtungen
auch nicht verwunderlich sein: Wenn die Menschen im Schlafe oder
im Tode herausschreiten aus der Erde, dann leben sie die groBen
Weltenverhaltnisse durch, dann sind sie dort. Die Pflanze ist eben
noch gebunden an die Sonne und an die Krafte, die im Raume sind.
Das Ich und der astralische Leib des Menschen haben sich selbstandig
gemacht gegeniiber den im Raume ausgebreiteten Kraften und gehen
ihren eigenen Weg. Dahet kann die Pflanze nur schlafen, wenn ihr
wirklich das Sonneniicht entzogen ist. Der Mensch ist in bezug auf
sein Ich und seinen Astralleib unabhangig von dem, was seine Heimat
ist, von Sonnen und Planeten, daher kann er auch bei Tage schlafen,
wenn die Sonne scheint. Er hat sich in seinem Ich und Astralleib frei
gemacht von dem, womit er aber eigentlich einerlei ist: mit den
Sternen- und Sonnenkraften. Und nicht grotesk ist es, wenn wir sagen:
So gehort also das, was nach dem Tode auf der Erde und in ihren
Elementen zuruckbleibt, der Erde und ihren Kraften an; das Ich und
der Astralleib aber gehoren den groBen Weltenkraften an, gehen zu
diesen Weltenkraften mit dem Tode des Menschen wieder zuruck und
durchleben innerhalb derselben das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Und wahrend der Zeit zwischen Geburt und Tod, wahrend
die Seele hier in einem physischen Leibe eingefiigt ist, hat das, was
unser Seelenleben ist, was eigentlich zum Sonnenleben und zum
Sternenleben gehort, mit diesem physischen Leibe nicht mehr zu tun,
als die Zeit, die im Grunde genommen auch durch Sonnen- und
Sternkonstellationen bedingt ist, mit der Uhr und ihrer Einrichtung
in den Radern zu tun hat. Es ware durchaus denkbar, daB wir, wenn
wir statt auf der Erde auf einem andern Planeten wohnten, mit
unserer selben Seele ganz anderen Planetenverhaltnissen angepaBt
waren. DaB wir Augen haben, wie sie in dieser Weise gestaltet sind,
daB wir solche Ohren haben, wie sie so gestaltet sind, riihrt nicht von
den Seelenverhaltnissen her, sondern von dem, was Erdenverhalt-
nisse, irdische Verhaltnisse sind. Wif benutzen nur diese Organe. Uns
mit diesem BewuBtsein zu durchdringen, daB wir mit unserm Seelen-
gliede der Sternenwelt angehoren, das gibt uns eben erst AufschluB
iiber unser wirkliches menschliches Verhaltnis, iiber unsere wirkliche
menschliche Wesenheit. Wenn wir das wissen, wissen wir uns auch in
der richtigen Weise zu unsern Verhaltnissen hier auf der Erde zu ver-
halten. Wenn man daher in einer solchen Weise des Menschen, man
mochte sogar sagen, mehr oder weniger auBerliches Verhaltnis zu
seinem physischen Leibe oder Atherleibe durchdringt, dann wird
Sicherheit in den Menschen kommen. Er wird sich nicht mehr bloB
als Erdenwesen wissen, sondern als Angehoriger der ganzen Welt, des
ganzen Makrokosmos, als eine im Makrokosmos drinnen befindliche
Wesenheit. Nur weil er hier an seinen Leib gebunden ist, ist er sich
der Zusammengehorigkeit mit den Kraften des groBen Weltenraumes
nicht bewuBt.
Dies ist es, was immer versucht wurde im Laufe der Zeiten da, wo
das geistige Leben vertieft worden ist, auch in die Seelen hinein-
dringen zu lassen. Und im Grunde genommen ging erst in den letzten
vier Jahrhunderten das BewuBtsein von dieser Zusammengehorigkeit
des Menschen mit den spirituellen Kraften, die weben und walten im
Weltenraume, verloren. Nehmen wir einmal das, was wir immer be-
tont haben : daB wir in dem Christus zu sehen haben das groBe Sonnen-
wesen, das durch das Mysterium von Golgatha sich mit der Erde und
ihren Kraften vereinigt hat, so daB der Mensch die Christus-Kraft auf
der Erde in sich aufnehmen kann - dann wird in der Durchdringung
mit dem Christus-Impuls zugleich das liegen, was in den groBen
Impulsen des Makrokosmos liegt, und es wird fur jeden Menschheits-
zyklus das Richtige sein, in dem Christus das zu sehen, was uns das
Zusammengehorigkeitsgefuhl mit dem Makrokosmos geben soli.
Im 12. Jahrhundert entstand im Abendlande eine schone Parabel,
eine Erzahlung, in der das Folgende dargestellt wird. Es hatte einmal
ein Madchen eine Anzahl von Briidern. Alle waren sie bettelarm, die
ganze Familie. Nun fand das Madchen einmal eine Perle. Dadurch war
sie in den Besitz einer ungeheuren Kostbarkeit gekommen. Die Briider
waren darauf aus, an dem Reichtum teilzunehmen, der da iiber das
Madchen gekommen war, und da trug sich das Folgende 2u. Der eine
Bruder war Maler, und er sagte zu dem Madchen: Ich will dir das
schonste Bild malen, das es je gegeben hat, wenn du mich an deinem
Reichtume teilnehmen laBt. - Doch wollte das Madchen nichts von
ihm wissen und wies ihn ab. Der zweite Bruder war Musiker. Er ver-
sprach dem Madchen, das herrlichste Musikstiick zu komponieren,
wenn sie ihn an ihrem Reichtum teilnehmen lieBe. Aber sie wies ihn
ab. Der dritte Bruder war Apotheker, und wie es im Mittelalter war,
waren in den Apotheken vorzugsweise Parfiimerien und andere Sachen
zu haben, die nicht bloB Heilkrauter waren, sondern auch sonst fur
das Leben geeignet waren. Und das wohlriechendste Wasser versprach
dieser Bruder dem Madchen, wenn sie ihn zum Teilnehmer an ihrem
Reichtume machen wiirde. Aber auch diesen Bruder wies sie ab. Der
vierte Bruder war Koch. Er versprach dem Madchen, daft er ihr so
gute Dinge kochen wiirde, daB sie durch das Essen solcher Dinge ein
Gehirn wie Zeus bekommen wiirde und auBerdem das geschmack-
vollste Essen haben wiirde, wenn sie ihn an ihrem Reichtume teil-
nehmen lieBe. Sie wies ihn ab. Der fiinfte Bruder war ein Wirt, und der
versprach ihr, daB er ihr die besten Freier verschaffen wiirde, wenn sie
ihn an ihrem Reichtume teilnehmen lieBe. Doch sie wies auch ihn ab.
Da kam dann derjenige, so erzahlt die Parabel, der wirklich die Seele
des Madchens finden konnte, und mit dem teilte sie ihr Kleinod, die
Perle, die sie gefunden hatte.
Das Ganze ist sehr schon erzahlt. Und noch schoner ist es dann
dargestellt von einem spateren Lyriker im 17. Jahrhundert, von Jakob
Balde, ausfuhrlicher und schoner. Aber wir haben auch eine Erklarung,
die schon aus dem 13. Jahrhundert stammt und die in diesem Falle von
dem Dichter selber gegeben worden ist, so daB man nicht sagen
konnte, die Erzahlung ware bloB so ausgelegt. Darin sagt der Dichter,
er habe die menschliche Seele mit ihrem freien Willen darstellen wol-
len. Das Madchen ist die menschliche Seele, die einen freien Willen
hat. Die fiinf Bruder des Madchens sind die fiinf Sinne : der Maler ist
das Auge, der Musiker das Ohr, der Apotheker der Geruch, der Ge-
schmack der Koch und der Wirt ist der Tastsinn. Sie weist sie ab, um
dann mit dem, der wirklich ihrer Seele verwandt ist, mit demChristus-
so wird es dargestellt - das Kleinod des freien Willens zu teilen, das
heiBt nicht um das aufzunehmen, wozu die Sinne drangen, sondern
wozu der Christus-Impuls drangt, wenn die Seele von ihm durch-
drungen ist. Da haben wir, man mochte sagen, in schoner Weise
geschieden die Selbstandigkeit des Lebens der Seele, die geistgeboren
ist, die im Geiste ihre Heimat hat, von demjenigen, was irdisch ge-
boren ist: die Sinne und alles das, was ja nur da ist, damit die Seele
darin eingebettet sein kann, das heiBt iiberhaupt die irdische Leib-
lichkeit.
Es sollte - damit der Anfang gemacht werde zu zeigen, wie man
durch ein sachgemaBes Denken uber das gewohnliche Leben heraus-
finden kann - dargestellt werden, wie begriindet und richtig das ist,
was durch die okkulte Forschung in der geistigen Welt geschaut wird,
wenn der okkulte Forscher unmittelbar durch seine Anschauung weiB,
daB die Seele des Menschen, also Ich und Astralleib, der Sternenwelt
angehoren. Wenn man so das menschliche Verhaltnis mit den im
Schlafe zusammenbleibenden Gliedern betrachtet, wie es aber so ohne
weiteres unabhangig ist von der Sternenwelt, weil der Mensch auch
bei Tage schlafen kann, und wenn man es vergleicht mit der Pflanze
und dem Sonnenlicht, dann kann eingesehen werden, wie begriindet
das ist, was die okkulte Forschung gibt. Es handelt sich darum, daB
man eingeht auf die Begrixndungen, die wirklich in der Welt gefunden
werden konnen. Wenn aber jemand unbegriindet findet, was durch
die okkulte Forschung zutage tritt, so ist das nur ein Zeichen dafur,
daB er nicht alles zu Rate gezogen hat, was wirklich aus der auBeren
Welt ein Wissen liefern kann. Das erfordert ja manchmal viel Energie
und viel Unbefangenheit; die bringt man nicht immer auf. Aber man
kann sagen : Wer mit Wahrhaftigkeit in der geistigen Welt forscht und
dann das Resultat seines Forschens der Welt ubergibt, der iibergibt es
dem sachgemaBen Urteil. Derm vor der vernunftgemaBen Kritik
scheut die wirkliche okkulte Forschung nicht zuriick, nur vor der
oberflachlichen Kritik, die aber keine Kritik ist.
Wenn Sie sich nun erinnern, wie der Gang der ganzen Mensch-
heitsentwickelung dargestellt worden ist von der Saturnzeit uber die
Sonnen- und Mondenzeit bis in unsere Erdenzeit, dann werden Sie
sich auch erinnern, wie wahrend der Mondenzeit eine Trennung ein-
tritt, die sich dann wahrend des Erdendaseins fortsetzt. Durch jene
Trennung ist das bewirkt worden, daB sich heute verhaltnismaCig
ferner einander gegeniiberstehen das Seelische und das Leibliche. Zur
alten Sonnenzeit waren sie noch viel mehr miteinander verwandt. Da-
durch, daB sich der Mond von der Sonne schon in der alten Monden-
zeit trennte, wurde bewirkt, daB das Seelische des Menschen selb-
standiger wurde. Damals drang das Seelische in gewissen Zwischen-
zeiten zwischen den Verkorperungen in den allgemeinen Makro-
kosmos hinaus, machte sich selbstandig, und das bewirkte, daB jene
eigentiimlichen Verhaltnisse eintraten, die wahrend der Erdentwicke-
lung die Abtrennung der Sonne und dann die des Mondes in der
lemurischen Zeit bewirkten, wodurch dann eine Schar einzelner
menschlicher Seelen - wie es in der «Geheimwissenschaft im Umrifi»
ausfuhrlicher beschrieben ist - hinausdrangen, um abgesondert von
der Erde besondere Schicksale durchzumachen und um spater erst
wieder zuriickzukehren. Es wird sich uns aber noch zu zeigen haben,
daB der Mensch in bezug auf das, was iibrigbleibt, wenn er durch die
Pforte des Todes gegangen ist und in die geistige Welt, seine Heimat,
geht, ein radikal anderes Leben fuhrt, das im Grunde genommen recht
wenig verwandt ist mit dem irdischen Leibe.
Noch Genaueres, was zur genaueren Kenntnis fur das Leben zwi-
schen Tod und neuer Geburt notig ist, werden wir in den nachsten
Vortragen kennenlernen konnen.
VIERTER VORTRAG
Berlin, lO.Dezember 1912
In den vorangegangenen Betrachtungen iiber das Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt haben wir gesehen, daB derjenige Teil der
menschlichen Wesenheit, welcher beim Durchgang durch die Todes-
pforte den physischen Leib und zum groBen Teil den Atherleib ver-
laBt, also der unvergangliche Teil der menschlichen Wesenheit, ein
Leben durchmacht, das seine Krafte aus der Sternenwelt zieht, und
wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie diese menschliche Wesen-
heit aus den Sternengebieten ihre Krafte zwischen dem Tode und der
neuen Geburt zieht. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie der
Mensch mehr oder weniger befahigt wird, in der richtigen Art seine
Krafte aus der Sternenwelt zu Ziehen, je nachdem er hier im Erden-
leben gewisse moralische oder religiose Stimmungen entwickelt hat.
So konnten wir darauf hinweisen, wie der Mensch zum Beispiel aus
dem Gebiete, das seine Krafte ausstrahlend hat von dem, was man im
Okkulten den Merkur nennt, seine richtigen Krafte zieht durch eine
entsprechend ausgebildete moralische Stimmung wahrend des Lebens
vor dem Tode, wie er aus dem Venusgebiete die entsprechenden, ihm
dann fur das weitere Leben, auch fur das weitere Leben auf der Erde,
notwendigen Krafte Ziehen kann durch ein entsprechendes religioses
Erleben vor dem Tode. Wenn wir diese verschiedenen Gedanken zu-
sammenfassen, die wir bisher vor unsere Seele fiihren konnten, dann
konnen wir sagen: Geradeso, wie der Mensch, solange er sich seiner
Sinne bedient, solange er sich lenken und leiten laBt von dem Ver-
stande, der an das Gehirn als an sein Instrument gebunden ist, mit
anderen Worten, wie der Mensch hier wahrend seines Erdendaseins
mit den Kraften eben dieser unserer Erde zusammenhangt, so hangt
er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt mit den Kraften zu-
sammen, die von den Sternenwelten ausstrahlen. Allerdings besteht
ein gewisser Unterschied fur den gegenwartigen Menschen in dem
Verhaltnisse seines Wesens zu den Erdenkraften wahrend des physi-
schen Lebens und in seinem Verhaltnisse zu den Sternenkraften zwi-
schen dem Tode und der neuen Geburt. Die Krafte, welche der
Mensch wahrend des Erdenlebens in sein BewuBtsein hereinnimmt,
also die Krafte, die er bewuBt wahrend des Erdenlebens erlebt, tragen
nicht WesentHches bei zu alle dem, was der Mensch fur seine eigene
Wesenheit zum Aufbau, zur Belebung braucht. Es sind Abbau-
prozesse. DaB dieses der Fall ist, sehen wir ja einfach aus dem Um-
stande, daB der Mensch wahrend des Schlafes kein BewuBtsein ent-
wickelt. Warum nicht? Er entwickelt einfach aus dem Grunde kein
BewuBtsein, weil er nicht Zeuge sein soli desjenigen, was mit ihm
wahrend des Schlafes geschieht. Denn wahrend des Schlafes werden
die im wachen Leben verbrauchten Krafte wiederhergestellt. Diese
Wiederherstellung seiner verbrauchten Krafte wahrend des Schlafes
soil der Mensch nicht mit ansehen. Dieser ganze Vorgang, der ent-
gegengesetzt ist dem Wachvorgang, wird sozusagen dem mensch-
lichen BewuBtsein verhiillt. Die Bibel hat einen bedeutsamen, tiefen
Ausdruck fur diese Tatsache. Es ist dies einer von denjenigen Aus-
spriichen der Bibel, die, wie alle okkulten Grundlagen der religiosen
Urkunden, recht wenig verstanden werden. Da, wo es mit Bezug auf
das Paradiesesleben heiBt: Der gottliche Geist beschloB, daB der
Mensch, nachdem er sich dieses oder jenes angeeignet hat, zum Bei-
spiel die Urteilsfahigkeit iiber Gut und Bose, nicht auch erhalten solle
einen Einblick in die Krafte des Lebens. - Da ist die Stelle, wo in der
Bibel aufmerksam gemacht wird, daB der Mensch nicht mit ansehen
soli die Wiederbelebung seines Wesens wahrend des Schlafes, iiber-
haupt nicht mit ansehen soli die Wiederbelebung seines Wesens wah-
rend seines physischen Erdendaseins. Dessen soli er nicht Zeuge sein.
Und wenn der Mensch aufwacht, ist der ganze LebensprozeB eigent-
lich ein ZerstorungsprozeB, ein AbnutzungsprozeB. Da wird im Men-
schen eigentlich nichts hergestellt. Wo noch eine eigentliche Belebung,
eine Herstellung ist, namlich in der allerersten Kindheit, da ist auch
das BewuBtsein noch dumpf, und der ganze HerstellungsprozeB wird
dem Menschen spater doch verhiillt, indem er sich nicht mehr an die
Zeiten seiner ersten Kindheit zuriickerinnert. Also wir konnen sagen :
Fur das bewuBte Erdenleben bleibt dem Menschen verhiillt, was man
Belebungs-, Herstellungsprozesse nennen kann. Es sind Wahrneh-
mungs-, Erkenntnisprozesse, welche das BewuBtsein des Menschen
erfullen, nicht aber eigentliche Belebungsprozesse.
Das wird nun anders in dem Leben zwischen dem Tode und der
neuen Geburt. Dieses ganze Leben zwischen dem Tode Und der
neuen Geburt ist ja dazu bestimmt, in die menschliche Wesenheit die
Krafte hereinzubekommen, welche dem Auf bau des nachsten Lebens
dienen konnen, diese Krafte sozusagen hereinzusaugen in die mensch-
liche Wesenheit aus der gesamten Sternenwelt. Nun aber ist es bei
diesem Vorgang nicht so, wie es auf der Erde ist, daB man sozusagen
skh als Mensch selber gar nicht kennt. Denn auf der Erde kennt man
sich ja nicht. Was weiB der Mensch von den Vorgangen, die in seinem
Organismus stattfinden? Nichts weiB er davon durch unmittelbare An-
schauung; und was durch die Anatomie, durch die Biologie und so
weiter gewonnen wird, ist ja kein wirkliches Wissen von der mensch-
lichen Wesenheit, sondern etwas ganz anderes. Aber in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt schaut der Mensch an, wie die
Krafte aus der Sternenwelt auf ihn, auf seine Wesenheit wirken, wie sie
ihn nach und nach wieder auf bauen. Daraus konnen Sie entnehmen,
wie anders die Anschauung ist zwischen dem Tode und der neuen
Geburt als hier auf der Erde. Hier steht der Mensch an einem Punkte
der Erde, richtet die Sinne hinaus, und dann geht das Schauen oder
das Horen in die Weiten hinaus. Er sieht also von dem Mittelpunkte,
in dem er sich befindet, hinaus in die Weiten. Gerade umgekehrt ist es
im Leben nach dem Tode. Da fuhlt sich der Mensch, wie wenn er mit
seinem ganzen Wesen ausgebreitet ware, und was er anschaut, das ist
eigentlich der Mittelpunkt. Er sieht auf einen Punkt hin. Es kommt
eine Zeit fur den Menschen zwischen dem Tode und der neuen Ge-
burt, wo er einen Kreis beschreibt, der den ganzen Tierkreis durch-
lauft. Da schaut er gleichsam von jedem Punkte des Tierkreises, also
von verschiedenen Gesichtspunkten aus, auf seine eigene Wesenheit
hin und fuhlt sich dann so, wie wenn er gleichsam aus den einzelnen
Partien des Tierkreises die Krafte schopfen wiirde, die er auf seine
Wesenheit ergieBt, damit diese das hat, was sie fur die nachste In-
karnation braucht. Man schaut also von dem Umkreis auf einen Mit-
telpunkt hin. Es ist so, wie wenn Sie hier auf der Erde sich verdoppeln
kdnnten, aus sich heraustreten konnten, und Sie lieBen sich in der
Mitte stehen, gingen um sich herum und wiirden fortwahrend die
Krafte des Weltalls, den belebenden Soma, einsaugen, der aber, weil
er von den verschiedenen Seiten einen verschiedenen Charakter an-
nimmt, sich in vetschiedener Weise in die Wesenheit, die Sie in der
Mitte stehengelassen haben, ergieBt. So ist es, ins Geistige iibersetzt,
tatsachlich im Leben zwiscben dem Tode und der neuen Geburt.
Wenn wir uns nun den Unterschied vor das Auge fiihren wollen,
der da besteht zwischen einem Zustande, der eigentlich ziemlich nahe
ist dem Erleben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, namlich
zwischen dem Schlafzustande und diesem Leben zwischen dem Tode
und der neuen Geburt, so konnen wir diesen Unterschied eigentlich
sehr einfach charakterisieren, obwohl der, welchem solche Vor-
stellungen ungewohnt sind, sich nicht viel dabei vorstellen kann. Aber
man kann es in einfacher Weise folgendermaBen charakterisieren.
Wenn der Mensch in seinem Erdendasein schlaft, also seinen physi-
schen Leib und Atherleib verlassen hat und in seinem Ich und astra-
lischen Leib lebt, die dann in der Sternenwelt sind, so ist er auch
drauBen in dem ganzen Sternengebiete. Und es ist tatsachlich so, daB
unser Zustand im Schlafe objektiv viel ahnlicher ist dem Zustande
zwischen dem Tode und der neuen Geburt, als man gewohnlich
glaubt. Objektiv sind diese beiden Zustande einander ganz ahnlich.
Sie sind nur dadurch voneinander verschieden, daB der Mensch im
Schlafe beim normalen Leben kein BewuBtsein hat von der Welt, in
der er wahrend des Schlafes ist, und zwischen dem Tode und der neuen
Geburt hat er ein BewuBtsein, da weiB er, was mit ihm vorgeht. Das
ist der wesentliche Unterschied. Wiirde der Mensch in seinem Ich und
astralischen Leib, wenn diese im Schlafe auBer dem physischen Leibe
und dem Atherleibe sind, einfach aufwachen, so wiirde er in dem-
selben Stadium sein, in welchem er ist zwischen dem Tode und der
neuen Geburt. Der Unterschied ist tatsachlich nur ein BewuBtseins-
zustand. Und dieser Umstand ist aus dem schon angefuhrten Grunde
sehr bedeutsam. Er ist bedeutsam, weil der Mensch, solange er auf der
Erde weilt, also auch wahrend des Schlafzustandes, an seinen physi-
schen Leib gebunden ist ; er ist nicht frei von dem physischen Leibe
im Schlafzustande. Er kann erst frei werden vom physischen Leibe,
wenn dieser physische Leib in den leblosen Zustand iibergeht, wenn
er eine Veranderung erleidet, wie es geschieht, wenn der Mensch
durch die Pforte des Todes geht. Solange der physische Leib lebens-
fahig ist, bleibt eine Verbindung zwischen dem eigentHchen geistigen
Menschen, Ich und Astralleib, und zwischen dem physischen Leib und
Atherleib aufrechterhalten.
Nun stellt man sich gewohnlich den Zustand des Schlafes zu ein-
fach vor. Das ist durchaus begreif lich, weil man bei den komplizierten
Dingen, um die es sich handelt in dem Augenblick, wo man die
hoheren Welten betritt, sozusagen immer nur von einer gewissen
Seite her die Dinge charakterisieren kann. Eine vollstandige Charak-
teristik der wahren Verhaltnisse gewinnt man erst, wenn man nach
und nach geduldig vomickt in der Geisteswissenschaft und allseitig
die Dinge kennenlernt. Man charakterisiert - und dies mit Recht -
den menschlichen Schlafzustand dadurch, daB man sagt: Im Bette
bleiben liegen physischer Leib und Atherleib; heraus bewegt sich und
vereinigt sich mit den Sternenkraften das, was wir nennen das Ich und
den astralischen Leib. Nun ist aber diese Charakteristik, so richtig
sie von einer Seite aus ist, eben nur von einer Seite aus gegeben. Und
man kann sich gewissermaBen eine Vorstellung machen, wie diese
Charakteristik nur von einer Seite aus gegeben ist, wenn man den
Schlaf eines Menschen ins Auge faBt vom Standpunkt der Geistes-
wissenschaft, wenn dieser Schlaf sozusagen zu einer einigermaBen
normalen Zeit ausgefiihrt wird. Denn in Wahrheit ist, objektiv ge-
nommen, ein Nachmittagsschlafchen etwas ganz anderes als ein
ordentlicher Schlaf in der Nacht. Nicht so sehr fur den menschlichen
Gesundheitszustand oder fur sonstige Dinge am Menschen selbst,
aber fur das ganze Verhaltnis des Menschen zur Welt kommt in Be-
tracht, was ich jetzt angefuhrt habe. Und wir wollen daher nicht ein
Nachmittagsschlafchen ins Auge fassen, sondern einen Schlaf, der den
Menschen ungefahr um die Mitternachtsstunde erfaBt. Also den
Schlaf eines gesunden Menschen um die Mitternachtsstunde, und die-
sen Schlafzustand, vom Standpunkte des hellsichtigen BewuBtseins
aus betrachtet, wollen wir ins Auge fassen.
Wenn wir im taglichen Wachzustande sind, dann ist, konnen wir
sagen, im menschlichen Wesen in einer gewissen geregelten Ver-
bindung dasjenige, was wir die vier Glieder der menschlichen Natur
nennen: physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib und Ich. Wir
treffen das, was die richtige Verbindung zwischen den vier Gliedern
der menschlichen Natur ausmacht, am besten, wenn wir es etwa so
zeichnen, wie das hellseherische BewuBtsein die sogenannte Aura des
Menschen sieht. Was ich Ihnen dabei zeichnen kann, ist selbstver-
standlich nur ganz skizzenhaft.
Wenn wir also den gewohnlichen Wachzustand des Menschen ins
Auge fassen, dann wxirden wir den aurischen Zusammenhang des
Menschen etwa in der folgenden Weise zeichnen :
der physische Leib die scharfere Linie; innerhalb der punktierten
Linie der Atherleib; was dichter schrafnert ist, ist der astralische Leib;
und die Ich- Aura wiirde etwa so zu zeichnen sein, daB sie den ganzen
Menschen durchdringt, aber ich zeichne sie als Strahlen, die ihn, ohne
eigentUche Grenzen, nach oben und unten strahlenartig umgeben.
Daneben werde ich nun zeichnen den Unterschied in der aurischen
Zusammensetzung beim Schlafzustande eines Menschen, der etwa urn
die Mitternachtsstunde schlafen wiirde, beziehungsweise das aurische
Bild desselben (siehe Zeichnung) : physischer Leib und Atherleib wie
in der ersten Zeichnung; das dunkel Schraffierte ware der Astralleib;
dessen nach unten unbestimmte Fortsetzung wiirde sich herausheben,
aber bliebe doch in einer vertikalen Lage. Die Ich-Aura wiirde ich
dann strahlenformig in der Weise zu zeichnen haben, wie man es hier
sieht. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen und beginnt
erst wieder in der Kopfgegend, aber so, daG sie strahlenformig nach
aufkn gerichtet ist und ins Unbestimmte nach oben geht, wenn der
Mensch in der horizontalen Lage ist, aber nach aufwarts gerichtet ist,
vom Kopf nach aufwarts. So daB im wesentlichen der Anblick der
Aura des schlafenden Menschen so ware, daB der Astralleib wesent-
lich verdichtet und dunkel ist - in der in der Zeichnung dunkel
schraffierten Gegend -, in den oberen Teilen ist er dunner als am
Tage. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen, unten ist sie
wieder strahlenformig und geht dann ins Unbestimmte fort.
Das Wesentliche ist, daB sich bei einem solchen Schlafzustande das,
was man das aurische Bild des Ich nennen kann, in der Tat in zwei
Teile gliedert. Wahrend des Wachzustandes hangt die Ich-Aura wie
ein Oval zusammen, trennt sich wahrend eines solchen Schlafzustandes
in der Mitte auseinander und besteht wahrend des Schlafes aus zwei
Stucken, von denen das eine durch eine Art von Schwere nach unten
gedreht wird und sich nach unten ausbreitet, so daB man es nicht mit
einer sich schlieBenden, sondern mit einer nach unten sich ausbreiten-
den Ich-Aura zu tun hat. Dieser Teil der Ich-Aura ergibt sich fur das
hellseherische BewuBtsein dem Anblick nach als ein wesentlich sehr
dunkler Aurenteil, der dunkle Faden hat, aber in starken, zum Beispiel
dunkelrotlichen Nuancen tingiert ist. Was sich davon nach oben ab-
trennt, ist wieder so, daB es von der Kopfgegend aus schmal lauft,
dann aber ins Unbestimmte sich ausbreitet, sozusagen oben in die
Sternenwelt hin sich ausbreitet. In gleicher Weise in der Mitte aus-
einandergeteilt ist die astralische Aura nicht, so daB man von einer
wirklichen Teilung derselben nicht sprechen kann, wahrend die Ich-
Aura, wenigstens fur den Anblick, zerteilt wird.
So haben wir auch in diesem okkulten Anblick eine Art von bild-
haftem Ausdruck dafiir, daB der Mensch mit demjenigen, was ihn als
Ich-Krafte wahrend des tagwachenden Zustandes durchdringt, hin-
ausgeht in den Weltenraum, um den AnschluB zu gewinnen an die
Sternenwelt, um die Krafte aus der Sternenwelt sozusagen herein-
zusaugen.
Nun ist derjenige Teil der Ich-Aura, der sich nach unten hin ab-
schniirt und dunkel wird, mehr oder weniger wie undurchsichtig sich
ausnimmt, wahrend der nach oben gehende hell leuchtend und glan-
zend ist, in hellem Lichte erstrahlt, zugleich der, welcher am meisten
dem EinfluB der ahrimanischen Gewalten ausgesetzt ist. Der angren-
zende Teil der astralischen Aura ist am meisten den luziferischen Kraf-
ten ausgesetzt. Wir konnen daher sagen: Die Charakteristik, die man
von einem gewissen Standpunkte aus mit Recht gibt, daB das Ich und
der astralische Leib den Menschen verlassen, ist fur die oberen Partien
der Ich- und astralischen Aura absolut zutreffend. Fur diejenigen Teile
der Ich- und astralischen Aura, die mehr den unteren Teilen, besonders
den unteren Teilen des Rumpfes der menschlichenGestalt entsprechen,
ist es nicht eigentlich richtig; sondern fur diese Teile ist es sogar so,
daB wahrend des Schlafens die Aura des Ich und des Astralleibes mehr
drinnen sind, mehr verbunden sind mit dem physischen Leibe und
dem Atherleibe, als es im Wachzustande der Fall ist, daB sie nach unten
dichter, kompakter sind. Denn man sieht auch, wie beim Aufwachen
das, was ich unten so stark gezeichnet habe, wieder herausgeht aus den
unteren Teilen der menschlichen Wesenheit. Gerade wie der obere
Teil beim Einschlafen herausgeht, so geht der untere Teil der Ich- und
astralischen Aura beim Aufwachen in einer gewissen Weise heraus,
und es bleibt nur eine Art von Stuck von diesen beiden Auren drinnen,
wie ich es in der ersten Figur gezeichnet habe.
Nun ist es eben so auBerordentlich wichtig zu wissen, daB durch die
Evolution unserer Erde, durch alle die Krafte, die dabei mitgespielt
haben und die Sie aus der «Geheimwissenschaft im UmriB» ersehen
konnen, die Einrichtung getroffen ist, daB der Mensch dieses regere
Arbeiten der unteren Aura wahrend des Schlafes nicht mitmacht, das
heiBt dieses Arbeiten nicht als Zeuge mitmacht. Denn von diesen
Teilen der unteren Ich- Aura und der unteren astralischen Aura werden
die belebenden Krafte angeregt, die der Mensch braucht, damit das
wieder ausgebessert werden kann, was wahrend des Wachzustandes
abgenutzt ist. Die wiederherstellenden Krafte miissen von diesen Tei-
len der Aura ausgehen. DaB sie nach aufwarts wirken und den ganzen
Menschen wieder herstellen, das hangt dann davon ab, daB der nach
oben hinausgehende Teil der Aura Anziehungskrafte entwickelt, die
er aus der Sternenwelt hereinsaugt, und dadurch die Krafte, die von
unten kommen, anziehen kann, so daB sie regenerierend auf den
Menschen wirken. Das ist der objektive Vorgang.
Nun gibt uns das Verstandnis dieser Tatsache auch gewissermaBen
das beste Verstandnis fur gewisse Mitteilungen, die der Mensch emp-
fangt, wenn er die verschiedenen okkulten oder auf Okkultismus ge-
bauten Urkunden verfolgt. Sie haben ja die, wie ich eben gesagt habe,
von einem gewissen Gesichtspunkte aus durchaus gerechtfertigte
Charakteristik immer gehort, daB der Schlaf darin besteht, daB der
Mensch seinen physischen Leib und Atherleib im Bette liegen laBt und
mit seinem astralischen Leib und Ich herausgeht; was also fur die
oberen Partien der Ich- und astralischen Aura in einem gewissen Sinne
durchaus richtig ist, namentlich fur die Ich- Aura. Wenn Sie aber mor-
genlandische Schriften verfolgen, dann finden Sie diese Charakteristik
nicht, sondern gerade das Umgekehrte. Sie finden da charakterisiert,
daB wahrend des Schlafzustandes das, was sonst im menschlichen Be-
wuBtsein lebt, sich tiefer in den Leib hineinzieht. Also Sie finden dort
die umgekehrte Charakteristik des Schlafes. Und namentlich in ge-
wissen Vedanta-Schriften konnen Sie die Sache so charakterisiert
finden, daB dieses, von dem wir sagen, daB es sich aus dem physischen
Leib und Atherleib herauszieht, sich wahrend des Schlafes tiefer in die
physische und atherische Leiblichkeit hineinsenkt, daB das, was das
Sehen sonst bewirkt, sich in tiefere Partien des Auges hineinzieht, so
daB das Sehen nicht mehr zustande kommen kann. Warum wird dieses
in morgenlandischen Schriften so charakterisiert? Das ist deshalb, weil
der Morgenlander eben noch auf einem anderen Standpunkte steht. Er
sieht durch seine Art von Hellsichtigkeit mehr das, was im Innern des
Menschen vorgeht, was sich da im Innern abspielt. Er achtet weniger
auf den Vorgang des Herausgehens der oberen Aura und mehr auf die
Tatsache des Durchdrungenseins wahrend des Schlafes mit der unteren
Aura. Daher hat er von seinem Standpunkte aus selbstverstandlich
recht.
Man kann sagen: Die Vorgange, die im Menschen in seiner Ent-
wickelung stattfinden, sind sehr kompliziert, und immer mehr und
mehr wird es dem Menschen moglich werden, sich im Verlaufe der
Evolution sozusagen den ganzen Umfang jener Vorgange zu ver-
gegenwartigen. Aber die Entwickelung bestand darin, daB die Men-
schen in ihrem Anschauen nach und nach einzelne Partien kennen-
gelemt haben. Daher die einzelnen Mitteilungen, die in den ver-
schiedenen Epochen gemacht werden. Wenn sie auch scheinbar nicht
gleich lauten, so sind sie doch darum nicht falsch, sondern sie beziehen
sich immer auf das Einseitige, das sich ja auch immer vollzieht. Aber
der ganze Vorgang der Entwickelung wird einem erst klar, wenn man
die ganzen Vorgange zusammenfaBt. Darauf kommt es an.
Wir stehen jetzt an dem Punkt, wo wir ein gewisses Stuck der Evo-
lution recht gut werden uberschauen konnen. Es ist wirklich ein ganz
bedeutsamer Unterschied in der ganzen Seelenverfassung, Seelen-
stimmung des Menschen, wenn wir die menschliche Seelenentwicke-
lung uberschauen zum Beispiel in denjenigen Inkarnationen, die in der
agyptisch-chaldaischen Periode verlaufen sind, dann wieder in der
griechisch-lateinischen Periode und dann wieder in unserer Zeit.
Schon auBerlich konnen wir ja das, was die Seele erlebt, recht gut ver-
folgen. Ich glaube, es wird selbst hier in diesem erleuchteten Kreise
eine groBe Anzahl von Menschen geben, die, wenn sie einem sternen-
besaten Himmel gegeniiberstehen, heute sich nicht genau auskennen,
wo nun die einzelnen Sternbilder sind und wie die einzelnen Stern-
bilder ihre Lagen im Himmelsraume wahrend der Nacht andern. Im
ganzen konnen wir sagen: Die Menschen werden immer seltener und
seltener, die am Sternenhimmel noch ordentlich Bescheid wissen. - Es
wird sogar Menschen geben, zum Beispiel unter der Stadtbevolkerung,
die man vergeblich fragen konnte : Ist jetzt Vollmond- oder Neumond-
zeit? - Das soli durchaus kein Tadel sein, das liegt in der naturgemaCen
Entwickelung. Aber was jetzt fur die Seele gilt, das ware in der agyp-
tisch-chaldaischen Zeit, besonders in der alteren agyptisch-chalda-
ischen Zeit eine vollstandige Unmoglichkeit gewesen. Da haben tat-
sachlich die Menschen am Himmel Bescheid gewuBt. Die Gegenwart
hat ja wieder einen anderen Vorzug vor jenen Menschen der agyptisch-
chaldaischen Zeit: an logisches Denken - wie die Menschen heute
denken konnten, wenn sie sich Miihe geben wiirden -, daran haben
die Menschen der agyptisch-chaldaischen Zeit noch nicht einmal ge-
dacht. Sie lebten bei Tage hin, und was sie zu ihren taglichen Ver-
richtungen taten, das taten sie mehr instinktiv. Man wiirde vollstandig
fehlgehen, wenn man glaubte, daB damals ein Bauwerk oder eine
Wasserleitung ausgefiihrt wurde, indem sich zunachst die Ingenieure
zusammengesetzt hatten in ihren Biiros und die ganze Sache mit den
Mitteln, wie man heute Plane und so weiter zustande bringt, ausge-
fiihrt hatten. Das haben damals die Ingenieure ebensowenig getan, wie
heute der Biber einen Plan seines Baues entwirft, den er ganz kunst-
und regelrecht macht.
Also ein so logisches, wissenschaftliches Denken, wie wir es heute
haben, gab es nicht, sondern was die Menschen im Wachzustande
taten, das arbeiteten sie instinktiv. Sie hatten das, was sie wuBten, und
wir wissen ja, daB gewaltiges, groBes Wissen aus der agyptisch-chal-
daischen Epoche erhalten ist, auf eine ganz andere Weise erlangt. Sie
kannten den Sternenhimmel, den Nachthimmel; sie wuBten am Him-
mel Bescheid, aber eine solche Astronomie hatten sie nicht wie die
heutigen Menschen. Sie setzten sich dem Anblick des Sternenhimmels
aus, sie hatten die aufeinanderfolgenden Bilder in den aufeinander-
folgenden Nachtzeiten, und auf sie wirkte nicht bloB, was auf die
Sinne Eindruck machte, nicht bloB diese Sinnesbilder, sondern auf sie
wirkte das Ganze der astralischen Krafte, welche im Raume aus-
gebreitet sind. Das lebten sie mit. So war fur sie zum Beispiel der Weg
des GroBen Baren, des Siebengestirnes ein Erlebnis ; ein Erlebnis, das
auch andauerte, wenn sie schliefen, denn sie waren empfanglich, sen-
sitiv fur das, was geistig mit dem GroBen Baren iiber den Himmel hin-
zog. Das alles nahmen sie auf. Sie nahmen mit dem sinnlichen Anblick
das auf, was als Geistiges im Weltenraume lebt. Es drang noch etwas
in ihr BewuBtsein herein von dem, wofiir das gegenwartige BewuBt-
sein ganz und gar ungeeignet ist es aufzunehmen, denn heute nimmt
der Mensch nur das sinnliche Bild des Sternenhimmels auf. Und da er
sehr gescheit ist, so nimmt er sich also die Sternkarte, wo die Menschen
alle die Tierformen hineingezeichnet haben, und sagt: Da haben die
Menschen friiher Symbole hingezeichnet, da haben sie so die Sterne
zusammengefaBt; doch jetzt ist der Mensch so weit gekommen, die
Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. - Aber der Mensch der Gegen-
wart weiB nicht, daB die Alten das, was sie gezeichnet haben, auch
gesehen haben; daB es reale Gebilde waren, die sie abgezeichnet haben
nach dem unmittelbaren Anblick, der sich ihnen darbot. Der eine
konnte besser, der andere schlechter zeichnen, aber sie haben die Wirk-
lichkeit abgezeichnet. Das haben sie gesehen. Aber sie haben nicht so
gesehen, wie man im Sinnesleben sieht. Sondern wenn sie zum Beispiel
den GroBen Baren erlebt haben, wie er iiber den Nachthimmel hin-
schweift, so haben sie die physischen Sterne nur so eingebettet ge-
sehen in ein machtiges geistiges Wesen, das sie wirklich wahrgenom-
men haben. Aber das war nicht so, daB sie an jener Stelle ein Tier iiber
den Himmel hinschweifen gesehen haben, wie man ein physisches
Tier auf der Erde sieht - das ware eine kindliche Vorstellung -, son-
dern dieses Erlebnis des Hineilens des Siebengestirnes war innig ver-
bunden mit der eigenen Natur. Die Leute fiihlten, wie es auf ihre
astralischen Leiber wirkte und dort Veranderungen hervorrief.
Eine Vorstellung davon, wie das etwa gewesen sein mag, konnen
Sie sich bilden, wenn Sie sich vergegenwartigen: Hier ist eine Rose.
Sie wiirden dieselbe nicht anschauen, sondern bloB greifen, und da-
durch, daB Sie sie greifen, erleben Sie eigentlich immer Ihre eigene
Benihrung mit der Rose. Also Sie wiirden die Rose nicht anschauen,
nur greifen und Ihre eigene Beriihrung erleben und sich auf diese
Weise eine Vorstellung von der Rose bilden. So «beriihrten» gleich-
sam mit ihrem Astralleib diese Menschen das, was sie erleben konnten
am GroBen Baren, «befiihlten» das Astralische, und ihre eigene Be-
riihrung damit erlebten sie. Die rief aber Veranderungen in ihnen
selber hervor, Veranderungen, die heute noch immer hervorgerufen,
aber nicht mehr wahrgenommen werden.
Darin besteht gewissermaBen die Evolution in unsere moderne,
wissenschaftliche Zeit herein, in unsere Zeit der Urteilskraft, daB das
unmittelbare Erleben der geistigen Vorgange aufgehort hat, und daB
zuriickgeblieben ist die Sinneswelt und der an das Gehirn gebundene
Verstand. Wenn daher in der agyptisch-chaldaischen Zeit von den
geistigen Wesenheiten im Raume gesprochen wird und solche Wesen-
heiten auch aufgezeichnet werden, und da hinein, wie Anhaltspunkte,
die physischen Sterne gezeichnet werden, so entspricht das der un-
mittelbar erlebten Wirklichkeit. So daB in der agyptisch-chaldaischen
Zeit eine Wahrnehmung der Menschen vorhanden war, die noch viel
ahnlicher war dem Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt,
als unser heutiges physisches Leben im BewuBtsein ahnlich ist dem
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Wenn man namlich
tatsachlich wahrnimmt, wie der astralische Leib und das Ich die Vor-
gange am Himmel miterleben, dann weiB man audi das Folgende : Wie
du da lebst mit dem Sternenhimmel, so lebst du auBerhalb deines phy-
sischen Leibes und Atherleibes, und es ist nicht der geringste Grund
vorhanden, zu glauben, daB du, wenn der physische Leib und Ather-
leib einmal nicht bei dir sind, nicht ebenso mit dem Sternenhimmel
lebst. - So war also ein unmittelbares Wissen vorhanden von dem Mit-
erleben der Sternenvorgange in dem Leben zwischen Tod und neuer
Geburt. Wer in der agyptisch-chaldaischen Zeit gelebt hat, wurde es
zum Beispiel als lacherlich gefunden haben, wenn man ihm die Un-
sterblichkeit der Seele beweisen wollte; denn er hatte gesagt: Das
braucht man nicht zu beweisen! - Er hatte nicht einmal in unserem
Sinne verstanden, was ein Beweis ist, weil logisches Denken nicht vor-
handen war. Aber wenn er in einer okkulten Schule gelernt hatte, was
einmal kunftig ein Beweis ist, so hatte er gesagt : Die Unsterblichkeit
der Seele braucht man nicht zu beweisen, denn wenn man den nacht-
lichen Sternenhimmel erlebt, so erlebt man das, was unabhangig ist
von der Leiblichkeit. - Also fur ihn war die Unsterblichkeit eine un-
mittelbare Erfahrung, und vieles von dem, was wir heute beschreiben
iiber die Wahrnehmung im entkorperten Zustande, wuBten diese
Menschen. Sie wuBten es unmittelbar. Denn sehen wir von diesen
weiterhegenden Sternenwelten hin auf unsere Planetensterne, so war
fur diese Menschen zum Beispiel der Saturn etwas, was sie geistig
wahrnahmen. Das heiBt, sie nahmen wahr, was als geistige Welt mit
dem Saturn verknupft ist. Sie nahmen also tatsachlich wahr - nament-
lich fur die alteren Zeiten der agyptisch-chaldaischen Epoche gilt
das -, was von dem Menschen zwischen Tod und neuer Geburt auf
diesem Saturn lebt. Recht kurios wiirde es ja fur einen Menschen der
damaligen Zeit erschienen sein, wenn man ihm hatte sagen wollen,
daB man eine solche « Mars-Korrespondenz » anstreben wurde, wie
man es sich vielfach heute denkt, denn fur ihn war eine Verbindung
mit diesen Welten fur sein BewuBtsein durchaus vorhanden. Wenn
man aber Saturn oder Mars oder sonst einen planetarischen Zustand
kennt und verfolgen kann, wie er heute innerhalb unseres Planeten-
systems sich auslebt, dann fuhrt einen das auch zur Erkenntnis der-
jenigen Zustande, wie sie zum Beispiel in der « Geheimwissenschaft
im UmriB» beschrieben sind als Saturn-, Sonnen- und Mondzustand,
die vorirdisch sind. Das ist also damals erlebt worden. Man hatte es
nicht vorzutragen gebraucht, sondern man hatte es damals einfach so
vor das menschliche BewuBtsein zu bringen gehabt, daB man die
Leute, die so etwas nicht mehr unmittelbar wahrnehmen konnten, in
Zustande gebracht hatte, in denen sie es wahrnehmen konnten. Anders
ware es nicht moglich gewesen.
Das war nun schon in der griechisch-lateinischen Zeit anders. Da
war die Empfindlichkeit der Menschen fur alles, was ich jetzt erzahlt
habe, schon verlorengegangen, und was noch vorhanden war, das war
die Erinnerung daran. Also in der griechisch-lateinischen Zeit war bei
den maBgebenden Volkern, zum Beispiel des europaischen Siidens,
nicht mehr in demselben MaBe die Moglichkeit vorhanden, die gei-
stigen Wesenheiten des Sternenhimmels zu schauen, aber die Erinne-
rung daran war vorhanden. Es hatte daher eine Seele, die innerhalb der
griechisch-lateinischen Kultur geboren wurde, nicht mehr die Mog-
lichkeit, hinauszuschauen in die Sternenwelten, um das Geistige zu
schauen; man sah nicht mehr in demselben MaBe wie in der agyptisch-
chaldaischen Zeit die geistigen Wesen, die zu den Sternenwelten ge-
horten, Aber wie der Mensch sich heute an das erinnert, was er gestern
erlebt hat, so erinnerten sich die Seelen noch an das, was sie in fruheren
Inkarnationen iiber das Weltall erfahren hatten. Das strahlte herein in
die Menschen, von dem wuBten sie, daB es in ihren Seelen lebt. Plato
deutet es als Erinnerung. Aber die Menschen deuten es nicht immer
als Erinnerung. Und darin besteht der Fortschritt in der Entwicke-
lung, daB dieses unmittelbare Wahrnehmen heruntergedampft wurde
und dafur wahrend der griechisch-lateinischen Zeit das Urteilen, die
BegrifFswelt sich ausbildet, die ja erst in dieser Zeit kam. Dafur muBte
das andere zuriickgehen, konnte bloB in der Erinnerung leben. Am
schonsten kann man das bei dem im 4. vorchristlichen Jahrhundert
lebenden Aristoteks sehen, der ja der Begrunder der Logik ist, der
Kunst des Urteilens, der selber nichts mehr wahrnehmen konnte von
dem, was als Geistiges in den Sternenwelten drauBen ist, aber in seinen
Schriften die ganzen alten Theorien wieder bringt, so daB er nicht von
etwas redet, was wit heute als physische Weltenkorper kennenlernen,
sondern er spricht von den «Spharengeistern», von geistigen Wesen-
heiten. Und ein groBer Teil der Ausfuhrungen des Aristoteles ist der
Aufzahlung der einzelnen Planetengeister, der Fixsterngeister und so
weiter bis zu dem einheitlichen Weltengotte gewidmet. Die Spharen-
geister spielen bei Aristoteles noch eine groBe Rolle.
Aber auch die Erinnerung der griechisch-lateinischen Zeit an die
geistigen Wesenheiten der Welt ging allmahlich der Menschhek ver-
loren. Und es ist interessant zu sehen, wie sozusagen Stuck fur Stuck
des alten Wissens nach der neueren Zeit zu verlorengeht. Die mehr
spirituell veranlagten Naturen holten noch immer aus ihren Erinne-
rungen das BewuBtsein herauf, daB mit alle dem, was physisch als
Weltenkorper im Raume ausgestreut ist, geistige Wesenheiten ver-
knupft sind, so wie wir es heute in der anthroposophischen Wissen-
schaft wieder darstellen. So findet man noch vieles in dieser Beziehung,
man mochte sagen, sogar grandios fur seine Zeit dargestellt, bei Kepler.
Und je mehr wir der neueren Zeit entgegengehen, desto mehr schwin-
det auch diese Moglichkeit, die Erinnerung noch zu haben an das, was
die Seele erlebt hat im Anblick des Sternenhimmels in der agyptisch-
chaldaischen Zeit. Die Erinnerung, die noch in der griechisch-latei-
nischen Zeit vorhanden war, auch die schwindet, und immer mehr und
mehr ruckt die Zek des Kopernikanismus heran, in der man nur die
physischen Weltenkugeln sieht, die durch den Raum eilen. Nur manch-
mal glanzt, wie gesagt, bei neueren Geistern, indem etwas hereinspielt
in das BewuBtsein, noch eine Moglichkeit auf, aus der Konstellation
der Sternenwelt von den geistigen Zusammenhangen, von geistigen
Vorgangen etwas zu verfolgen, wie es sich zum Beispiel Kepler hat an-
gelegen sein lassen, die Geburtszeit des Jesus von Nazareth aus der
Sternenwelt noch selbstandig zu berechnen. Das war eine Rechnung,
die noch von dem spirituellen Durchdrungensein bei Kepler herruhrte ;
geradeso wie Kepler sich auch dariiber klar war, daB aus einer ge-
wissen Sternkonstellation im Jahre 1604 wieder das Heruntergedruckt-
werden der alten Erinnerung folgte. Und je mehr wir in die neuere
Zeit heraufkornmen, desto mehr ist die Menschheit auf das auBere
Sinnesvermogen und auf den an das Gehirn gebundenen Verstand an-
gewiesen, weil in tiefere Schichten des BewuBtseins hinuntergesunken
war, was die Seelen in der Vorzeit erlebt hatten. In alien Ihren Seelen
war das einmal vorhanden, was die Seelen erlebt haben, als sie in der
Lage waren, dieses lebendige geistige Leben in den Weltenraumen
wahrzunehmen. In den Tiefen Ihrer Seelen ist das uberall drinnen.
Aber es ist heute nicht die Moglichkeit vorhanden, die Seelen nacht-
licherweile hinzufiihren und ihren Blick zum Beispiel zum GroBen
Baren zu lenken und auch die Krafte, die ausgehen vom GroBen Baren,
die also geistige Krafte sind, anschaulich zu machen. Das ist so un-
mittelbar nicht moglich, weil die Schaukrafte, die Wahrnehmungs-
krafte, tief drinnen sitzen in der Seele. Im nachtschlafenden Zustande
erlebt es der Mensch mit dem nach oben hinausgehenden Teile der
Aura, aber er ist nicht mit dem BewuBtsein drauBen. Deshalb ist das
wissenschaftliche Heraufholen der vergessenen Eindrucke der alten
Zeiten fur die Seelen der Gegenwart das Richtige. Und wie geschieht
dieses Heraufholen? So, wie wir es in der Anthroposophie machen!
Nichts Neues wird den Seelen gebracht, sondern es wird das herauf-
geholt, was die Seelen in friiheren Zeiten erlebt haben, was sie in der
griechisch-lateinischen Zeit nicht mehr wahrnehmen konnten, aber
noch nicht ganz vergessen hatten, was nun ganz vergessen ist, aber
wieder heraufgeholt werden kann. So daB Anthroposophie nichts an-
deres ist als die Anregung zum Heraufholen tief unten in den Seelen
sitzender Wissenskrafte. Alle Menschen, welche die Evolution bis in
die abendlandische Zeit mitgemacht haben, haben in ihren Seelen-
tiefen unten die Vorstellungen, welche durch Anthroposophie an-
geregt werden sollen, und die anthroposophischen Methoden sind die
Anregemittel, um diese in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellun-
gen heraufzuheben.
Nun wollen wir auf den Unterschied aufmerksam machen, der nun
besteht, durch diese beiden Arten sich zur Welt zu verhalten, zwischen
einer Menschenseele, die in der griechisch-lateinischen Zeit inkarniert
war, und einer Seele, die heute inkarniert ist.
Wir haben gesehen, daB wahrend der griechisch-lateinischen Zeit
die Seele auch im Erdenleben einen gewissen Zusammenhang, ein
Wahrnehmungsvermogen hatte fur das, was sie damals durchlebte
zwischen Tod und neuer Geburt. Das war damals noch nicht in so
tiefe Schichten der Seele hineingezogen. Daher war der Unterschied
im BewuBtsein auf der Erde und zwischen Tod und neuer Geburt in
diesen alten Zeiten kein so groBer wie heute. Aber weil die Griechen
sich nurmehr erinnern konnten an das, was sie erlebt hatten, deshalb
war der Unterschied schon ungeheuer groB. Heute ist die Sache schon
soweit gediehen, daB der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt
noch ein BewuBtsein entwickeln kann durch eine moralische Seelen-
stimmung, durch eine religiose Seelenstimmung, bis zum Hinaufleben
in die Venus-Sphare. Wenn er aber in die Sonnen-Sphare, und nament-
lich iiber die Sonnen-Sphare hinauskommt, dann fehlt ihm die Mog-
lichkeit, sein BewuBtsein anzufachen, wenn er nicht hier auf der Erde
darauf sieht, die in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen in das
TagesbewuBtsein heraufzuholen. Hier im Erdenleben sieht Anthro-
posophie so aus wie eine Theorie, wie eine Weltanschauung, der man
sich bemachtigt, weil sie einen interessiert. Nach dem Tode ist sie eine
Fackel, die einem die geistige Welt von einem gewissen Zeitpunkte
an zwischen dem Tode und der neuen Geburt beleuchtet. Und ver-
achtet man sie hier in der Welt, so fehlt einem diese Fackel : dann tritt
eine Herabdampfung des BewuBtseins zwischen Tod und neuer Ge-
burt ein. Spirituelle Wissenschaft zu treiben ist nicht etwa bloB etwas
Theoretisches, sondern etwas Lebendiges. Spirituelle Wissenschaft ist
sozusagen eine Lebensfackel. Der Inhalt der spirituellen Lehre sind
hier Begriffe und Ideen ; nach dem Tode sind sie lebendige Krafte ! Aber
das gilt eigentlich auch nur fur unser BewuBtsein. Denn durch das,
was kh im Beginne der heutigen Betrachtung gesagt habe, wird Ihnen
klar sein, daB auch schon im Erdenleben die spirituellen Ideen, die wir
aufnehmen, belebende Krafte sind. Nur ist der Mensch nicht Zeuge
der belebenden Krafte, well ihm die Erkenntnis der belebenden Ge-
walten verschlossen wird. Nach dem Tode schaut er sie an, ist Zeuge
davon. Hier ist Anthroposophie sozusagen eine Art Theorie, und es
entzieht sich dem Menschen fiir das BewuBtsein im Wachzustande das,
was spirituell belebend ist, was aber objektiv vorhanden ist. Nach dem
Tode ist der Mensch unmittelbar Zeuge, wie die Krafte, die er mit
den spirituellen Lehren wahrend des Lebens auf der Erde aufnimmt,
tatsachlich organisierend wirken, belebend, erkraftigend wirken auf
dasjenige in seiner Wesenheit, was dann da sein kann, wenn er sich
wieder zu einer neuen Verkorperung auf der Erde anschickt.
So wird von der Menschheitsevolution das aufgenommen, was spiri-
tuelle Lehre ist. Wenn aber diese spirituelle Lehre nicht aufgenom-
men wiirde - gegenwartig ist es ja geniigend, wenn einige wenige sie
aufnehmen, aber immer mehr und mehr Menschen miissen sie gegen
die Zukunft hin aufnehmen -, so wiirden allmahlich die Menschen,
wenn sie wieder zu den Erdverkorperungen zuriickkehren, nicht die
geniigend belebenden Krafte haben, die sie dann brauchen. Es wiirde
eine Dekadenz, eine Verkummerung in der spateren Inkarnation ein-
treten. Die Menschen wiirden bald welk werden, friih Runzeln bekom-
men und so weiter. Eine Dekadenz, ein Welkwerden der physischen
Menschheit wiirde eintreten, wenn nicht die spirituellen Krafte auf-
genommen wiirden. Denn die Krafte, welche die Menschen fruher aus
den Sternenwelten aufgenommen haben, miissen aus den Tiefen der
Seelen wieder heraufgeholt werden und zur Evolution der ganzen
Menschheit verwendet werden.
Wenn Sie das iiberblicken, werden Sie sich so recht von dem Ge-
danken durchdringen konnen, wie Auf-Erden-Sein seine groBe, seine
ungeheure Bedeutung hat. Denn das muBte einmal geschehen, daB
sozusagen der Mensch von seiner Verbindung mit den Sternenwelten
so verinnerlicht werde, daB dieselbe Kraft, die er sonst immer aus den
Sternenwelten hereingesogen hat, innerste Kraft seiner Seele werde
und von seiner Seele wieder heraufgeholt werde. Das kann aber nur
auf der Erde geschehen. Man konnte sagen: Der Somasaft regnete in
Urzeiten aus den Himmelsraumen in die einzelnen Seelen hinein, kon-
servierte sich dort und muB nun aus den einzelnen Seelen wieder her-
ausflieBen. Auf diese Weise bekommen wir noch auf eine ganz be-
sondere Art eine Vorstellung von der Erdenmission. Und wir werden,
nachdem wir heute diese Vorstellung eingefiigt haben, das Leben
zwischen dem Tode und der nachsten Geburt noch genauer be-
trachten.
FtJNFTER VORTRAG
Berlin, 22. Dezember 1912
Nicht wie in den verflossenen Jahren soli heute von mir iiber das
Weihnachtsfest im allgemeinen gesprochen werden; das mochte ich
fur Dienstag aufbewahren. Dafur mochte ich Sie bitten, dasjenige,
was ich heute vorzubringen haben werde, als eine Art Weihnachtsgabe
zu betrachten; als etwas, was ich fur Ihre Seelen gern unter den Weih-
nachtsbaum legen mochte als eine allerdings anthroposophische Weih-
nachtsbetrachtung, die aber vielleicht durch das Bedeutsame, das wir
durch sie aufnehmen konnen, wenn wir sie in rich tiger Weise mit
unserer Seele vereinigen, uns noch langere Zeit nachsinnend, medi-
tierend wird beschaftigen konnen. Diirfen wir doch gewiB in der
Weihnachtszeit derjenigen Wesenheit gedenken, die ja allerdings fur
manchen mythisch oder mystisch sich ausnehmen mag, mit deren
Namen wir aber doch verbinden — wenigstens uns gewohnt haben,
in einer gewissen Weise zu verbinden — die spirituellen Impulse
des abendlandischen Kulturlebens. Gemeint ist die Wesenheit des
Christian Rosenkreutz.
Mit dieser Individuality des Christian Rosenkreutz und ihrem
Wirken seit dem 1 3 . Jahrhundert - wir haben das oftmals charakteri-
siert - verbinden wir alles dasjenige, was uns einschlieBt die Fort-
fiihrung des Impulses, der gegeben worden ist durch die Erscheinung
des Christus Jesus auf Erden und durch die Vollbringung des Myste-
riums von Golgatha. Auseinandergesetzt wurde einmal das, was wir
nennen konnen die letzte Initiation des Christian Rosenkreutz im
13. Jahrhundert. Heute soil gesprochen werden von einer Tat des
Christian Rosenkreutz, die da fallt so gegen das Ende des 16. Jahr-
hunderts; von einer Tat des Christian Rosenkreutz, die deshalb so
bedeutsam ist fur den Christus-Impuls, weil sie mit demselben das ver-
band, was eine wichtigste Tat in der Entwickelungsgeschichte der
Menschheit war in den letzten Zeiten, bevor das Mysterium von
Golgatha stattgefunden hat.
Zu all den Dingen, welche uns so recht begreif lich machen konnen,
wie einschneidend fur die irdische Menschheitsgeschichte das Myste-
rium von Golgatha war, zu all dem vielen gehort die Tat eines anderen
Religionsstifters, die Tat des Gautama Buddha. Die morgenlandische
Weltanschauung iiberliefert uns, wie Gautama Buddha in jenem Le-
ben, von dem eben als dem Buddhaleben gewohnlich erzahlt wird,
aufgestiegen ist im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens von
einem Bodhisattva zu einem Buddha. Und wir wissen, was es heiBt,
daB ein Bodhisattva aufsteigt zu einem Buddha. Wir haben auch oft-
mals die ganze Bedeutung, die Weltbedeutung desjenigen hervor-
gehoben, was zu uns heruberklingt als die erste Tat des Buddha, der
aus einem Bodhisattva ein Buddha geworden ist, haben hervorgeho-
ben die ganze Bedeutung der «Predigt von Benares ». Das alles ist in
unsere Seelen wohl tief eingeschrieben. Nur einer Sache wollen wir am
heutigen Tage besonders gedenken: was es im groBen Weltenzusam-
menhange unter anderem bedeutet, ein Bodhisattva sei zu einem
Buddha aufgestiegen. So ist die morgenlandische Lehre, und so ist
auch alles das, was uns der abendlandische Okkultismus uber dieses
Phanomen lehrt : daB eine menschliche Wesenheit, wenn sie von einem
Bodhisattva zu einem Buddha aufsteigt, fortan nicht mehr in einen
menschlichen fleischlichen Leib auf unsere Erde zuriickzukehren
braucht, sondern daB eine solche, zur Buddha- Wiirde aufgestiegene
Wesenheit fortan in rein spirituellen Welten weiterwirken kann. Und
so erkennen wir voll an als eine fur uns geltende Wahrheit, daB jene
Menschenindividualitat, die zum letzten Male auf der Erde der Gau-
tama Buddha war, seitdem fortlebt in spirituellen Hdhen, zunachst aus
diesen spirituellen Hohen weiter in die Entwickelung der Menschheit
hereinwirkend, von jenen spirituellen Hohen in die Entwickelung der
Menschheit hereinsendend ihre Impulse, ihre Krafte zur weiteren Fort-
entwickelung, Fortgestaltung der Menschheit.
Und eine wichtige Tat, die der Buddha getan hat als den Beitrag,
den er zum Mysterium von Golgatha zu bringen hatte, wir haben sie
hervorgehoben. Wir haben erinnert an die schone Legende, an die
schone Erzahlung, die wir im Lukas-Evangelium finden: DaB die
Hirten sich versammelten, als der in diesem Evangelium beschriebene
Jesus geboren worden war. Wir wissen, daB die Legende von einem
Engelsgesang erzahlt, der bei jener Geburt ertonte und den die Hirten
in ihre glaubigen, in ihre ahnungsvollen Seelen aufnahmen. Wir haben
dann darauf hingewiesen, woher jener Gesang kam: Die OfFenbarun-
gen sollen erzahlen von dem Gottlichen in den Hohen, und Friede soli
werden den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind. - Der
Gesang ist es von der Offenbarung der gottlich-geistigen Krafte in den
spirituellen Welten und von ihrem Widerglanze in den Herzen der
Menschen, die eines guten Willens sind. Wir haben hervorgehoben,
dafi dieses, was damals als Friedensgesang erklang, eben der Beitrag
des Buddha aus den spirituellen Hohen zu dem Mysterium von Gol-
gatha war. Denn der Buddha vereinigte sich mit dem astralischen
Leibe jenes Jesus, der uns im Lukas-Evangelium entgegentritt. Und
das, was das Evangelium als Engelsgesang vermittelt, ist das Ein-
stromen des Friedens-Evangeliums des Buddha in die Tat, die dann
durch den Christus Jesus vollbracht werden sollte. Der Buddha sprach
damals bei der Geburt des Jesus, und was den Hirten wie Engels-
gesang erschien, das war das, was aus alten vorchristlichen Zeiten als
die Botschaft vom Frieden und von der allmenschlichen Liebe auch in
die Mission des Christus Jesus hinein aufgenommen werden sollte.
Dann blieb aber immer auch das, was die Wesenheit des Buddha
genannt werden darf, wirksam in dem fortgehenden Strome der christ-
lichen Entwickelung des Abendlandes. Insbesondere darf eine Tat
jenes Buddha hervorgehoben werden, der nicht mehr in einem
menschlichen Leibe fortan wirkte, der aber in einem geistigen Leibe
wirkte, wie er gewirkt hat bei der Geburt des Jesus; der fortwirkte,
vernehmbar fur diejenigen, die durch irgendwelche Art von Initiation
in der Lage sind, nicht nur zu physischen Menschen in ein Verhaltnis
zu treten, sondern auch zu den groCen, rein in geistigen Leibern an
die Menschen herantretenden hohen Fuhrern und Lehrern.
Einige Jahrhunderte, eine Reihe von Jahrhunderten, nachdem das
Mysterium von Golgatha vollbracht war, bluhte eine Mysterienschule
im Siiden von RuGland, so in der Gegend des Schwarzen Meeres. Be-
deutsame Lehrer waren in jener Mysterienschule. Nur angedeutet
kann hier werden - und halb bildlich angedeutet -, was dort eigentlich
geschah. Unter den Lehrern, die im physischen Leibe dort wirkten,
war auch einer, der nicht im physischen Leibe wirkte, sondern nur an
diejenigen Schiiler und Zoglinge herantreten konnte, die in ein Ver-
haltnis und in eine Beziehung auch zu jenen Fiihrern und Lehrern
treten konnten, die nicht in einem physischen Leibe verkorpert waren,
sondern die nur in einem Geistleibe in den Mysterien auftraten. Und
unter diesen Lehrern, die damals im Geistleibe in der genannten
Mysterienstatte auftraten, war dieselbe Wesenheit, von der uns erzahlt
wird als von dem Gautama Buddha. Und einen bedeutenden Schiiler
hatte damals diese Wesenheit im 7., 8. Jahrhundert nach dem Myste-
rium von Golgatha. Der Buddha war damals in seiner wirklichen
Wesenheit nicht etwa darauf bedacht, das, was man Buddhismus
nennt, in alter Form etwa fortzupflanzen, sondern er war mitgegangen
mit aller Evolution der Zeit, mit aller Entwickelung. Er hatte auf-
genommen den Christus-Impuls, hatte selber, wie wir gesehen haben,
mitgewirkt beim Christus-Impuls. Und nur in der Stimmung, im
Grundcharakter desjenigen, was er zu geben hatte in der angedeuteten
Mysterienstatte, driickte sich aus, was noch heruberkommen sollte
aus der alten Buddha-Strdmung. Aber es driickte sich so aus, daB es
ganz gekleidet war in christliche Stimmung, in christliches Gewand.
Man darf in einer gewissen Weise sagen: Nachdem der Buddha ein
Wesen geworden ist, das sich nicht mehr in einem menschlichen Leibe
inkarnieren braucht, war er ein Mithelfer der christlichen Evolution
von der spirituellen Welt aus geworden. - Und ein getreuer Schiiler
hatte dazumal tief das aufgenommen, was der Buddha in jener Zeit
geben konnte, hatte tief aufgenommen etwas, was ja nicht allgemeines
Menschheitsgut werden konnte, was aber wie eine Vereinigung der
Buddha-Lehre mit der Christus-Lehre war: die absolute Hingabe an
das, was am Menscben ubersinnlich ist, das Hinweggehobensein iiber
die unmittelbare Verbindung mit dem Sinnlich-Irdischen, das Sich-
ganz-Widmen - und zwar nicht mit dem Verstande, mit der Vernunft,
sondern mit dem Herzen, mit der Seele-sich-Widmen dem Seelisch-
Geistigen der Welt, das Sich-Zuriickziehen von den Auflerlichkeiten
der Welt, das mit ganzer Seele Hingegebensein an das Geistige und
seine Geheimnisse. Und als jene Seele, welche da eine Buddha-
Christus-Schiilerseele war, die sozusagen durch den Buddha von dem
Christus gehort hatte, wieder auf der Erde er schien, da ward sie ver-
korpert in demjenigen Menschen, den wir in der Geschichte der
Menschheitsentwickelung kennen als Fran^ von Assist. Und wer die
Gestalt des Franz von Assisi seelisch in ihrer ganzen Eigenart kennen-
lernen will aus den okkulten Tiefen der Menschheitsentwickelung
heraus, der schaue hin auf die vorhergehende Inkarnation des Franz
von Assisi, der mache sich bekannt - wenn man bei Franz von Assisi
die eigentumliche Art seines Lebens verstehen will, besonders mit
dem, was uns groB und gewaltig bei ihm entgegentritt, weil es zu-
gleich so weltfremd und so fern von allem unmittelbar sinnlich Er-
lebten ist -, der mache sich damit bekannt, daB Franz von Assisi in
seiner vorhergehenden Inkarnation, wie es angedeutet ist, ein Christus-
Schiiler des Buddha war in der angedeuteten Mysterienstatte.
So wirkte die Buddha- Wesenheit weiter - unsichtbar, ubersinnlich -
in der Stromung, die durch das Mysterium von Golgatha in die
Menschheitsentwickelung eingetreten war. Gerade aber an Franz von
Assisi kann sich uns so recht zeigen, wie diese Buddha- Wirkung fur
alle folgenden Zeiten gewesen ware, wenn nichts anderes geschehen
ware, als daB der Buddha so fortgewirkt hatte, wie er in jener Tat ge-
wirkt hat, die wir eben charakterisiert haben, und durch welche er
Franz von Assisi fur seine Mission vorbereitet hat. Hatte er so fort-
gewirkt - viele, viele Menschen wiirden erstanden sein von der Ge-
sinnung und Stimmung des Franz von Assisi. Sie waren innerhalb des
Christentums Buddha-Schuler geworden, waren Buddha-Bekenner
geworden. Was als Buddha-Stimmung etwa in denjenigen fortgelebt
hat, welche Bekenner des Franz von Assisi geworden waren, das ware
aber unmoglich mit alledem zu vereinigen gewesen, was die moderne
Zeit, die Zeit seit der Morgenrote des neueren Geisteslebens, an An-
forderungen an die Menschheit zu stellen hatte.
Erinnern wir uns einmal, wie wir den Durchgang det Menschen-
seele durch die verschiedenen Regionen der Welt zwischen dem Tode
und der neuen Geburt dargestellt haben. Erinnern wir uns, daB diese
Menschenseele zwischen Tod und neuer Geburt durch das durchzu-
gehen hat, was wir die planetarischen Spharen nennen, daB sie sich zu
bewegen hat bis hinaus in die Weiten des Weltenraumes. Erinnern wir
uns, daB wir in der Tat zwischen Tod und neuer Geburt nacheinander
Mond-, Venus-, Merkur-, Sonnen-, Mars-, Jupiter- und Saturnbewoh-
ner werden, Bewohner des Sternenhimmels werden, um uns dann
wieder aus diesen Welten zusammenzuziehen, um uns durch irgendein
Elternpaar wieder neu zu verkorpern und um das durchzumachen,
was man auf dem Schauplatze der Erde durchmachen kann, wahrend
wir auBerhalb des Erdenraumes das absolvieren, was wir als Bewohner
anderer Welten durchzumachen haben. Von jeder Seele, die durch die
Geburt ins Dasein tritt, konnen wir sagen, daB sie seit dem letzten
Tode die verschiedenen Erlebnisse durchgemacht hat, die drauBen im
Stemenhimmel durchgemacht werden konnen. Wir bringen uns durch
die Geburt die Krafte ins Dasein herein, die wir in den verschiedenen
Gebieten des Sternenhimmels erleben.
Nun sehen wir einmal hin, wie auf unserer Erde schon das Leben
verflieBt, wie der Mensch bei jeder neuen Inkarnation, bei jeder neuen
Verkorperung hier auf der Erde die Erde verandert findet, wie er
Neues durchmacht. Erinnern wir uns, wie der Mensch in seinen ver-
schiedenen Inkarnationen durchgemacht hat die vorchristlichen Zei-
ten, wie er wieder inkarniert war, nachdem in der Menschheitsentwik-
kelung das Mysterium von Golgatha Platz gegriffen hatte und als Im-
puls in der weiteren Entwickelung der Menschheit fortzuwirken hatte.
Schreiben wir es uns recht stark vor die Seele hin, wie da die Erde eine
Entwickelung durchmacht, von gottlich-geistigen Hohen herunter-
steigend bis zu einem gewissen tiefsten Punkt; wie sich dann mit der
Erdentwickelung das verband, was wir nennen konnen den Impuls
des Mysteriums von Golgatha, und wie von da an wieder eine Auf-
wartsentwickelung der Erde stattfindet, die jetzt erst am Anfange ist,
die aber weiter fortgehen wird, wenn die Menschen die Impulse aus
diesem Mysterium in die Seelen aufnehmen werden, so daB sie spater
bis zu jener Stufe wieder hinaufsteigen werden, wo sie standen, bevor
die Verfiihrung durch Luzifer stattgefunden hat. Machen wir uns klar,
daB wir so - gerade aus ihren tiefsten Entwickelungsbedingungen her-
aus - die Erdentwickelung immer anders finden, wenn wir durch die
Geburt hier ins irdische Dasein zuriickkehren.
So ist es aber auch, wenn wir die anderen Weltenkorper zwischen
Tod und neuer Geburt betreten. Ja, diese Weltenkorper machen auch
eine Entwickelung durch. Sie machen geradeso eine Evolution durch,
einen Niederstieg und einen Aufstieg in ihrer Entwickelung wie un-
sere Erde selber. Und jedes Mai, wenn wir nach einem Tode irgend-
einen der Weltenkorper drauBen - Mars, Venus oder Merkur - be-
treten, treffen wir andere Verhaltnisse, und wenn wir solche andere
Verhaltnisse treffen, nehmen wir auch andere Erlebnisse, andere Im-
pulse aus diesen Weltenkorpern auf und bringen andere Impulse jedes
Mai zuriick, sagen wir, vom Merkur, von der Venus und so weiter;
denn wir nehmen alle die Impulse dort auf, die wir dann durch die
Geburt wieder ins Dasein zuruckbringen. Wir bringen, weil die an-
deren Weltenkorper auch ihre Evolutionen durchmachen, jedes Mai
andere innere Krafte in der Seele mit.
Heute, da wir sozusagen durch die tiefe Bedeutung des Weihnachts-
festes hingewiesen werden in das Wesen des Weltenraumes, das gei-
stige Wesen des Weltenraumes selber, heute wollen wir insbesondere
einer Entwickelung gedenken, die sich der okkulten Forschung dar-
bietet, wenn diese okkulte Forschung wirklich bis zu einer gewissen
Tiefe in das eindringt, worin sie eindringen kann: in das Wesen an-
derer Welten, die so verkniipft sind mit anderen Planeten, anderen
Planetensystemen, wie das geistige Leben der Erde mit dem Erd-
planeten verkniipft ist. Wie im geistigen Leben der Erde eine ab-
steigende Entwickelung bis zum Mysterium von Golgatha und von
da aus ein Aufschwung stattfindet, der jetzt nur maskiert, kaschiert ist,
weil der Christus-Impuls immer mehr und mehr verstanden werden
muB, und weil die Menschen dann schon eine aufsteigende Entwicke-
lung durchmachen werden, so fand - das wollen wir ins Auge fassen -
eine aufsteigende und eine absteigende Entwickelung auch statt auf
dem Mars, dessen Schauplatz wir auch zwischen dem Tode und der
neuen Geburt betreten. Es war gerade bis in das 15., 16. Jahrhundert
hinein, da machte der Mars eine solche Entwickelung durch, daB das,
was ihm von Anfang an aus den spirituellen Welten gegeben war, in
absteigender Entwickelung war. Wie bis zum Anfange unserer Zeit-
rechnung die Erdentwickelung eine absteigende war, so war bis zum
15., 16. Jahrhundert die Entwickelung des Mars eine absteigende. Sie
sollte eine aufsteigende werden, muBte eine aufsteigende werden, denn
jene absteigende Entwickelung hatte sich in ihren Folgen oben gezeigt.
Wir bringen ja als Menschen die Impulse, die Krafte aus den Sternen-
welten mit, wenn wir wieder durch die Geburt ins irdische Dasein
treten, und unter den verschiedenen Kraften auch die Marskrafte. An
einer Individualitat konnen wir insbesondere deutlich sehen, wie ver-
andert das war, was man vom Mars mitbringt auf die Erde herein.
Es ist ja alien Okkultisten bekannt, daB dieselbe Seele, die in Niko-
laus Kopernikus auftrat, um sozusagen die Morgenrote der neueren
Zeit herbeizufiihren, vorher verkorpert war von dem Jahre 1401 bis
1464 in dem Kardinal Nikolaus von Kues, Nikolaus Cusanus. Wie ver-
schieden sind aber diese beiden Personlichkeiten, welche in einer ge-
wissen Hinsicht dieselbe Seele in sich bargen! Nikolaus von Kues im
15.Jahrhundert ganz, ganz hingegeben den spirituellen Welten, in
seinen Betrachtungen in den spirituellen Welten wurzelnd - und als
er wieder erschien, jene gewaltige Umwalzung hervorrufend, die nur
dadurch hervorgerufen werden konnte, daB sozusagen aus der Welt-
anschauung des Raumes, des Planetensystems, alles herausgeworfen
war, was spirituell war, und man nur die auBeren Bewegungen und die
auBeren Verhaltnisse der Himmelskorper ins Auge faBte! Warum
konnte denn dieselbe Seele, die als Nikolaus von Kues auf der
Erde war und noch ganz den spirituellen Welten hingegeben war,
als sie in der nachsten Verkorperung wieder erschien, nun abstrakt, ma-
thematisch, rein raumlich-geometrisch die Himmelsverhaltnisse
denken? Man konnte es, weil man, wenn man in der Zwischenzeit
zwischen dem Dasein des Nikolaus von Kues und dem des Koper-
nikus die Mars-Sphare passiert hatte, gerade hineingekommen war in
den Niedergang des Mars. Man brachte sich vom Mars keine Krafte
mit, welche die Seelen im Leben so inspirierten, daB man einen Hohen-
flug in die geistigen Welten hinauf nahm. Was nur im Physisch- Sinn-
lichen war, das allein lebte in solchen Seelen, die gerade in jener Zeit
den Mars passiert hatten. Ware nun alles auf dem Mars so weiter vor
sich gegangen, ware der Mars in seinem Niedergange drinnen ge-
blieben, so wiirden sich die Seelen aus diesem Weltenkorper nur das
mitgebracht haben, was sie hier auf der Erde fur eine rein materielle
Auffassung der Welt fahig gemacht hatte. Durch das aber, was aus
dem Niedergange des Mars stammte, ist die moderne Naturwissen-
schaft geworden; das hat sich in die Seelen so ergossen, daB es auf
dem Gebiete der materiellen Welterkenntnis von Triumph zu Triumph
fuhrte, und das wiirde in der weiteren Mensehheitsentwickelung nur
fortwirken im Sinne alles dessen, was materielle Naturwissenschaft
werden kann, was die Grundlage fur Industrie und Handel, fur die
auBere Gestaltung der Erdenkultur werden kann.
Es wiirde ja moglich sein, daB jener Menschenklasse, die dadurch
sich herausbildet, daB sie ganz unter dem EinfluB des Fehlens ge-
wisser alter Marskrafte stent, welche nicht mehr vorhanden waren,
daB dieser Menschenklasse, die also nur der auBeren Kultur hin-
gegeben ware, eine andere Menschenklasse gegeniiberstande, eine
Menschenklasse von lauter Bekennern des Franz von Assisi oder des
ins Christentum iibertragenen Buddhismus. Es wiirde eine Wesenheit
wie die des Buddha - wie sie in der heute angedeuteten Weise bis zu
Franz von Assisi fortgewirkt hat - auf der Erde ein Gegengewicht
selber haben bilden konnen gegen die bloB materialistische Auf-
fassung der Welt, indem sie starke Krafte in die Seelen gegossen
hatte. Aber diese Krafte hatten dazu gefuhrt, daB sich eine Klasse von
Menschen hatte bilden konnen, die nur ein monchisches Leben fiihren
konnen wie Franz von Assisi, und daB nur diese Klasse in die spiri-
tuellen Hohen hatte aufsteigen konnen.
Ware nun alles so geblieben, so ware die Menschheit immer mehr
und mehr in zwei Klassen geteilt worden: auf der einen Seite die,
welche dem materiellen Leben hingegeben waren, weil diese Klasse
schon einmal notwendig geworden ist auf der Erde fur die Fort-
pflanzung der auBeren materiellen Erdenkultur, und herausgehoben
worden durch den fortwirkenden Buddha-Impuls waren Schatzer und
Pfleger und Bewahrer der spirituellen Kultur. Aber diese letzteren
hatten nicht mitmachen diirfen - wie es Franz von Assisi nicht hat
mitmachen diirfen - die auBere materielle Kultur, und immer scharfer
und scharfer waren diese zwei Menschenkategorien getrennt worden.
Und als man prophetisch vorausschauen konnte, daB so etwas hatte
kommen miissen, da war es die Aufgabe jener Individualist, die wir
unter dem Namen Christian Rosenkreutz verehren, nicht die Erd-
entwickelung so vor sich gehen zu lassen, daB eine solche Zwei-
spaltung der Erdentwickelung vor sich gehe. Sondern Christian
Rosenkreutz fuhlte die Mission, fur jede Menschenseele, die da oder
dort auf irgendeinem Plan im neueren Leben steht, die Moglichkeit
zu bieten, daB jede Seele aufsteigen kann in spirituelle Hohen. Haben
wir es ja immer betont, und ist es doch betont in meiner Schrift «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? », daB es unser Ziel in
der abendlandischen okkultistischen Geistesentwickelung ist, nicht
durch Absonderung vom Leben, durch eine asketische Absonderung
vom Leben den Aufstieg in die spirituellen Welten zu erreichen, son-
dern die Moglichkeit zu geben, daB eine jede Seele, wo sie auch steht,
von sich aus den Aufstieg in die geistige Welt findet. DaB der Aufstieg
in die geistigen Welten vereinbar sei mit jeder andern Lebensposition,
daB es so kommen konne, daB die Menschheit nicht auseinanderfalle
in zwei auseinandergetrennte Kategorien, von denen die eine nur der
auBeren industriellen, kommerziellen, materiellen Kultur hingegeben
ware und dadurch zwar immer geistreicher, aber doch immer tie-
rischer und materialistischer geworden ware, wahrend die andere sich
immer mehr und mehr absondern und ein Leben im Sinne von Franz
von Assisi fiihren wiirde, daB dies nicht geschehe, das sollte die Sorge
des Christian Rosenkreutz werden, als die neuere Zeit herannahte,
welche die materialistische Kultur herbeifiihren sollte, wo alle Seelen
sich die Marskrafte, die im Niedergange waren, mitbringen muBten.
Und weil nun nicht das in den Seelen sein konnte, was jene Zwei-
spaltung verhindert hatte, so muBte auch von den Marskraften aus es
dem Menschen zukommen, einzutreten mit seiner ganzen Seele fur
das Spirituelle, fur das Geistige. Es muBte die Menschheit zum Bei-
spiel dafiir gewonnen werden, gut naturwissenschaftlich zu denken,
die Welt naturwissenschaftlich anzuschauen, sich Ideen und Begriffe
zu machen uber die Welt, ganz nach dem Muster moderner natur-
wissenschaftlicher Gedanken, aber zugleich in der Seele die Moglich-
keit zu haben, die Ideen spirituell zu vertiefen, spirituell auszubilden,
so daB von einer naturwissenschaftlichen Anschauung der Weg zu
einer spirituellen Hohe hinauf gefunden werde.
Diese Moglichkeit muBte geschafFen werden 1 Und geschafFen wurde
sie durch Christian Rosenkreutz, der von der Erde her, alliiberall her
seine Getreuen gegen das Ende des 16.Jahrhunderts um sich ver-
sammelte, um sie teilnehmen zu lassen an dem, was sich zwar auBerlich
raumlich vollzieht von Stern zu Stern, aber dennoch vorbereitet wird
in den heiligen Mysterienstatten, da wo gewirkt wird innerhalb der
Weltenkorper iiber diese Weltenkorper hinaus zur Weltenkultur, nicht
bloB zur Planetenkultur. Um sich versammelte Christian Rosenkreutz
die, welche auch versammelt waren bei seiner Initiation im 13.Jahr-
hundert. Unter diesen war auch einer, der sein Schiiler und Freund
geworden war seit langer Zeit - der, der einstmals auf Erden in-
karniert war, aber nun nicht mehr auf der Erde zu erscheinen brauchte :
Gautama Buddha als geistige Wesenheit, wie er eben war, nachdem er
Buddha geworden war. So war er der Schiiler des Christian Rosen-
kreutz I Und damit alles das, was durch den Buddha geschehen konnte,
so gewendet werde, daB es in jene Mission auslauft, die eben jetzt
beschrieben worden ist als die des Christian Rosenkreutz in der da-
maligen Zeit, deshalb kam zustande, als eine gemeinschaftliche Tat
des Christian Rosenkreutz und der Wesenheit des Buddha, das Hinaus-
senden des Buddha von bloB irdischer Wirksamkeit zu kosmischer
Wirksamkeit. Der Gautama Buddha, oder eigentlich die Individualitat
des Gautama Buddha, wurde durch das, was sie aus den Impulsen des
Christian Rosenkreutz aufnehmen konnte, zu folgendem fahig - wir
werden spater einmal iiber die Beziehungen zwischen Gautama
Buddha und Christian Rosenkreutz genauer sprechen, jetzt soil nur
angedeutet werden, daB durch diese Beziehungen in der Tat die
Individualitat des Buddha nicht weiterwirkte auf Erden, so wie sie
einstmals in der Mysterienstatte am Schwarzen Meer lehrte, - sondern
dieser Buddha verlieB die unmittelbare Wirkungssphare der Erde und
verlegte seine Wirkungssphare auf den Mars. So daB im Anfange des
17. Jahrhunderts in der Marsevolution etwas Ahnliches stattfand, wie
es sich im Beginne der aufsteigenden Erdentwickelung in dem Myste-
rium von Golgatha vollzogen hat. Bewirkt wurde durch Christian
Rosenkreutz, was man nennen kann : die Erscheinung des Buddha auf
dem Mars. Dadurch wurde eingeleitet die aufsteigende Marskultur.
Von da ab begann fur den Mars die aufsteigende Marsentwickelung,
wie fur die Erde die aufsteigende Kultur mit dem Mysterium von
Golgatha begonnen hat.
So wurde der Buddha far den Mars in ahnlicher Weise ein Erloser,
ein Heiland, wie es der Christus Jesus fiir die Erde geworden ist. Die
Vorbereitung dazu war fur den Buddha das, was er als Buddha zu
lehren hatte : die Lehre des Nirwana, des Nichtbefriedigtseins von der
Erde, des Freiwerdens von den Erdeninkarnationen. Was er so lehrte -
vorbereitet war es von auBerhalb der Erde her, auf die Erdenziele hin.
Man sehe in die Seele des Buddha hinein, begreife die «Predigt von
Benares », begreife, wie in dieser sich in der Vorbereitung zeigt eine
andere Wirksamkeit als die bloB auf der Erde sich abspielende, und
man begreift, wie weise der Vertrag zwischen Christian Rosenkreutz
und dem Buddha war, in dessen Folge im Beginne des 17.Jahrhun-
derts der Buddha seine Wirkungsstatte auf der Erde verlieB, wo er in
der Erdensphare auf die Menschenseelen zwischen Geburt und Tod,
aber eben von den geistigen Welten aus, hatte wirken konnen, um
fortan auf dem Schauplatze des Mars fur die Menschenseelen zwischen
Tod und neuer Geburt zu wirken. Das ist das Bedeutsame, was be-
wirkt worden ist, man mochte sagen durch die tJbertragung des Weih-
nachtsfestes von der Erde auf den Mars. So daB fortan die Menschen-
seelen alle in einem gewissen Sinne eine Art Bekennerschaft des Franz
von Assisi durchmachen und dadurch indirekt zu Buddha; aber die
Menschen machen sie nicht auf der Erde durch, sondern alle Men-
schen machen - wenn wir das paradoxe Wort gebrauchen wollen -
ihr Monchtum, eine Bekennerschaft zu Franz von Assisi, auf dem
Mars durch und bringen sich von dort die Krafte herein auf die Erde.
Dadurch konnen sie das, was sie sich dort errungen haben, in ihren
Seelen als schlummernde Krafte haben, wo sie auch immer hingestellt
werden, und brauchen nicht in ein besonderes Monchtum hinein-
gestellt zu werden, um etwas durchzumachen, wie etwa die besonderen
Zoglinge des Franz von Assisi. Das letztere wurde dadurch verhindert,
daB der Buddha hinausgesendet wurde in kosmische Welten in tJber-
einstimmung mit Christian Rosenkreutz, der nun ohne Buddha auf der
Erde wirkte. Hatte der Buddha in der Erden-Sphare weiter gewirkt,
so hatte er nur das erreichen konnen, daB er buddhistische oder
franziskanische Monche hatte hervorbringen konnen, und die anderen
Seelen waren dann der materiellen Kultur hingegeben gewesen. Da-
durch aber, daB das stattgefunden hat, was man eine Art «Mysterium
von Golgatha» fur den Mars nennen kann, machen die Menschen-
seelen auBerhalb der Erde - in einer Sphare, wo sie nicht in einer
irdischen Inkarnation sind - das durch, was sie fur das weitere Erden-
leben brauchen, was aufgenommen werden muB als echtes Buddha-
Element in die Seelen, und was in der nachchristlichen Zeit nur
2wischen Tod und Geburt aufgenommen werden kann.
Wir stehen hier unmittelbar vor der Schwelle eines groBen Ge-
heimnisses, des Geheimnisses, das einen Impuls gebracht hat, der in
der Menschheitsentwickelung fortwirkt. Oh, wer diese Menschheits-
entwickelung wirklich versteht, der weiB, daB das, was auf unserer
Erde jemals sich geltend gemacht hat, in seiner richtigen Weise fort-
wahrend sich einfiigt dem Gesamtstrom der Menschheitsentwicke-
lung. Anders war das Mysterium von Golgatha des Mars als jenes auf
der Erde: nicht so gewaltig, nicht so einschneidend, nicht zum Tode
fiihrend. Aber eine Vorstellung konnen Sie sich davon machen, wenn
Sie iiberlegen, was es heiBt, daB derjenige, welcher der groBte Frie-
dens- und Liebefiirst, der Trager des Mitleids auf der Erde war, ver-
setzt wurde auf den Mars, um an der Spitze der ganzen Marsevolution
zu wirken. Es ist keine Mythologie, sondern der Mars hat schon
sekien Namen daraus erhalten, daB er der Planet ist, in welchem die
Krafte, die dort sind, am meisten im Kriege miteinander sind. Und die
Mission des Buddha ist es, daB er sich zu «kreuzigen» hatte auf dem
Schauplatze dieses Planeten, wo die meisten kriegerischen Krafte sind,
wenn auch die Krafte dort durchaus psychisch-spiritueller Natur sind.
So stehen wir vor einer Tat desjenigen, der die Aufgabe hatte, den
Christus-Impuls in der richtigen Weise aufzunehmen und fortzusetzen
und der groBe Diener des Christus Jesus zu sein. So stehen wir vor
dem Geheimnis des Christian Rosenkreutz, finden ihn so weise, daB
er die anderen Impulse, die fur das Mysterium von Golgatha vor-
bereitend waren, die sich gleichsam in der Menschheitsentwickelung
herumreihen um das Mysterium von Golgatha, soweit es an ihm ist,
in der strengen Weise einfiigt in die ganze Menschheitsentwicke-
lung.
Eine solche Sache, wie sie jetzt dargestellt worden ist, kann man
nicht etwa bloB mit Worten und Ideen aufnehmen, sondern man muB
sie in ihrer Tiefe und ihrer ganzen Weite mit seiner ganzen Seele und
seinem ganzen Herzen fuhlen. Man muB fuhlen, was es heiBt, zu
wissen: Mit den Kraften, die wir jetzt in unsern gegenwartigen
Menschheitszyklus hereinbringen, wenn wir durch die Geburt zur
Erdeninkarnation schreiten, sind auch die Krafte des Buddha. Dahin
wurden sie verlegt, wo wir das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
durchmachen, damit wir in der richtigen Weise in das Erdenleben
eintreten; denn innerhalb des Erdenlebens, zwischen Geburt und Tod,
ist es unsere Aufgabe, das richtige Verhaltnis zu dem Christus-Impuls,
zu dem Mysterium von Golgatha zu gewinnen. Das konnen wir nur,
wenn alle Impulse in der richtigen Weise zusammenwirken. Der
Christus ist aus anderen Welten herabgestiegen und hat sich mit der
Erdenevolution vereinigt. Er soli hier den Menschen das GroBte
geben, was sich mit der Menschenseele als ein Impuls vereinigen
kann. Aber das kann nur geschehen, wenn die Krafte, die mit der
Menschheitsentwickelung zusammenhangen, alle an ihrem richtigen
Orte in diese Menschheitsentwickelung eingreifen. Der groBe Lehrer
des Nirwana, der die Menschen ermahnte, ihre Seelen freizumachen
von dem Trieb und Drang nach Wiederverkorperung, sollte nicht
dort wirken, wo der Mensch in die Wiederverkorperung hinein-
zugehen hat, sondern nach dem groBen Plane, der von den Gottem
gewoben wird, aber an dem die Menschen teilnehmen miissen, weil
sie den Gottern dienen, nach diesem Plane sollte jener groBe Lehrer
in dem Leben, das immer jenseits von Geburt und Tod steht, weiter-
wirken.
Nun versuchen Sie das innerlich Berechtigte einer solchen Vor-
stellung zu fuhlen, versuchen Sie mit dieser Idee den Gang der
Menschheitsentwickelung zu verfolgen, um einzusehen, warum der
Buddha vorangehen muBte dem Christus Jesus, und wie er wirkte,
nachdem der Christus-Impuls in die Menschheitsevolution ein-
geflossen ist. Versuchen Sie das zu verarbeiten, dann werden Sie die
neue Menschheitsentwickelung, die neiiere Geistesentwickelung, vom
17.Jahrhundert angefangen, in der Sie selbst stehen, im rechten
Lichte sehen, weil Sie sehen, wie die Menschenseelen die Krafte, die
sie weiterbringen sollen, aufnehmen, bevor sie durch die Geburt ins
Dasein schreiten.
Das ist es, was ich heute an einem bedeutungsvollen Festtage nicht
wie einen direkten Weihnachtsvortrag, aber als eine Art Christ-Gabe,
die ich Ihnen iiber Christian Rosenkreutz zu machen habe, unter den
Weihnachtsbaum legen will. Vielleicht nehmen es einige, oder viele
von Ihnen so auf, wie es gemeint ist: als eine Starkung des Herzens,
als eine Starkung der Krafte der Seele, welche Starkung wir brauchen,
wenn wir mit unserer Seele sicher leben woUen innerhalb desjenigen,
was uns das Leben an Harmonie und Disharmonie bietet. Und wenn
wir gerade urn die Weihnachtstage herum solche Starkung und Krafti-
gung der Seele aufnehmen konnen durch das BewuBtsein, wie wir mit
den groBen Weltenkraften zusammenhangen, dann nehmen wir viel-
leicht doch auch durch eine solche Festesgabe, die unter den Weih-
nachtsbaum gelegt wird, aus einer solchen anthroposophischen
Arbeitsstatte das mit, was lebendig bleibt durch das ganze Jahr hin-
durch und was wir durchbilden miissen, was wir aber besser durch-
bilden konnen, wenn wir mit einer solchen Aufmunterung zwischen
einem solchen Weihnachtsabend und dem nachsten das Leben weiter-
leben konnen.
SECHSTER VORTRAG
Berlin, 7. Januar 1913
Wk haben schon einiges fiber die Zeit zwischen dem Tode und der
neuen Geburt betrachtet und vor kurzer Zeit auch eine Betrachtung
iiber das Verhaltnis von Christian Rosenkreut^ zu Buddha eingefugt,
weil - wie gezeigt werden konnte - seit der Zeit, die damals angegeben
worden ist, der Buddha einen Zusammenhang hat mit einer planeta-
rischen Sphare, mit der Mars-Sphare, und weil der Mensch, nachdem
er zwischen Tod und neuer Geburt das Ihnen geschilderte Christus-
Ereignis auf der Sonne durchgemacht hat, indem er weiter hiniiber-
lebt in die Mars-Sphare, das Buddha-Erlebnis durchmachtin der Weise,
wie es fur die gegenwartige Zeit richtig und normal zu erleben ist.
Dieses Buddha-Erlebnis miissen wir heute so verstehen, wie es fur
die heutige Zeit gilt, nicht so, wie es fur die Zeit gilt, in welcher die
Individualist, die hier in Betracht kommt, als Gautama Buddha auf
der Erde gelebt hat. Das gibt einzig und allein wirkliche, echte Auf-
klarung iiber das Wesen des Menschen und seinen Zusammenhang
mit der gesamten Weltenevolution, daB man sozusagen mit seinem
Verstandnisse mitgeht mit dieser Weltenevolution.
Wir wissen, daB in der nachadantischen Zeit aufeinanderfolgend als
wichtigste Zeitepochen, in denen die Menschenseele fortschreitend
Wichtiges durchmachte, zu verzeichnen sind die fiinf Perioden: die
urindische, die urpersische, die agyptisch-chaldaische, die griechisch-
lateinische und unsere Kulturperiode. Wir wissen aber auch, daB in
einem jeden Zeitalter von dieser Art, gewissermaBen wie im Keime
schon das nachste Zeitalter vorbereitet wird. In unserer Zeit wird
schon das sechste nachatlantische Zeitalter in den Seelen langsam vor-
bereitet, und diese Vorbereitung muB folgendermaBen sein. Vor-
bereitet wird dieses sechste nachadantische Zeitalter, indem die
Menschenseele gerade das verstehen lernt, was in unserer Zeit als
okkulte Lehre, als Geisteswissenschaft sich in der Welt verbreitet.
Dadurch wird nicht nur eine fur die Zukunft notwendige Erkenntnis
der Menschenwesenheit im allgemeinen verbreitet, sondern dadurch
wird auch das verbreket, was man nennen kann eine immer weitere
Vertiefung im Verstandnisse des Christus-Impulses. Alles, was zu
dieser Verbreitung desVerstandnisses des Christus-Impulses in unserer
Zeit beitragen soil, das schlieBt sich fur das Abendland zusammen in
dem, was man nennen kann das Mysterium vom Heiligen Gral. Und
innig hangt das Mysterium vom Heiligen Gral auch mit solchen
Dingen zusammen, wie sie auseinandergesetzt worden sind: mit der
Erteilung der Mission fiir den Mars an Buddha durch Christian
Rosenkreutz. Und dieses Mysterium vom Heiligen Gral kann dem
modernen Menschen das geben, was ihn einfuhrt in ein gerade fiir
unsere Zeit richtiges Verstandnis des Lebens zwischen dem Tode und
der neuen Geburt. Dieses Verstandnis macht vor alien Dingen not-
wendig, daB wir nunmehr darangehen, eine wichtige Frage zu be-
antworten. Und ohne daB wir diese Frage etwas mehr zu vertiefen
versuchen, als wir es bisher konnten, werden wir in unseren Betrach-
tungen des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt nicht
weiterschreiten konnen. Es ist die Frage: Warum traten in der Ver-
kiindigung des Christentums bisher auch dort, wo das Christentum
gewissermaBen seiner tieferen Wesenheit nach schon verkiindet wor-
den ist, warum traten dort gewisse Lehren zuruck, die wir gerade
heute in das einfuhren miissen, was wir die fortgeschrittene Lehre, die
fortgeschrittene Verkiindigung des Christentums nennen konnen?
Sie wissen, daB nicht nur in der auBeren, exoterischen Verkiindi-
gung des Christentums alles zuriicktrat, was mit Reinkarnation und
Karma zusammenhangt, sondern es trat dieses auch zuruck in den
mehr esoterischen Verkiindigungen und Ofifenbarungen der ver-
flossenen Jahrhunderte. Und gar mancher, der hort, was Inhalt der
anthroposophischen Weltanschauung ist, fragt : Wie kommt es, daB -
trotzdem durch unsere Verkiindigungen das Rosenkreuzertum neben
allem andern flieBen soil, was der Okkultismus zu geben hat -, wie
kommt es, daB dieses Rosenkreuzertum bisher, sozusagen bis in
unsere Zeit herein die Lehren von Reinkarnation und Karma nicht
hatte? Wie kommt es, daB zu dem Rosenkreuzertum in unserer Zeit
hinzugefiigt werden muBte die Lehre von Reinkarnation und Karma?
Wenn man dies verstehen will, muB man von einem gewissen Ge-
sichtspunkte aus noch einmal das ganze Verhaltnis des Menschen zur
Welt ins Auge fassen. Die Vorbedingungen zu der Betrachtung, zu
der wir nunmehr in diesen Vortragen schreiten wollen, liegen aller-
dings schon in der «Geheimwissenschaft im UmriB ». Aber wir miissen
uns vor Augen fuhren, wie das Verhaltnis des Menschen zur Welt
gerade in unserer Zeit ist, in der Zeit, die vorbereitet ist durch die
Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit.
Wir wissen, daB dieser Erdenmensch aus dem physischen Leib, dem
Atherleib, Astralleib und Ich besteht mit allem, was dazu gehort. Nun
wissen wir, daB der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes
schreitet, zunachst seinen physischen Leib zuriicklaBt, daB aber dann
nach einiger Zeit auch der groBte Teil des Atherleibes aufgelost wird
im Weltenather, und daB mit dem Menschen nur etwas mitgeht, was
eine Art Extrakt des Atherleibes ist. Dann geht mit dem Menschen
noch lange der astralische Leib mit, von dem aber auch etwas wie eine
Hiille abgeworfen wird, nachdem die Kamalokazeit um ist. Dann geht
aber der Extrakt des Atherleibes und derjenige des astralischen Leibes
durch die weitere Gestaltung, die der Mensch durchzumachen hat
zwischen Tod und neuer Geburt. Im Innersten bleibt das menschliche
Ich unverandert. Ob der Mensch die Zeit hier im physischen Leibe
zwischen Geburt und Tod durchmacht, ob er durchmacht die Zeit, da
er noch voll umschlossen ist von dem astralischen Leib, die Kamaloka-
zeit, oder ob er durchmacht die Devachanzeit, die den groBten Teil
der Lauf bahn zwischen dem Tode und der neuen Geburt bildet : das
Ich ist es, das im Grunde genommen durch alle diese Epochen durch-
geht. Aber dieses Ich, das wahre, reale Ich, das darf nicht verwechselt
werden mit dem, was der Mensch auf der Erde im physischen Leibe
als sein Ich erkennt. Die Philosophen reden viel von diesem Ich des
Menschen im physischen Erdenleibe, das sie zu erfassen glauben. So
wird zum Beispiel gesagt, daB dieses Ich dasjenige sei, was erhalten
bleibe, wenn auch alles andere am Menschen sich andere. Das wahre
Ich bleibt zwar erhalten; aber ob das Ich, von dem die Philosophen
sprechen konnen, erhalten bleibt, das ist eine andere Frage. Und wer
von der Erhaltung dieses Ich, von dem die Philosophen sprechen
konnen, viel redet, wird dadurch widerlegt, daB der Mensch in der
Nacht schlaft; denn da ist das Ich, von dem die Philosophen sprechen
konnen, ausgeloscht, ist nicht da. Und wenn es die ganzeZeit zwischen
Tod und neuer Geburt so da ware wie bei nachtschlafender Zeit, dann
konnte man nicht viel von dem Bleibenden der Menschenseele fur die
Zeit zwischen Tod und neuer Geburt sprechen. Denn im Grunde
genommen ware es einerlei, ob das Ich gar nicht da ware, oder nichts
von sich wiiBte und nur wie etwas AuBerliches fortlebt. Nicht darum
kann es sich bei der Unsterblichkeitsfrage handeln, daB das Ich vor-
handen ist, sondern da6 es auch etwas von sich weiB. Also die Un-
sterblichkeit jenes Ich, das zunachst im menschlichen BewuBtsein
lebt, die wird durch jeden Schlaf in der Nacht widerlegt; denn da wird
dieses Ich doch einfach ausgeloscht. Aber das wahrhaftige Ich liegt
viel defer, viel, viel tieferl Und wie kann man eine Vorstellung von
diesem wahrhaftigen Ich bekommen, auch wenn man noch nicht zu
den Spharen des Okkultismus aufsteigen kann?
Um eine solche Vorstellung zu bekommen, kann man sich denken:
Das Ich muB auch vorhanden sein in der menschlichen Wesenheit,
wenn der Mensch noch nicht «Ich » sagen kann, wenn er noch auf dem
Boden hinkriecht. - Da ist es schon vorhanden, das reale Ich - nicht
das Ich, von dem die Philosophic spricht -, und da zeigt es sich auf
eine ganz eigenartige Weise. Betrachten wir, wie es sich da zeigt.
Es wird der auBeren Wissenschaft hochst unbedeutend erscheinen,
wie wir den Menschen in den ersten Lebensmonaten oder auch
Lebensjahren beobachten. Aber fur den, der die Menschennatur
kennenlernen will, ist es am allerwichtigsten, dies zu beobachten.
Zuerst kriecht der Mensch auf alien vieren, und es bedarf erst einer
besonderen Anstrengung fur den Menschen, um aus dieser Kriech-
stellung, aus diesem Hingegebensein an die Schwere, sich aufzurich-
ten, die Vertikalstellung anzunehmen und in dieser sich zu halten. Das
ist das eine. Das zweite ist folgendes : Wir wissen, daB der Mensch in
der ersten Zeit auch noch nicht sprechen kann. Er lernt auch erst
sprechen. Versuchen Sie sich zu ermnern, was Sie zuerst sprechen ge-
lernt haben, wie Sie gelernt haben, zuerst das erste Wort zu sagen,
das Sie haben aussprechen konnen, und wie Sie dann gelernt haben,
den ersten Satz zu bilden. Versuchen Sie sich daran zu erinnern, aber
ohne daB Sie hellseherische Mittel zu Hilfe nehmen - es wird vergeb-
lich sein. Ohne hellseherische Mittel ist der Mensch dazu ebensowenig
in der Lage, wie er sich nicht erinnern kann, in welcher Weise er die
erste Anstrengung gemacht hat, urn aus der kriechenden in die verti-
kale Stellung zu kommen. Und ein Drittes ist das Denken selber. Die
Erinnerung geht zwar zuruck bis in die Zeit, als man schon denken
konnte, aber nicht hinter diese Zeit.
Wer ist der Akteur in diesem Gehen-, Sprechen- und Denken-
lernen? Das ist das wirkliche, wahre Ich! Was tut denn dieses wahre
Ich? Beobachten wir einmal, was es tut.
Von vornherein ist der Mensch dazu bestimmt, aufrecht zu gehen,
zu sprechen und zu denken. Aber er hat das nicht gleich. Er ist nicht
gleich dasjenige, wozu er sozusagen als Erdenmensch bestimmt ist. Er
hat nicht gleich das, wodurch er innerhalb der menschlichen Kultur-
entwickelung lebt; er muB sich erst nach und nach dazu durchringen.
Es kampfen in seiner ersten Lebenszeit miteinander der Geist, der in
ihm lebt, wenn er aufgerichtet ist, und der Geist, der in ihm ist, wenn
er der Schwere hingegeben ist, wenn noch unentwickelt in ihm die
Fahigkeit des Sprechens und Denkens ruht. So sehen wir, wie der
Mensch, wenn er sozusagen seine Bestimmung erlangt hat, aufrecht
stehen und gehen kann, sprechen kann und denken kann, ein Aus-
druck dessen ist, was in seiner Menschheitsform gegeben ist. Es ent-
spricht auf naturgemaBe Weise das Aufrechtgehen, das Sprechen und
das Denken der Form des Menschen. Unmoglich ist es, daB ein anderes
Wesen gedacht wird, das so gehen kann wie der Mensch, also das
Ruckenmark in der vertikalen Linie hat, sprechen und denken kann,
ohne daB es eben die Menschenfbrm hat. Sogar der Papagei, wenn er
sprechen soli, kann es nur dadurch, daB er eben aufgerichtet ist. Es
hangt das mit der Vertikallinie innig zusammen. Tiere, die viel intelli-
genter sind, werden nicht sprechen lernen, weil ihr Ruckenmark nicht
in der vertikalen, sondern in der horizontalen Linie liegt. Es gehoren
allerdings noch andere Dinge dazu. Dennoch sehen wir den Menschen
nicht gleich in die Lage versetzt, die seine Bestimmung ist. Das
kommt daher, daB der Mensch zuletzt, nach den Anstrengungen, die
sein wahres Ich gemacht hat, das ihm das Denken, Sprechen und die
vertikale Linie gegeben hat, sozusagen eingebettet ist in die Sphare,
in welcher die Geister der Form leben, die Exusiai. Diese Geister der
Form, die in der Bibel audi die Elohim genannt werden, sind die, von
denen eben wirklich die menschliche Form abstammt, aber eben die
Form, jene Form, in der das Ich des Menschen sozusagen naturlich
drinnenlebt und sich eindriickt in den ersten Lebensmonaten und
-jahren.
Aber andere Geister stehen noch dagegen, welche den Menschen
hinwerfen, ihn wie unter den Stand dieser Geister der Form hinunter-
werfen. Was sind das fur Geister?
Die Geister der Form sind die, welche den Menschen dazu be-
fahigen, sprechen, denken und aufrecht gehen zu lernen. Diejenigen
Geister, die ihn gleichsam hinwerfen, daB er auf alien vieren sich be-
wegt, daB er nicht sprechen kann und sein Denken nicht entwickelt
in der ersten Lebenszeit, das sind solche Geister, die er im Leben erst
iiberwinden muB, die ihm eine unrichtige Form zunachst geben. Das
sind Geister, die eigentlich schon Geister der Bewegung sein sollten,
Dynamis, die aber in ihrer Evolution zuriickgeblieben sind und noch
nicht einmal auf dem Standpunkte der Geister der Form stehen. Das
sind in ihrer Entwickelung stehen gebliebene luziferische Geister, die
von auBen auf den Menschen wirken und ihn sozusagen dem Element
der Schwere iibergeben, aus dem er sich erst nach und nach durch die
wirklichen Geister der Form erheben muB.
Indem wir so den Menschen beobachten, wie er sich durch die Ge-
burt ins physische Dasein hereinbegibt, sehen wir in diesen An-
strengungen, die er macht, um sich das zu geben, was er spater im
Leben haben soli, die wirklich fortschreitenden Geister der Form im
Kampfe mit jenen Geistern, die schon Geister der Bewegung sein
sollten, aber auf einer friiheren Stufe stehen geblieben sind. Mit luzi-
ferischen Geistern sehen wir schon da die Geister der Form im
Kampfe, und auf diesem Gebiete sind die luziferischen Geister so
stark, so kraftig, daB sie nicht das BewuBtsein des Ich auf kommen
lassen, das da waltet. Sonst, wenn nicht luziferische Geister dieses
BewuBtsein niederhielten, wiirde der Mensch wahrend dieser Zeit
zeigen: Du bist ein Kampfer; du fiihlst dich in der horizontalen Lage
und willst bewuBt die vertikale Lage ; du willst sprechen und denken
lernen ! - Das kann er alles nicht, weil er eingehiillt ist in die luziferi-
schen Geister. Da sehen wir ahnend hin auf das, was wir allmahlich
erkennen werden als das wahre Ich gegeniiber einem bloB dem Be-
wuBtsein erscheinenden Ich.
Im Beginne dieser Reihe von Vortragen ist gesagt worden, daB wir
nach und nach versuchen, das, was der Okkultismus, was das Seher-
tum zu sagen hat iiber das Wesen des Menschen, vor dem gesunden
Menschenverstande zu rechtfertigen. Dieser gesunde Menschenver-
stand muB aber wirklich beobachten wollen, wie der Mensch in den
ersten Lebenszeiten sich hereinbegibt in die physische Welt, wie er da
allmahlich hereintritt. Was ist denn, wenn der Mensch ins Leben tritt,
am meisten fertig? Die aufiere Form ist eigentlich noch wenig hervor-
tretend, denn der Mensch widerspricht seiner auBeren Form. Er muB
sich erst selbst in die ihm bestimmte Form hineinbewegen. Was ist
denn am meisten fertig am Menschen - nicht nur nach der Geburt,
sondern auch vor der Geburt? Das ist das Haupt, das ist der Kopf.
Das ist das, was im Grunde genommen iiberhaupt von den physischen
Organen mit einiger Deutlichkeit wirklich ausgebildet wird, auch im
Embryo. Warum ist das? Das ist aus dem Grunde, weil keineswegs
alle Organe im Menschen in gleicher Weise von den Wesenheiten der
hoheren Hierarchien, von den Geistern der Form, sozusagen durch-
sponnen, durchwoben werden, sondern die verschiedenen Glieder in
verschiedener Weise : anders der Kopf, anders der Teil des Menschen,
an dem Arme und Beine sitzen. Wesentlich unterscheidet sich der
Kopf von der iibrigen, auch physischen Wesenheit des Menschen.
Wenn wir den Menschenkopf hellseherisch betrachten, so zeigt sich,
daB er sich zum Beispiel von der Hand in sehr merkwurdiger Weise
unterscheidet. Wenn man die Hand bewegt, so bewegen sich die
physische Hand und das, was als Atherleib der Hand zugrunde liegt,
in gleicher Weise. Wenn aber eine gewisse Ausbildung im Hellseher-
tum erlangt ist, so ist es moglich, daB der Hellseher die physische
Hand festhalten kann und nur die Atherhand in Bewegung bringt.
Das ist eine besonders wichtige Ubung: bewegliche Teile festhalten
und nur die Atherteile bewegen. Dadurch, daB dies erlangt wird,
wird immer mehr und mehr das fortschreitende Hellsehertum der
Zukunft sogar entwickelt, wahrend alles Nachgeben den Bewegungen,
die sich sozusagen unbewuBt, von selber machen, ein Wiederauf leben
des Derwischtumes ist, das heute schon iiberwunden ist. Ruhen des
physischen Leibes ist das Charakteristikon des heutigen Hellseher-
tums; alle moglichen zappelnden und dergleichen Bewegungen sind
das Charakteristikum der alten Zeit gewesen. Es wiirde daher etwas
ganz Besonderes sein, wenn der Hellseher zum Beispiel eine ganz be-
stimmte Lage seiner Hande - etwa iiber die Brust gekreuzte Hande -
festhalten wiirde und die groBte Beweglichkeit seiner Atherhande bei-
behielte; so daB er mit den letzteren alles Mogliche in der Ubersinn-
lichkeit ausfuhrte, wahrend er die physischen Hande festhalten wiirde.
Das wiirde eine ganz besondere Ausbildung sein, wo sich die Selbst-
kontrolle des Menschen in bezug auf die Hande ausdruckte.
Nun gibt es aber ein Organ am Menschen, wo das schon stattfindet,
auch ohne daB er Hellseher ist, daft sich der Atherteil frei bewegt,
wahrend der entsprechende physische Teil festgehalten wird: das ist
das Gehirn, jenes Organ, wo die Weltordnung die feste Schale urn die
Gehirnlappen gefiigt hat. Bewegen wollen sie sich schon, aber sie
konnen nicht. Daher ist beim gewohnlichen Menschen in bezug auf
das Gehirn immer das vorhanden, was beim Hellseher vorhanden ist,
wenn er zum Beispiel die physischen Hande festhalt und nur die
Atherhande bewegt. Fur das Hellsehertum ist aber ein Kopf etwas
ganz anderes, als was er uns beim gewohnlichen Menschen entgegen-
tritt. Derm fur den Hellseher ist das Gehirn etwas, was wie schlangen-
artig ziingelnd aus dem Kopfe sich heraushebt. Jeder Kopf ist namlich
ein Medusenhaupt. Das ist etwas sehr Reales. Und das ist der Unter-
schied des menschlichen Hauptes gegeniiber dem anderen Korper,
daB der Mensch in bezug auf den anderen Korper erst durch eine
weiterschreitende Evolution das erreichen wird, was beim Kopfe das
gewohnliche auBere Denken ist. Darin liegt sogar in gewisser Be-
ziehung die Starke des Denkens, daB der Mensch in die Lage kommt,
moglichst bis in die feineren, unsichtbaren Bewegungen, die Nerven-
bewegungen, das Gehirn zur Ruhe bringen zu konnen, wahrend er
denkt. Dadurch, daB er das Gehirn ruhig haben kann, wenn er denkt,
ruhig haben kann bis in die feineren Bewegungen, die sozusagen die
Nervenbewegungen skid, werden die Gedanken feiner, ruhiger,
logischer.
So konnen wir sagen: Wenn der Mensch durch die Geburt ins
Dasein tritt, ist sein Kopf deshalb am meisten fertig, weil fur inn das
schon eingetreten ist, was in bezug auf denjenigen Teil des Menschen,
der sich durch Gesten ausdriickt, die Hande, erst in der Zukunft er-
reicht werden kann. In der alten Mondenzeit war das, was heute Ge-
hirn ist, noch auf dem Standpunkt der heutigen Hande. Da war der
Kopf nach vielen Seiten noch offen, war noch nicht durch die Schadel-
decke geschlossen. Wahrend er jetzt wie in einem Gefangnisse sitzt,
konnte er sich damals nach alien Seiten herausbewegen. Das war aller-
dings auf dem alten Monde, wo wir den Menschen noch durchaus im
fliissigen, nicht im festen Elemente haben. Selbst in einer gewissen
Epoche der alten lemurischen Zeit, wo der Mensch eben jene Ent-
wickelungsstufe erreicht hatte, welche die alte Mondenzeit wieder-
holt, selbst da war es auch noch so, daB zum Beispiel da, wo ein
Gehirnspalt oben war, nicht nur das ja ofter erwahnte Organ war,
sondern etwas wie ein Emporsprudelndes der Gedanken im fliissigen
Elemente. Und eine Art feuriger Dunst, der sich in dem Menschen-
element entwickelte, war sogar noch beim alten Atlantier vorhanden.
Ohne ein ubernormales Hellsehen zu haben, sondern mit einem Hell-
sehen, das einfach jeder Mensch hatte, konnte man beim Atlantier
sehen, ob ein Mensch ein Denker war im Sinne der alten atlantischen
Zeit, oder ob er keiner war. Wer ein Denker war, hatte eben einen
leuchtenden Feuerschein, eine Art leuchtenden Dunst iiber seinem
Haupt; und wer nicht dachte, ging ohne einen solchen herum.
Das sind Dinge, die man zunachst wissen muB, wenn man die Ver-
wandelung der menschlichen Natur von der Zeit an ins Auge fassen
will, in welcher der Mensch hier im physischen Leibe lebt, durch den
Tod durchgeht und in die andere Zeit zwischen Tod und neuer Ge-
burt hineinkommt. Denn alles, was am Menschen arbeitet, so daB der
Mensch iiberhaupt zustande kommt,das verschwindet gewissermaBen,
wenn der Mensch schon in der physischen Welt drinnen ist; das hat
aber ganz besondere Wichtigkeit, ist ganz besonders bedeutsam dann,
wenn der Mensch seinen physischen Leib abgelegt hat. Die Krafte,
welche des Menschen physisches Gehirn gebildet haben, nimmt der
Mensch ja nicht wahr in der Zeit zwischen Geburt und Tod. Alles
aber, was er wahrnimmt in der Zeit zwischen Geburt und Tod, ist als
unwichtig gewichen, wenn er durch den Tod gegangen ist. Dagegen
lebt er dann in den Kraften, welche ihm unbewuBt bleiben im physi-
schen Erdenleben. Und wahrend er im physischen Erdenleben sein
«Vorstellungs-Ich» im Wachzustande erlebt, erlebt er zwischen Tod
und neuer Geburt gerade jenes Ich, das uns im Gehen-, Sprechen- und
Denkenlernen des Menschen erahnend vor die Seele tritt. Es bleibt
fur den Erdenmenschen unbewuBt, reicht nicht herein in sein BewuBt-
sein. Was da unbewuBt bleibt und dann ganz zugedeckt wird, das
konnen wir nun zuriickverfolgen in die Zeit bis zur Geburt und noch
vor die Geburt, und konnen es auch noch weiter zuriickverfolgen,
wenn wir die Zeit nach dem Tode betrachten. Was sich am meisten
verbirgt, weil es den Menschen aufgebaut hat, und was verschwindet,
wenn der Mensch ein Erdenmensch ist, das ist am meisten vorhanden,
wenn er kein Erdenmensch mehr ist, namlich in der Zeit nach dem
Tode. Die Krafte, die man nur erahnen kann, die den Menschen von
innen zu einem Gehenden machen, die den Sprachlaut hervortreiben,
die ihn zum Denker machen, die das Gehirn zum Denkorgan bilden,
das sind die allerwichtigsten Krafte, wenn der Mensch im Leben
zwischen Tod und neuer Geburt ist. Da lebt erst sein wahres Ich auf.
Wie es auf lebt, davon werden wir das nachste Mai sprechen.
SIEBENTER VORTRAG
Berlin, 14,Januar 1913
Wir haben im Laufe dieses Winters verschiedene Veranstaltungen ge-
macht, um noch genauer, als es in den Jahren bisher geschehen konnte,
das Leben des Menschen, das heiBt das Gesamtleben des Menschen zu
begreifen, wie es vorgeht auf der einen Seite zwischen Geburt und
Tod in der physischen Welt und anderseits zwischen Tod und neuer
Geburt in der geistigen Welt. Wir werden noch Verschiedenes iiber
diesen Gegenstand im Verlaufe dieses Winters zu besprechen haben.
Es wird nun notwendig sein, daB wir uns bemiihen, mancherlei
Einzelheiten, die zum vollstandigen Verstandnis dieser Sache bei-
tragen konnen, zusammenzutragen, und auch manches in einer ganz
besonderen Weise zu beleuchten, das wir schon von anderen Seiten
her betrachtet haben. Da bitte ich Sie, heute vor alien anderen Dingen
sich zu erinnern, wie wir - auch im Sinne der kleinen Schrift «Die
Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» -
den Verlauf des menschlichen physischen Lebens betrachtet haben,
wie wir diesen Verlauf dargestellt haben nach Zyklen: einen Zyklus
von der Geburt bis ungefahr zum siebenten Jahre oder, sagen wir bis
zum Zahnwechsel; einen zweiten Zyklus vom Zahnwechsel bis zur
Geschlechtsreife, ungefahr bis ins vierzehnte Jahr; dann einen dritten
Zyklus, die Zyklen also von sieben zu sieben Jahren. Es wird Ihnen
zwar klar sein, daB auch schon nach dem, was man auBerlich be-
obachten kann, die Gliederung in Lebenszyklen vollig berechtigt ist;
aber auf der anderen Seite kann es doch auch einleuchten, daB im
wirklichen Leben des Menschen diese Zyklen ganz genau nicht ein-
gehalten werden, und daB durch andere, tief in das Menschenleben
eingreifende Tatsachen diese Zyklen sozusagen durchkreuzt werden.
Haben wir doch selbst eine wichtige, tief in das Menschenleben ein-
greifende Tatsache immer und immer wieder hervorgehoben, welche
sozusagen aus dieser Einteilung in Zyklen herausfallt. Das ist jener
Zeitpunkt, bis zu dem sich der Mensch in seinem Leben zuruck-
erinnert und von dem an er anfangt, sich eigentlich als ein Ich auch zu
wissen und zu fuhlen, der Eintritt des Ich-BewuBtseins also, jenes
Zeitpunktes, bis zu dem sich der Mensch spater gedachtnismaBig
zuriickerinnert. Diese Tatsache fallt ja nicht immer genau in den-
selben Zeitpunkt, aber zumeist so etwa in den Zeitraum zwischen der
Geburt und dem siebenten Jahre; da bricht also das Ich-BewuBtsein
iiber den Menschen herein. Und auch fur das spatere Lebensalter wird
man ein Ahnliches sagen konnen. Wenn auch nicht in so schrofFer
Weise etwas in das Menschenleben hereinbricht wie dieses Auf blitzen
des Ich-BewuBtseins, so gibt es doch andere Dinge, welche die reine
siebenjahrige Zyklenperiode im Leben des Menschen gewissermaBen
verwischen. Immer aber werden wir angeben konnen, daB alles das,
was so in das Menschenleben hereintritt und gleichsam die Zyklen-
periode durchkreuzt, viel unregelmaBiger sich abspielt als die eigent-
lichen zyklischen Erlebnisse. So wird man kaum zwei Menschen
finden, die sich bis zu genau demselben Zeitpunkt zuruckerinnern, die
also das Auf blitzen des Ich-BewuBtseins in genau derselben Zeit etwa
erlebt haben. Allerdings fallt auch nicht der Zahnwechsel bei zwei
Menschen genau in denselben Zeitraum. Aber warum dieses letztere
nicht der Fall ist, dariiber werden wir noch zu sprechen haben.
Wenn wir die zyklischen Perioden betrachten, die wir fruher an-
gefiihrt haben, und die in meiner Schrift iiber die Erziehung des
Kindes betrachtet sind, so konnen wir sagen: Diese Perioden haben
eine ganz bestimmte Eigentumlichkek; sie fangen an sozusagen bei
dem Physischsten des Menschen, bei dem AuBerlichsten des Men-
schen und gehen mehr nach innen. Wir sprechen davon, daB von der
Geburt bis zum siebenten Jahre die Entwickelung vorzugs weise dem
physischen Leib gewidmet ist, dann dem Atherleib, weiter dem astra-
lischen Leib, der Empfindungsseele und so weiter. Also es gehen die
Entwickelungsfaktoren immer mehr und mehr von dem AuBeren auf
das Innere iiber. Das ist das Eigentiimliche dieser siebenjahrigen
Perioden.
Wie ist es nun mit dem, was sich in der gerade erwahnten Weise
hineinmischt und diese Lebenszyklen durchkreuzt? Das Auf blitzen
des Ich-BewuBtseins in dem ersten Zyklus ist ein sehr Innerliches, ist
etwas auBerordentlich Innerliches. Betrachten wir, um in dieser Be-
ziehung Klarheit zu schaffen, was sozusagen wie kontrastierend die-
sem Auf blitzen des Ich-BewuBtseins entgegensteht.
Da finden wir, wenn wir sinngemaB das menschliche Leben be-
trachten, daB das Aufhoren des Wachstums, das ja auch einmal im
Menschenleben eintritt, in einer gewissen Weise sich allerdings mit
einer solchen Tatsache vergleichen laBt, die, gleichsam die sieben-
jahrigen Entwickelungsperioden durchkreuzend, sich ins Leben
hereinstellt. Nun wollen wir einmal das Aufhoren des Wachstumes,
das ja sehr spat beim Menschen eintritt, ins Auge fassen, also die Tat-
sache, daB der Mensch einmal auf hort zu wachsen. Wie stellt sich diese
ins menschliche Leben hinein?
Betrachten wir die erste siebenjahrige Periode, so finden wir, daB
sie mit dem Zahnwechsel auf hort. Mit diesem Hervorbrechen der
Zahne ist sozusagen der letzte Akt desjenigen gegeben, was man das
Ausleben des Formprinzipes nennen kann. Die formenden Krafte des
Menschen machen ihren letzten Ansatz, wenn sie die Zahne heraus-
treiben. Das ist gleichsam der SchluBpunkt im Formgeben des Men-
schen; denn spater tritt eigentlich das Prinzip, das die menschliche
Gestalt bildet, nicht mehr in Aktion. Mit dem siebenten Jahre ist das
formgebende Prinzip abgeschlossen. Was spater auftritt, ist nur ein
GroBerwerden dessen, was der Form nach schon veranlagt ist. Der
Mensch bekommt vom siebenten Jahre ab nicht mehr eine besondere
Umformung des Gehirns. Es wachst nur, was schon angelegt ist; aber
die eigentliche Form ist in dem Menschen durchaus schon gegeben,
das andere ist ein Wachstum. Daher werden wir auch sagen konnen :
Was das Formprinzip ist, das entfaltet seine Wirksamkeit in den ersten
sieben Lebensjahren des Menschen. Das Formprinzip kommt von
den Geistern der Form; so daB diese Geister der Form ihre Wirksam-
keit im Menschen in den ersten sieben Lebensjahren entfalten. - Ich
kann also sagen: Der Mensch ist, wenn er die Welt durch die Geburt
betritt, seiner Form nach noch nicht vollig gebildet; sondern das
formgebende Prinzip, die Geister der Form, greifen in den ersten
sieben Jahren immer noch ein und haben erst nach dem siebenten
Jahre den Menschen so weit, daB dann die Form nur zu wachsen
braucht. Aber alle Formanlagen sind bis zum siebenten Jahre da, und
die zweiten Zahne sind das, was die formgebenden Prinzipien an dem
Menschen noch herausbringen. Das ist der SchluBpunkt des Form-
prinzips. Wenn das Formprinzip weiterwirken wurde, so wiirden die
Zahne noch spater erscheinen odet spater erscheinen miissen.
Nun konnen wir die Frage aufwerfen : Ist damit, daB diese Geister
der Form bis in das siebente Jahr an dem Menschen bilden, uberhaupt
alles, was von Formgeistern kommt, fur den Menschen abgeschlossen?
Das ist gerade nicht der Fall, sondern der Mensch wachst dann fort;
er wachst und wachst und bildet die Anlage der Form weiter aus. Er
wurde, wenn nichts weiter eintreten wurde, fortwahrend wachsen
konnen; er wurde immer mehr wachsen konnen. Denn wenn wir nur
die Formprinzipien in Betracht Ziehen, die bis zum siebenten Jahre an
dem Menschen tatig sind, so ist kein Grund vorhanden, daB sich
nicht diese Formen immer weiter vergroBern sollten. Es ist dafiir
ebensowenig ein Grund vorhanden, wie gegen das Wachsen irgend-
welcher anderer Wesenheiten ein Grund vorhanden ist. Der Mensch
konnte weiter wachsen, wenn nichts dazukommen wurde. Aber es
kommt etwas dazu. Wenn namlich der Mensch sein Wachstum ein-
stellt, so kommen noch einmal Formprinzipien an ihn heran. Die
ganze Zeit schleichen sie schon an ihn heran, aber dann vereinigen sie
sich vollig mit seinem Organismus, indem sie diesen ergreifen, aber
so, daB sie jetzt ein Hindernis bilden und der Organismus nicht weiter
wachsen kann. Die Formprinzipien, die bis zum siebenten Jahre
wirken, lassen dem Menschen die Elastizitat. Dann kommen andere
Formprinzipien an den Menschen heran, und diese sind so, daB sie
das, was elastisch ist, in eine abgeschlossene Form einfangen und den
Menschen am weiteren Wachstum verhindern. Deshalb hort das
Wachstum einmal auf. Und da, wo das Wachstum aufhort, wirken
jene Formprinzipien, die an den Menschen von auBen herantreten.
Immer muB, wenn Formprinzipien wirken, wenn Formen wachsen,
fur das Aufhoren des Wachstums dadurch gesorgt werden, daB
wiederum Formprinzipien von der anderen Seite her den ersten ent-
gegenkommen, polarisch ihnen entgegenstreben. So ist es auch beim
Menschen. Wenn also der Mensch etwa bis zum siebenten Jahre diese
Form ausgebildet hat, die in der Zeichnung als das schraffierte Feld
dargestellt ist, so kann diese Form fortwahrend wachsen. Bis zum
siebenten Jahre haben - innerhalb des schraffierten Teiles - die Form-
prinzipien gewirkt. Dann kommen andere Formprinzipien entgegen -
die ersten wirken von innen, die zweiten von auBen - und stellen sich
dem Menschen entgegen, so daB er nur bis zu der Linie b-b wachsen
kann innerhalb des anderen, leichtschraffierten Feldes. Es ist namlich
wirklich so, als wenn der Mensch bis zum siebenten Jahre ein Kleid
bekame, das elastisch ist, und das er fortwahrend vergrdBern kann.
Aber in einem bestimmten Zeitpunkte wkd ihm ein solches gegeben,
das nicht mehr elastisch ist; das muB er dann anziehen, und dariiber
kann er nun nicht mehr hinaus.
Wir konnen also sagen, daB sich im Menschen Formprinzipien von
innen mit Formprinzipien von auBen begegnen; die ersteren kommen
von den Geistern der Form, und zwar von jenen Geistern der Form,
welche eine ganz regelmaBige Entwickelung im Weltall durchgemacht
haben. Die Formprinzipien von auBen sind nicht von derselben Art,
sondern sie riihren von zuriickgebliebenen Geistern der Form her,
von solchen Geistern der Form, welche einen luziferischen Charakter
angenommen haben. Die sind also das, was rein geistig wirkt; wah-
rend das, was durch das Materielle wirkt, im regelmaBigen Fortgange
so wirkt, daB es richtig die Entwickelung durch Saturn, Sonne und
Mond durchgemacht hat, regular auf die Erde gekommen ist und aus
dem Korperlichen von innen heraus die Form des Menschen ge-
staltet. Die unregelmaBigen Geister der Form wirken so, daB sie hin-
nehmen, was ihnen geboten wird, und in der entsprechenden Weise
zuruckhalten. So also wird der Mensch in seinem Wachstum auf-
gehalten durch solche zuriickgebliebenen Geister der Form. Die
Wesenheiten der hoheren Hierarchien haben die mannigfaltigsten
Aufgaben. Unter anderem haben wir auch eine Aufgabe damit heute
gekennzeichnet.
Wir haben nun in der verschiedensten Weise schon dargestellt so-
wohl wie die regularen Hierarchien wirken, und auch, wie die zuriick-
gebliebenen geistigen Wesenheiten aus den verschiedenen Hier-
archien wirken. Und wir haben dargestellt, daB durch die Geister der
Form - Sie konnen es selbst in der «Geheimwissenscha£t im UmriB»
nachlesen - der Mensch eigentlich in die Lage gekommen ist, die An-
lage sum Ich zu bekommen. Wir wissen ja, daB durch die Throne
der Mensch die physische Anlage, durch die Geister der Weisheit die
atherische Anlage, durch die Geister der Bewegung die astralische
Anlage erhalten hat, und daJ3 er also durch die Geister der Form die
Anlage zu dem Ich in seinem physischen Leibe erhalten hat. Wenn wir
dies ins Auge fassen, so konnen wir sagen, daB der Mensch in seinem
auBeren Ausdruck durch die regularen Geister der Form zu einem
Ich-Wesen zunachst hinorganisiert wird, und daB sich dies in seinem
ersten Lebenszyklus ausdriickt; dann aber wird er durch die Wider-
sacher dieser Geister der Form, durch die zuriickgebliebenen Geister
der Form, in seinem Wachstum aufgehalten. Damit haben wir in der
Tat den Gegensatz zu demjenigen kennengelernt, was als erstes, als
Innerlichstes zugleich beim Menschen auftritt: das Aufblitzen des
Ich-BewuBtseins. Das tritt schon in den ersten Jahren auf, das Innerste.
Das AuBerste, die Form, wird erst in spateren Jahren aufgehalten; das
ist sozusagen ein SchluBakt. Damit haben wir die zwei Evolutionen
im Menschen kennengelernt als etwas Entgegengesetztes. Von der
einen habe ich gesagt: Sie kommt von auBen und geht nach innen, sie
ergreift im einundzwanzigsten Jahre die Empfindungsseele und so
weiter. - Dann haben wir eine andere Entwickelung der Tatsachen :
diese geht von innen nach auBen - bis zum Auf halten des Wachstums
der Form. Es geht vom Geistigen ins Korperliche die eine Entwicke-
lung. Die regelmaBige, die vorzugsweise fur die Erziehung interessant
ist, sie geht von innen nach auBen. Die andere, die viel unregel-
maBiger, individueller ist, geht von auBen nach innen und driickt sich
aus, wenn der Mensch ein bestimmtes Alter erreicht hat, in dem Ab-
schluB des AuBerlichsten, des physischen Leibes.
So haben wir zwei im entgegengesetzten Sinne wirkende Entwicke-
lungslinien im Menschen. Das ist fur den Erzieher sehr wichtig zu
wissen. Daher ist mit Recht in dem Buche «Die Erziehung des Kindes
vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» auf die erste Entwicke-
lungsreihe Riicksicht genommen, die von innen nach auBen geht, weil
man nur dort erziehen kann. Auf die andere Entwickelungsreihe, die
von auBen nach innen, kann man iiberhaupt nicht einwirken: das ist
die individuelle Entwickelung. Das ist etwas, was man zwar beriick-
sichtigen kann, was man aber nicht auf halten kann und woran man
nicht viel erziehen kann. Und das zu unterscheiden, woran man
erziehen und nicht erziehen kann, ist von der allergroBten Be-
deutung.
Ebenso wie von den zuruckgebliebenen Geistern der Form das
Aufhalten des Wachstumes herruhrt, so riihrt von den zuruckgeblie-
benen Geistern des Willens das erste Auftreten des Ich im Menschen
her, wie es im ersten Kindheitsalter auf blitzt. Und dazwischen liegen
noch mehrere Tatsachen, wo zuruckgebliebene Geister der Weisheit,
zunickgebliebene Geister der Bewegung wirken.
Nun kann man das Gesamtleben des Menschen, mit EinschluB des
Lebens zwischen Tod und neuer Geburt, nicht charakterisieren, wenn
man nicht alle Faktoren zusammenfaBt, die auf den Menschen EinfluB
haben, wenn man nicht weiB, daB sich schon im gewohnlichen Leben
der EinfluB luziferisch gearteter Naturen in der mannigfaltigsten Weise
zeigt. Der EinfluB luziferisch gearteter Naturen zeigt sich aber auch in
vielem andern im Leben. Und weil wir in diesen Vortragen versuchen
wollen, das Gesamtleben des Menschen sozusagen aus dem Funda-
ment heraus zu verstehen, so wollen wir es nicht scheuen, auch auf
etwas weitere Ausholungen uns einzulassen.
Zunachst sei auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, die uns
aber zeigen kann, daB auch auf dem physischen Plan, also zwischen
Geburt und Tod, das Leben im Verlaufe der Menschheitsevolution
sich wesentlich geandert hat. Und wenn wir dies verstehen, so werden
wir auch einsehen konnen, inwiefern sich das Leben zwischen Tod
und neuer Geburt geandert hat. Wer heute das Leben verstandes-
maCig, aber oberflachlich betrachtet, der kann leicht glauben, daB es
in den Hauptsachen immer so gewesen ist wie heute. Es war aber
nicht immer so. Und fur gewisse Erscheinungen brauchen wir nur
wenige Jahrhunderte zuruckzugehen und werden finden, daB gewisse
Dinge ganz anders waren. So gibt es heute etwas, was fur des Men-
schen Seelenleben zwischen Geburt und Tod unendlich wichtig ist,
und was in der heutigen Weise in noch gar nicht lange verflossenen
Jahrhunderten nicht vorhanden war. Das ist das, was man heute in den
Ausdruck der «6ffentlichen Meinung» faBt. Noch im 13. Jahrhundert
ware es ein Unsinn gewesen, so von einer offentlichen Meinung zu
sprechen, wie wir das heute tun. Man spricht heute viel gegen den
Autoritatsglauben. Aber heute ist der Autoritatsglaube viel driicken-
der vorhanden, als er in den so oft geschmahten fruheren Jahrhunder-
ten vorhanden gewesen ist. Damals waren gewiC auch MiBstande zu
finden ; aber einen so blinden Autoritatsglauben hat es nicht gegeben.
Die Blindheit des Autoritatsglaubens driickt sich ja in der Regel da-
durch aus, daB die Autoritat nicht zu fassen ist. Heute wird sich der
Mensch sehr bald geschlagen fuhlen - ob dieses oder jenes gesagt
wird, aus diesen oder jenen Grundlagen -, wenn man sagt: Aber die
Wissenschaft hat dieses oder jenes bewiesen. - In fruheren Jahr-
hunderten haben die Menschen mehr gegeben auf Autoritaten, die
ihnen leibhaftig entgegengetreten sind. Aber jenes nicht zu fassende
Wesen, was damit gemeint wird, daB man sagt: Die Wissenschaft hat
das bewiesen -, ist ein sehr fragwiirdiges Ding. In dem, was damit
bezeichnet wird, liegt etwas, was heute einen Autoritatsglauben be-
grundet gegenuber einem UnfaBbaren, wie er in fruheren Jahrhunder-
ten nicht vorhanden gewesen ist. Mit Dingen, von denen in einer
gewisseii Beziehung, das ist wirklich wahr, der einfachste, primitivste
Mensch in friiheren Jahrhunderten versucht hat, nach seiner Art ein
wenig zu wissen, etwas zu wissen iiber gesundes und krankes Leben
zum Beispiel, werden sich die Menschen heute, in unserer Kultur,
meistens recht wenig befassen. Denn wozu braucht heute jemand
etwas zu wissen iiber gesundes und krankes Leben? Das wissen ja die
Arzte, und denen kann man ja die Verwaltung iiber Gesundheit und
Krankheit ubertragen! Das ist auch etwas von dem, was heute in das
Kapitel hineinfallt: eine unauffindbare, allergroBte Autoritat. Aber
was stellt sich nicht noch in das Leben zwischen uns alliiberall hinein,
wovon der Mensch seit friihester Jugend abhangig wird, wodurch
sich Urteile, Empfindungsrichtungen in unser Leben, von friihester
Jugend angefangen, hereindrangen! Dieses Herumschwirrende, diese
zwischen den Menschen lebenden Stromungen bezeichnet man ja
gewohnlich als offentliche Meinung, von der Philosophen den Satz
ausgesprochen haben: Offentliche Meinungen sind meist private Irr-
tumer. - Dennoch aber kommt es nicht darauf an, daB man weiB, daB
offentliche Meinungen meist private Irrtiimer sind, sondern daB die
offentlichen Meinungen auf das Leben des einzelnen eine ungeheure
Macht ausiiben. Fur das 13. Jahrhundert wiirde jemand die Geschichte
ganz toricht betrachten, wenn er von einer offentlichen Meinung fiir
das Leben des einzelnen sprechen wollte. Damals gab es einzelne Per-
sonlichkeiten; die iibten allerdings eine Autoritat aus in bezug auf
dieses oder jenes ; denen gehorchte man, sei es in praktischen Dingen
oder in Dingen der Verwaltung. Aber was die unpersonliche offent-
liche Meinung heute geworden ist, das hat es damals nicht gegeben.
Wer dies aus den okkulten Tatsachen nicht glauben will, der studiere
einmal aus jenen Jahrhunderten - auch noch in spateren Zeiten - zum
Beispiel die Geschichte von Florenz, als die Leitung der Stadt iiber-
gegangen war auf die Mediceer. Da wird er sehen, wie die einzelnen
Autoritaten machtig sind, aber eine offentliche Meinung war noch
nicht vorhanden. Die bildete sich erst heraus in einer Zeit, die vier bis
fiinf Jahrhunderte gegeniiber unserer Zeit zuriickliegt, und man kann
geradezu von einem Auf kommen der offentlichen Meinung sprechen.
Solche Dinge mu6 man als Realitaten ansehen. Es ist eine reale Sphare,
eine Sphare herumschwirrender Gedanken!
Woher kommt nun dies, was wir oft wie unkonstatierbar auf-
nehmen? Was ist diese dffentliche Meinung?
Vielleicht erinnern Sie sich, daB ich von solchen geistigen Wesen-
heiten gesprochen habe, welche den Hierarchien unmittelbar iiber den
Menschen angehoren und welche in verschiedener Weise an der
Menschenfiihrung beteiligt sind. Sie brauchen nur mein Buch «Die
geistige Fuhrung des Menschen und der Menschheit» in die Hand 2u
nehmen, und Sie werden dort manches iiber solche, den hoheren Hier-
archien angehorige geistige Wesenheiten finden. Nun wissen wir auch,
daB der groBte Einschnitt in der irdischen Menschheitsentwickelung
der ist, welcher durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Da-
durch ist etwas geschehen, was im Grunde genommen schon die
Esoterik des Paulus in der wunderbarsten Weise zum Ausdruck
bringt. Paulus hat einfach gesprochen, aber der Art, wie er spricht,
liegt eine tiefe Esoterik zugrunde. Paulus konnte nicht immer das, was
er als ein Eingeweihter wuBte, so ohne weiteres sagen: denn erstens
wollte er fiir einen groBeren Kreis sprechen und zweitens war es in
seiner Zeit nicht moglich, alles, was er wuBte, in der Art zu sagen, wie
er die Dinge sagen konnte. Aber seiner ganzen Art der Vorstellung
liegt tiefe Esoterik zugrunde. Da finden wir zum Beispiel, daB eine
tief bedeutsame Tatsache seiner Unterscheidung des «ersten Adam»
und des « hoheren Adam», des Christus, zugrunde liegt. Von dem
ersten Adam stammen in seinem Sinne die verschiedenen Menschen-
generationen ab, indem die Leiber von Adam abstammen. Daher
werden wir sagen konnen: Die physische Verbreitung der Mensch-
heit iiber die Erde hin, in den verschiedenen Perioden, fiihrt zuletzt
auf den physischen Leib des Adam - natiirlich Adam und Eva -
zuriick. - Dann werden wir fragen: Was liegt zugrunde der physischen
Entwickelung der Menschheit von Adam an? - Natiirlich Seelen-
entwickelung! In den physischen Leibern, die von Adam abstammen,
leben Seelen drinnen. Diese Seelen, die von dem Weltenraum herab-
kamen, haben eine gewisse spirituelle Erbschaft, eine Erbschaft an
spirituellem Gut mit auf die Erde gebracht. Aber dieses spirituelle
Gut ist im Laufe der Zeit einem Niedergang ausgesetzt gewesen.
Menschen, die zum Beispiel im 6., 7. Jahrtausend vor der Begriindung
des Christentums gelebt haben, haben einen intensiveren, weiter-
reichenden spirituellen Inhalt gehabt als Menschen, die im 1. Jahr-
tausend vor dem Mysterium von Golgatha gelebt haben. Das Gut, das
die Menschen einmal mitbekommen haben, ist allmahlich in der Seele
zuriickgegangen, versickert. Es kommt ja fur das spirituelle Gut be-
sonders das Leben zwischen Tod und neuer Geburt in Betracht. Wir
konnen auch sagen : Wenn wir weit zuriickgehen in die Zeit vor dem
Mysterium von Golgatha, so finden wir, daB die Menschen nach dem
Tode ein reges, durchleuchtetes Seelenleben haben; dann aber wird
das Seelenleben immer diisterer und diisterer, immer dunkler und
dunkler; die Menschen nehmen immer mehr nur ein dammerhaftes
Seelenleben mit, wenn sie durch den Tod durchgehen. Besonders bei
den fortgeschrittensten Volkern, zum Beispiel bei den Griechen, war
es tatsachlich so, daB diese Griechen, trotzdem sie das fortgeschrit-
tenste Volk des Erdballs waren, in ihren Weisen, im Sinne des Fort-
schrittes in der Entwickelung, wohl sagen konnten: «Lieber ein
Bettler sein in der Oberwelt, als ein Konig im Reiche der Schatten!»
Das ist ein Ausspruch, von dem wir wissen, daB er auf das griechische
Volk paBte, weil die Griechen ein vollgesattigtes Leben auf dem
physischen Plan durchleben konnten; sobald sie aber durch den Tod
gegangen waren, war ihr Leben ein schattenhaftes.
Das ist eine voile Wahrheit, daB dieses spirituelle Leben, das die
Menschen mitbekommen haben und das sich nach dem Tode zeigte
als ein hellseherischeres oder dammerhafteres BewuBtsein, herunter-
gestiegen war zu einem dumpfen Leben. Und besonders im vierten
nachatlantischen Zeitraum, dem griechisch-lateinischen, in welchem
das Mysterium von Golgatha sich abspielte, war es am dunkelsten
schon geworden.
Das ist das Bedeutsame an der Taufe durch Johannes den Taufer,
daB fur gewisse Leute, die er taufte, diese eben charakterisierte Tat-
sache zum BewuBtsein gebracht werden sollte. Die Menschen, die er
taufte, tauchte er voll ins Wasser ein. Sein Taufen war ein volliges
Untertauchen. Dadurch wurde der Atherleib solcher Menschen her-
ausgehoben und sie wurden eine kurze Spanne Zeit unter Wasser hell-
sichtig. Was ihnen Johannes zeigen konnte, war die Tatsache, daB der
Mensch im Laufe der Zeiten in bezug auf sein Seelenleben so zuriick-
gegangen ist, daB er nur noch werrig von dem einstigen spirituellen
Gut hatte, das er durch die Pforte des Todes durchtragen konnte und
das ihm ein hellseherisches BewuBtsein geben konnte. Und dem, der
so durch Johannes getauft wurde, dem gab es die Einsicht: Es ist eine
Neubelebung des Seelenlebens notwendig. Es muBte etwas Neues in
die Seelen einstrahlen, damit sich wieder ein Leben nach dem Tode
entwickeln konne. Und dieses Neue ist in die Seelen eingestrahlt durch
das Mysterium von Golgatha. Sie brauchen nur den Vortragszyklus
« Von Jesus zu Christus » nachzulesen und Sie werden sehen, daB von
dem Mysterium von Golgatha ein reiches spirituelles Leben ausgeht,
das auf die einzelnen Menschen, die hier auf der Erde eine Beziehung
zu dem Mysterium von Golgatha entwickeln, einstrahlt. Und von da
aus beleben sich wieder die Seelen.
Deshalb konnte Paulus sagen: So wie die physischen Menschen-
korper von Adam abstammen, so werden immer mehr und mehr die
Seeleninhalte der Menschen von dem Christus, von dem zweiten
Adam, dem geistigen Adam, abstammen. - Das ist eine tiefe Wahrheit,
welche da Paulus in seine einfachen Worte hineingelegt hat. Ware
namlich das Mysterium von Golgatha nicht gekommen, so wurden
die Menschen immer mehr und mehr an Seeleninhalt verloren haben
und wurden entweder nur zu der Sehnsucht gekommen sein, auBer-
halb des physischen Leibes zu leben, oder wurden nur mit Begierden
und Wunschen nach einem rein physischen Leben auf der Erde fort-
leben, wurden immer materialistischer und materialistischer werden.
Weil alles langsam und allmahlich geschieht, so ist heute noch nicht fur
alle Erdbevolkerung das urspriingliche spirituelle Gut versiegt; es
gibt noch immer Erdenvolker, die etwas von dem alten spirituellen
Gut haben, trotzdem sie keine Beziehung zu dem Mysterium von Gol-
gatha gefunden haben. Aber gerade die fortgeschrittensten Volker
konnen nur ein BewuBtsein nach dem Tode in dem Sinne erringen, als
sie in die Lage kommen, «in den Christus hineinzusterben », wie der
mitdere Teil der Rosenkreuzerformel sagt. So daB tatsachlich dieses
Mysterium von Golgatha wie eine Art Durchstrahlung des Seelen-
inhaltes der Menschen auf der Erde gewirkt hat.
Wenn wir dies in entsprechender Weise ins Auge fassen, so haben
wir mit Bezug auf die Entwickelungslinie des Menschen Verstandnis
gewonnen fur eine ganz bestimmte Frage, fur die Frage : Was ist denn
da eigentlich noch geschehen, indem sozusagen die Menschen die
Fahigkeit bekommen haben, durch das Verstandnis des Mysteriums
von Golgatha, eigenen, in ihr Ich hineinstrahlenden Seeleninhalt zu
bekommen? Wie unterscheidet sich dieser Seeleninhalt von jenem
andern, der vor dem Mysterium von Golgatha wie ein altes Erbgut
da war?
Der Unterschied ist der, daB die Menschen vor dem Mysterium von
Golgatha in einer viel unselbstandigeren Weise diesen Seeleninhalt be-
saBen. Sie waren also in einer viel unmittelbareren Fuhrung der Wesen-
heiten, welche wir als Angeloi, Archangeloi und so weiter als die
Wesenheiten der nachst hoheren Hierarchien kennen. Diese Wesen-
heiten der nachst hoheren Hierarchien fiihrten die Menschen viel, viel
unselbstandiger vor dem Mysterium von Golgatha als nach demselben.
Und der Fortschritt wiederum dieser Wesenheiten der hoheren Hier-
archien - Angeloi, Archangeloi, Archai - besteht darin, daB sie ihrer-
seits gelernt haben, immer mehr und mehr die Fuhrung des Menschen
in einer die Selbstandigkeit des Menschen achtenden Weise zu voll-
bringen. Immer selbstandiger und selbstandiger sollten die Menschen
auf der Erde leben. Das haben die fiihrenden geistigen Wesenheiten
der hoheren Hierarchien ihrerseits gelernt, und darin besteht ihr Fort-
schritt.
Aber auch diese Geister sind so, daB sie zuriickbleiben konnen.
Nicht alle Geister, welche an der Fuhrung des Menschen beteiligt
waren, haben wirklich durch das Mysterium von Golgatha die Fahig-
keit erlangt, in freier Weise Lenker und Leiter der Menschen zu wer-
den. Es sind von diesen Wesenheiten der hoheren Hierarchien welche
zuriickgeblieben, haben luziferischen Charakter angenommen. Und zu
dem, was einzelne von ihnen ausleben, gehort zum Beispiel das, was
wir heute offentliche Meinung nennen. OfFentliche Meinung wird
nicht bloB von Menschen gemacht, sondern auch von einer gewissen
Art auf der untersten Stufe stehender luziferischer Geister, zuriick-
gebliebener Engel, Erzengel. Diese beginnen erst ihre luziferische
Lauf bahn, sind noch nicht sehr hoch gestiegen in der Rangordnung
der luziferischen Geister; aber luziferische Geister sind es. Man kann
mit Seherblick verfolgen, wie gewisse Geister der hoheren Hierarchien
die Entwickelung nach dem Mysterium von Golgatha nicht mit-
machen, wie sie sich verharten in der alten Art der Fuhrung und daher
nicht unmittelbar an die Menschen herankommen konnen. Die, welche
die Entwickelung mitgemacht haben, konnen in einer regularen Weise
an den Menschen herankommen; die sie nicht mitgemacht haben,
konnen nicht heran, und sie wirken in einer verschwommenen, durch-
einanderflutenden Gedankenmacht der offentlichen Meinung. Man
versteht auch die Funktion der offentlichen Meinung nur, wenn man
weiB, daB sie in dieser Art in die Menschheit hineinkommt.
So also haben wir unmittelbar unter uns die Erscheinung, daB sich
Wesenheiten aus einer regularen Entwickelung herausbegeben und
luziferischen Charakter annehmen. Es ist wichtig, daB man das weiB.
Denn jene luziferischen Wesenheiten, welche wir schon kennengelernt
haben, und die groBere Macht haben, sie haben ja auch «im kleinen»
begonnen. Das ganze Heer der luziferischen Wesenheiten hat im
kleinen begonnen. Allerdings gab es auf dem alten Mond keine ofFent-
liche Meinung, aber etwas, was sich damit vergleichen laBt, gab es
auch, eine Art Fuhrung der Menschen. Und wenn wir dieses Heer der
luziferischen Geister ins Auge fassen - was wir sonst als luziferische
Geister angefuhrt haben, sind machtige, bedeutende Wesenheiten,
zum Beispiel die, welche Geister der Form sind und an den Menschen
so heranschwirren, daB sie sein Wachstum auf halten -, wenn wir aber
von den anderen jetzt sprechen, von dem Heer der luziferischen Gei-
ster, so sind das gleichsam erst die Rekruten; aber es beginnt da etwas
mit der Karriere der luziferischen Geister, was erst spater ganz andere
Dimensionen annehmen wird, weil die Geister, die da eingreifen,
immer machtiger und machtiger werden. Die offentliche Meinung,
welche da an den Menschen herantritt und die gelenkt und geleitet
wird von gewissen luziferischen Wesenheiten niederster Natur, die
muB, weil sie sozusagen der Mensch aufnimmt zwischen Geburt und
Tod, auch ihr Gegengewicht haben in dem Leben zwischen Tod und
neuer Geburt. Das heiBt: der Mensch muB, weil er in dem Leben zwi-
schen Geburt und Tod in eine solche Stromung eingefangen wird, wie
sie jetzt charakterisiert worden ist, ein entsprechendes Gegengewicht
erleben zwischen Tod und neuer Geburt. Denn wiirde er das nicht er-
leben, so wiirde sich das Folgende zutragen.
Diejenigen Geister, welche da zunickgeblieben sind und die offent-
liche Meinung machen, haben gar keine Bedeutung, gar keine Gewalt
mehr fur das Leben, das der Mensch durchmacht zwischen Tod und
neuer Geburt. Sie haben sich dieser Macht, dort zu wirken, vollstandig
begeben, weil sie schon hier auf dem physischen Plan wirken, auf gei-
stige Art wirken, und zwar auf eine Art, wie es nur als offentliche Mei-
nung moglich ist. Von der offentlichen Meinung kann der Mensch
nichts mitnehmen in die geistige Welt. Alles, was er davon mitnehmen
wollte, wiirde sich hochst deplaciert ausnehmen, wenn wir es anwen-
den wiirden nach dem Tode. Es muB schon gesagt werden, trotzdem
es manchem sehr sonderbar erscheinen wird: alle die offentlichen Ur-
teile, alles, was den Menschen in bezug auf sein Urteil verhaltnismaBig
sehr friih einfangt, macht ihm sein Leben im Kamaloka schwierig,
wenn er an diesen Dingen hangt und sie ihm lieb geworden sind. Und
besonders solche Menschen, welche innerhalb der ofFentlichen Mei-
nung glauben, daB man sein eigenes Urteil hat - denn das hat man da
nie -, machen sich hochstens ihr Kamaloka schwierig. Aber nach dem
Kamaloka hat die offentliche Meinung gar keine Bedeutung mehr.
Und fiir die Zustande nach dem Tode hat es wahrhaftig nicht den ge-
ringsten Wert, ob selbst solche Nuancen der offentlichen Meinung die
Menschen haben wie liberal oder konservativ, radikal oder reaktionar.
Das ist etwas, was fiir die Gliederung der verschiedenen Gruppierung
der Menschen keine Bedeutung hat, und was auch nur auf der Erde
begriindet wird, um die Menschen von dem Fortschritt abzuhalten,
den sie machen sollen zur Erhellung des BewuBtseins, das nach dem
Tode wirkt. Diese Wesenheiten, die hinter der offentlichen Meinung
stehen, wollten zuriickbleiben hinter dem Fortschritt, der durch das
Mysterium von Golgatha geschehen ist. Fiir die Erdentwickelung aber
wird das Mysterium von Golgatha eine immer groBere und groBere
Bedeutung gewinnen. Und wir miissen uns durchaus kkr sein, daB die
Zukunft der Erdentwickelung nicht etwa so geschehen kann, daB man
diese Dinge - offentliche Meinung und dergleichen die eine Not-
wendigkeit in der Entwickelung darstellen, verbessern kann. Besser
konnen die Menschen in ihrem Innern werden. Daher muB die Ent-
wickelung immer mehr und mehr in das Innere eingreifen; so daB der
Mensch in der Zukunft viel mehr einer offentlichen Meinung gegen-
iiberstehen wird, aber sein Inneres wird starker geworden sein. Das
kann nur durch die Geisteswissenschaft geschehen. Aber daB der
Mensch immer mehr und mehr denjenigen Geistern gewachsen sein
kann, die als Rekruten der luziferischen Wesen sich jetzt geltend
machen und deren Geltendmachen sich jetzt ausdriickt in der offent-
lichen Meinung, das wird nur dadurch moglich sein, daB der Mensch
auch zwischen Tod und neuer Geburt etwas durchmacht, was wieder
sein Inneres starker macht, was dasjenige in ihm starker macht, das un-
abhangig ist vom Erdenleben. Wahrend er sich gerade durch die
offentliche Meinung vom Erdenleben abhangiger und abhangiger
macht, muB er zwischen dem Tode und der neuen Geburt etwas auf-
nehmen, was ihn im nachsten Erdenleben immer freier und freier von
der offentlichen Meinung macht.
Damit hangt zusammen, daB gerade in der Zeit, als die ofFentliche
Meinung herauf kommt und eine Bedeutung gewinnt, begriindet wird -
was hier in unseren Vortragen in der Weihnachtszeit dargestellt wor-
den ist - das Buddha-Reich auf dem Mars, so daB der Mensch zwischen
Tod und neuer Geburt durchgeht durch das Buddha-Reich auf dem
Mars. Christian Rosenkreut^ hatte dem Buddha die Mission gegeben,
in besonderer Weise auf dem Mars zu wirken. Und das, was hier auf
der Erde nicht taugen wiirde: das Fliehen-Wollen, das Loskommen-
Wollen von den irdischen Verhaltnissen, das muB der Mensch durch-
machen zwischen Tod und neuer Geburt, wahrend er die Mars-Sphare
durchlauft. Da wird unter anderm das errungen, daB er die Hulle der
nur fur die Erde taugenden offentlichen Meinung wieder abstreift.
Denn noch viel driickendere Dinge werden in der Zukunft kommen,
und noch viel notwendiger wird es sein, das durchzumachen, was der
Mensch als Schiller des Buddha auf dem Mars durchmachen kann. Hier
auf der Erde konnen die Menschen nur Schiiler des Buddha sein,
wenn sie nicht mitwollen mit dem fortgeschrittenen Teil der Erd-
bevolkerung. Aber zwischen Tod und neuer Geburt entfaltet der
Buddha das, was aus seiner Lehre geworden ist, was er hier geltend
gemacht hat - daB der Mensch frei werden soli von den Verkorpe-
rungen -, als eine Lehre, die nicht dem Leben auf der Erde dient,
welches von Verkorperung zu Verkorperung fortgehen soli. Was er
damals gab, war mit der Anlage versehen fur den Menschen im ent-
korperten Zustand. Die fortgeschrittene Buddha-Lehre ist die richtige
fur die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Und wie Buddha er-
schienen ist im astralischen Leibe des Lukas-Jesusknaben, so wieder-
um fuhrt der Christus selber die Menschen zwischen Tod und neuer
Geburt, indem er sie durch die Mars-Sphare geleitet, damit sie die fort-
geschrittene Buddha-Lehre aufnehmen konnen. So daB die Menschen
in der Sphare des Mars frei werden konnen von dem, was sie - un-
tauglich fur ihren weiteren Fortschritt auf der Erde - durch das Uni-
formierende der ofFentlichen Meinung aufnehmen. Und wenn der
Mars tatsachlich in fruheren Zeiten bezeichnet wurde als der Planet
der kriegerischen Tugenden, so hat allerdings der Buddha nach und
nach die Aufgabe, diese kriegerischen Tugenden so im Menschen zu
verwandeln, daB sie freien, unabhangigen Sinn in der heute notwendig
gewordenen Art begriinden. Wahrend der Mensch heute sein Frei-
heitsgefiihl hinzugeben geneigt ist an das, was als offentliche Meinung
die Menschen immer mehr fesseln will, wird er gerade auf dem Mars
zwischen Tod und neuer Geburt das Streben haben, sich diesen Fes-
seln zu entwinden und sie nicht wieder in das Leben der Erde herein-
zubringen, wenn er wieder zur neuen Verkorperung kommt.
In diesem Zusammenhang haben wir etwas, was, wie mir scheint,
in der wunderbarsten Weise charakterisiert, wie Weisheit in der Welt
waltet, wie alles, was vorschreitet und zuriickbleibt, in der Tat zuletzt
in der Weltentwickelung so gelenkt wird, daB die Harmonie dieser
Weltentwickelung das letzte Resultat doch ist. Der Mensch kann nam-
lich wirklich nicht, sozusagen in der mitderen Linie, seinen Fortschritt
bewirken. Das erlangen ja manche, daB sie einsehen - ich habe es
vielleicht auch hier schon erwahnt daB man sich nicht einseitig auf
den Boden dieses oder jenes Standpunktes stellen kann. Wir sehen
allerdings drauBen in der Welt Idealisten, Materialisten und andere
«isten» in entsprechender Weise auf ihren Standpunkt schworen.
GroBe Geister wie Goethe zum Beispiel tun es nicht; sie suchen den
materiellen Verhaltnissen durch materielles Denken, dem Geistigen
durch idealistisches Denken beizukommen. Wenn dann kleinere Gei-
ster dies erfaBt zu haben glauben, so sagen sie: Zwischen zwei ver-
schiedenen Standpunkten liegt die Wahrheit in der Mitte. - Das ware
etwa dasselbe, als wenn sich jemand im praktischen Leben zwischen
zwei Stiihle setzen wollte. Aber es wird erst die Wahrheit gefunden,
wenn man sich nicht in einseitiger Weise auf diesen oder jenen Stand-
punkt stellt, das heiBt, wenn man imstande ist, das, was als Erkennt-
nisart der Materialismus hat und was als solche der Idealismus hat, in
entsprechender Weise anzuwenden. Die Welt kommt nicht dadurch
vorwarts, daB man immer die Mitte halt; die Mitte ist in entsprechen-
der Weise dann vorhanden, wenn auch die einzelnen Seiten vorhanden
sind, und wenn man sie als Krafte berucksichtigt. Wenn man zum Bei-
spiel etwas auf einer Waage wiegen will, so braucht man nicht nur das,
was in der Mitte der Waage ist, sondern auch die beiden Waage-
schalen. So muB auch neben dem, was die offentliche Meinung ist,
deren Gegenpol vorhanden sein : die Buddha-Lehre auf dem Mars, die
nicht da ware, wenn die offentliche Meinung nicht gekommen ware.
Das Lebendige braucht die Polaritat, braucht den Gegensatz; man
kann nicht nur die einzelnen Gegensatze fortschaffen wollen, sondern
das Leben schreitet vor in der Polaritat. - Es konnte ja jemand glau-
ben, daB es besser ware, da der Siidpol und der Nordpol der Erde ent-
gegengesetzt sind, es gabe beide nicht! Wenn sie auch nicht so ent-
gegengesetzt sind, wie jener Professor meinte, von dem es heiBt, er
habe so schnell seine Biicher geschrieben, daB er nicht dabei nach-
denken konnte, und daher sei es passiert, daB er den Satz hinschrieb :
Die Kultur konnte sich nur entwickeln in der mittleren Zone der Erde,
derm auf dem Nordpol wurde die Kultur erfrieren vor Kalte und auf
dem Siidpol verschmelzen vor Hitze, - aber in anderer Beziehung sind
Nordpol und Siidpol wirklich polarische Gegensatze, die vorhanden
sein mussen, weil nicht durch das Neutrale, sondern durch das Auf-
rechterhalten und Sich-Harmonisieren der Gegensatze fortgeschritten
werden kann. So muBte das, was auf der Erde sich entwickelt, eine
Entwickelung durchmachen, die unter das Niveau des Fortschrittes
hinuntergeht. Denn die ofTentliche Meinung ist weniger wert, als was
sich der einzelne als Meinung, wenn er fortschreitet, erringen kann.
Sie ist untermenschlich. Diesem Untermenschlichen stent die Buddha-
Stromung entgegen, die der Mensch durchmacht zwischen Tod und
neuer Geburt. Beide rmissen da sein. Das ist auBerordentlich wichtig
in der Entwickelung zu berucksichtigen.
Also es ist wirklich so, daB wir sagen konnen: Ja, es gibt zuriick-
gebliebene Geister ; aber alles, was auf der einen Seite zuriickbleibt, was
auf der anderen Seite hinausschreitet iiber die Entwickelung, das alles
wird durch die gesamte Weisheit der Welt so gestellt, daB zuletzt die
Harmonie herauskommt. Die zuriickgebliebenen Geister werden ver-
wendet, um immer den entgegengesetzten Pol zu bezeichnen von
weiter vorwartsgeschrittenen Geistern.
Wenn wir so das Leben betrachten, dann wird uns klar werden, wie
der Mensch gegen die Zukunft der Erdentwickelung hin immer mehr
und mehr Anlagen in das Leben hereinbringen wird, welche in anderer
Weise sich geltend machen als die rein physischen Anlagen. Und das
wird etwas sein, was immer mehr und mehr zeigen wird, daB man auch
noch mit anderen Anlagen des Menschen wird zu rechnen haben als
mit rein physischen. Physische Anlagen wird man finden - wenn sie
auch nach und nach sich erst zeigen die bis in das Sauglingsalter
zunickverfolgt werden konnen; aber es wird andere Anlagen allmah-
lich geben, die sich nicht bis ins Sauglingsalter zuriickverfolgen lassen,
sondern die in einer gewissen deutlichen Weise erst im spateren Men-
schenalter auftreten. Und das wird eine Eigentumlichkeit der Ent-
wickelung gegen die Zukunft zu sein, daB es immer mehr Menschen
geben wird, von denen man wird sagen miissen : Was ist da eigentlich
mit dem Menschen in einem bestimmten Lebensalter geschehen? Er
ist wie ausgewechselt, wie ein anderer geworden! - Das wird sich
immer mehr und mehr zeigen. Es werden sich Anlagen zeigen, die
friiher ganz und gar nicht veranlagt waren, die erst in einem bestimm-
ten Alter auftreten. Das werden die weitestentwickelten Seelen sein,
die etwas wie einen gewissen Bruch im Leben aufweisen - denn, da6
der Mensch ein Buddha-Schuler war im Leben zwischen Tod und
neuer Geburt, das zeigt sich nicht sogleich, sondern erst im spateren
Lebensalter -, und das wird der Fall sein bei denen, von denen wir
sagen konnen : Bis zu einem gewissen Zeitpunkte konnten wir sie ver-
folgen, da haben sie ihre individuellen Eigenschaften gezeigt; dann
treten ganz neue Richtlinien auf, sie bekamen Verstandnis fur etwas
ganz anderes, als wofur sie vorher Verstandnis gezeigt haben. Das
werden diejenigen Menschen sein, die auch in der Zukunft viel mehr
die Trager des wahren geistigen Fortschrittes sein werden, die viel-
leicht sogar nur als Leute gelten werden, die sich spat entwickeln, weil
man glauben wird : Er war fruher eben unentwickelt, deshalb kamen
diese Eigenschaften erst spat heraus. - In Wahrheit wird es aber so
sein, daB diese Menschen im spateren Leben erst die Eigenschaften
hervorbringen, die so ihnen eigen sind, aus dem Grunde, weil sie in
friiheren Erdeninkarnationen sich die Ursachen gelegt haben, um
durchgehen zu konnen in besonders intensiver Weise durch die
Marskultur und sich dort Anlagen erwerben konnten, durch welche
sie originell wirken konnten innerhalb der Menschheitsentwickelung,
einen neuen Einschlag der Menschheitsentwickelung bringen konnten.
Deshalb werden fur die eigentliche spirituelle Kultur immer mehr und
mehr jene Menschen eintreten, welche sozusagen - ich habe das schon
einmal von einem andern Gesichtspunkte aus erortert - von ihrer
Jugend an weniger Anlagen zeigen fur einen solchen spirituellen
Standpunkt, den sie im spateren Leben einnehmen.
Und wir sehen jetzt, daB es aus diesem Grunde ist, daB in der rosen-
kreuzerischen Richtung immer eine Tatsache hervorgehoben worden
ist, die wir ja in den verflossenen Zeiten anfiihren konnten, aber - weil
wir nicht so weit in der Charakteristik waren, wie wir jetzt sind - sie
nicht begriinden konnten. Die, welche im rosenkreuzerischen Sinne
das Initiationsprinzip im Abendlande vertraten, haben immer aus-
driicklich hervorgehoben, daB es unmoglich ist, fur die eigentlichen
fiihrenden Individualitaten schon in der Kindheit herauszufinden, daB
sie fiihrende Individualitaten sind, weil dies Individualitaten sind, bei
denen im angedeuteten Sinne sich eine Art von Bruch im spateren
Leben zeigt. - Wenn der Seher heute \iber den Buddha spricht, so
weiB er vor alien Dingen, daB Buddha treulich gehalten hat, was seine
Lehre versprochen hat: er hat fortgefahren, fur dasjenige im Menschen
zu wirken, was nicht unmittelbar nach der physischen Korperlichkeit
hin drangt, was daher auch nicht von Anfang an in der physischen
Korperlichkeit inkarniert erscheint, sondern erst dann in den Men-
schen hineingeht, wenn die physische Korperlichkeit eine gewisse
Entwickelung durchgemacht hat, wenn sie bis zu einer gewissen Stufe
an den Geist herangekommen ist. Dann kommt das, was der Buddha
den Menschen gibt. Das tritt dann erst im spateren Lebensalter auf.
Das mussen wir berucksichtigen, wenn wir die vollstandige Ent-
wickelung des Menschenwesens verstehen wollen. Was sich fur den
einzelnen Menschen daraus ergibt in bezug auf das Leben zwischen
Geburt und Tod, davon spater.
ACHTER VORTRAG
Berlin, ll.Februar 1913
Wenn wir das menschliche Leben im Zusammenhang mit dem Leben
im iibrigen Weltendasein betrachten, so wie wir es betrachten konnen
mit dem gewohnlichen, eben im auBeren Dasein des Menschen ge-
gebenen Anschauen, so betrachtet man eigentlich nur den aller-
geringsten Teil desjenigen von der Welt, was sich auf den Menschen
selbst bezieht. Mit andern Worten : Alles, was der Mensch beobachten
kann, wenn er nicht hinter die Geheimnisse des Daseins dringen will,
kann ihn eigentlich im Grunde genommen iiber sich selbst nicht auf-
klaren. Denn wenn wir mit den gewohnlichen menschlichen Wahr-
nehmungsorganen, mit dem Denkorgan, um uns herumschauen, so
haben wir ja eigentlich nur dasjenige vor uns, was die tiefsten, die
bedeutsamsten Geheimnisse des Daseins gar nicht umschlieBt. Am
starksten tritt einem das entgegen, wenn man dazu kommt, auch nur
in verhaltnismaBig geringem MaBe die Fahigkeit zu entwickeln, sich
das Leben, die Welt anzuschauen von der anderen Seite, namlich vom
Schlafe aus. Was man im Schlafe sehen kann, das verhullt sich ja
meistens fiir das gegenwartige menschliche Anschauen. Denn sobald
der Mensch in Schlaf versinkt, also in der ganzen Zeit dann auch
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, sieht ja der Mensch
eigentlich nichts. Wenn aber innerhalb der geistigen Entwickelung
der Zeitpunkt eintritt, daB man auch dann beobachten kann,
wenn man schlaft, dann sieht man zum groBen Teil zunachst das-
jenige, was sich auf den Menschen selbst bezieht und was ihm wah-
rend des alltaglichen Beobachtens ganz verborgen bleibt. Es ist leicht
einzusehen, daB ihm dies wahrend des alltaglichen Beobachtens ver-
borgen bleiben muB. Denn das Gehirn ist ein Werkzeug des Urteilens,
des Denkens. Man muB sich also des Gehirns bedienen, wenn man im
gewohnlichen Leben denken, urteilen will, muB wenigstens das Ge-
hirn sozusagen in Tatigkeit versetzen; dadurch aber kann man es
nicht anschauen, kann man es nicht beobachten. Es kann sich ja
nicht einmal das Auge selbst beobachten, wenn es beobachtet. Und im
Grunde ist es so mit dem ganzen Menschen. Wir tragen ihn an uns,
aber wir konnen ihn nicht beobachten, wir konnen uns nicht in ihn
vertiefen; so daB wir eigentlich den Blick in die Welt hinausrichten,
aber im modernen Leben diesen Blick gar nicht in uns selbst richten
konnen.
Nun sind die groBten Geheimnisse des Daseins nicht drauBen in der
Welt, sondern sie sind im Menschen drinnen. Verfolgen wir einmal,
was wir aus der Geheimwissenschaft kennen. Da wissen wir, daB
eigentlich die drei Reiche der Natur, die uns umgeben, auf einem
gewissen Zuriickgebliebensein beruhen. Mineralisches Reich, pflanz-
liches Reich, tierisches Reich sind im Grunde genommen Wesen-
haftigkeiten, die so, wie sie sind, darauf beruhen, daB etwas zuriick-
geblieben ist in der Entwickelung. Den normalen Fortschritt in der
Entwickelung hat eigentlich nur dasjenige Wesenhafte gemacht, das
wahrend des Erdendaseins am Menschendasein beteiligt ist. Wenn der
Mensch das mineralische, das pflanzliche oder das tierische Dasein be-
trachtet, so betrachtet er in der Welt eigentlich das, was in seinem
eigenen Dasein demjenigen entspricht, woran er sich «erinnert», was
seinem Gedachtnisse einverleibt ist. Wenn der Mensch einmal nur
dasjenige iiberdenkt, was seinem Gedachtnisse einverleibt ist, was er
also in der Seele erlebt hat, so betrachtet er eben dasjenige, was in der
Vergangenheit sich abgespielt hat und noch fortbesteht, was noch
ein gewisses Dasein fortfristet. Aber das lebendige unsichtbare Seelen-
dasein der Gegenwart betrachtet man nicht, wenn man sich dem Ge-
dachtnisse bloB hingibt. Das Gedachtnis mit alien seinen Vorstellun-
gen stellt etwas dar, was sich wie eingelagert hat in unser lebendiges
Seelendasein, was formlich da drinnen steckt - diese Dinge sind natiir-
lich alle bildlich gesprochen; aber es ist das, was an Gedachtnis dem
Seelendasein einverleibt ist, nicht das unmittelbare, elementare gegen-
wartige Seelendasein. - So ist es drauBen in der Natur mit dem minera-
lischen, pnanzlichen und tierischen Reich. In diesen Reichen leben
gleichsam die Gedanken der gottlich-geistigen Wesenheiten, die in
der Vergangenheit gedacht worden sind; und sie setzen sich in das
gegenwartige lebendige Dasein so fort, wie unsere Erinnerungsvor-
stellungen in unser Seelendasein. Daher haben wir in der Welt um uns
herum nicht die Gedanken der gegenwartigen, unmittelbaren lebendi-
gen gottlich-geistigen Wesenheiten vor uns, sondern die Erinnerungs-
vorstellungen der Gotter, die aufbewahrten Gedanken der Gotter.
Wenn wir unser Gedachtnis in seinem Inhalte anschauen, so kann
uns dies in der Tat in einer gewissen Weise deshalb interessant sein,
weil wir mit unserem Gedachtnis gewissermaBen an einem Zipfel das
Weltenschaffen erfassen, dasjenige erfassen, was aus dem Schaffen in
das Dasein tibergeht. Es ist sozusagen die unterste Stufe des Ge-
schaffenen, was da in unserer eigenen Seele als Gedachtnis, als Er-
innerungsvorstellungen vorhanden ist; die allererste, fliichtigste Stufe
des Geschaffenen. Wenn man aber gewissermaBen geistig aufwacht im
Schlafe, dann sieht man etwas anderes. Dann sieht man gar nicht, was
da drauBen im Raume ist; man sieht gar nicht solche Vorgange, wie
sie einem entgegentreten im mineralischen, pflanzlichen oder tierischen
Reiche, auch nicht im auBeren menschlichen Reiche. Sondern dann
weiB man, daB eigentUch das Wesentlichste, was man da schaut, das
Schaffende und Belebende am Menschen selber ist. Es ist formlich so,
wie wenn alles iibrige ausgeloscht ware und die Erde, die man da vom
Gesichtspunkte des Schlafes aus betrachtet, nur den Menschen ent-
hielte. Gerade das, was man bei Tage, beim Wachen niemals sehen
wiirde, das enthiillt sich einem dann, wenn man vom Gesichtspunkte
des Schlafes aus die Welt betrachtet. Und dann lernt man eigentlich
erst die Gedanken kennen, welche sich die gottlich-geistigen Wesen-
heiten aufgespart haben, um iiber das mineralische, pflanzliche und
tierische Dasein hinaus am Menschen zu schafTen. Wahrend man also
durch das physische Anschauen der Welt alles andere anschaut, nur
nicht den Menschen, sieht man durch das geistige Anschauen vom
Gesichtspunkt des Schlafes aus alles andere nicht an - und eigentlich
nur den Menschen, insofern man von einer Schopfung spricht, und
das, was im Menschenreiche geschieht, also alles dasjenige, was sich
dem gewohnlichen taglichen Anschauen entzieht. Daher das zunachst
Befremdende, das diese Anschauung hat, die in uns lebt, wenn wir
vom Gesichtspunkte des Schlafes aus die Welt betrachten, das heiBt,
wenn wir innerhalb des Schlafes hellsichtig-schauend werden, geistig
aufwachen.
Ja, aber dieser Menschenleib - und ich betrachte jetzt als Menschen-
leib das, was im Schlafe uberhaupt im Bette liegen bleibt, also physi-
scher Leib und Atherleib zusammen -, dieser Menschenleib bietet
dann selber einen eigenartigen Anblick, einen Anblick, dessen Cha-
rakteristik man etwa in der folgenden Weise in Worte fassen kann :
Nur bei dem im allerersten Lebensalter stehenden Kinde ist dieser
schlafende Menschenleib in gewisser Beziehung ahnlich dem Weben
und Leben und Treiben in den andern Reichen der Natur. Der Leib
aber des erwachsenen Menschen, oder uberhaupt des Kindes von
einem bestimmten Lebensalter an, bietet vom Standpunkte des Schla-
fes aus gesehen eigentlich fortwahrend einen ProzeB des Vergehens,
des Zerstorens. Es werden zwar jede Nacht wahrend des Schlafes die
zerstorenden Krafte wieder durch die Wachstumskrafte ertotet; es
wird in der Nacht ausgeglichen, was der Tag zerstort, aber es ist
immer ein UberschuB der zerstorenden Krafte vorhanden. Und daB
immer ein OberschuB von zerstorenden Kraften da ist, das macht es,
daB wir uberhaupt sterben. Es summieren sich die DifFerenzen, die da
bleiben. Jede Nacht bleibt doch immer eine Differenz zuriick. Die
Krafte, die wahrend der Nacht ersetzt werden, sind nie genauso
groB wie die, welche im Tagesleben verbraucht worden sind, so daB
im normalen Leben des Menschen taglich immer ein gewisser Rest
von zerstorenden Kraften zunickbleibt. Und da dieser Rest, der jeden
Tag zuriickbleibt, sich hinzurechnet zu dem andern, so tritt der natur-
liche Alterstod ein, wenn dann die Summe so groB ist, daB die zer-
storenden Krafte die aufbauenden iiberwiegen.
Also wenn wir den Menschen vom Gesichtspunkte des Schlafes aus
betrachten, schauen wir eigentlich auf einen ZerstorungsprozeB. Wir
schauen auf diesen ZerstorungsprozeB nicht mit Trauer. Denn die
Gefuhle, die man etwa im Tagesleben iiber diesen Zerstorungs-
prozeB haben konnte, hat man nicht, wenn man vom Gesichtspunkte
des Schlafes aus diesen ZerstorungsprozeB iiberblickt, weil man dann
weiB, daB dieser ZerstorungsprozeB die Bedingung ist der eigent-
lichen geistigen Entwickelung des Menschen. Kein Wesen, das nicht
seinen Leib zerstorte, konnte denken, konnte inneres seelisches Leben
entwickeln. Es ware ganz unmoglich, daB bei bloBen Wachstums-
prozessen, denen nicht Zerstorungsprozesse gegeniiberstanden, seeli-
sches Leben entwickelt werden konnte in dem Sinne, wie der Mensch
seelisches Leben erlebt. Man sieht also in den Zerstorungsprozessen,
die im menschlichen Organismus vor sich gehen, die Bedingungen
des menschlichen seelischen Lebens und empfindet den ganzen Fort-
gang als eine Wohltat. Beseligend sogar empfindet man von der
andern Seite des Lebens aus die Tatsache, daB man seinen Leib nach
und nach auflosen kann. Es stellt sich nicht nur der Anblick von
der andern Seite des Lebens aus anders dar, sondern es stellen sich
auch alle Empfindungen, alle Auffassungen anders dar; man hat
eigentlich von dieser andern Seite des Lebens, vom Standpunkte des
SchlafbewuBtseins aus immer vor sich den verfallenden Leib, den
richtig verfallenden Leib.
Wenn wir nun das Leben zwischen dem Tode und der neuen Ge~
burt betrachten, so hat man etwas anderes vor sich. Eine Zeidang
dauert nach dem Tode eine gewisse Art des Zusammenlebens mit
dem vorhergehenden Leben. Fur die Kamalokazeit ist Ihnen ja das
alles klar geworden; aber auch nach der Kamalokazeit dauert es noch
eine Weile weiter: man lebt mit dem vorhergehenden Leben. Dann
kommt aber eine Zeit, die immer eintritt in dem Leben zwischen Tod
und neuer Geburt. Es kommt ein gewisser Zeitpunkt, wo tatsachlich
in einem noch viel hoheren Sinne als wahrend des SchlafbewuBtseins
eine Umkehr alles Anschauens, alles Wahrnehmens gegeniiber dem
gewohnlichen Anschauen und Wahrnehmen eintritt, eine Umkehr aus
dem folgenden Grunde eben : Wenn man hier in diesem Erdendasein
steht, blickt man aus seinem Leibe heraus in die andere Welt, die nicht
unser Leib gerade ist; von diesem Zeitpunkte an zwischen Tod und
neuer Geburt, auf den ich mich eben bezogen habe, blickt man eigent-
lich in sehr geringem MaBe auf die Umwelt, auf das Universum. Man
blickt aber um so mehr auf das, was man jetzt den Menschenleib nen-
nen konnte, man kennt alle seine Geheimnisse. Also es kommt ein
Zeitpunkt zwischen Tod und neuer Geburt, wo man sich insbeson-
dere zu interessieren anfangt fur den Menschenleib. Es ist ja ungeheuer
schwierig, wenn man diese Verhaltnisse charakterisieren will, und
man kann es eigentlich nur mit stammelnden Worten. Es kommt ein
Zeitpunkt zwischen Tod und neuer Geburt, wo man sich gegeniiber
dem ganzen Kosmos so fuhlt, wie wenn man dieses Universum in sich
hatte und auBer sich nur den Menschenleib. Wie man dem Magen, der
Leber, der Milz gegenxiber fuhlt, daB man sie innerlich hat, so fuhlt
man dann den Sternen und iiberhaupt den anderen Welten gegemiber
von dem besagten Zeitpunkte an : man fuhlt, man tragt sie innerhalb
seines Wesens. Was fur dieses Leben hier auBen ist, das ist dann
richtige innere Welt, und wie man jetzt hinausschaut auf Sterne, Wol-
ken und so weiter, so sieht man dann auf den Menschenleib. Und
zwar auf welchen Menschenleib?
Wenn man wissen will, auf welchen Menschenleib man dann schaut,
so muB man sich daniber klar sein, daB das, was als neuer Mensch
durch eine nachste Geburt ins Dasein tritt, sich seinem Wesen nach
lange, lange vor der Geburt vorbereitet. Es beginnt nicht mit der Ge-
burt oder mit der Empfangnis, daB dieser Mensch sich sozusagen an-
schickt, auf der Erde wieder da zu sein, sondern lange vorher. Es sind
ja dafur ganz andere Dinge wichtig als diejenigen, welche die heutige
statistische Biologie annimmt. Diese nimmt an, daB, wenn ein Mensch
durch die Geburt ins Dasein tritt, er gewisse Eigenschaften von Vater,
Mutter, GroBvater und so weiter bis hinauf in die ganze Ahnenreihe
vererbt erhalt. Es gibt heute schon ein ganz niedliches Buch iiber
Goethe, worin die Eigenschaften Goethes bis zu seinen Vorfahren
hinauf verfolgt werden. Nun ist das im auBeren Sinne ganz richtig;
absolut richtig ist es im auBeren Sinne, eben in dem Sinne, den ich
schon ofter andeutete: daB durchaus kein Widerspruch ist zwischen
irgendeiner naturwissenschaftlichen Tatsache, die mit Recht behauptet
wird, und den geisteswissenschaftlich zu erorternden Tatsachen. Das
verhalt sich gerade so, wie wenn jemand kommt und sagt : Hier steht
ein Mensch, warum lebt er? - Da kann jemand antworten : Ich weiB,
warum der lebt: er lebt aus dem Grunde, weil er innen Lungen hat,
und weil auBen Luft ist. - Das ist ganz richtig, selbstverstandlich rich-
tig. Aber ein anderer kann kommen und sagen: Dieser Mensch lebt
aus einem ganz anderen Grunde noch. Der ist vor vierzehn Tagen ins
Wasser gefallen, und ich bin ihmnachgesprungenund habe ihn heraus-
gezogen: deshalb lebt er; denn wenn ich nicht nachgesprungen ware
und ihn aus dem Wasser herausgezogen hatte, dann lebte er heute
durchaus nicht! - Es ist diese Behauptung ganz richtig, aber die andere
Behauptung ist ebenso richtig. So ist es ganz richtig, wenn man mit
der auBeren Naturwissenschaft nachweist, jemand trage in sich die
vererbten Merkmale seiner Ahnen; aber ebenso richtig ist es, wenn
man auf sein Karma hinweist und auf die andern Dinge. Im Prinzip
kann daher Geisteswissenschaft gar nicht intolerant sein; im Prinzip
kann nur die auBere Wissenschaft intolerant sein, indem sie zum Bei-
spiel die Geisteswissenschaft ablehnt. So kann jemand kommen und
sagen, daB er die Merkmale der Vorfahrenreihe in sich auf bewahrt hat.
Aber es besteht daneben audi noch die Tatsache, da6 der Mensch von
einem bestimmten Zeitpunkte zwischen dem Tode und der neuen
Geburt Krafte zu entwickeln beginnt, die auf seine Ahnen herunter-
wirken. Lange bevor ein Mensch ins physische Dasein tritt, steht er
schon in einer geheimnisvollen Verbindung mit der gesamten Ahnen-
reihe. Und warum in einer Vorfahrenreihe ganz bestimmte Eigen-
schaften auftreten, das riihrt davon her, daB aus dieser Ahnenreihe -
vielleicht erst nach Jahrhunderten - ein ganz bestimmter Mensch her-
vorgehen soli. Dieser Mensch, der da nach Jahrhunderten vielleicht
aus einer Ahnenreihe hervorgehen soli, regelt von der geistigen Welt
aus die Eigenschaften seiner Ahnen. Goethe also - wenn wir dieses
Beispiel noch einmal heranziehen wollen - zeigt die Merkmale seiner
Vorfahren, weil er sich von der geistigen Welt aus fortwahrend damit
zu schaffen gemacht hat, seine Eigenschaften den Ahnen einzupflan-
zen. Und so wie es fur Goethe gezeigt wurde, tut es jeder Mensch.
Von einem ganz bestimmten Zeitpunkte ab ist also der Mensch
zwischen dem Tode und der neuen Geburt schon beschaftigt mit der
Vorbereitung seines spateren irdischen Daseins. Was der Mensch hier
auf der Erde namlich als seinen physischen Leib an sich tragt, ruhrt
durchaus nicht alles von dem physischen Leben der Vorfahren her,
riihrt uberhaupt nicht alles von dem her, was auf der Erde sich als
Prozesse abspielen kann. Was wir als physischen Leib an uns tragen,
ist eigentlich schon an sich eine viergliedrige Wesenheit. Wir haben
ja unseren physischen Leib entwickelt durch die Saturn-, Sonnen-,
Monden- und Erdenzeit. Veranlagt wurde er zuerst auf dem alten
Saturn; wahrend der Sonnenzeit hat sich der Atherleib eingegliedert,
wahrend der Mondenzeit der astralische Leib, und wahrend der
Erdenzeit dann das Ich; und durch diese Eingliederungen ist der phy-
sische Leib immer umgeandert worden. So haben wir die umgeanderte
Saturnanlage, die umgeanderten Sonnenverhaltnisse, die umgeander-
ten Mondverhaltnisse alle in uns. Wir konnten keinen physischen
Menschenleib an uns tragen, wenn wir nicht die umgeanderten physi-
schen Verhaltnisse in uns tragen wiirden. Sichtbar ist von allem
eigentlich nur das, was wir von der Erde an uns haben; die andern
Glieder sind namlich nicht sichtbar. Sichtbar wird der physische Leib
des Menschen dadurch, daB er die Substanzen der Erde aufnimmt, in
sein Blut verwandelt und ein Unsichtbares damit durchdringt. In
Wirklichkeit sieht man nur das Blut und die Umwandelungsprodukte
des Blutes, also nur ein Viertel des physischen Menschenleibes; die
drei anderen Viertel sind unsichtbar. Denn da besteht zunachst ein
unsichtbares Geriist; in diesem unsichtbaren Geriist sind unsichtbare
Stromungen; das alles ist aber als Krafte vorhanden. In diesen un-
sichtbaren Stromungen sind wieder unsichtbare Wirkungen der ein-
zelnen Stromungen aufeinander. Das alles ist noch nicht sichtbar. Und
jetzt wird dieses dreifache Unsichtbare durchdrungen von dem, was
die Nahrungsmittel, die zum Blute verarbeitet werden, als Ausfullung
dieses dreifachen Unsichtbaren bilden. Dadurch wird erst der physische
Leib sichtbar. Und erst mit den Gesetzen dieses Sichtbaren sind wir
auf dem Gebiete, das von dem Irdischen stammt. Alles andere stammt
nicht aus irdischen Verhaltnissen; alles andere ist das, was aus kosmi-
schen Verhaltnissen kommt, und was uns bereits zubereitet ist, wenn
die Empfangnis eintritt, wenn das erste physische Atom des Menschen
ins Dasein tritt. Da ist in vorhergehenden Zeiten, ohne daB eine
physische Verbindung mit Vater und Mutter da war, lange vor-
bereitet worden, was die spatere Leiblichkeit des Menschen sein soli.
Die Vererbungsverhaltnisse werden dann erst da hineingearbeitet.
Auf dies, was sich, man mochte sagen, als der geistige Embryo,
als der geistige Lebenskeim vorbereitet, und was sich vorzubereiten
beginnt von dem herangezogenen Zeitpunkte ab zwischen Tod und
neuer Geburt, auf das sieht eigentlich das Seelische des Menschen
hinunter. Das ist seine AuBenwelt! Merken Sie jetzt den Unterschied,
wenn man hellseherisch im Schlafe aufwacht, wenn man hinschaut auf
den entwerdenden Menschenleib, wenn man auf den eigentlich in
einem fortwahrenden ZerstdrungsprozeB befindlichen Menschenleib
sieht - und wenn man auf den Zeitpunkt sieht, wo man seine inneren
Eingeweide als seine AuBenwelt schaut. Aber dann ist der innere,
werdende Mensch die AuBenwelt! Also man sieht das umgekehrt, als
wenn man es sonst hellseherisch wahrend des Schlafes sieht. Wahrend
des Schlafes fuhlt man, wie man seine Eingeweide als seine AuBen-
welt empfindet, sieht aber sonst nur auf einen zerfallenden Menschen
hin; in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt blickt man von dem
angedeuteten Zeitpunkte ab auf den entstehenden, auf den werdenden,
auf den ins Dasein sich hineinschaffenden Menschenleib hin. Der
Mensch hat nur nicht die Fahigkeit, sich eine Erinnerung an das zu
bewahren, was er zwischen Tod und neuer Geburt sieht. Aber was
er da sieht als zusammensetzend das Wunderwerk der menschlichen
Leiblichkeit, das ist wahrhaftig grofiartiger als alles, was der Mensch
schauen kann, wenn er sonst den gestirnten Himmel erblickt, oder
wenn er mit irgendeiner Anschauung, die an den physischen Leib
gebunden ist, auf die physische AuBenwelt hinsieht. GroB sind die
Geheimnisse des Daseins, auch wenn wir sie nur sinnlich betrachten,
von unserem sinnlichen Standpunkte aus; groBer aber ist das, was wir
anschauen, wenn wir das, was wir sonst so auBerlich sehen, als Ein-
geweide in uns selber tragen, und was wir dann als den werdenden
Menschenleib mit alien seinen Geheimnissen durchschauen! Da sehen
wir, wie alles hintendiert, sich vorbereitet, um zuletzt das physische
Dasein zu ergreifen, wenn der Mensch durch die Geburt in die
physische Welt eintritt.
Nun gibt es nichts, was man in Wirklichkeit SeHgkek nennen kann,
als das Anschauen des Schopfungsprozesses, des Werdeprozesses.
Alles Betrachten eines schon Daseienden ist nichts gegeniiber dem
Anschauen des Werdenden; und was gemeint ist mit den Seligkeiten,
die der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt empfinden kann, das
bezieht sich eigentlich darauf, daB der Mensch in dieser Zeit des
Daseins das Werdende anschauen kann. Auf solche Dinge, die durch
die Offenbarungen der Zeiten gegangen sind und von denen einzelne
Geister ergriffen worden sind, die entsprechend vorbereitet waren,
beziehen sich solche Worte, wie wir sie zum Beispiel im « Prolog im
Himmel» in Goethes « Faust » haben:
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
UmfaB' euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.
Das ist eben der Unterschied im Anschauen dieser Welt zwischen
der Geburt und dem Tode und der Welt zwischen dem Tode und der
neuen Geburt: daB wir hier Dasein und dann Werden schauen.
Es konnte vielleicht jetzt jemandem der Gedanke einfallen: Aber
dann beschaftigt sich ja der Mensch nur mit dem Anschauen seines
eigenen Leibes? Das tut er nicht. Denn dieser eigene Leib ist in dem
Stadium des Werdens wirklich AuBenwelt, ist nicht der eigene Leib,
er ist die Auspragung der gottlichen Geheimnisse. Und da kommt es
einem erst so recht in den Sinn, warum der physische Leib, den der
Mensch zwischen Geburt und Tod ja in Wahrheit nur maltratiert,
warum dieser Menschenleib, wenn man diesen ganzen ProzeB des
Schauens ins Auge faBt, der Tempel der Weltengeheimnisse ist, denn
er enthalt mehr von dem AuBendasein, als man erblickt, wenn man
innen ist. Man hat dann das, was sonst AuBenwelt ist, als Innenwelt;
was man sonst Universum nennt, ist dann das, zu dem man Ego sagen
kann - und das ist AuBenwelt, was man da erblickt. Man muB sich
nur nicht daran stoBen, daB man ja seinen Leib - das heiBt denjenigen
Leib, der dann der eigene Leib werden soil - erblickt, und daB da-
neben naturlich alle anderen entstehenden Leiber sein miissen. Das
macht aber nichts aus. Es macht aus dem Grunde nichts aus, weil man
es hier wieder zu tun hat mit der reinen Vervielfaltigung. Und tatsach-
lich beginnt ein Unterschied der Menschenleiber, der einen interessie-
ren kann und der bedeutsam sein kann, erst verhaltnismaBig kurze
Zeit bevor die Menschen in das physische Dasein eintreten. Die meiste
Zeit zwischen dem Tod und der neuen Geburt, wenn man auf den
werdenden Menschenleib hinabsieht, ist es wirklich so, daB sich die
einzelnen Leiber nur der Zahl nach unterscheiden, und das iibertragt
sich auch richtig auf das eigene Erleben, auf das eigene Empfinden. Es
ist ja wirklich schon kein groBer Unterschied, wenn man ein Weizen-
korn betrachten will, auf einen Acker geht und von irgendeiner Ahre
ein Weizenkorn herausnimmt, oder ob man funfzig Schritte weiter-
geht und dort aus einer Ahre ein Korn herausnimmt. Fur das Wesent-
Uche, das man am .Weizenkorn betrachten kann, ist das eine Weizen-
korn ebenso gut wie das andere. Aber dieses Empfinden hat man auch,
wenn man den eigenen Leib betrachtet; daB er der eigene ist, hat
eigentUch nur fur die Zukunft Wert, weil man ihn spater auf der Erde
beziehen will; jetzt interessiert er einen nur als der Trager der hoch-
sten Weltengeheimnisse, und darin besteht die Seligkeit, daB man ihn
betrachten kann wie irgendeinen anderen Menschenleib auch. Man
steht da vor dem Geheimnis der Zahl, das hier nicht weiter zu erortern
ist, aber unter vielen andern dabei in Betracht kommenden Dingen
das hat, daB die Zahl - das heiBt das vielfaltige Dasein - vom geistigen
Standpunkte aus uberhaupt nicht mehr so empfunden wird wie vom
physischen Standpunkte aus. Was in vielen Exemplaren empfunden
wird, das wird doch wieder als Einheit empfunden.
Man fiihlt sich durch seinen Leib im Universum darinnen, und
durch das, was man im physischen Leben Universum nennt, fiihlt man
sich in seiner Ichheit drinnen. So verschieden ist das Wahrnehmen,
wenn man einmal die Welt von hier, einmal von dort betrachtet.
Fur den Seher ist jener Augenblick eigentlich der bedeutsamste
zwischen Tod und neuer Geburt, wo der Mensch auf hort, sich bloB
mit seinem letzten Leben zu befassen, und nun beginnt, auf das Wer-
den hinzuschauen. Es ist der Eindruck, den der Seher bekommt, wenn
er eine solche Seele beim Durchgang zwischen Tod und neuer Geburt
verfolgt, wo die Seele in das Werden sich einzuleben beginnt, deshalb
so erschiitternd, weil die Seele selber, die durch diesen Moment
durchgeht, eine bedeutsame Erschutterung erlebt. Es laBt sich das nur
vergleichen mit dem Eintreten des Todes hier im physischen Leben.
Wenn im physischen Leben der Tod eintritt, so geht man uber vom
Leben ins Sein; dort geht man iiber - obwohl es nicht genau bezeich-
nend ist, denn es laBt sich nicht ganz genau bezeichnen - von etwas,
was mit einem friiher erstorbenen Leben zusammenhangt, zu einem
Werden, zu einem Erstehen. Man begegnet dem, was keimhaft ein
ganz neues Leben in sich tragt. Es ist der umgekehrte Moment des
Todes. Das ist so ungeheuer bedeutsam.
Nun miissen wir im Zusammenhange damit einmal einen Blick
werfen auf die menschliche Entwickelung, auf die menschliche Erden-
evolution. Sehen wir zuriick auf einen Zeitpunkt, in welchem unsere
Seele zum Beispiel in der alten agyptisch-chaldaischen Zeit war, wo
sie, wenn sie durch den physischen Leib in die Welt hinaussah, nicht
bloB die Sterne als physisch-sinnliche Himmelskorper erblickte, son-
dern wo sie noch - wenn auch nur in gewissen Zwischenzustanden im
Leben zwischen Geburt und Tod - an den Sternen geistige Wesen-
heiten erschaute, die mit dem Sternendasein verkniipft sind. Das
drang in die Seelen herein und die Seelen waren in jener Zeit erfullt
mit Eindriicken aus der geistigen Welt. Es muBte ja so geschehen, daB
im Laufe der Entwickelung allmahlich die Moglichkeit erstarb, das
Geistige zu schauen, und der Blick auf die Sinnlichkeit beschrankt
wurde. Das vollzog sich wahrend der griechisch-lateinischen Zeit, wo
der Blick des Menschen immer mehr von der geistigen Welt ab-
gelenkt und auf die Sinneswelt beschrankt wurde. Und jetzt leben wir
in der Zeit, wo fur die Seele noch immer mehr die Moglichkeit er-
stirbt, im Leben der physischen AuBenwelt Geistiges zu erblicken. Die
Erde ist ja jetzt in ihrem EntwerdungsprozeB, in ihrem Absterbe-
prozeB, und man geht sehr stark in diesen AbsterbeprozeB hinein.
Wahrend also zur agyptisch-chaldaischen Zeit die Menschen noch
Geistiges um sich erblickten, erblicken sie jetzt nur noch Sinnliches -
und sie sind stolz darauf, wenn sie eine Wissenschaft begriinden kon-
nen, die nur Sinnliches enthalt. Dieser ProzeB wird noch weitergehen.
Es wird eine Zeit kommen, in welcher der Mensch das Interesse fur
die unmittelbaren Eindriicke der Sinneswelt verlieren wird, und wo
er gleichsam das Untersinnliche ins Auge fassen und sich dafiir inter-
essieren wird. Wir konnen das heute eigentlich schon bemerken, wie
die Zeit heranriickt, daB sich der Mensch nur noch fur das Unter-
sinnliche interessiert. Manchmal tritt das sogar ganz bedeutsam her-
vor, zum Beispiel wenn die heutige Physik iiberhaupt nicht mehr
Farben betrachtet. Denn in Wirklichkeit betrachtet heute die Physik
nicht mehr die Qualitat der Farbe, sondern sie will das, was unter der
Farbe ist, was da unter der Farbe vibriert, unter der Farbe schwingt,
betrachten. Sie konnen heute schon in manchen Biichern den Unsinn
lesen, daB man sagt, eine gelbe Farbe 2um Beispiel sei eine soundso
groBe Schwingungszahl von Wellenlangen. Da wird also die Betrach-
tung schon abgelenkt von der Qualitat der Farbe und zu dem hin-
gelenkt, was nicht in der gelben Farbe ist, und was man dann als
Realitat vorstellt. Sie konnen heute Physikbiicher, auch physiologische
Biicher finden, in denen betont wird, daB nicht mehr das unmittelbare
Sinnesbild die Aufmerksamkeit fesseln soli, sondern etwas, wo alles
aufgelost ist in Schwingungen und Schwingungszahlen. Und diese Art,
die Welt zu betrachten, wird immer weitergehen. Die Menschen wer-
den die Aufmerksamkeit verlieren fiir das sinnliche Dasein und nur
dasjenige ins Auge fassen wollen, was als Kraftwirkungen vorhanden
ist. Man braucht sich nur an eines zu erinnern, urn sozusagen kultur-
historisch-empirisch die Sache zu beweisen. Schlagen Sie heute noch
die Rede auf, die Du Bois-Reymond am 14. August 1872 «t)ber die
Grenzen des Naturerkennens » gehalten hat. Da werden Sie einen
eigentiimlichen Ausdruck fur eine Sache finden, die schon Laplace
geschildert hat, den Ausdruck von der «astronomischen Kenntnis
eines materiellen Systems », das ist, wenn man das, was hinter einem
Licht- oder FarbenprozeB steckt, so darstellt wie etwas, was nur durch
mathematisch-physikalische Krafte bewirkt wird. Es wird einmal
dahin kommen, daB die Menschenseelen so weit sein werden - und
die besten Anlagen dazu haben fiir die nachste Inkarnation schon die,
welche heute auf gewissen Schulen erzogen werden -, das richtige
Interesse fiir die leuchtende Farbe und fiir die Lichtwelt verloren zu
haben und nur zu fragen nach den Krafteverhaltnissen. Die Menschen
werden gar nicht mehr Interesse haben fiir Violett und Rot, sondern
nur noch fiir diese oder jene Wellenlangen.
Dieses Veroden der menschlichen Innenheit ist etwas, dem man
entgegengeht, und Anthroposophie ist dazu da, dem entgegen-
zuarbeiten, in alien Einzelheiten entgegenzuarbeiten. Denn es arbeitet
ja nicht etwa bloB die unmittelbare Padagogik auf diese Verodung des
Lebens hin, sondern dieser Zug ist im ganzen Leben vorhanden. Und
es war ein gewisser Kontrast gegeniiber dem gewohnlichen Leben,
wenn wir in unserer Anthroposophie den Seelen das geben wollen,
was sie wieder befruchtet, was nicht nur aus der sinnlichen Maja sein
soil; denn wir wollen der Menschenseele wieder das geben, was nicht
nur die sinnliche Maja gibt, sondern was als Geist hervorquillt. Und
das konnen wir, wenn wir ihr das geben, wodurch sie in den folgenden
Inkarnationen wieder in der wahren Welt wird leben konnen. So war
ein gewisser Kontrast darin, daB wir diese Dinge vortragen muBten
in der Welt, die in der Gleichgultigkeit gegen Form und Farbe ein
solches Gegenstiick bildet zu dem, was wir wollen; denn besonders in
bezug auf die Farben bereitet die heutige Welt die Seelen auch vor,
dem entgegenzuwirken, was wir wollen. Wir miissen nicht nur mit
BegrifFen und Ideen arbeiten, sondern wir miissen mit Welten-Ideen
arbeiten. Deshalb ist es nicht eine bloBe Vorliebe von uns, wenn wir
uns so umgeben, wie es hier in diesem Raume ist, sondern das hangt
zusammen mit dem ganzen Wesen der Geisteswissenschaft. Es soli
wieder in der Seele die Moglichkek erwachen, unmittelbar das zu
empflnden, was sich den Sinnen darbietet, damit von da aus auch
wieder in der Seele das lebendige Leben im Geistigen ersprieBen
kann. Jetzt, in dieser Inkarnation, kann ein jeder von uns die Geistes-
wissenschaft aufnehmen. Er nimmt sie mit der Seele auf, verarbeitet
sie mit der Seele; das aber, was er jetzt seelisch aufnimmt, geht hinein
in seine Anlagen fur die nachste Inkarnation. Wenn er also durch die
Zeit zwischen dem Tode und der nachsten Geburt durchgeht, dann
schickt er von seiner Seele aus in seinen werdenden Leib das hinein,
was dann seine korperlichen Anlagen dazu bereitet, um wiederum die
Welt geistiger zu sehen. Das kann er nicht, wenn er keine Anthropo-
sophie aufnimmt. Denn, wenn er sie nicht aufnimmt, dann bereitet er
seinen Leib dazu vor, nichts zu schauen als ode Verhaltnisse, nicht
einmal mehr ein Auge zu haben fur die Sinneswelt.
Und nun sei etwas ausgesprochen, was sozusagen fur den Seher
ein Urteil abgibt iiber die Mission der Geisteswissenschaft.
Wenn der Seher heute den Blick auf das Leben richtet, welches die
Seelen zwischen Tod und neuer Geburt fuhren, jene Seelen, die durch
den vorhin charakterisierten Zeitpunkt schon gegangen sind und sich
im Anschauen des werdenden Leibes auf ein kiinftiges Dasein vor-
bereiten, so kann er gewahren, daB die Seelen auf einen werdenden
Leib hinblicken, der ihnen in zukunftigen Leben nicht mehr die Mog-
lichkeit bieten wird, Anlagen zu entwickeln, um das Geistige auf-
zufassen, denn fur das Leben im physischen Leibe muB man diese
Anlagen schon hineingetan haben vor der Geburt. Daher werden
schon in der nachsten Zukunft Menschen geboren werden, denen
immer mehr und mehr - wie es fur manche Seelen schon seit langerer
Zeit ist - die Anlage fur das Entgegennehmen des spirituellen Wissens
fehlen wird. Es wird sich der Anblick bieten von Seelen, die in vorher-
gehenden Leben die Moglichkeit entbehrt haben, Spirituelles auf-
zunehmen, und die zwar ein Hinblicken auf ein Werden darstellen -
nur ist das Furchtbare das : auf ein Werden, dem etwas fehlt und fehlen
muB. Von diesen Anblicken geht das Begreifen der Mission der
Anthroposophie aus. Es gehort in der Tat zu den erschutternden
Anblicken, wenn man eine Seele sieht, die auf ihre kiinftige Inkarna-
tion, auf ihren kiinftigen Leib sieht, die auf ein sprieBendes, sprossen-
des Werden sieht, aber auf ein Werden, von dem sie sich sagen muB :
Dem wird etwas fehlen! Aber was ihm fehlen wird, ich kann es ihm
nicht geben, weil das von meiner vorhergehenden Inkarnation ab-
hangt! - Im kleinen laBt sich das damit vergleichen, wie wenn man
an etwas arbeiten mxiBte, von dem man wiiBte : es muB unvollkommen
werden, man ist dazu verurteilt, es unvollkommen zu machen. Ver-
suchen Sie sich den Vergleich zu vergegenwartigen: Sie konnen eine
solche Arbeit vollkommen machen und konnen Ihre Freude an der
Arbeit haben, oder Sie sind von vornherein dazu verurteilt, sie unvoll-
kommen zu machen!
Das ist die groBe Frage: Soil die Menschenseele immer mehr und
mehr dazu verurteilt sein, hinunterzubUcken auf ihre unvollkommen
bleibenden Leiber, oder soil sie das nicht? - Wenn sie nicht dazu ver-
urteilt sein soli, dann muB sie hier in ihrem Leben in physischen Lei-
bern die Kunde, die Botschaft von den spirituellen Welten aufnehmen.
Es ist schon einmal das, was diejenigen als ihre Aufgabe ansehen,
welche da die Botschaft von den geistigen Welten verkunden, nicht
bloB den Erdenidealen entnommen! Es entspringt keinem Erden-
ideale, sondern es entspringt dem Anblick des Gesamtlebens, jenes
Lebens, das sich uns darstellt, wenn wir zu dem Erdenleben erst die
Zeit zwischen Tod und neuer Geburt dazunehmen. Und darinnen
zeigt sich uns die Moglichkeit einer fruchtbaren Menschenzukunft,
zeigt sich uns auch die Moglichkeit, der Verodung der Menschenseele
entgegenzuarbeiten. Da kann man dann jenes Gefiihl bekommen,
welches einem sagt: Geisteswissenschaft muB da sein, sie muB kom-
men, muB existieren in der Welt. Wahre, wirkliche Geisteswissen-
schaft ist eben das, ohne das die Menschheit in der Zukunft nicht
bestehen kann. Aber nicht in dem Sinne nicht bestehen kann, wie man
ohne irgendein anderes Wissen nicht bestehen kann; sondern Geistes-
wissenschaft ist das, was nicht nur Begriffe und Ideen dem Menschen
gibt, sondern was Leben gibt. Und was in einer Inkarnation fur die
Seele Begriffe und Ideen der Geisteswissenschaft sind, das ist fur sie
in der nachsten Inkarnation Leben, innerliche LebenskraftundLebens-
wirksamkeit. Daher ist es nicht bloB ein Leben in Begriffen und Ideen,
was die Geisteswissenschaft dem Menschen gibt, sondern es ist
Lebenselixier, Lebenskraft. Daher sollte man, wenn man sich zu einer
geisteswissenschaftlichen Bewegung dazurechnet, diese Geistes-
wissenschaft als eine Lebensnotwendigkeit fiihlen, nicht bloB als
etwas, was begriindet wird wie die Dinge, die in anderen Vereinen
begriindet werden. Dieses Fiihlen des lebendigen Versetztseins in die
Notwendigkeiten des Daseins ist das richtige Empfinden gegeniiber
der Geisteswissenschaft. Und wir haben diese Betrachtungen iiber das
Leben zwischen Tod und neuer Geburt angestellt, um von der anderen
Seite aus den richtigen Impuls zu bekommen, der uns unmittelbar den
Enthusiasmus fur die Geisteswissenschaft geben kann.
NEUNTER VORTRAG
Berlin, 4.Marz 1913
In der Zeit, in welcher der Materialismus hauptsachlich theoretisch
gebliiht hat, also in den mittleren und zum Teil auch noch in den
letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts, als etwa die Schriften
Buchners oder Vogts 9 des sogenannten «dicken» Vogts, tiefen Ein-
druck in weiten Kreisen von Menschen gemacht hatten, die sich da-
mals als aufgeklarte Menschen fuhlten, da konnte man oftmals eine
Redewendung horen eine Redewendung, die heute auch noch zu-
weilen gehort werden kann, da ja in gewissen Weltanschauungs-
gruppen sozusagen die Nachziigler jenes theoretischen Materialismus
immer noch vorhanden sind. Wenn die Leute nicht etwa direkt ein
jegliches Leben nach dem Tode ablehnen wollen, wenn sie zuweilen
dieses Leben nach dem Tode zugeben wollen, dann sagen sie: Nun
ja, es mag ein solches Leben nach dem Tode geben. Aber warum
sollten wir uns hier in diesem Erdenleben darum kurnmern? Wir wer-
den ja sehen, wenn der Tod eingetreten ist, ob es ein solches Leben
gibt. Und wenn wir Her auf der Erde uns nur mit dem beschaftigen,
was uns die Erde gibt, und nicht weiter auf das Rucksicht nehmen,
was nach dem Tode kommen soli, so kann uns doch nichts Besonderes
entgehen. Denn wenn das Leben nach dem Tode etwas bieten mag,
so werden wir es dann ja sehen!
Wie gesagt, man konnte oft und oft und kann auch heute noch in
weiten Kreisen diese Redensart horen, und wenn sie so ausgesprochen
wird - sie mochte fast in einer gewissen Beziehung annehmbar
scheinen. Und doch : sie widerspricht vollstandig den Tatsachen, die
sich der geistigen Forschung ergeben, wenn man diejenigen Tat-
sachen geistig ins Auge faBt, welche sich in dem Leben zwischen Tod
und neuer Geburt abspielen. Wenn der Mensch durch die Pforte des
Todes hindurchgegangen ist, dann tritt er ja in Beziehungen zu den
verschiedensten Kraften und Wesenheiten. Der Mensch lebt sich so-
zusagen nicht nur in eine Summe von ubersinnlichen Tatsachen ein,
sondern er kommt in Beruhrung mit gewissen Kraften, ja mit Wesen-
heiten, die wir kennen und oft besprochen haben als die Wesenheiten
der einzelnen hoheren Hierarchien. Fragen wir uns nun einmal,
welche Bedeutung es fiir den Menschen beim Durchgange durch das
Leben zwischen Tod und neuer Geburt hat, mit diesen Kraften und
Wesenheiten der hoheren Hierarchien in Zusammenhang zu kom-
men.
Wir wissen, dafi der Mensch, wenn er durch dieses Leben in der
ubersinnlichen Welt durchgegangen ist und durch eine neue Geburt
wieder ins Dasein tritt, in einer gewissen Weise der Selbstaufbauer
seiner Leiblichkeit, ja seines ganzen Geschickes in dem nachsten
Leben wird. Innerhalb gewisser Grenzen formt und baut der Mensch
seinen Leib bis in die Windungen seines Gehirns sich auf mit den
Kraften, die er sich aus den geistigen Welten mitzubringen hat, wenn
er durch die Geburt neuerdings ins physische Dasein tritt. Und hier
im physischen Dasein hangt ja unser ganzes Leben davon ab, da6
wir solche Formen, solche Ausgestaltungen unseres physischen Leibes
haben, durch die wir mit der auBeren physischen Welt in Beziehung
treten konnen, durch die wir in dieser auBeren physischen Welt
handeln, uns betatigen konnen, ja, durch die wir in dieser auBeren
physischen Welt denken konnen. Denn wenn wir hier in der physi-
schen Welt nicht das entsprechend zugeformte Gehirn haben, welches
wir uns, durchgehend durch die Geburt, aus den Kraften der uber-
sinnlichen Welt heraus formen, so bleiben wir ja unzulanglich fur das
Leben in der physischen Welt. Wir sind fiir dieses Leben in der
physischen Welt nur dann zulangHch, wenn wir uns solche Krafte aus
der geistigen Welt mitbringen, durch die wir uns einen dieser physi-
schen Welt mit alien ihren Forderungen gewachsenen Leib aufbauen
konnen. Die Krafte, die ubersinnlichen Krafte, welche der Mensch
braucht, um an seinem Leib und auch an seinem Schicksal zu formen,
sie erhalten wir von jenen Wesenheiten und Kraften der hoheren
Hierarchien, mit denen wir zwischen Tod und neuer Geburt in Zu-
sammenhang kommen. Was wir zum Aufbau unseres Lebens brau-
chen, das miissen wir uns also erwerben in der Zeit, die unserer Ge-
burt vorangegangen ist seit dem letzten Tode! Wir miissen sozusagen
zwischen dem Tode und der nachsten Geburt Schritt fiir Schritt an
die entsprechenden Wesenheiten herantreten, die uns bescheren kon-
nen, uns iibergeben konnen die Krafte, die wir dann, wenn wir wieder
ins physische Dasein getreten sind, zu unserem Leben brauchen.
Nun konnen wir in einer zweifachen Weise in diesem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt vor den Wesenheiten der hoheren
Hierarchien voriibergehen. Wir konnen so vor ihnen voriibergehen,
daB wir sie erkennen, daB wir ihre Wesenheit, ihre Charaktereigen-
schaften verstehen, und daB wir entgegennehmen konnen, was sie
uns zu geben vermogen, denn es ist ein Empfangen dessen von den
hoheren Hierarchien, was sie uns geben konnen, und was wir in dem
folgenden Leben brauchen. Wir miissen in bezug auf das, was zu
geben ist, in der Lage sein zu verstehen, ja auch nur zu sehen, wenn uns
dies oder jenes gereicht wird, was wir dann brauchen konnen. Denn
wir konnten auch so an diesen Wesenheiten voriibergehen, daB uns,
bildlich gesprochen, die Hande dieser Wesen der hoheren Hierarchien
ihre Gaben reichen, die wir auch fur unser Leben brauchten, daB wir
sie aber nicht nehmen, weil es finster ist, geistig gesprochen, in dieser
hoheren Welt, durch die wir da durchgehen. Wir konnen also mit
Verstandnis durch diese Welt durchgehen, so daB wir gewahr werden,
was uns von jenen Wesenheiten gereicht werden soil, oder wir konnen
auch durch diese Welt mit Unverstandnis durchgehen und nicht ge-
wahr werden, was die Wesenheiten uns reichen wollen. Die Art nun,
wie wir durchgehen, welche von den zwei Arten wir fur den Durch-
gang zwischen Tod und neuer Geburt notwendigerweise wahlen
miissen, das wird vorherbestimmt durch die Nachwirkungen des
vorangegangenen letzten und der friiheren Erdenleben. Ein Mensch,
der sich in dem letzten Erdenleben stumpf und ablehnend gegenuber
alien Gedanken und Ideen verhalten hat, die uns als Auf klarungen
iiber die ubersinnliche Welt kommen konnen, ein solcher Mensch
geht durch das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt wie
durch eine Welt von Finsternis hindurch. Denn das Licht, geistig ge-
sprochen, welches wir brauchen, um zu erkennen, wie diese Wesen-
heiten an uns herantreten, um zu erkennen, welche Gaben wir von
den einen oder anderen Wesenheiten zu unserm nachsten Leben emp-
fangen sollen, das Licht des Verstandnisses dafiir konnen wir nicht in
der ubersinnlichen Welt selber erlangen, sondern das miissen wir hier
in der physischen Erdenverkorperung erlangen. Wir gehen so durch
das ubersinnliche Leben bis zur nachsten Geburt, daB wir an allem
vonibergehen, nichts erkennen und nirgends die Krafte in Empfang
nehmen, die wir zum nachsten Leben brauchen, wenn wir, durch die
Pforte des Todes hindurchgehend, keine Ideen und Begriffe mit-
bringen, um sie in das spirituelle Leben zu tragen.
Daraus sehen wir, wie unmoglich es ist, zu sagen, man konne war-
ten bis der Tod eintritt, denn dann werde sich zeigen, welche Tat-
sache oder ob iiberhaupt eine Wirklichkeit uns nach dem Tode ent-
gegentrete. Wie wir uns dann zu dieser Wirklichkeit verhalten konnen,
das hangt davon ab, ob wir uns hier im Erdenleben in unserer Seele
empfangend oder ablehnend verhalten haben zu den Begriffen iiber
die ubersirinliche Welt, die wir haben erhalten konnen, und die das
Licht sein rniissen, durch das wir uns den Durchgang zwischen Tod
und neuer Geburt beleuchten.
Noch ein anderes konnen wir aus dem Gesagten ersehen. Der
Glaube, daB man sozusagen nur zu sterben brauche, um alles zu emp-
fangen, was die ubersirinliche Welt einem geben konne, wenn man
es auch hier versaumt hat, sich auf sie vorzubereiten, dieser Glaube ist
ganz falsch. Alle Welten haben ihre besondere Mission. Und was sich
der Mensch in seiner Erdenverkorperung erwerben kann, das kann
er sich in keiner der anderen Welten erwerben. Er kann zwischen dem
Tode und der neuen Geburt unter alien Umstanden in Gemeinschaft
kommen mit den Wesenheiten der hoheren Hierarchies Um aber ihre
Gaben entgegenzunehmen, um nicht im Finstern durch das Leben zu
tappen oder doch in grausiger Einsamkeit, sondern um eine Beziehung
zu den hoheren Hierarchien und ihren Kraften ankniipfen zu konnen,
dazu miissen hier im Erdenleben die Ideen und Begriffe erworben
werden, die das Licht sind, um die hoheren Hierarchien zu schauen.
So geht ein Mensch, der es im Erdenleben, im heutigen Zeitenzyklus
zum Beispiel verschmaht hat, sich spirituelle Begriffe anzueignen, wie
in grausiger Einsamkeit durch das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt, und in bezug auf das hohere Leben bedeutet grausige Ein-
samkeit eben im finstern tappen, und er bringt sich dann im nachsten
Leben nicht die Krafte mit, welche ihm in entsprechender Weise seinen
Leib aufbauen und seine Werkzeuge zimmern sollen. Er kann sie nur
in unvoUkommener Gestalt aufbauen, und er wird daher ein unzulang-
licher Mensch im nachsten Leben sein.
Wir sehen daraus, wie Karma von dem einen Leben zu dem nach-
sten hiniiberwirkt. In dem einen Leben verschmaht es der Mensch
durch seine Willkiir, mit den geistigen Welten irgendwie seelisch
einen Zusammenhang zu entwickeln; im nachsten Leben hat er keine
Krafte, um sich auch nur die Organe anzuschaffen, durch die er den-
ken, fiihlen, wollen konnte die Wahrheiten des geistigen Lebens.
Dann bleibt er stumpf und unaufmerksam gegeniiber den geistigen
Verhaltnissen, und es geht das geistige Leben wie im Traum an ihm
voriiber, wie es ja bei so vielen Menschen der Fall ist. Er kann sich
dann auf dem Erdenrund fur die geistigen Welten nicht interessieren.
Und wenn eine solche Seele dann neuerdings durch die Pforte des
Todes geht, dann ist sie eine rechte Beute fur die luziferischen Machte,
dann tritt Luzifer gerade an solche Seelen heran. Und das Eigenartige
ist, daB in dem nachsten Leben in der geistigen Welt, in dem auf das
stumpfe und unaufmerksame folgende, solchem Menschen sehr wohl
die Wesenheiten und Tatsachen der hoheren Hierarchien beleuchtet
werden, aber jetzt nicht durch das, was er sich im Erdenleben er-
worben hat, sondern durch das Licht, welches ihm Luzifer in seine
Seele hineintraufelt. Luzifer beleuchtet ihm jetzt die hohere Welt,
wenn er durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchgeht.
Jetzt kann er zwar die hoheren Hierarchien wahrnehmen, kann wahr-
nehmen, wenn sie ihm Krafte reichen wollen. Aber daB Luzifer ihm
das Licht dafur angesteckt hat, das gibt die besondere Nuance, die be-
sondere Farbung; das macht alle Gaben dann von besonderer Art.
Die Krafte der hoheren Hierarchien sind dann nicht so, wie der
Mensch sie sonst hatte aufnehmen konnen, sondern sie werden so,
daB er, wenn er ins nachste Leben eintritt, sich wohl seine Leiblichkeit
formen und gestalten kann, aber er gestaltet sie dann so, daB er zu
einem Menschen wird, der zwar jetzt der auBeren Welt und ihren An-
forderungen gewachsen ist; aber in gewisser Beziehung ist dann ein
solcher Mensch innerlich unzulanglich, weil er in seiner Seele durch-
setzt und durcrifarbt ist von Luzifers Gaben oder wenigstens von
luziferisch gefarbten Gaben.
Wenn wir Menschen im Leben antreffen, welche ihre Leiblichkeit
in der Weise zugearbeitet haben, daB sie ihren Verstand gut be-
nutzen konnen, sich auch gewisse Geschicklichkeiten erwerben, durch
die sie sich hochbringen konnen, es aber nur zu ihrem eigenen Vor-
teile tun, wenn sie ihre Gaben nur anwenden, um das zu erhaschen,
was fur sie und ihr Sein Bedeutung hat, wenn sie also recht riick-
sichtslos, trocken ihren Vorteil im Auge haben, wie es gerade in
unserer Zeit recht viele Menschen gibt, dann findet der Seher sehr
haufig, daB sie jene Vorgeschichte durchgemacht haben, welche
eben charakterisiert worden ist. Sie wurden, bevor sie zu dem trocke-
nen und verstandigen und geschickten Leben gekommen sind, durch
die Welt, welche zwischen dem Tode und der neuen Geburt ver-
lauft, gefuhrt von den luziferischen Wesenheiten; und diese konn-
ten an sie herantreten, weil sie in der vorherigen Inkarnation stumpf
und traumend durch das Leben gegangen waren. Dieses Stumpf-
sinnige und Traumerische aber hatten sie sich erworben, weil sie vor-
her durch ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchgegangen
waren, wo sie sich in Finsternis durchtappten, durch ein Leben, in
welchem ihnen die Geister der hoheren Hierarchien die Krafte zum
Auf bau eines neuen Lebens geben sollten, die sie aber nicht richtig
entgegennehmen konnten; und das wieder war geschehen, weil sie
es vorher willkiirlich abgelehnt hatten, sich mit den Ideen und Be-
griffen iiber eine geistige Welt zu befassen. Hier haben wir den karmi-
schen Zusammenhang ! Je nachdem, was im historischen Werdegang
der Menschheit das Tatsachliche ist, vermannigfaltigen sich die Dinge,
die jetzt dargestellt worden sind. Aber sie treten auf; sie treten nur zu
haufig auf, wenn wir mit Hilfe der Geistesforschung in die hoheren
Welten eindringen und die Bedingungen der Menschenleben erken-
nend, vor das geistige Auge riicken.
So also ist es unrichtig zu sagen: Man braucht sich hier nur um das
zu kummern, was uns im irdischen Dasein umgibt, derm das Spatere
wird sich schon zeigen. - Wie es sich zeigen wird, das hangt eben
ganz davon ab, wie man sich hier dafur vorbereitet hat.
Auch ein anderes kann leicht eintreten. Und ich sage diese Dinge,
damit uns durch das Verstandnis fur das Leben zwischen Tod und
neuer Geburt zugleich das Leben zwischen Geburt und Tod immer
verstandlicher werde.
Wir sehen in diesem Erdenleben, wenn wir es verstandig betrachten,
manche Menschen - insbesondere in unserer Zeit sind diese Menschen
wieder sehr haufig -, die in einer gewissen Weise nur halb denken
konnen, deren Logik iiberall stillesteht gegeniiber der Wirklicbkeit.
Ein Beispiel sei angefiihrt. Ein im ubrigen durchaus in seinen Be-
strebungen ehrlicher freisinniger Prediger hat bei einer Gelegenheit
im ersten Freidenkerkalender folgendes gesagt: Man solle den Kin-
dern nicht religiose BegrifFe beibringen, denn das ware unnatiirlich.
Wenn man die Kinder aufwachsen laBt, ohne da6 man ihnen religiose
BegrifFe einpfropft, dann sehen wir, daB sie von selbst nicht zu Be-
grifFen kommen von Gott, Unsterblichkeit und so weiter. Daraus
konnte man aber ersehen, daB solche BegrifFe dem Menschen un-
natiirlich sind; und was dem Menschen unnatiirlich ist, das diirfte
man ihm auch nicht beibringen, sondern nur das, was man aus seiner
eigenen Seele ihm herausholen kann. - Wie bei sehr vielen Dingen,
so gibt es bei einem solchen Ausspruche tausend und aber tausend
Menschen der Gegenwart, denen dies sehr klug, sehr scharfsinnig
gedacht erscheint. Aber man braucht nur wirkliche Logik anzuwen-
den, dann findet man das Folgende. Man nehme einen Menschen, der
noch nicht sprechen gelernt hat, setze ihn aus auf eine einsame Insel
und sorge dafur, daB er keine Sprachlaute horen wird. Die Folge wird
dann sein: er lernt nie sprechen. Und wer nun sagt, man diirfe dem
Menschen keine religiosen BegrifFe beibringen, der muBte logischer-
weise auch sagen, der Mensch solle nicht sprechen lernen, denn die
Sprache vermittele sich nicht durch sich selbst. Der betrefFende frei-
religiose Prediger kann also den angefiihrten Gedanken nicht ver-
breiten durch seine Logik, denn er steht still mit seiner Logik vor den
Tatsachen. Er kann nur einen kleinen Kreis damit umfassen und
merkt nicht, daB der Gedanke, wenn man ihn iiberhaupt faBt, sich von
selber auf hebt.
Wer sich im Leben umschaut, der findet dieses unzulangliche, halbe
Denken weit verbreitet. Wenn man mit Hilfe ubersinnlicher For-
schung den Weg eines solchen Menschen zuruckverfolgt und an den
Gebieten ankommt, welche die Seele zwischen dem letzten Tode und
der letzten Geburt durchlebt hat, wo er also in dieser Weise unlogisch
geworden ist, dann findet der Seher oft, daB ein solcher Mensch im
letzten Leben zwischen Tod und neuer Geburt so durch die spirituelle
Welt durchgegangen ist, daB er unter der Fiihrung des Ahriman den
hoheren geistigen Wesenheiten und Kraften entgegengetreten ist,
jenen Wesenheiten und Machten, welche ihm das geben sollten, was
er jetzt in diesem Leben brauchte, und die ihm nicht die Moglichkeit
geben konnten, sich so auszubilden, daB er richtig denken kann.
Ahriman war der Fiihrer und Ahriman hat ihm die Moglichkeit ge-
geben, die Gaben der Wesenheiten und Machte der hoheren Hier-
archien nur so zu empfangen, daB er im Leben iiberall mit seinem
Denken stillesteht vor den wirklichen Tatsachen, daB er nirgends sein
Denken so faBt, daB es in sich selbst geschlossen und giiltig ist. Ein
groBer Teil derjenigen Menschen - und es sind eben ihrer iiber und
iiber viele -, die heute nicht denken konnen, verdanken dies der Tat-
sache, daB sie in ihrem letzten Leben zwischen Tod und neuer Geburt
sich von Ahriman muBten begleiten lassen, weil sie sich dazu gewisser-
maBen geeignet gemacht haben durch ihr letztes Erdenleben, durch
jenes Erdenleben, welches das vorangehende gegeniiber dem jetzi-
gen ist.
Und wie ist dieses Erdenleben verlaufen, wenn man es mit dem
Blick des Sehers verfolgt?
Da findet man bei solchen Menschen, daB sie Hypochonder,
miirrische Menschen gewesen sind, die nicht heran wollten an die
Welt und ihre Tatsachen und Wesenheiten, denen es in einer gewissen
Beziehung immer unbequem war, irgendein Verhaltnis zur Umwelt
zu gewinnen. Sehr haufig waren solche Menschen unertragliche Hypo-
chonder in ihrem vorhergehenden Leben. Wiirden sie in ihrer Korper-
kraft physisch untersucht worden sein, so wiirden sie solche physische
Krankheiten gehabt haben, die man sehr haufig bei hypochondrisch
veranlagten Naturen findet. Und wenn man dann weiter zuriickgeht,
zuriickgeht zu dem friiheren Leben zwischen Tod und Wieder-
verkorperung, das dem hypochondrischen Leben also vorangegangen
ist, dann findet man, daB diese Menschen in jener Zeit wieder der
richtigen Fiihrung entbehren muBten, daB sie nicht ordentlich haben
wahrnehmen konnen, was die Gaben der hoheren Hierarchien hatten
sein sollen. Und wie haben sie sich in dem dritdetzten Leben hier auf
der Erde so etwas zubereitet? Sie haben es dadurch sich zubereitet,
daB sie damals eine gewisse, wenn auch durchaus religios zu nennende
Seelenstimmung entwickelt haben, aber nur aus Egoismus heraus. Sie
waren Menschen, die nur aus Egoismus heraus fromme, vielleicht
sogar mystische Naturen waren, wie ja sehr haufig Mystik aus
Egoismus zustande kommt, in der Weise, daB der Mensch sagt: Ich
suche in meinem Innern, um in meinem Innern den Gott zu er-
kennen. - Und wenn man dem nachgeht, was er dort sucht, so ist es
nur das eigene Selbst, das er zum Gott macht. Bei vielen frommen
Seelen findet man es, daB sie nur deshalb fromm sind, damit ihnen
nach dem Tode diese oder jene geistige Stimmung bliihe. Egoistische
Seelenstimmung ist es, was sie sich auf diese Weise zubereitet haben.
Wenn wir also drei solcher Erdenleben mit Hilfe der Geistes-
forschung verfolgen, so finden wir in dem ersten als Grundstimmung
in der Seele egoistische Mystik, egoistische Religiositat. Und wenn
wir heute Menschen betrachten, die sich in der gekennzeichneten
Weise dem Leben gegeniiber verhalten, so kommen wir ja durch die
geistige Forschung in die Zeiten zuriick, in welchen in Hiille und
Fiille Seelen da waren, die eigentlich nur aus vollem Egoismus heraus
eine religiose Stimmune: entwickelten. Sie gingen dann durch ein
Dasein zwischen Tod und neuer Geburt, ohnmachtig von den geisti-
gen Wesenheiten die Gaben zu empfangen, die ihnen das nachste
Leben richtig gestalten sollten. Dann wurde das nachste Leben ein
miirrisches, ein hypochondrisches, wo ihnen alles zuwider war. Da-
durch wieder bereiteten sie sich dazu vor, daB nun, wenn sie durch
die Pforte des Todes gegangen sind, Ahriman und dessen Scharen
ihre Fiihrer waren und sie solche Krafte bekamen, wodurch sie in dem
nun folgenden Erdenleben eine mangelhafte Logik, ein kurzsichtiges,
stumpfes Denken zeigen.
So haben wir den andern Fall von drei aufeinanderfolgenden In-
karnationen. Und wir sehen immer wieder und wieder, wie es Unsinn
ist zu glauben, daB man warten konne bis der Tod an einen heran-
tritt, um zur ubersinnlichen Welt in Beziehung zu kommen. Ja, wie
man nach dem Tode in Beziehung zur ubersinnlichen Welt kommt,
das hangt eben ab von den inneren Seelenneigungen und Interessen,
die man sich hier gegeniiber der ubersinnlichen Welt angeeignet hat.
Es hangen nicht nur die aufeinanderfolgenden Erdenleben zusammen
wie Ursache und Wirkungen - sondern auch die Leben hier zwischen
Geburt und Tod und die Leben zwischen dem Tode und der neuen
Geburt hangen in gewisser Beziehung zusammen wie Ursachen und
Wirkungen. Wir konnen dies aus dem Folgenden sehen.
Wenn der Seher den Blick in die ubersinnliche Welt hinaufrichtet,
wo sich die Seelen nach dem Tode auf halten, so findet er dort Seelen,
welche in einem gewissen Abschnitte dieses Lebens zwischen Tod
und neuer Geburt - man macht ja in diesem langen Zeitraume viele
Erlebnisse durch, und es konnen bei solchen Beschreibungen immer
nur Teile geschildert werden - Diener sind derjenigen Machte, die
wir nennen die Herren alles gesunden, sprieBenden und sprossenden
Lebens auf der Erde. Wir finden unter den verstorbenen Menschen
durchaus solche, welche eine gewisse Zeit hindurch in der ubersinn-
lichen Welt mitwirken an der wunderbaren Aufgabe - denn es ist eine
wunderbare Aufgabe -, in die physische Welt hineinzugieBen, hinein-
zutraufeln alles, was die Wesen der Erde in ihrer Gesundheit fordern
kann, was sie zum Bliihen und Gedeihen bringen kann. Wie wir durch
gewisse Bedingungen Diener der bosen Machte von Krankheit und
Ungluck werden konnen, so konnen wir Diener werden derjenigen
geistigen Wesenheiten, welche Gesundheit und Wachstum befordern,
die in unsere Welt bliihendes Leben befordernde Krafte aus der
geistigen Welt hereinsenden. Denn das ist ja nur ein materiahstischer
Aberglaube, daB die physische Hygiene, die auBeren Einrichtungen
allein das Gesundheitfordernde sind. Alles, was im physischen Leben
geschieht, wird dirigiert durch die Wesenheiten und Machte der
hoheren Welten, die ihre Krafte fortwahrend in die physische Welt
hineinsenden, sie hineintraufeln, die Krafte, die in einer gewissen
Weise frei wirken, oder auf Menschen oder andere Wesen wirken als
Gesundheit fordernde oder als Gesundheit und Wachstum schadi-
gende. - Leitend in bezug auf diese Vorgange in Gesundheit und
Krankheit sind gewisse geistige Machte und Wesenheiten. Aber der
Mensch wird im Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
Mitarbeiter dieser Machte; und wir konnen, wenn wir uns in der
richtigen Weise dazu vorbereitet haben, die Seligkeit genieBen, daran
mitzuarbeiten, die Gesundheit und Wachstum fordernden Krafte aus
den hoheren Welten in diese unsere physische Welt hineinzutraufeln.
Und wenn der Seher verfolgt, wodurch sich solche Seelen dies ver-
dient haben, so merkt er: Im physischen Erdenleben konnen die
Menschen in zweifacher Art das vollbringen und denken, was sie
vollbringen und denken wollen.
Sehen wir uns einmal das Leben an. Wir sehen zahlreiche Menschen,
die machen ihre Arbeit, wie es ihnen vorgeschrieben ist durch ihr
Amt oder durch dieses oder jenes. Aber wenn auch nicht der radikale
Fall eintritt, daB solche Menschen ihrer Arbeit gegeniiber leben wie
das Tier, das zur Schlachtbank gefiihrt wkd, so konnte man doch
sagen, sie arbeiten, weil sie mussen. Sie wiirden auch nie ihre Pflicht
versaumen - gewifi, das kann alles sein! In gewisser Beziehung kann
das beim heutigen Menschheitszyklus auch gar nicht anders sein in
bezug auf das, was die Pflicht fordert und wofur der Mensch keinen
anderen Antrieb hat, als daB es die Pflicht fordert. Das soil durchaus
nicht so gesagt sein, als wenn die Pflichtarbeit in Grund und Boden
hinein kritisiert werden soli! So darf es nicht aufgefaBt werden; die
Erdentwickelung ist eben so, daB gerade diese Seite des Lebens
immer mehr und mehr Ausbreitung gewinnt. Das wird in Zukunft
nicht etwa besser sein: die Verrichtungen, welche die Menschen wer-
den tun mussen, werden sich immer mehr und mehr komplizieren,
insofern sie das auBere Leben betreffen, und immer mehr und mehr
werden die Menschen verurteilt sein, nur das zu tun und zu denken,
wozu sie durch die Pflicht getrieben werden. Aber wir haben es heute
schon - und werden es immer mehr haben -, daB es Menschen gibt,
die ihre Arbeit nur deshalb tun, weil sie durch die Pflicht getrieben
werden, und daB es dagegen andere Menschen geben wird, die sich
eine Gesellschaft wie die unserige aufsuchen, wo sie auch etwas voll-
bringen konnen, nicht aus auBerem Pflichtgefiihl, wie im auBeren
Leben, sondern etwas, wozu sie Hingabe, Enthusiasmus haben. Daher
konnen wir die Arbeit nach der Seite hin ins Auge fasseti: ob sie
gleichsam eine Arbeit des auBeren Vollbringens und des Denkens aus
Pflicht ist, oder eine Arbeit, die mit Enthusiasmus, mit Hingabe aus
innerstem Triebe der Seele verrichtet wird, wo2u nichts treibt als die
Seele selber. Diese Stimmung der Seele : nicht bloB aus Pflicht, sondern
aus Liebe, aus Neigung, aus Hingabe zu denken und zu tun, diese
Stimmung bereitet die Seele dazu vor, ein Diener der guten Machte
von Gesundheit, von alien heilsamen Kraften zu werden, die aus der
ubersinnlichen Welt in unsere physische Welt hinuntergeschickt wer-
den, ein Diener von allem SprieBenden und Sprossenden, Gedeihenden
zu werden und die Seligkeit zu empfinden, die man dadurch emp-
finden kann.
Es ist fur das Gesamtleben des Menschen auBerordentlich wichtig,
dies zu wissen. Denn dadurch allein, daB er sich im Leben solche
Krafte erwirbt, welche ihn fahig machen, mit den betreffenden Mach-
ten zusammenzukommen, dadurch allein kann der Mensch geistig
mitarbeiten an einer immer weitergehenden Gesundung, an einem
irnmer weitergehenden Gedeihen der Erdenverhaltnisse.
Und noch einen anderen Fall konnen wir betrachten. Nehmen wir
einen Menschen, der sich Miihe gibt, der Umgebung und ihren An-
forderungen sich anzupassen. Das ist nicht bei alien Menschen der
Fall. Es gibt solche, die sich keine Miihe geben, um sich in die Welt
hineinzufinden ; es gibt Menschen, die sich sowohl im geistigen wie im
auBeren leiblichen Leben nicht in die Verhaltnisse hineinfinden
konnen. So haben wir zum Beispiel Menschen, die einmal an der
Anschlagsaule einen Zettel lesen, daB da oder dort ein anthroposo-
phischer Vortrag stattfindet; da gehen sie auch einmal hinein, aber
kaum sind sie drinnen, da schlafen sie schon. Ihre Seele kann sich
nicht an die Umgebung anpassen, stimmt nicht dazu. Mir sind Manner
bekannt geworden, die sich nicht selber einen Knopf, der ihnen ab-
gerissen ist, annahen konnen; das heiBt aber, sie konnen sich nicht den
auBeren physischen Verhaltnissen anpassen. Und so konnen wir tau-
send und aber tausend Arten des geschickten oder ungeschickten
Sich-Hineinfindens in das Leben anfuhren. Von solchen Dingen hangt
mancherlei ab, ich habe das schon gesagt. Jetzt wollen wir nur das
anfuhren, was davon abhangt fur das Leben zwischen dem Tode und
der neuen Geburt.
Alles wird Ursache, und aus allem gehen Wirkungen hervor. Ein
Mensch, der sich bemuht, sich seiner Umgebung einzugliedern, der
sich also auch einmal selber einen Knopf annahen kann oder sich etwas
anzuhoren vermag, was ihm ungewohnt ist, so dafi er nicht gleich
dabei einschlaft, ein solcher bereitet sich dadurch dazu vor, nach dem
Tode ein Mitarbeiter, ein Heifer derjenigen Geister zu werden, welche
den menschlichen Fortschritt fordern, welche die spirituellen Machte
und Krafte hereinsenden auf die Erde, um menschlichen Fortschritt
und fortschreitendes Leben zu fordern, Leben, welches von Zeitalter
zu Zeitalter fortschreitet. Nur dadurch konnen wir uns die Seligkeit
nach dem Tode erwerben, auf das irdische Leben, wie es fortschreitet,
hinunterzuschauen und mitzuarbeiten an den Kraften, die immer
hinuntergesendet werden auf die Erde, damit Fortschritt sein kann,
wenn wir uns hier im Leben bemiihen, uns den Verhaltnissen anzu-
passen, uns in die Umgebung hineinzufinden. Karma wird erst dann
in der richtigen umfassenden Weise verstanden, wenn wir in die Lage
kommen, es in seinen Einzelheiten zu betrachten, in jenen Einzel-
heiten, die uns zeigen, in wie mannigfaltiger Art Ursachen und Wir-
kungen zusammenhangen hier in der physischen Welt, in der geistigen
Welt und im Gesamtdasein.
Es ist damit wiederum ein Licht geworfen auf die Tatsache, daB
unser Leben in den geistigen Welten davon abhangt, wie wir das
Leben im physischen Leibe zubringen. Denn, wie gesagt, alle Welten
haben ihre besondere Mission, und nicht zwei Welten haben eine
gleiche Mission im Dasein. Was in einer Welt die charakteristischen
Erscheinungen, die charakteristischen Erlebnisse sind, das sind nicht
auch die charakteristischen Erscheinungen und Erlebnisse in einer
anderen Welt. Und wenn ein Wesen zum Beispiel diejenigen Dinge
aufnehmen soli, die es nur auf der Erde aufnehmen kann, so mufi es
sie eben auf der Erde aufnehmen. Und versaumt es dies, so kann es die
Aufnahme nicht in einer anderen Welt besorgen. Das zeigt sich ins-
besondere bei einer Sache, die wir eigentlich schon beriihrt haben, bei
der es aber gut ist, sie besonders tief in unsere Seele zu schreiben: das
zeigt sich bei der Aufhahme gewisser BegrifFe und Ideen, die der
Mensch gerade fur sein Gesamdeben braucht. Nehmen wir ein uns
naheliegendes Beispiel: die in unserem Zeitalter berechtigte und wirk-
same Anthroposophie. Die Menschen eignen sie sich so an, daB sie
zunachst auf der Erde leben und auf die Ihnen bekannte Art an die
Anthroposophie herantreten und sie in sich aufnehmen. Es konnte nun
auch hier leicht der Glaube entstehen, es sei doch nicht notwendig,
hier auf der Erde Anthroposophie zu treiben, sondern : wie es in den
geistigen Welten aussieht, das wird man schon zu lernen imstande sein,
wenn man durch die Pforte des Todes hindurchgeschritten ist; da
werden sich auch geistige Lehrer der hoheren Hierarchien finden,
welche diese Dinge an die Seele heranbringen konnen!
Nun besteht die Tatsache, daB der Mensch mit seiner ganzen Seele
nach den Entwickelungen, die er bis zum gegenwartigen Menschheits-
zyklus durchgemacht hat, jetzt dazu vorbereitet ist, eben einmal auf
der Erde an die Art anthroposophischen Lebens heranzutreten, an die
man nur herantreten kann, weil man im physischen Leibe lebt, weil
man das physische Leben mitmacht. Dazu ist der Mensch vorbestimmt.
Und macht er es nicht mit, so kann er zu keiner der geistigen Wesen-
heiten Beziehungen entwickeln, die diese zu seinem Lehrer machen.
Man kann nicht einfach sterben und dann nach dem Tode einen
Lehrer finden, der einem ersetzen konnte, was hier im physischen
Erdenleben als Anthroposophie an die Seelen herantreten kann. Wir
brauchen nicht deshalb zu tniben Gedanken zu kommen, weil wir
sehen, daB viele Menschen die Anthroposophie verschmahen, und wir
nun voraussetzen mussen, daB sie sich dieselbe zwischen Tod und
neuer Geburt nicht aneignen konnen. Wir brauchen deshalb nicht zu
verzweifeln, denn diese Menschen werden in einem neuen Erdenleben
geboren werden und dann wird schon geniigend anthroposophische
Anregung und Anthroposophie auf der Erde vorhanden sein, so daB
sie diese dann aufnehmen konnen. Fur die heutige Zeit ist Verzweif-
lung noch nicht am Platze - was nun aber keinen dazu bringen soil,
zu sagen: Ich kann die Anthroposophie im folgenden Leben auf-
nehmen ; jetzt kann ich es mir noch sparen ! - Nein, auch das kann nicht
nachgeholt werden, was hier versaumt wird. Als unsete deutsche
theosophische Bewegung ganz im Anfange war, sprach ich einmal in
einem Vortrage iiber Nietzsche von gewissen Dingen der hoheren
Welten. In den Zusammenhang, in welchem das damals gesprochen
wurde, waren Diskussionen eingefugt. Wahrend derselben stand
jemand auf und sagte: Eine solche Sache muB man immer an der
Kantschen Philosophic priifen, und da kommt man doch darauf, daB
man all diese Dinge hier nicht wissen kann; denn erst dann kann man
dariiber etwas wissen, wenn man gestorben sein wird. - Ganz wortlich
sagte das der BetrefTende damals. Nun, so ist es nicht, daB man bloB
sterben braucht, um irgendwelche Dinge zu erfahren. Man erfahrt,
wenn man durch die Pforte des Todes geht, die Dinge nicht, fur die
man sich nicht vorbereitet hat. Das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt ist durchaus eine Fortsetzung des Lebens hier, wie wir an den
schon vorgebrachten Beispielen gesehen haben. Daher konnen wir
von den Wesenheiten der hoheren Hierarchien nach dem Tode als
Menschen dasjenige, was wir dadurch erlangen konnen, daB wir liber-
haupt Anthroposoph werden, nur dadurch erlangen, daB wir uns hier
auf der Erde dazu vorbereitet haben. Unser Zusammenhang mit der
Erde, unser Durchgang durch das Erdenleben hat eben eine Bedeu-
tung, die durch nichts ersetzt werden kann.
Eine Art von Vermittelung kann allerdings gerade auf diesem Ge-
biete eintreten. Ich habe auch dariiber schon gesprochen. Ein Mensch
kann dahinsterben und er kann wahrend seines Erdenlebens nichts von
Geisteswissenschaft erfahren haben; aber sein Bruder, seine Gattin
oder ein nahestehender Freund ist Anthroposoph. Der Verstorbene
hat sich hier wahrend seines Lebens geweigert, etwas von Anthropo-
sophie zu erfahren; er hat vielleicht nur dariiber geschimpft. Nun ist
er durch die Pforte des Todes gegangen. Da kann er dann durch die
anderen Personlichkeiten auf der Erde mit der Anthroposophie ver-
traut gemacht werden. Aber wir sehen auch dabei, daB jemand auf der
Erde da ist und es dem andern aus Liebe gibt, so daB also auch hier
der Zusammenhang mit dem Irdischen gewahrt werden muB. Darauf
beruht das, was ich genannt habe «Vorlesen den Toten». Wir konnen
ihnen damit eine groBe Wohltat erweisen, wenn sie auch vorher nichts
von der geistigen Welt wissen woilten. Wir konnen es entweder so
machen, daB wir es in Gedankenform tun und auf diese Weise die
Toten unterrichten, oder wir konnen uns ein anthroposophisches
Buch oder dergleichen nehmen, uns die Personlichkeit des Toten vor-
stellen und ihm dann aus dem Buche vorlesen. Dann vemehmen es die
Toten. Gerade durch solche Dinge haben wir in unserer anthroposo-
phischen Bewegung groBe, schone Beispiele erlebt von dem, was wir
den Toten angedeihen lassen konnen. Viele unserer Freunde lesen
ihren Toten vor. - Man kann auch die Erfahrung machen, die ich
kiirzlich machen konnte, daB mich jemand um einen kurz vorher da-
hingestorbenen Toten fragte, weil sich dieser durch allerlei Anzeichen,
besonders wahrend der Nacht, bemerkbar machte, durch Unruhe im
Zimmer, Poltern und so weiter. Man kann daraus oft den SchluB
Ziehen, daB der Tote etwas haben will. In diesem Falle stellte sich in
der Tat heraus, daB der Tote Sehnsucht hatte, irgend etwas zu er-
fahren. Der Betreffende war im Leben ein gelehrter Mann gewesen,
aber er hatte vorher alles abgelehnt, was als Wissen liber die geistige
Welt an ihn herankam. Jetzt konnte man heraushoren, daB ihm eine
groBe Wohltat erwiesen wiirde, wenn man ihm zum Beispiel einen
ganz bestimmten Vortragszyklus vorlesen wiirde, weil darin die Dinge
besprochen sind, nach denen er sozusagen lechzte. So kann iiber den
Tod hinaus in einer ungeheuer bedeutungsvollen Weise Abhilfe ge-
schaffen werden fur etwas, was auf der Erde versaumt worden ist.
Das ist es, was uns so recht die groBe, bedeutungsvolle Mission der
Anthroposophie nahebringt, daB die Anthroposophie den Abgxund
iiberbriicken wird zwischen den Lebenden und den Toten, daB die
Menschen nicht dahinsterben, als wenn sie von uns fortgehen, sondern
daB wir mit ihnen in Verbindung bleiben und fur sie tatig sein konnen.
Wenn jemand fragt, ob man denn immer wissen konne, ob der Tote
uns auch zuhore, so muB gesagt werden, daB auf der einen Seite die
Menschen, die so etwas mit wirklicher Hingabe tun, nach einiger Zeit
aus der Art, wie die Gedanken in ihrer eigenen Seele leben, die sie dem
Toten vorlesen, wirkHch merken werden, daB der Tote sie umschwebt.
Aber das ist immerhin eine Empfindung, die nur feiner beobachtende
Seelen haben konnen. Das Argste, was passieren kann, ist, daB eine
solche Sache, die ein groBer Liebesdienst sein kann, eben nicht an-
gehort wird; dann hat man sie fiir den Betreffenden unndtig gemacht.
Vielleicht aber hat sie dann im Weltenzusatnmenhange noch eine andere
Bedeutung. Man sollte sich aber um einen solchen MiBerfolg nicht
viel kummern, denn es kommt doch vor, daB man hier einer Anzahl
von Menschen etwas vorliest - und sie einem auch nicht zuhoren.
Diese Dinge konnen den Ernst und die Wiirde der Anthroposophie
in die richtigen Begrine bringen. Immer aber mussen wir sagen, daB
die Art, wie wir in der geistigen Welt nach dem Tode leben werden,
ganz abhangen wird von der Art, wie wir hier auf der Erde gelebt
haben. Auch das Zusammenleben mit anderen Menschen in der gei-
stigen Welt hangt davon ab, was wir hier fur eine Beziehung zu ihnen
gesucht haben. Mit einem Menschen, zu dem wir hier keine Beziehung
angeknupft haben, konnen wir nicht ohne weiteres in der andem Welt,
zwischen Tod und neuer Geburt, eine Beziehung ankniipfen. Die
Moglichkeit, zu ihm riingefuhrt zu werden, mit ihm in der geistigen
Welt zusammenzusein, erwirbt man sich gewohnlich in der Regel
durch das, was hier auf der Erde angeknupft worden ist, allerdings
nicht bloB durch das, was in der letzten, sondern auch was in friiheren
Inkarnationen angeknupft worden ist.
Kurz, sachliche und personliche Verhaltnisse, die wir auf der Erde
geschafTen haben, sind das Bestimmende fiir das Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt. Es treten Ausnahmefalle ein, aber die
sind eben dann Ausnahmefalle. Und wenn Sie sich an das erinnern, was
ich in der Weihnachtszeit hier iiber den Buddha und seine jetzige Mis-
sion auf dem Mars gesagt habe, so haben Sie gerade an der Gestalt des
Buddha einen solchen Ausnahmefall. Es gibt zahlreiche Seelen auf der
Erde, die in den Mysterieninspirationen dem Buddha - oder auch vor-
her in seinem Bodhisattva-Dasein - personlich gegeniibergetreten
sind. Aber weil Buddha als der Sohn des Suddhodana seine letzte
Erdenverkorperung durchgemacht hat, und dann das, was ich ge-
schildert habe als sein Wirken im Atherleibe, und jetzt seine Tatigkeit
nach dem Mars verlegt hat, deshalb ist nun die Moglichkeit gegeben,
auch wenn wir vorher nicht mit dem Buddha zusammengekommen
sind, mit ihm im Leben 2wischen Tod und neuer Geburt in ein Ver-
haltnis zu kommen; und was dieses Verhaltnis ergibt, das bringen wir
dann wieder in die nachste Erdeninkarnation herein. Das ist aber der
Ausnahmefall. In der Regel finden wir nach dem Tode diejenigen
Menschen, mit denen wir hier Beziehungen und Verhaltnisse an-
kniipften, und setzen diese Verhaltnisse und Beziehungen nach dem
Tode fort.
Diese Auseinandersetzungen, die an das ankniipfen, was uber das
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Verlaufe dieses
Winters gegeben worden ist, sind mit dem Ziele und der Perspektive
gesagt, zu zeigen, wie Anthroposophie dem Menschen nur etwas
Halbes ist, wenn sie eine Theorie und eine auBere Wissenschaft bleibt,
wie sie erst dann das ist, was sie sein soli, wenn sie wie ein Lebens-
elixier die Seelen durchdringt, so daB die Seelen vollkommen dar-
leben, was an den Menschen empfindungsgemaB herantritt, wenn er
zu den hoheren Welten in ein Erkenntnis verhaltnis tritt. Der Tod, er
tritt dann fur den Menschen nicht so auf wie etwas, was personliche
menschliche Verhaltnisse zerstort. Der Abgrund zwischen dem Leben
hier auf der Erde und dem Leben nach dem Tode wird iiberwunden,
viele Tatigkeiten werden sich in der Zukunft entfalten, die unter die-
sem Gesichtspunkte vollzogen werden. Hereinwirken werden die
Toten ins Leben, die Lebenden in das Reich der Toten.
Und nun mochte ich, daB sich Ihre Seelen ein wenig darein vertiefen,
wie das Leben reicher, voller, geistiger wird, wenn alles wirklich durch
die Anthroposophie geschieht. Nur wer so Anthroposophie empfin-
den kann, der empfindet richtig gegeniiber der Anthroposophie. Das
ist nicht die Hauptsache, daB wir wissen: Der Mensch besteht aus
physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich, er geht durch ver-
schiedene Inkarnationen durch, die Erde hat wahrend ihres Daseins
verschiedene Inkarnationen durchgemacht, das Saturndasein, das
Sonnendasein, das Mondendasein. - Das zu wissen ist nicht die
Hauptsache; das Wichtigste und Wesentliche ist, daB wir unser Leben
durch die Anthroposophie in einer solchen Weise umgestalten konnen,
wie es die Zukunft der Erde erfordert. Das konnen wir nicht tief genug
empfinden, und nicht oft genug konnen wir uns in dieser Beziehung
anregen. Derm die Empfindungen, die wir unter der Anregung der
Erkenntnis der ubersinnlichen Welt von unsern Versammlungen mit-
nehmen, und mit denen wir dann durch das Leben schreiten, sie sind
das Wichtige im anthroposophischen Leben. Daher geniigt es nicht,
wenn wir in der Anthroposophie nur wissen, sondern in der Anthro-
posophie wissen wir empfindend, und empfinden wir wissend. Nur
haben wir zu begreifen, wie falsch es ist, ohne etwas von der Welt zu
wissen, glauben zu konnen, daB man der Welt gerecht werden kann.
Wahr ist das Wort, das Leonardo da Vinci gesagt hat: Die groBe Liebe
ist die Tochter der groBen Erkenntnis. Und wer nicht erkennen will,
der lernt auch nicht im wirklichen Sinne lieben.
So, in diesem Sinne, soil Anthroposophie zunachst in unsere Seele
kommen, damit von diesem Einflusse, von uns ausgehend, immer
mehr und mehr in der Erdentwickelung eine Stromung beginne, eine
geistige Stromung, welche Geist und Physis zu einer Harmonie ge-
stalten wird. Dann wird die Zeit kommen, in welcher die Menschen
auf der Erde zwar noch materiell leben werden - und das auBere
Erdenleben wird immer materieller und materieller werden -, aber der
Mensch wird iiber die Erde schreiten und in seiner Seele den Zu-
sammenhang mit der hoheren Welt tragen. AuBen wird das Erden-
leben immer materieller werden - das ist das Erdenkarma -, doch in
demselben MaBe als das Erdenleben auBen materieller wird, miissen,
wenn die Erdentwickelung ihr Ziel erreichen soil, die Seelen innen
immer spiritueller und spiritueller werden. Wie sich diese Aufgabe
gestaltet, dazu wollte ich durch die heutige Betrachtung wieder einen
kleinen Beitrag geben.
ZEHNTER VORTRAG
Berlin, 1. April 1913
Wir haben uns vorgenommen, von ge wis sen Gesichtspunkten aus das
Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt zu betrachten, und
wir haben im Verlaufe dieser Wintervortrage versucht, mancherlei
iiber dieses Leben darzustellen, haben dabei wichtige Erganzungen
anfuhren konnen fiir die allgemeineren Gesichtspunkte, welche in
meiner «Theosophie» und auch in der «Geheimwissenschaft im Um-
rifi» mitgeteilt worden sind. Heute soil nun ein Gesichtspunkt vor
alien Dingen uns beschaftigen, welcher sich aus der Frage ergibt: Wie
steht derm das, was zum Beispiel in der «Theosophie» fur das Leben
zwischen Tod und neuer Geburt angefuhrt ist, im Verhaltnisse zu
dem, was im Laufe dieser Wintervortrage hier gesagt worden ist?
Wir erinnern uns dabei, wie in der «Theosophie» der Durchgang
der Seele, nachdem die Pforte des Todes durchschritten ist, zunachst
dargestellt worden ist durch das Seelengebiet. Und wir wissen, daft
dieses Seelengebiet gegliedert worden ist in eine Region der «Begier-
denglut», in eine solche der «flieBenden Reizbarkeit », in eine der
«Wunsche», in eine Region von «Lust und Unlust», dann in die
hdheren Regionen des «Seelenlichtes», der «tatigen Seelenkraft» und
des «eigentlichen Seelenlebens ». Das wurde als das Seelengebiet, als
die Seelenwelt geschildert, und es ist ja bekannt, daB die Seele nach
dem Tode diese Gebiete zu durchschreiten hat, die Sie dann in einer
gewissen Beziehung in meiner «Theosophie» geschildert finden. Da-
nach durchschreitet die Seele weiter dasjenige, was man als das
Geisterland zu bezeichnen hat, und es ist in meiner «Theosophie»
auch dieses Geisterland in den aufeinanderfolgenden Regionen ge-
schildert worden, deren Bezeichnungen mit Anlehnung an gewisse
irdische Bilder gegeben worden sind: das kontinentale Gebiet des
Geisterlandes, dann das sozusagen ozeanische Gebiet des Geisterlandes
und so weiter.
Nun wurde hier im Verlaufe des Winters geschildert, wie die Seele,
wenn sie durch die Pforte des Todes schreitet, den physischen Leib
und dann auch den atherischen Leib ablegt, wie sie sich vergrdBert,
immer groBer und groBer wird. Dann wurde auseinandergesetzt, wie
diese Seele Regionen durchlebt, welche - aus gewissen Gninden, von
denen ja gesprochen worden ist - bezeichnet werden diirfen zuerst mit
der Region des Mondes, dann des Merkur, der Venus, der Sonne, des
Mars, des Jupiter, des Saturn, dann des eigentlichen Sternenhimmels ;
wie die Seele, be2iehungsweise des Menschen eigentliche geistige In-
dividualist, sich fortdauernd vergroBert und diese Regionen, die ja
immer groBere Weltengebiete umschlieBen, durchlebt; wie dann die
Seele wieder beginnt sich zusammenzuziehen, immer kleiner und klei-
ner wird, um sich dann zuletzt mit dem Keime zu verbinden, der aus
der Vererbungsstromung der Seele zuflieBt. Und durch diese Ver-
bindung des durch die Vererbung der Seele zuflieBenden Menschen-
keimes mit dem, was aus dem groBen, makrokosmischen Welten-
gebiete hereingenommen wird, entsteht ja das, was der Mensch des
irdischen Zeitenlaufes ist, das, was das Leben zwischen der Geburt
und dem Tode zu durchleben hat.
Nun ist in der Tat beide Male, sowohl in meiner «Theosophie » wie
auch in den Darstellungen, die hier gegeben worden sind, im Grunde
genommen dasselbe gegeben. Darauf wurde aufmerksam gemacht.
Aber das eine Mai ist sozusagen mehr von innen geschildert. In meiner
« Theosophie » finden Sie die Schilderung in gewissen Bildern gegeben,
welche mehr mit Anlehnung an innere Seelenverhaltnisse gegeben
sind. In den Schilderungen, welche hier in diesem Winter gemacht
worden sind, wurde mit Anlehnung an die groBen kosmischen Ver-
haltnisse die Schilderung gegeben durch Anknupfung an die Planeten-
namen. Nun handelt es sich darum, daB wir die beiden Schilderungen
miteinander in Einklang bringen konnen.
Es ist schon gesagt worden, daB die Menschenseele in der ersten
Zeit, nachdem sie die Pforte des Todes durchschritten hat, sozusagen
im wesentlichen darauf angewiesen ist, in einer gewissen Art auf das
zuruckzuschauen, was sie auf der Erde erleben kann. Ein volliges
Leben noch mit den Erdenverhaltnissen stellt ja die Kamalokazeit, wie
man sie auch nennt, dar. Diese Kamalokazeit ist eigentlich im Grunde
genommen eine Zeit, in der die Seele sich berufen fiihlen muB, sich
nach und nach alles abzugewdhnen, was noch in ihr lebt an un-
mittelbaren Zusammenhangen mit der letzten Erdenverkorperung.
Bedenken wir doch, da6 der Mensch hier im physischen Leibe Seelen-
erlebnisse hat, die mehr oder weniger ganz von seinem Leibesleben
abhangen. Bedenken wir einmal, ein wie groBer Teil der Seelenerleb-
nisse ganz und gar von den Sinneseindriicken abhangig ist. Denken
Sie alles fort, was Ihnen die Sinneseindriicke in die Seele herein-
bringen, und versuchen Sie sich dariiber klarzuwerden, wieviel dann
noch in dieser Seele bleibt, wenn Sie alles weggeschafTt haben, was
Ihnen die Sinneseindriicke gegeben haben, dann bekommen Sie ein
Bild von einem sehr schwachen Seeleninhalt! Und dennoch, durch
eine letzte Uberlegung werden Sie sich sagen kdnnen : Alles, was die
Sinne gegeben haben, hort ja auf, wenn die Seele durch die Pforte des
Todes schreitet; und was ihr dann bleiben kann - es ist das ganz
naturlich das ist nicht mehr die Lebendigkeiteines Sinneseindruckes,
sondern nur das, was an Erinnerungen aus den Sinneseindriicken sich
ergibt. - Wenn Sie also daran denken, wieviel von den Sinneseindmk-
ken in Hirer Seele lebt, dann werden Sie sich auch leicht davon eine
Vorstellung machen konnen, was von einem groBen Teil des Seelen-
lebens nach dem Tode von den Sinneseindriicken bleibt. Ich will
sagen, wenn Sie sich an bestimmte Sinneseindriicke von gestern er-
innern - nehmen wir das nur als ein Beispiel dafiir, wo die Sinnes-
eindriicke noch verhaltnismaBig lebendig sind -, wenn Sie daran
denken, wie verblaBt die Sinneseindriicke sind, welche Sie gestern er-
lebt haben, wenn Sie sich wieder vor die Seele rufen wollen den leben-
digen Eindruck, der sich vor Ihnen abgespielt hat: so blaB also - als
Erinnerung - bleibt noch der Seele das, was die Sinneseindriicke iiber-
mittelt haben. Daraus ersehen Sie, daB im Grunde genommen das ganze
Leben in der Sinneswelt eigentlich fiir die Seele vorhanden ist als spe-
zifisch-irdisches Erlebnis. - Mit dem Wegfall der Sinnesorgane, der ja
eintritt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, fallt auch
alle Bedeutung der Sinneseindriicke hinweg. Weil aber der Mensch
an den Sinneseindriicken hangenbleibt, weil er noch die Begierde an
die Sinneseindriicke behalt, deshalb macht er im Leben nach dem Tode
zunachst die Region der Begierdenglut durch. Er mochte eine Iange
Zeit noch Sinneseindriicke haben, aber er kann sie doch nicht haben,
da er die Sinnesorgane abgelegt hat. Das Leben, welches in der Sehn-
sucht nach Sinneseindriicken und in dem Nichthabenkonnen der
Sinneseindriicke verflieBt, das ist das Leben in der Region der Be-
gierdenglut. Es brennt in der Tat dieses Leben im Innern der Seele.
Es ist dieses Leben ein Teil des eigentlichen Kamalokalebens, wenn die
Seele sich sehnt, Sinneseindriicke zu haben, woran sie sich hier auf der
Erde gewohnt hat, und - weil die Sinnesorgane abgelegt sind - solche
Sinneseindriicke nicht bekommen kann.
Eine zweite Region des Kamalokalebens ist die des flieSenden
Reizes. Diese Region durchlebt die Seele so, daB sie sich zwar, wenn
sie diese Region rein durchlebt, schon abgewohnt hat, nach Sinnes-
eindriicken zu begehren, aber noch durchaus Begierden hat nach Ge-
danken, nach solchen Gedanken, die im irdischen Leben durch das
Instrument des Gehirns gewonnen werden. In der Region der Be-
gierdenglut macht die Seele das durch, wodurch sie sich nach und
nach sagt: Es ist ein Unding, ein Unsinn, Sinneseindriicke haben zu
wollen in einer Welt, fur welche die Sinnesorgane abgelegt sind, in der
kein Wesen Sinnesorgane haben kann, die nur aus den Substanzen der
Erde heraus gebildet sind. - Aber die Seele kann lange diese Sehnsucht
nach Sinneseindriicken abgelegt haben, so hat sie doch noch immer
die Sehnsucht, so denken zu konnen, wie man auf der Erde denkt.
Dieses irdische Denken wird abgewohnt in der Region der flieBenden
Reizbarkeit. Da erlebt der Mensch allmahlich, wie Gedanken, so wie
sie auf der Erde gefaBt werden, im Grunde genommen auch nur im
Leben zwischen Geburt und Tod eine Bedeutung haben.
Dann erlebt der Mensch, wenn er sich abgewohnt hat Gedanken zu
hegen, die auf das physische Instrument des Gehirnes angewiesen sind,
noch immer einen gewissen Zusammenhang mit der Erde in den
Formen desjenigen, was in seinen Wiinschen enthalten ist. Bedenken
Sie nur, daB Wiinsche eigentlich etwas sind, was intimer mit der Seele
verbunden ist als, man mochte sagen, die Gedankenwelt. Wiinsche
haben bei jedem Menschen eine bestimmte Farbung. Und wahrend
man andere Gedanken hat in der Jugend, andere im mitderen Teile
des Lebensalters, andere im Alter, so erkennt man leicht, wie eine ge-
wisse Form des Wiinschens sich durch das ganze menschliche Erden-
leben 2ieht. Diese Form, diese Nuancierung des Wiinschens wird erst
spater abgelegt in der Region der Wunsche. Und dann zu allerletzt
wird in der Region von Lust und Unlust die Sehnsucht abgelegt, iiber-
haupt mit einem physischen Erdenleibe, mit diesem physischen Erden-
leibe zusammenzuleben, mit dem man in der letzten Verkorperung
zusammen war. Wahrend man diese Regionen durchmacht, der Be-
gierdenglut, der flieBenden Reizbarkeit, der Wunsche und derjenigen
von Lust und Unlust, ist immer noch eine gewisse Sehnsucht nach
dem letzten Erdenleben vorhanden. Zuerst sozusagen in der Region
der Begierdenglut. Da sehnt sich die Seele noch immer danach, durch
Augen sehen zu konnen, durch Ohren horen zu konnen, obwohl sie
Augen und Ohren nicht mehr haben kann. Wenn sie sich endlich ab-
gewohnt hat, solche Eindriicke von Augen, Ohren und so weiter
haben zu konnen, dann sehnt sie sich noch danach, durch ein Gehirn
denken zu konnen, wie sie es auf der Erde hatte. Hat sie sich endlich
dies abgewohnt, so sehnt sie sich noch danach, mit einem solchen
Herzen wiinschen zu konnen, wie man es auf der Erde hatte. Und zu-
letzt sehnt sich der Mensch nicht mehr nach Sinneseindriicken, nicht
mehr nach den Gedanken seines Kopfes und nicht nach den Wiinschen
seines Herzens, aber noch nach seiner letzten Erdenverkorperung im
ganzen und groBen. Von dieser Sehnsucht trennt sich der Mensch
dann auch allmahlich.
Dies alles, was in diesen Regionen durchzumachen ist, wird genau
zusammenfallen mit dem Durchgehen der sich vergroBernden Seele
bis zu jener Region, die wir die Merkur-Sphare genannt haben, also
das Sich-Hinausdehnen der Seele durch die Mond-Sphare bis zur
Merkur-Sphare hin. Wenn es aber gegen diese Merkur-Sphare zugeht,
dann tritt an die Seele das heran, was in meiner «Theosophie» ge-
schildert ist als eine Art geistiger Region des Seelengebietes, der
Seelenwelt. Versuchen Sie noch einmal diese Schilderung des Seelen-
gebietes und des Durchganges der Seele durch dieses Seelengebiet
daraufhin durchzulesen; dann werden Sie dort aus den Eigenschaften
dessen, was die Seele erlebt, sehen, wie sozusagen das, was man ge-
wohnlich das Unangenehme des Kamaloka nennt, schon in der Region
des Seelenlichtes aufhort - auch nach der Beschreibung in der «Theo-
sophie». Diese Region des Seelenlichtes fallt nun mit der Merkur-
Sphare zusammen; und von dem, was iiber die Merkur- Sphare gesagt
worden ist, konnen Sie alles auch auf das anwenden, was in der «Theo-
sophie» als die Region des Seelenlichtes geschildert ist. Vergleichen
Sie unbefangen, was von dem Leben der Seele geschildert wurde,
wenn sie sich bis zur Merkur-Sphare hin vergroBert hat, mit dem-
jenigen, was in der «Theosophie» iiber die Region des Seelenlichtes
enthalten ist, und Sie werden sehen, wie das eine Mai versucht wurde,
von den inneren Seelenerlebnissen aus zu schildern, das andere Mai
von den groBen makrokosmischen Verhaltnissen aus, durch welche
die Seele dann durchgeht, wenn sie jene inneren Erlebnisse hat.
Gehen Sie dann welter und versuchen Sie in der «Theosophie» zu
lesen, was iiber die tatige Seelenkraft gesagt ist, so werden Sie be-
greifen, daB durch die inneren Erlebnisse in der Region der tatigen
Seelenkraft das eintreten muB, was hier angefuhrt wurde als maB-
gebend beim Durchgang durch die Venus- Sphare. Dabei ist aus-
einandergesetzt worden, daB die Seele im Erdenleben in einer ge-
wissen Weise religiose Impulse entwkkelt haben muB. Damit sie durch
diese Venus-Sphare richtig durchgehen kann, damit sie dort nicht ein-
sam bleiben muB, sondern ein geselliges Leben entwickeln kann, muB
sie jene Eigenschaften haben, die hier geschildert worden sind, muB
sie von gewissen religiosen Begriffen durchseelt sein. Vergleichen Sie,
was dariiber gesagt wurde, mit der Beschreibung der Region der
tatigen Seelenkraft in der «Theosophie», so werden Sie die Zusam-
menstimmung darin finden, daB das eine Mai von innen, das andere
Mai von auBen diese Verhaltnisse dargestellt worden sind.
Was als die hochste, als die seelischeste Region der Seelenwelt ge-
schildert worden ist, die Region des eigentlichen Seelenlebens, das
wird durchlebt, wenn die Seele durchgeht durch die Region des
Sonnenlebens. So daB man auch sagen kann: Etwas bis iiber die
Mond-Sphare hinaus, wie schon erwahnt ist, dauert die eigentliche
Kamaloka- Sphare; dann beginnen die lichteren Regionen der Seelen-
welt, bis zur Sonne hin. Was die Seele an der Sonne erlebt, ist eben
gerade die Region des Seelenlebens. Seelisches Erleben ist das Charak-
teristische in der Zeit nach dem Tode bis zu der Epoche hin, wo die
Seele durch die Sonnenregion durchgeht. Wir wissen auch, daB die
Seele in dieser Sonnenregion dann ihre besonders genaue Bekannt-
schaft macht mit dem Lichtgeist, der ihr auf der Erde zum Versucher,
zum Verderber geworden ist: mit Luzifer. Und wir wissen, daB sie,
wenn sie in ihre VergroBerung hinausgeht in die Weltenraume, immer
mehr und mehr denjenigen Kraften sich nahert, welche sie befahigen,
nunmehr das zu entwickeln, was sie fur die nachste Erdenverkorpe-
rung braucht. - Wenn die Seele durch die Sonnenregion durchgeht,
durch die Region des Sonnenlebens, dann ist sie erst mit der letzten
Erdeninkarnation fertig geworden. Bis zur Region von Lust und Un-
lust, also bis dahin, wo die Seele gleichsam zwischen dem Mond und
Merkur sich befindet, ist sie noch innig mit Sehnsucht nach ihrem
letzten Erdenleben behaftet; doch auch in der Region des Merkur, der
Venus, der Sonne ist die Seele noch nicht vollig frei von der letzten
Erdeninkarnation. Aber sie hat da mit sich fertig zu werden in bezug
auf das, was iiber das bloB personliche Erleben hinausgeht; hat fertig
zu werden in der Merkurregion mit dem, was sich in ihr entwickelt
hat oder nicht entwickelt hat an sittlichen BegrifFen, hat in der Venus-
region fertig zu werden mit dem, was sich an religiosen BegrifFen in
ihr entwickelt hat, und in der Sonnenregion mit dem, was sich in ihr
entwickelt hat an Erfassung von AUgemein-Menschlichem, das nicht
eingeschniirt ist in ein religidses Bekenntnis, sondern das dem reli-
giosen Leben entspricht, welches der ganzen Menschheit taugt. So
sind es die hoheren Interessen, die noch in der weiteren Entwickelung
der Menschheit ausgebildet werden konnen, mit denen die Seele bis in
die Zeit der Sonnenregion fertig zu werden hat.
Dann tritt sie ein in das kosmisch-geistige Leben, reiht sich ein in
die Marsregion. Diese Marsregion fallt nun zusammen mit dem, was
Sie in meiner «Theosophie» geschildert finden als die erste Partie des
Geisterlandes. In dieser Schilderung in der «Theosophie» finden Sie
von innen heraus dargestellt, wie die Seele des Menschen so weit ver-
geistigt ist, daB sie jetzt das, was sozusagen Urbild der physischen
Leiblichkeit ist, der physischen Verhaltnisse auf der Erde uberhaupt,
wie etwas AuBeres sieht. Alles, was auf der Erde Urbilder des physi-
schen Lebens sind, erscheint wie eine Art Kontinentalgebiet des
Geisterlandes. In dieses Kontinentalgebiet ist dasjenige hineingezeich-
net, was die auBeren Ausgestaltungen der verschiedenen Inkarnationen
sind. Mit dieser Region des Geisterlandes ist innerlich dasselbe ge-
schildert, was der Mensch zu durchleben hat, wenn man kosmisch
spricht, in der Marsregion, - Es konnte sonderbar erscheinen, daB in
dieser Marsregion, die ja wiederholt in diesen Vortragen bezeichnet
worden ist als eine Region des Kampfes, der aggressiven Impulse bis
in den Beginn des 17. Jahrhunderts hinein, daB in dieser Marsregion
sozusagen die erste Region des Devachan, des eigentlichen Geister-
landes zu suchen sei. Und dennoch ist es so. Alles, was auf der Erde
zum eigentlichen materiellen Gebiet gehort, was auf der Erde bewirkt,
daB das mineralische Reich als ein materielles erscheint, das beruht
darauf, daB auf der Erde die Krafte in einem fortdauernden Streit mit-
einander liegen. Das hat auch dazu gefiihrt, daB, als der Materialismus
ganz besondere Bluten trug und man das materielle Leben als ein ein-
ziges auf der Erde ansah, man auch in dem Streit, das heiBt in dem
«Kampf urns Dasein», die einzig gegebene GesetzmaBigkeit des irdi-
schen Lebens gesehen hat. Das ist natiirlich ein Irrtum, weil auf der
Erde nicht bloB materielles Dasein sich entwickelt. Aber indem der
Mensch die Erde betritt, kann er ja nur das Dasein betreten, wie es
seine Urbilder hat in der untersten Region des Geisterlandes, was fur
die Erde Geisterland ist. - Lesen Sie nun nach in dieser Schilderung
der untersten Region des Geisterlandes in meiner «Theosophie». Ich
mochte gerade dieses Kapitel heute hier vorbringen, damit Sie sehen,
was eigentlich unseren ganzen Betrachtungen vielleicht doch nach-
gesagt werden darf . Erinnern Sie sich, daB der Beginn der Schilderung
des Geisterlandes in meiner «Theosophie» folgendermaBen gemacht
worden ist (S. 132) :
«Die Bildung des Geistes im <Geisterland> geschieht dadurch,
daB der Mensch sich in die verschiedenen Regionen dieses Landes
einlebt. »
Also wir konnten jetzt mit dem, was wir im Verlaufe dieses Winters
betrachtet haben, sagen, daB der Mensch von der Marsregion ab sich
weiter in die geistigen Verhaltnisse einzuleben beginnt.
Weiter:
«Sein eigenes Leben verschmilzt in entsprechender Aufeinander-
folge mit diesen Regionen; er nimmt voriibergehend ihre Eigen-
schaften an. Sie durchdringen dadurch sein Wesen mit ihrem Wesen,
auf daB ersteres dann mit dem letzteren gestarkt im Irdischen wirken
konne. - In der ersten Region des <Geisterlandes> ist der Mensch um-
geben von den geistigen Urbildern der irdischen Dinge. Wahrend des
Erdenlebens lernt er ja nur die Schatten dieser Urbilder kennen, die er
in seinen Gedanken erfaBt. Was auf der Erde bloB gedacht wird, das
wird in dieser Region erlebt. Der Mensch wandelt unter Gedanken;
aber diese Gedanken sind tvirkliche Wesenheiten. »
Und dann wird folgendes spater auseinandergesetzt (S. 133):
« Unsere eigenen Verkorperungen verschmelzen hier mit der iibrigen
Welt zur Einheit. So blicken wir hier auf die Urbilder der physisch-
korperlichen Wirklichkeit als auf eine Einheit, zu der wir selbst ge-
horen. Wir lernen deshalb nach und nach unsere Verwandtschaft,
unsere Einheit mit der Umwelt durch Beobachtung kennen. Wir
lernen zu ihr sagen : Das, was sich hier um dich ausbreitet, das bist du
selbst. - Das aber ist einer der Grundgedanken der alten indischen
Vedantaweisheit. Der <Weise> eignet sich schon wahrend des Erden-
lebens das an, was der andere nach dem Tode erlebt, namlich den Ge-
danken zu fassen, daB er selbst mit alien Dingen verwandt ist, den
Gedanken : <Das bist du.> Im irdischen Leben ist das ein Ideal, dem sich
das Gedankenleben hingeben kann ; im <Lande der Geister> ist es eine
unmittelbare Tatsache, die uns durch die geistige Erfahrung immer
klarer wird. - Und der Mensch selbst wird in diesem Lande sich immer
mehr bewuBt, daB er, seinem eigentlichen Wesen nach, der Geister-
welt angehort. Er nimmt sich als Geist unter Geistern, als ein Glied
des Urgeistes wahr, und er wird von sich selbst fuhlen: <Ich bin der
Urgeist.> (Die Weisheit des Vedanta sagt: <Ich bin Brahmam, das heiBt
ich gehore als ein Glied dem Urwesen an, aus dem alle Wesen stam-
men.) »
Diese Worte finden Sie in meiner «Theosophie». So sehen wir, daB
der Mensch, wenn man sein Eingehen in die Region des Mars schil-
dert, in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt die voile Be-
deutung des «Das bist du» lernt, des «Tat tvam asi» und des «Ich bin
Brahman ». Und wenn hier auf der Erde in oder auBer der Seele das
Wort ertont: «Ich bin Brahman », oder das andere Wort: «Tat tvam
asi», «Das bist du», so ist das eine irdische Nachbildung desjenigen,
was wie ein selbstverstandliches Erlebnis in der Marsregion, in der
untersten Region des Geisterlandes, in der Seele erklingt. Wenn wir
uns nun fragen, woher die urindische Weisheit dasjenige entlehnt hat,
was innerhalb dieser Weisheit immer zu dem tief bedeutsamen Worte
«Tat tvam asi», «Das bist du», «Ich bin Brahman » gefuhrt hat, so
haben wir jetzt diese Region gefunden, und es erscheinen uns jene
Lehrer des alten Indiens wie auf die Erde versetzte Angehorige der
Marsregion. Und 2u dem, was so \iber die Marsregion, iiber die un-
terste Region des Devachan in der «Theosophie» vor Jahren gesagt
worden ist, vernehmen wir nun das hinzu, was wir in diesem Winter
betrachten durften: daB mit der Morgenrote der neueren Zeit der
Buddha in diese selbe Region versetzt worden ist, in die Marsregion
der Erde. DaB er hineinversetzt worden war in die Erde und auf dieser
sozusagen als Vorbereiter des Mysteriums von Golgatha, geistig an-
gesehen als Vorbereiter, ein halbes Jahrtausend vor diesem Mysterium
von Golgatha in das Gebiet hineintrat, in welchem Marsweisheit seit
uralten Zeiten ertont hat. Und nach dem Mysterium von Golgatha
wurde er, wie wir wissen, durch das Rosenkreuzertum nach der Mars-
region geschickt, urn dort weiter zu wirken. Was so im Kosmos sich
abspielte : daB in uralter Zeit in der Marsregion der alte Brahmanismus
heimisch war, daB im Beginne des 17. Jahrhunderts nach dem Myste-
rium von Golgatha, wie wir gesehen haben, dieser Brahmanismus iiber-
ging in den Buddha-Impuls, davon spielte sich ein Bild hier auf der
Erde ab : der Obergang des Brahmanismus in den Buddhismus in der
indischen Kultur.
So sehen wir, wie das, was auf der Erde sich abspielt, in einem wei-
ten, in einem grandiosen Sinne Bild dessen ist, was in den Himmels-
regionen vorgeht.
Wenn Sie also damals das Kapitel in der «Theosophie» gelesen
haben, welches sich Ihnen jetzt enthiillt hat als die Marsregion, und
fur welches Sie darauf aufmerksam gemacht worden sind, daB ein
selbstverstandliches Erlebnis dort das «Ich bin Brahman » ist, so
kdnnten Sie nunmehr, indem Sie jenes Kapitel wieder lesen, sich vor-
stellen, wie ein Werden, ein Geschehen auch in den Regionen des
Kosmos ist, wie dieses Geschehen in einer gewissen Weise durch-
schaut werden kann, und wie der Buddha-Impuls kosmisch sich 2u
jenem Geschehen verhalt, welches in dem betreffenden Kapitel meiner
«Theosophie» geschildert worden ist. So gliedert sich uns zusammen
das, was wir zum Beispiel in diesem Winter betrachtet haben, mit dem,
womit wir in gewisser Weise unsere theosophische Arbeit vor mehr
als zehn Jahren begonnen haben. Als wir zum ersten Male das Geister-
land beschrieben haben und von einem kontinentalen Gebiete des
Geisterlandes gesprochen haben, als wir davon sprachen, wie dieses
Geisterland in seiner untersten Region von dem Gesichtspunkte
inneren Seelenlebens aus zu charakterisieren ist, da schon war die
Schilderung eben so gegeben, daB Sie, wenn Sie die damalige Dar-
stellung verstanden haben, es nur naturlich finden werden, dafi sich der
Buddha-Impuls in dieses Geisterland, in die unterste Region desselben
hineinstellen kann, wie wir das in diesem Winter schildern konnten.
So gliedern sich die Einzelheiten der geistigen Forschung zu-
sammen.
Wenn wir dann die zweite Region des Geisterlandes, die damals von
dem inneren Seelengesichtspunkt aus geschildert worden ist, das ozea-
nische Gebiet des Geisterlandes, kosmisch darstellen wollen, so miis-
sen wir es zusammenfallen las sen mit der Jupiterregion. Und wenn wir
das dritte Gebiet des Devachan, das Luftgebiet, kosmisch schildern
wollen, dann fallt es zusammen mit dem Saturnwirken, mit der Saturn-
region. Und was als die vierte Region des Geisterlandes geschildert
ist, das geht schon hinaus uber unser Planetensystem. Da dehnt sich
die Seele sozusagen in weitere Raume aus, in den weiteren Sternen-
himmel hinein. Und Sie werden an der Schilderung, welche damals
von dem inneren Seelengesichtspunkte aus gegeben wurde, finden,
wie die Eigenschaften der Seelenerlebnisse fur die vierte Region des
Geisterlandes so gegeben sind, daB man ihnen ansieht: sie konnen
nicht durchlebt werden in dem, was noch in einer solchen raumlichen
kosmischen Beziehung zur Erde steht wie das gesamte Planeten-
system. Es wird aus der vierten Region des Geisterlandes etwas her-
eingetragen, was so urfremd ist, daB man es nicht mit alledem zu-
sammenbringen kann, was innerhalb auch der letzten planetarischen
Sphare, det Saturn-Sphare, erlebt werden kann.
Und dann lebt sich die Seele immer weiter und wetter hinaus in
Erdenfernen, aber auch in Sonnenfernen, geht in den Sternenhimmel.
Das ist in den drei hochsten Partien des Geisterlandes geschildert,
welche die Seele durchmacht, bevor sie sich wieder zusammenzuziehen
und die ganzen Verhaltnisse in einer anderen Weise zuriick zu durch-
laufen beginnt, indem sie sich beim Riicklauf die Krafte aneignet,
durch welche sie sich dann ein neues Erdenleben auf bauen kann. -
Wir kdnnen im allgemeinen sagen : Wenn die Seele die Sonnenregion
durchschritten hat, ist sie fertig mit alledem, was in einer gewissen
Weise in Anlehnung an die «Pers6nlichkeit» des Menschen erlebt
werden kann. Was auBerhalb der Sonnenregion, auBerhalb der Region
des eigentlichen Seelenlebens erlebt wird, das ist dann geistig; das
geht liber alles Personliche hinaus. Was die Seele dann durchlebt als
das «Das bist du» - und insbesondere in unserer Zeit, wo sie das
durchlebt, was auf dem Mars als Buddha-Impuls erlebt werden kann,
was hier auf der Erde sich so sonderbar ausnimmt, sich aber auf dem
Mars nicht mehr sonderbar ausnimmt - der Impuls, der durch das
Wort «Nirwana» bezeichnet wird, das heiBt das Loskommen von
allem, was auf der Erde seine Bedeutung erhalt, also das Sich-Nahern
der groBen kosmischen Bedeutung des Weltenraumes : das alles durch-
lebt die Seele so, daB sie sich frei macht von dem, was die Personlich-
keit ist. In der Marsregion, der untersten Region des Geisterlandes,
wo die Seele dahin gelangt, das «Das bist du» zu verstehen, oder in
unserer Zeit den Buddha-Impuls aufzunehmen, da macht sie sich frei
von den Zusammenhangen mit allem Irdisch-Natiirlichen. Nachdem
sie sich seelisch davon frei gemacht hat - wozu der Christus-Impuls ihr
verhelfen muB macht sie sich geistig davon frei, indem sie alles, was
Blutsbande sind, was auf der Erde gebunden werden kann, in seiner
irdischen Bestimmtheit erkennt, aber dann iibergeht zu neuen Ver-
haltnissen.
In der Jupiterregion werden dann die Verhaltnisse gelost, welche
die Seele hineinzwingen in ein bestimmtes engeres religioses Bekennt-
nis. Wir wissen, daB die Seele durch die Venusregion nur dadurch ge-
sellig gehen kann; einsam wiirde sie da werden, wenn sie ein religioses
Bekenntnis iiberhaupt nicht hatte. Und wir haben gesagt, daB sie
durch die Sonnenregion nur richtig gehen kann, wenn sie Verstandnis
hat fur alle Bekenntnisse. In der Jupiterregion aber macht sich die
Seele erst frei von dem Bekenntnis, dem sie wahrend der letzten In-
karnation angehort hat. Das ist nicht etwas, dem sie personlich an-
gehort hat, sondern etwas, in das sie hineingeboren war, das sie mit
anderen Seelen gemeinschaftlich hatte. Wahrend sie also durch die
Venus-Sphare nur gehen kann, wenn sie iiberhaupt religiose Vor-
stellungen sich im Erdenleben angeeignet hat, wahrend sie durch die
Sonnenregion nur gehen kann, wenn sie Verstandnis hat fur alle irdi-
schen religiosen Bekenntnisse, kann sie durch die Jupiterregion nur
gehen, wenn sie in der Lage ist, sich loszulosen von dem Bekenntnis,
das sie wahrend des Lebens gehabt hat; nicht geniigt es, daB sie nur
die anderen verstehen kann. Denn da wird es dann entschieden, wenn
sie durch die Jupiterregion geht, ob sie das nachste Mai noch durch
dasselbe Bekenntnis gehen muB, oder ob sie alles durcherlebt hat, was
in einem bestimmten religiosen Bekenntnis erlebt werden kann. Die
Frucht eines religiosen Bekenntnis ses heimst die Seele auf der Venus
ein, die Frucht des Verstandnisses alles religiosen Lebens erfahrt sie
auf der Sonne; wenn aber dann die Seele in die Jupiterregion gelangt,
dann muB sie in der Lage sein, fur das nachste Leben, das sie auf der
Erde durchzumachen hat, sich ein neues religioses Verhaltnis zu be-
griinden. Das sind drei Stadien, welche die Seele zwischen Tod und
neuer Geburt erlebt : erst die Frucht des Bekenntnisses seelisch durch-
leben, welchem die Seele im letzten Leben angehdrte; dann die Frucht
dessen entgegennehmen, was sie an Schatzung auch aller anderen re-
ligiosen Bekenntnisse entwickelt hat; dann sich so weit von dem letz-
ten Bekenntnis losmachen, daB sie in ein anderes Bekenntnis wirklich
ubergehen kann. Denn dadurch, daB man alle Bekenntnisse zugleich
schatzt, kann man noch nicht in ein anderes ubergehen; und wir
wissen, daB die Seele bei ihrem Zuruckgehen durch diese Regionen
noch einmal in die Jupiterregion kommt; da bereitet sie sich dann die-
jenigen Anlagen zu, welche sie braucht, urn im nachsten Leben in
einem andern Bekenntnisse zu leben. So werden langsam die Krafte
in die Seele hineingepragt, welche der Seele notwendig sind, damit sie
sich ein neues Leben zimmern kann.
Lesen Sie nun, was in der «Theosophie » iiber die dritte Region des
Geisterlandes, das Luftgebiet, gesagt ist, so werden Sie diejenigen
Dinge wiederfinden, die hier gesagt worden sind bei der Schilderung
der Saturnregion. In dieser Region werden nur diejenigen Seelen so-
zusagen geselliger Natur sein konnen, nicht eine grauenhafte Einsam-
keit durchleben miissen, welche fahig sind, wirklich schon eine gewisse
Stufe der Selbsterkenntnis, der vorurteilsfreien Selbsterkenntnis zu
iiben. Nur dadurch, daB man Selbsterkenntnis iiben kann, vermag
man jene Regionen zu betreten, welche dann iiber die Saturnregion,
damit also auch iiber unser Sonnensystem in das kosmische Welten-
leben hinausgehen, aus dem die Seelen immerdar das bringen miissen,
was den Erdenfortschritt wirklich bewirkt. Denn wenn niemals Seelen
als gesellige Naturen sich iiber das Saturnleben Hnausleben wiirden,
so wiirde die Erde nie einen Fortschritt erleben konnen. Nehmen Sie
zum Beispiel die Seelen, welche heute hier sitzen: wenn die Seelen,
die heute auf der Welt verkorpert leben, niemals zwischen Tod und
neuer Geburt iiber die Saturnregion hinausgegangen waren, dann
wiirde die Kultur der Erde noch dieselbe sein wie zum Beispiel in der
alten indischen Zeit. Nur dadurch hat die uraltindische Kultur ihren
Fortschritt zu der urpersischen Kultur haben konnen, daB in der
Zwischenzeit Seelen iiber die Saturnregion hinausgegangen sind; und
wiederum wurde der Fortschritt von der urpersischen zur agyptisch-
chaldaischen Kultur dadurch bewirkt, daB die Impulse zum Fort-
schritt aus den Regionen jenseits der Saturn-Sphare hereingeholt sind.
Was Menschen zum Fortschritt der Erdenkultur beigetragen haben,
das ist von den Seelen hereingeholt worden aus der Region auBerhalb
der Saturnregion.
Dies alles, was von auBerhalb der Saturnregion hergeholt worden
ist, bewirkte den auGeren Menschheitsfortschritt; das bewirkte, daB
sich die einzelnen Kulturepochen von Zeit zu Zeit wandeln, daB neue
Kulturimpulse auftreten. Daneben haben wir dann jenen Strom
inneren Erlebens, der von dem auBeren Kulturfortschritt unter-
schieden ist, der seinen irdischen Schwerpunkt im Mysterium von
Golgatha hat. Wenn wir nun wis sen, daB der Strom inneren Erlebens
im irdischen Seelenleben der Menschen seinen Schwerpunkt im Myste-
rium von Golgatha hat, und wenn wir auf der anderen Seite dieses
Mysterium von Golgatha in Beziehung bringen mit der Sonnenregion,
dann entsteht eine Frage ; eine Frage, die uns nun lange in diesen Be-
trachtungen wiirde beschaftigen konnen, die wir aber wenigstens
heute vor unsere Seele hinstellen wollen. Denn das ist ja gerade das
Gute, daB sich unsere Seelen iiber solche Fragen selber, in sich, auf
Grundlage dessen, was wir nun schon in Vortragen und Zyklen
finden konnen, eigene Gedanken machen konnen, die dann nur nach
den Forschungen, die hier vorgebracht werden, rektiflziert werden.
Wir haben auf der einen Seite die Tatsache stehen, daB der Christus
der Sonnengeist ist, der sich durch das Mysterium von Golgatha mit
dem Erdenleben vereinigt hat. Sie konnen am genauesten diese Tat-
sache nachlesen in dem Zyklus «Das Johannes-Evangelium im Ver-
haltnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-
Evangelium», der in Kassel gehalten ist, und in dem Zyklus «Von
Jesus zu Christus ». Jetzt haben wir nun die andere Tatsache, daB aller
auBerer Erdenfortschritt, der Fortschritt der einzelnen Kultur-
epochen, auBerhalb der Saturnregion zu suchen ist, daB er also von
auBerhalb der Saturnregion hergeholt werden muB. Es entsteht daher
eine Frage. Was den eigentlichen Erdenfortschritt von Kulturepoche
zu Kulturepoche bewirkt, das hangt also zusammen mit einer ganz
andern Welt - auBerhalb der Saturn-Sphare - als dasjenige, was den
Fortschritt bewirkt, der charakterisiert werden kann als jene geistig-
spirituelle Stromung, die durch die Menschheitsentwickelung geht,
in den alten Zeiten an die Menschheit herankommt, ihren Schwer-
punkt hat im Mysterium von Golgatha und dann ja so verlauft, wie
es ofter geschildert worden ist. Wie stimmen diese beiden Dinge zu-
sammen? In der Tat muB man sagen : Diese beiden Dinge stimmen
vollstandig zusammen.
Sie miissen sich nur vorstellen, daB unserer ganzen Erdentwicke-
lung, wie wir sie heute haben, die friihere Verkorperung der Erde, die
alte Mondenzeit, vorangegangen ist. Und nun stellen Sie sich einmal
hintereinander vor die alte Mondenzeit, wie wir sie ofter beschrieben
haben, und die jetzige Erdenzeit. Von der alten Mondenzeit bis in die
jetzige Erdenwelt verfliefit die ganze Entwickelung in der Weise, daB
wir in der Mitte etwas wie eine Art von Weltenschlaf haben. Wie in
eine Art von Keimzustand ist beim t)bergang vom alten Mond zur
Erde alles hineingegangen, was auf dem alten Mond existiert hat, und
daraus ist dann spater das hervorgegangen, was auf der Erde vor-
handen ist. Aber mit diesem Hervorgehen aus dem Weltenschlaf sind
alle einzelnen planetarischen Spharen auch erst hervorgegangen. So
waren die Planeten-Spharen zur alten Mondenzeit nicht, wie sie heute
sind. Wir haben die alte Mondenzeit; dann geht diese in den Welten-
schlaf. Dann entwickeln sich heraus die Welten-Spharen, die Planeten-
Spharen; die gehoren dazu, wie sie jetzt sind. Daher konnen wir bis
in die Saturn-Sphare hinausgehen, und wir haben darin das, was sich
erst zwischen der alten Monden- und Erdenzeit im Kosmos heraus-
gebildet hat. Wenn wir aber den Christus-Impuls nehmen, so gehort
er nicht zu dem, was sich wahrend dieser Zeit im Kosmos heraus-
gebildet hat, sondern zu dem, was schon der alten Sonne angehort
hat, was von der alten Sonne sich heriiberentwickelt hat, aber in der
Sonne geblieben ist, als sich der alte Mond von ihr abtrennte, was
sich zur Erde heriiberentwickelte, aber mit der Sonne vereuiigt ge-
blieben ist, nachdem alle die Spharen von der Sonne sich abgewickelt
haben, die im Saturn, Jupiter und so weiter drinnen sind. Daher hat
die Seele auBer dem, was sie vor dem Mysterium von Golgatha war,
nun dasjenige in sich, das mehr ist als alles, was in den planetarischen
Spharen enthalten ist, was tief im Weltenall begriindet ist, was also
zwar zunachst von der Sonne zur Erde heruntersteigt, aber im Geisti-
gen viel tieferen Regionen angehort als die sind, welche wir in den
planetarischen Spharen vor uns haben. Denn die planetarischen
Spharen sind ein Ergebnis desjenigen, was aus der Entwickelung vom
alten Mond zur Erde heriiber geworden ist. Was uns aber aus dem
Christus-Impuls zukommt, das kommt von der alten Sonne heriiber,
die dem alten Mond vorangegangen ist.
Daraus sehen wir, daB der aufiere Kulturverlauf der Erde, indem
er sich als Fortschritt darstellt, allerdings mit dem Kosmos zu-
sammenhangt, daB aber das innere Leben in einem viel tieferen Sinne
noch als das auBere Kulturleben mit dem Sonnenleben zusammen-
hangt. So haben wir auch geistig in diesen ganzen Verhaltnissen etwas
vor uns, wovon wir sagen konnen : Ja, wenn wir in die Sternenwelten
hinausschauen, so erscheint uns in diesen Sternenwelten zunachst wie
im Raume ausgebreitet eine Welt, welche durch die Menschenseelen,
die zwischen Tod und neuer Geburt in diese Sternenwelten hinaus-
gehen, wieder auflebt in der menschlichen Kultur; aber indem wir
zur Sonne schauen, erblicken wir in der Sonne etwas, was so ge-
worden ist, wie es heute ist, indem es selber eine lange, lange Zeit-
entwickelung durchgemacht hat. Und als noch nicht von einer Be-
ziehung der Erdenkultur mit den Sternenwelten geredet werden
konnte, wie es heute getan werden kann, da war schon das Sonnen-
leben mit dem Christus-Impuls verbunden, in einem Verhaltnis zu
ihm stehend, in Urzeiten, in welchen von einem Zusammenhange der
Erde mit den Sternenwelten noch nicht gesprochen werden konnte.
So ist gleichsam alles, was aus den Sternenwelten fur die Kultur der
Erde heruntergeholt wird, wie eine Art Erdenleib anzusehen, der be-
seelt werden sollte - und der beseelt wurde - mit dem, was sich mit
der Entwickelung der Sonne an die Erde herangelebt hat, mit dem
Christus-Impuls. Die Erde ist beseelt worden, indem das Mysterium
von Golgatha geschehen ist; damals hat die Erdenkultur ihre «Seele»
bekommen. Was der «Tod auf Golgatha » ist, das ist scheinbarer Tod ;
in Wahrheit ist es die Geburt der Erdenseele. Und alles, was aus den
Weltenraumen hergeholt werden kann, auch von auBerhalb der
Saturn-Sphare her, das nimmt sich zur Erden-Sphare wie der Erden-
leib zur Erdenseele aus.
Das sind Betrachtungen, die uns zeigen konnen, wie innerhalb der
Darstellung in dem Buche «Theosophie », nur mit etwas andern Wor-
ten und von anderm Gesichtspunkte aus, schon das enthalten ist, was
in diesem Winter gleichsam vom kosmischen Standpunkte aus, kosmo-
graphisch, geschildert worden ist. Sie brauchen sich nur vorstellen,
daB einmal von der Seele aus geschildert ist, das andere Mai von den
groBen kosmischen Verhaltnissen aus, und Sie konnen die beiden
Schilderungen zum vollkommenen t)bereinstirnmen, zum vollstandi-
gen Parallelismus bringen.
Was ich als einen SchluG daraus Ziehen mochte, das ist, daB Sie
sehen konnen, wie ausgebreitet die geistige Wissenschaft ist, und daB
ihre Methode so sein muG, daB man von den verschiedensten Seiten
her zusammentragt, was Auf klarung iiber die geistige Welt bringen
kann. Wenn auch erst nach Jahren etwas hinzugebracht wird zu dem,
was vor Jahren gesagt worden ist, so brauchen sich die Dinge darum
nicht zu widersprechen; denn sie sind nicht philosophischen Systemen
oder menschlichem Nachdenken, sondern der okkulten Forschung
entsprungen. Was heute gelb ist, das wird nach zehn Jahren noch
gelb sein, wenn auch erst nach zehn Jahren das WesentUche dessen,
was das Gelb ist, begriffen werden wird. So gilt das, was hier in
fruheren Jahren vorgebracht worden ist, nach Jahren noch, auch
wenn es nun durch das, was wir jetzt hinzubringen konnen, von neuen
Gesichtspunkten aus neu beleuchtet werden kann.
HINWEISE
Zu dieser A,usgabe
Zu der Zeit, als Rudolf Steiner diese Vortrage hielt, stand er mit seiner anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenscbaft noch innerhalb der damaligen «Theosophi-
schen Gesellschaft» und gebrauchte die Worte «Theosophie» und «theosophisch»,
jedoch immer im Sinne seiner von Anfang an anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft.
Einer spateren Angabe Rudolf Steiners gemaB sind diese Bezeichnungen in der
Gesamtausgabe im allgemeinen ersetzt durch «Geisteswissenschaft» oder «Anthropo-
sophie», «geisteswissenschaftlich» oder «anthroposophisch».
Textgrundlage: Die Vortrage wurden von dem Berliner Zweig-Mitglied Walter Vege-
lahn (1880-1959) mitstenographiert. Der Druck erfolgte nach der von ihm vor-
genommenen Textiibertragung. Die Originalstenogramme liegen nicht vor.
Die 5. Auflage (1997) wurde durchgesehen von Susi Lotscher. Textanderungen
wurden am SchluB der Hinweise nachgewiesen. Die Hinweise wurden erweitert; ein
Namenregister sowie ein Register der geistigen Wesenheiten beigefiigt.
Hinweise %um Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben.
zu Seite
1 1 unsere diesjdbrige Mmchener Veranstaltung: Siehe den Zyklus «Von der Initiation. Von Ewig-
keit und Augenblick. Von Geisteslicht und Lebensdunkeb (8 Vortrage, Miinchen 25.— 31.
August 1912), GA 138.
«Der Hiiter der Schwelle. Seelenvorgange in szenischen Bildern» in «Vier Myste-
riendramen» (1910-1913), GA 14.
13 die Betrachtung fiber die Reihe der Evangelien in Basel: Siehe «Das Johannes-Evangelium»
(8 Vortrage, 16.-25. November 1907) in «Menschheitsentwickelung und Christus-
Erkenntnis», GA 100; «Das Lukas-Evangelium» (10 Vortrage, 15.-26. September
1909), GA 114; «Das Markus-Evangelium» (10 Vortrage, 15.-24. September 1912),
GA 139.
«Das Cbristentum als mystische Tatsache und die Mysterien des A.ltertums» (1902), GA 8.
vor der Begriindung der <(Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft»: Im Jahre 1902.
Rudolf Steiner war deren Generalsekretar, bis durch die Begriindung der Anthropo-
sophischen Gesellschaft 1912/13 deren Loslosung erfolgte.
14 mil an mich im Laufe dieses Sommers und Herbstes die Aufgabe herangetreten ist, dieses Gebiet
neuerdings spirituell %u durchforschem Siehe die Vortrage im Band «Okkulte Untersuchun-
gen iiber das l.eben zwischen Tod und neuer Geburt» (1912/13), GA 140.
17 Ein gewisser Norbert: Der Heilige Norbert, um 1085-1134, Kaplan Kaiser Heinrichs
V., durchzog seit 1 1 18 als BuBprediger Frankreich und die Niederlande und griindete
1121 den Orden der Pramonstratenser (Norbertiner), nach dem Klostcr im Tal Pre-
montre (Praemonstratum) zwischen Reims und Laon. Er wurde 1126 Erzbischof
von Magdeburg.
17, 91, lOOff., 106, 131 Christian Rosenkreutz: Siehe den zweiten Vortrag von «Das ro-
senkreuzerische Christentum», Neuchatel, 28. September 191 1, im Bande «Das eso-
terische Christentum und die geistige Fiihrung der Menschheit», GA 130.
24 Homer, 8. Jahrhundert v. Chr. Vgl. die Schiiderung der Totenwelt im 11. Gesang der
«Odyssee».
25 Michelangelo, 1475-1564.
28 Arthur Schopenhauer, 1788—1860. Der angefiihrte Satz ist das Motto zu seiner «Preis-
schrift uber die Grundlage der Moral», 30. Januar 1840, und ist behandelt in «Uber
den Willen in der Natur» in Arthur Schopenhauers samtliche Werke in zwolf Banden,
hrsg. von Rudolf Steiner, Band VI, S. 361 und VII, S. 133.
30 «monistische Religion»: Siehe Ernst Haeckel, «Der Monismus als Band zwischen Reli-
gion und Wissenschaft», Bonn 1892.
39 Merkur-Sphare - was hier im Okkultismus mit Merkur gemeint ist: Zur okkulten Reihenfol-
ge des Merkur und der Venus siehe z. B. den Vortrag vom 15. April 1909 (abends)
in GA 1 10 und den ausfiihrlichen Hinweis zu S. 100 dort. - Vgl. ferner Paul Regen-
streif: «Venus und Merkur» in den «Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit
in Deutschland», Nr. 37, 1956, wo eine Aufstellung der Stellen gegeben ist, an denen
Rudolf Steiner uber dieses Thema spricht.
40 Venus-Sphdre ... — im Sinne des Okkultismus wird sie ja immer so genannt: Siehe Hinweis
oben.
43 wo Abraham dem Melchisedek entgegentritt: 1 . Mose 14,18-20.
46 Christus ist gestorben nicht blofi fur die Juden, sondern auch fur die Heiden: Apostelgeschichte
26,23.
48 «Wo zwei oder drei in meinem Namen sich vereinen wollen, kann ich mitten unter ihnen sein»:
Matth. 18,20.
«lhr seid Gotter»: Joh. 10,34 zitiert Psalm 82,6.
«lhr werdet sein wie Gott»: 1. Mose 3,5.
61 «Titanic»-Dampfer: Der Luxusdampfer stie/3 bei seiner ersten Ozeaniiberquerung auf
einen Eisberg und sank (15. April 1912).
66 den Schillerschen Ausspruch: «Suchst du das Hochste, das GroBte? Die Pflanze kann es
dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ist's!», Gedichte der dritten
Periode: «Das H6chste» (1795).
68/69 Im 12. Jahrhundert entstand im Abendlande eine schb'ne Parabel: Die Parabel ist zuerst
nachweisbar bei dem Dichter Jacopone da Todi (ca. 1230-1306), der unter dem
Eindruck des jahen Todes seiner frommen Gattin dem Franziskaner-Orden beitrat;
in Konflikt mit dem leichtlebigen Papst Bonifazius VIII. Neben zahlreichen Gedich-
ten (Laudes) stammen von ihm der Text des Stabat mater dolorosa und einige Pro-
sastiicke; unter den elf Detti ist als Nr. V die von Rudolf Steiner zitierte Parabel zu
finden (Franca Ageno: Jacopone da Todi, Laudi, Trattato e Detti, Firenze 1953).
69 Noch schoner ist sie dargestellt von Jakob Balde: Neulateinischer Dichter (1604-1668), trat
1624 zu Munchen der Gesellschaft Jesu bei. Die Parabel ist enthalten in seinem
umfangreichen Alterswerk « Urania Victrix» von 1663, letztmals gedruckt in Munchen
1729 (Jacobi Baldi Opera poetica omnia).
71 «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» (1910), GA 13-
72 was man im Okkulten den Merkur nennt: Siehe Hinweis zu S. 39.
73 wo es mit Bezug auf das Paradiesleben heifit: 1. Mose 3,22.
81 Vedanta-Scbriften: Siehe u. a. «Upanishaden», Deutsch von P. DeuBen 1879; A. Hille-
brandt 1921.
86 Plato, 427-347 v. Chr.
Uber die Erinnerung: Siehe «Phaidon» und «Menon».
Aristoteles, 384-322 v. Chr.
87 er spricht von den «Sphdrengeistern»: Siehe «Metaphysik. Der erste Beweger und das
Weltall*.
Johannes Kepler, 1571-1630, Astronom.
Berichtvom Geburtsjahr Christi: StraBburg 1 61 3, in «Gesammelte Werke», herausgege-
ben im Auftrage der Deurschen Forschungsgemeinschafr und der Bayr. Akademie
der Wissenschaften, Bd. V, Munchen 1953, S. 127-201.
Sternkonstellation im Jahre 1604: Siehe «Mysterium cosmographicum de Stella nova», in
«Gesammelte Werke» (s. oben), Bd. I, Munchen 1938, S. 393-399-
91 Betrachtungen Uber das Weihnachtsfest: das mochte ich fur Dienstag aufbewabren: Siehe den
Vortag vom 24. Dezember 1912 « Betrachtungen iiber den Weihnachtsabend. Die
Geburt des Erdenlichtes aus der Finsternis der Weihenacht» in «Erfahrungen des
Ubersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus», GA 143.
Christian Rosenkreutz: Siehe Hinweis zu S. 17.
92 Buddha, Gautama, Sohn des Siddharta, ca. 560-^483 v. Chr. Siehe die Ausfiihrungen
Rudolf Steiners iiber Buddha in «Das Lukas-Evangelium» (Basel 1909), GA 114.
die schbne Legende ... im Lukas-Evangelium: Lukas 2,8ff.
95 Franz von Assist, 1181-1 226.
98 Es ist ja alien Okkultisten bekannt: Rudolf Steiner bezieht sich hier auf H. P. Blavatsky,
die in der «Geheimlehre» Band III, Seite 367 f., auf dieses Verhaltnis Kues-Koper-
nikus hingewiesen hat. In dem Vortragszyklus «Das Prinzip der spirituellen Okono-
mie im Zusammenhang mit Wiederverkorperungsfragen», Vortrag vom 21. Januar
1909, GA 109, prazisiert Rudolf Steiner dieses Verhaltnis mit den Worten: «Tatsach-
lich ist der Seelenleib des Cusanus auf Kopernikus iibertragen worden, obwohl das
Ich des Kopernikus ein ganz anderes war als das des Cusanus. » (S. 16 f.). Siehe dort
auch den Vortrag vom 7. Marz 1909 (S. 52 f.) und im Anhang S. 290.
Nikolaus Kopernikus, 1 47 3-1 54 3 .
Nikolaus von Kues, 1401-1464.
100 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» (1904/05), GA 10.
106 Der 6. Vortrag vom 7. Januar 1913 besteht aus zwei Teilen. Er beginnt nach den zu
Ende gegangenen 13 heiligen Nachten einleitend mit einer Festbetrachtung iiber das
spirituelle Erleben der Jahreszeiten und macht die Berliner Freunde bekannt mit dem
«Traumlied vom Olaf Asteson», das durch Marie von Sivers rezitiert wird. Es war am
Neujahrstag 1912 erstmals in Hannover erklungen. Nach einigen Ausfiihrungen iiber
diese Dichtung greift Rudolf Steiner das Thema des Zyklus auf, mit dem der Ab-
druck in diesem Band einsetzt. Der erste Teil des Vortrages ist im Zusammen-
hang anderer Vortrage iiber das «Traumlied» abgedruckt in «Der Zusammenhang
des Menschen mit der elementarischen Welt. Das Traumlied vom Olaf Asteson».
(9 Vortrage 1912/14), GA 158.
107 Mysterium vom Heiligen Gral: Siehe den Vortragszyklus «Christus und die geistige Welt
— Von der Suche nach dem heiligen Gral» (6 Vortrage, Leipzig 1913/1914), GA 149.
116 Im Sinne der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissen-
scbaft»: Siehe «Luzifer-Gnosis. Gesammelte Aufsatze und Berichte aus der Zeitschrift
<Luzifer> und <Lucifer-Gnosis>, 1903— 1908», GA 34. (Siehe audi die Einzelausgabe.)
121/122 Damit haben wir die zwei Evolutionen im Menscben kennengelernt: Beziiglich des
«innen» und «au6en», «au6en» und «innen» (S.122) stiitzt sich der Text dieser Buch-
ausgabe auf die Ubertragung des Stenogramms in Maschinenschrift durch den
Stenographen.
125 «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissenschaftliche Ergebnis-
se iiber die Menschheits-Entwickelung» (1911), GA 15.
Paulus iiber den «ersten Adam» und den «hoheren Adam»: Siehe Romer 5,12-18; Rdmer 8,1-
14; 1. Kor. 15,45; 2. Kor. 5,17; Epheser 4,22-24; Kol. 3,8-11.
126 «Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein Kb'nig im Reicbe der Schatten»: Homer, «Odys~
see» XI. 489-491-
127 Vortragszyklus «Von Jesus zu Christus» (10 Vortrage, Karlsruhe 1911), GA 131-
142 ein ganz niedliches Buch iiber Goethe: Robert Sommer: « Goethe im Lichte der Verer-
bungslehre», Leipzig 1908.
149 die Rede, . . . die Du Bois-Reymond ( 1818-1896) . . . gehalten hat: Der Vortragstext wurde
nach dem Wortlaut der Rede erganzt.
«astronomische Kenntnis eines materiellen Systems »: In seinem Vortrag «Uber die Grenzen
des Naturerkennens», gehalten in der zweiten allgemeinen Sitzung der 45. Versamm-
lung Deutscher Naturforscher und Arzte zu Leipzig am 14. August 1872, sagte er
wbrtlich: «Astronomische Kenntnis eines materiellen Systemes ist bei unserer Unfa-
higkeit, Materie und Kraft zu begreifen, die vollkommenste Kenntnis, die wir von
dem System erlangen konnen. Es ist die, wobei unser Kausalitatstrieb sich zu beru-
higen gewohnt ist, und welche der Laplace'sche Geist selber bei gehorigem Gebrau-
che seiner Weltformel von dem System besitzen wurde. » (Zwolfter Abdruck (1916),
S. 38.)
150 wie es bier in diesem Raume ist: Von Dr. Steiner ging die Anregung aus, den Vortrags-
salen und Raumen, in denen geisteswissenschaftlich gearbeitet wurde, aber auch
Krankenzimmern in Kliniken, durch einen einheidichen, ruhig kraftigen Farbton eine
entsprechende Raumstimmung zu geben.
153 die Schriften Bucbners oder Vogts: Ludwig Biichner (1824-1899), « Kraft und Stoff, Na-
turphilosophische Untersuchungen auf tatsachlicher Grundlage», Frankfurt 1855.
«Natur und Geist», Leipzig 1876. «Die Darwinsche Theorie», Leipzig 1890, und
andere mehr.
Carl Vogt (1817-1895). «K6hIerglaube und Wissenschaft», GieBen 1855; «Vorlesun-
gen fiber den Menschen, seine Stellung in der Schopfung und in der Geschichte der
Erde», GieBen 1863, und andere mehr.
159 im ersten Freidenkerkalender: Konnte nicht aufgefunden werden.
167 in einem Vortrage uber Nietzsche: Es ist nicht bekannt, um welchen Vortrag es sich hier
handelt, da von den firiihesten Vortrags- und Diskussionsabenden keine Nachschrif-
ten vorhanden sind.
171 Leonardo da Vinci (1452-1 519). Die groJSe Liebe ...: Wortlich: «Die Liebe zu einer Sache
ist die Tochter der Erkenntnis; die Liebe ist um so inniger, je tiefer die Erkenntnis».
Aus «Lionardo. Bilder und Gedanken», ausgewahlt und eingeleitet von Hektor Pre-
coni, Miinchen 1820, S. 17.
172 welche in meiner «Theosophie» mitgeteilt ist: Siehe Rudolf Steiner «Theosophie. Einfuhrung
in iibersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung» (1904), GA 9-
179 «Kampf urns Dasein»: Bezieht sich auf die «Selektions-Theorie» des Darwinismus.
Charles Darwin (1809-1882) hat seine Entwicklungslehre 1859 in seinem Hauptwerk
«0ber die Entstehung der Arten durch natiirliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der
begiinstigten Rassen im Kampfe ums Dasein» («On the Origin of Species by means
of natural Selection*) dargestellt.
Schilderung ... in meiner «Theosophie»: Rudolf Steiner zitierte nach der Ausgabe von
1910. Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe von 1961 und gelten auch
fur alle spateren Ausgaben.
180 Vedantaweisheit: Vedanta heiBt «Ziei» oder «Ende des Veda» und bezeichnet die syste-
matische philosophische Zusammenfassung der Lehre des Veda («heiliges Wissen»,
«heilige Lehre»), zunachst in den Brahma-Sutras des Badarayana, dann als klassisch
gewordenes Vedantasystem des grofien Philosophen Shankaracharya. - Uber die
Veden und den Vedanta hatte Rudolf Steiner u. a. kurz zuvor in Koln im Zyklus «Die
Bhagavad Gita und die Paulusbriefe» (GA 142) gesprochen.
182 womit wir . . . unsere theosophische Arbeit vor mehr ah zehn Jahren begonnen haben: Als Gene-
ralsekretar der Deutschen Theosophischen Sektion vertrat Rudolf Steiner von An-
fang an seine eigene geisteswissenschaftliche Forschung. Nach der Trennung von der
Theosophischen Gesellschaft nannte er sie «Anthroposophie». Diesen Namen be-
nutzte Rudolf Steiner jedoch schon in einem Vortrag, den er am 20. Oktober 1902
hielt, in der Zeit, als er zum Generalsekretar ernannt wurde.
186 «Das Johannes-Evangelium im Verha'/tnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem
Lukas~Evangelium» (1909), GA 112.
«Von Jesus zu Christus» (Karlsruhe 1911), GA 131.
TEXTKORREKTUREN IN DER 5. AUFLAGE (1997)
SinngemaBe Korrekturen
Seite Zeile
von oben
42 6-8 2997: In der Sonnen-Sphare - da wir uns alle bis dahin ausdehnen und
durchdringen, sind wir zugleich zusammen und durch unser Inneres ge-
trennt — , da ist jede Trennung
Yorker: In der Sonnen-Sphare, da wir uns alle bis dahin ausdehnen und
durchdringen, sind wir zugleich zusammen — und durch unser Inneres
getrennt; da ist jede Trennung
45 4, 25, 27 1997: Religios-Egoistisches
Vorher: Religios-egoistisches
19 2997; Wenn wir nun die abendlandischen Verhaltnisse betrachten: Sind
Vorher: Wenn wir nun die abendlandischen Verhaltnisse betrachten, sind
49 18-20 1997: In der Sonnen-Sphare begegnen wir zwei Thronen. Dem Thron des
Luzifer: da tont uns verfiihrerisch das Wort von unserer Gottlichkeit
entgegen, und dieser Thron ist immer besetzt.
Vorher: In der Sonnen-Sphare begegnen wir zwei Thronen — dem Thron
des Luzifer; da tont uns verfiihrerisch das Wort von unserer Gortlichkeit
entgegen. Und dieser Thron ist immer besetzt.
90 11-12 1997: die geniigend belebenden Krafte haben,
Vorher: die geniigenden belebenden Krafte haben,
98 20-24 1 997: Warum konnte denn dieselbe Seele, die als Nikolaus von Kues auf
der Erde war und noch ganz den spirituellen Welten hingegeben war, als
sie in der nachsten Verkorperung wieder erschien, nun abstrakt, mathe-
matisch, . . .
Vorher: Warum konnte man denn als dieselbe Seele, die als Nikolaus von
Kues auf der Erde war und noch ganz den spirituellen Welten hingegeben
war, nun in der nachsten Verkorperung wieder erschien, sozusagen ab-
strakt, mathematisch, . . .
139 30 1997: das, was im Menschenleibe geschieht, also alles dasjenige
Vorher: das, was im Menschenleibe geschieht - also alles dasjenige
162 8—9 2997: wie Ursache und Wirkungen - sondern auch die Leben hier zwi-
schen Geburt und Tod und die Leben zwischen dem Tode und der
Vorher: wie Ursache und Wirkungen, sondern auch die Leben hier zwi-
schen Geburt und Tod — und die Leben zwischen dem Tode und der
163 1 2997; Gesundheit fordernde
Vorher: gesundheitfordernde
REGISTER
* = ohoe namentliche Erwahnung im Text
NAMENREGISTER
Abraham 43f., 50
Adam 125, 127
Aristoteles 86f.
Balde, Jakob 69
Biichner, Ludwig 153
Buddha (Gautama Buddha) 92-95, 99,
101-104, 106f., 131-136, 169, 170*,
181-183
Christus Jesus 45f., 48-5 1 , 68-70, 91 ,
93-95, 97, 102-104, 106f., 125, 127,
132, 183, 186-188
Cusanus, Nikolaus, s. Kues, Nikolaus von
Du Bois-Reymond, Emil 149
Eva 125
Franz von Assisi 95, 99f-> 102
Goethe, Johann Wolfgang von 133,
142£, 146
— «Faust» 146
Homer 24, 27, 31
Jesus von Nazareth 87
Jesus des Lukas-Evangelium 92f., 132
Johannes der Taufer 126f.
Kant, Immanuel 167
Kepler, Johannes 87
Kopernikus, Nikolaus 87, 98
Kues, Nikolaus von 98
Laplace, Pierre Simon 149
Leonardo da Vinci 171
Melchisedek (Malekzadik) 43f., 50
Michelangelo Buonarroti 25-27
Nietzsche, Friedrich 167
Norbert (Der Heilige Norbert) 17
Paulus 46, 51, 125, 127
Plato 86
Rishis 51
Rosenkreutz, Christian 17, 91, 99*,
100-103, 105-107, 131
Schiller, Friedrich 66
Schopenhauer, Arthur 28
Suddhodana 169
Vogt, Carl 153
Steiner, Rudolf, Werke:
Schriften:
- Das Christentum als mystische Tat-
sache ... (GA 8) 13f.
- Theosophie (GA 9) 172£, 176-182,
185, 188
- Wie erlangt man Erkenntnisse . . .
(GA 10) 100
- Die Geheimwissenschaft im UmriB
(GA 13) 71, 80, 86, 108, 121, 172
- Der Hiker der Schwelle (GA 14) 1 1
- Die geistige Fiihrung des Menschen
(GA 15) 125
- Die Erziehung des Kindes ...
(inGA34) ll6f., 122
Vortrage:
- Das Johannes-Evangelium
(in GA 100) 13*
- Das Johannes-Evangelium im Ver-
haltnis ... (GA 112) 186
- Das Lukas-Evangelium (GA 114) 13*
- Von Jesus zu Christus (GA 131)
127, 186
- Von der Initiation ... (GA 138) 11*
- Das Markus-Evangelium (GA139) 13*
- ein Vortrag iiber Nietzsche 167
REGISTER DER GEISTIGEN WESENHEITEN
Ahriman, ahrimanische Wesenheiten
11,80, 160f.
Angeloi 125*, 128
- zuruckgebliebene 128*, 129, 130f*
Archai 125*, 128
Archangeloi 125*, 128
- zuruckgebliebene 128*, 129, 130f.*
Brahman 180-182
Geister der Bewegung, Dynamis 111,
121
- zuruckgebliebene 111, 122
Geister der Form, Exusiai, Elohim
lllf., 118-121
- zuruckgebliebene 120-122, 129
Geister der Weisheit 121
- zuruckgebliebene 122
Geister des Willens, Throne 121
- zuruckgebliebene 122
Hierarchien, Wesenheiten, Geister der
hoheren 30, 153-158, l60f., I66f.
- zuruckgebliebene 134
Luzifer, luziferische Wesenheiten 1 1 ,
48f., 80, lllf., 120, 122, 128f., 131,
157f., 178
Machte, bose (von Krankheit und
Ungluck) I62f.
Machte, gute (von Gesundheit und
Wachstum) 162-164
ttBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographic
«Mein Lebmsgang* (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse vor;
erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine groBe
Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedachc und verkauflich nur
an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) Gesellschaft
sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vortragen mehr oder
weniger gut gemacht worden sind und die - wegen mangelnder Zeit - nicht
von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am liebsten gewesen, wenn
mundlich gesprochenes Wort mundlich gesprochenes Wort geblieben ware.
Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so kam er
zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korrigieren, so hatte vom
Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mitglieder* nicht zu bestehen ge-
braucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie sich
die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in das
einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der
Anthroposophie vor das BewuBtsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will,
der muB das anhand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In ihnen
setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnisstreben in
der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem Schauen»
immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie — allerdings
in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde.
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei nur
dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt der
allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, trat nun aber die
andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitgliedschaft heraus
als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und den
Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, das sich
als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen iiber diese der
Menschheit gegebenen Offenbarungen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden,
kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglieder.
Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. Man
konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem Gebiete
der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war eine solche,
wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die Offentlichkeit
bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich fur
die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt gewesen
waren, hatte anders gestalten miissen.
So liegt in der Zweiheit, deri offentlichen und den privaten Schriften, in der
Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die ganz
offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete;
in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich hore auf die
Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen
Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgendei-
ner Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft kann
nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten Sinne
eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja
auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drangend
wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise
der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.
Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur
demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils-Vorausset-
zung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser Drucke
mindestens die ahthroposophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos,
insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was
als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus der Geist-Welt
sich findet.